Sonntag, 22. September 2013

Trauer, Verlust, Trauerarbeit

Ein Auszug aus meinem digitalen Tagebuch für meine Freunde und Bekannten

Am Nachmittag des 25. Augusts genoss ich das klassische Konzert auf der Wilhelm Busch Wiese. Bei meiner Rückkehr wurde mir gesagt, dass jemand für mich angerufen hat und das es dringend klang. Ich war noch gar nicht richtig angekommen, da klingelte wieder das Telefon und ich erfuhr, dass mein Vater gestorben ist.
In den letzten Wochen hatte ich ihn dreimal im Pflegeheim besucht und mich verabschiedet.

Beim letzten Besuch am 6. August war ich ein wenig traurig, als ich das Krankenzimmer verlassen hatte. Er hatte etwas über Wünsche gesagt, die er sich bis dahin nicht erfüllt hatte.
Dieser Tag war ein guter Tag für ihn gewesen. Er war wach und so munter, wie ich ihn an den anderen beiden Tagen im Juli nicht erlebt hatte. Er lächelte sogar einmal und machte ironisch-sarkastische Bemerkungen. Ich war aber auch erschrocken. Als zum Essen die Kopfseite hochgefahren wurde, hatte er unerträgliche Schmerzen. Das Gesicht war vor Schmerz verzerrt und es dauerte zehn Minuten bis er mit dem Essen anfangen konnte.
Als die Kopfstütze wieder in die Horizontale ging, schloss er die Augen und es war sehr still im Zimmer.
Ich erzählte, dass ich zwei Tage später im Zug nach Budapest sitzen würde. Das wieder einmal ein Treffen vom Europa-Kolleg ansteht und vier Ehemalige aus Budapest ein Programm erstellt hatten und für etwa 20 Personen Unterkunft stellen würden.
Vater hörte zu. Die Fahrten sind für Frühbucher mit dem Europa-Spezial-Preisen sehr günstig. Für die Hinfahrt hatte ich nur 49 Euro bezahlt. Ich erzählte auch von den anderen Treffen, die mich bereits nach Malaga, Lissabon, Helsinki und Tallinn führten und da die Treffen immer privat organisiert werden, wir keine Ausgaben für die Unterkunft haben. Plötzlich die Frage von Vater "Kann ich da mit?". Ich verwies darauf, dass dies ein geschlossenes Netzwerk ist. Natürlich könnte auch er, für sehr wenig Geld durch Europa reisen.
Und hierüber war ich später traurig. Er hatte Reiseträume, die er sich nicht erfüllt hatte.

Von der Trauermeldung bis zur Trauerfeier am Freitag ist mir nur wenig in Erinnerung. Es gab sehr viele Telefonate mit der Familie, die Schreiben zur Folge hatten.

Ich hatte erfahren, dass bei einer frühen Ankunft in Rotenburg ein persönlicher Abschied vorm offenen Sarg möglich sein würde.
Da kam ich auf die Idee, wie ich eine wiederkehrende Erinnerung  an meinen Vater haben könnte. Ich kenne es aus einigen Familien, das dort Fotos oder Bilder der Verstorbenen im Wohnzimmer hängen. Das ist nicht mein Ding. Ich habe keine Fotos der Familie oder von Freunden ausgestellt. Der Gedankengang war, dass ich im Grab etwas hinterlassen möchte, dass ich vermissen werde. Fotos oder Bücher sind mir lieb und teuer, aber dort würde der Bezug zu meinem Vater fehlen.
Ich stand vor meinen rechten Bücherregal und dann sah ich es. Seit 21 Jahren habe ich einen Reisetalisman. Bei meinem ersten Aufenthalt in Accra hatte ich von der Familie einer ghanaischen Freundin eine Handgelenkkette mit bunten Steinen bekommen. Diese Kette hat mich seitdem auf allen Reisen begleitet, sie war also in sechs afrikanischen Ländern, den USA und 18 europäischen Ländern.
Ich sprach über diese Idee mit einigen aus der Familie, die es gut fanden. In Rotenburg werde ich nachfragen, ob ich die Kette oder auch nur einen Stein dieser Kette in die Urne legen darf. Immer wenn ich diese Kette vor einer Fahrt umlegte, dachte ich an vorherige Reisen. Wenn ich die Kette vermisse, werde ich mich an Vater und seine unerfüllten Reisewünsche erinnern.

Wir fuhren direkt zur Trauerveranstaltung. Fast die ganze Familie stand vor der Trauerhalle. Nach wenigen Worten ging ich alleine in den Saal, um mich von Vater zu verabschieden.
Es war dies einer der klassischen Anblicke. Der Sarg stand leicht aufrecht und ich sah meinen schlafenden Vater. Er trug seine bevorzugte Freizeitkleidung, die ich in ähnlicher Form bei unserer gemeinsamen Segeltour gesehen hatte. Er strahlte Ruhe aus. Kein Schmerz war in seinem Gesicht zu sehen. Vorher hatte ich erfahren, dass er am Sonntagmittag, als sein Tod festgestellt wurde, sogar ein leichtes Lächeln zeigte oder Freude ausstrahlte.
Ich stand vor dem Sarg und ging dann auch über die Rosenblätter zur Kopfseite. Ich sah meinen Vater im ewigen Schlaf. Was mich befremdete und ungemein irritierte, war, dass seine Hände in eine Gebetshaltung mit ineinander verschränkten Finger gezwungen waren.
Ich war alleine und spürte Trauer aufsteigen, doch es gab keine Tränen.
Als ich wieder draußen bei der Familie stand, bat mich meine Tante sie in den Saal zu begleiten. Ihr fiel es wirklich schwer und ich fühlte mich geehrt, dass sie mich fragte. Ich öffnete die Tür, sie zögerte, bevor sie den Saal betrat. Ich schloss die Tür und sah, dass sie von vom Anblick ihres toten Bruders wirklich mitgenommen war. Ich merkte, dass ich nicht sprechen kann. Meine Stimme zitterte so sehr, dass ich einen Satz abbrach. Vorm Rausgehen, nahmen wir uns in den Arm. Dies war mehr um sie zu stützen, als mich zu trösten. Weder Worte noch Tränen kamen von meiner Seite.

Mit der Familie gab es fröhliche Gespräche. Es ging darum abzulenken und damit das Gegenteil davon zu machen, was vielleicht für eine Trauerfeier üblich ist, nämlich sich auf die Trauer einlassen und damit gemeinsam zu weinen.
Andere Trauergäste kamen, die mir unbekannt waren. Einige wenige gaben uns die Hand. Um 14 Uhr begann die Feier. Es war keine Trauerfeier in der Kirche, doch sprach ein Pastor den Nachruf.
Er war der richtige Mann an der richtigen Stelle und er fand vor allem die richtigen Worte. Als Vater starb, war die Rotenburger Familie am Weichelsee bei der Taufe einer seiner Enkel. Die Taufe wurde vom selben Pastor vollzogen und er hatte offensichtlich sehr gut im Vorbereitungsgespräch zugehört.
Er sprach über Leben und Tod und das die Taufe ein symbolischer Tod sei, dem das Leben als Christ folgt. Er referierte aus dem Leben von Vater. Mit der Bundeswehr kam er nach Rotenburg, lernte meine Mutter kennen, heiratete, drei Kinder und Scheidung. Er lernte seine zweite Frau kennen, drei weitere Kinder folgten. In seinem Ruhestand war er weiter aktiv. Für die Partei, im Seniorenbeirat, im Krankenhaus und genoss es, als Smutje bei Segelbootüberführungen auf der Ostsee oder der Nordsee dabei zu sein.

Es war eine christliche Trauerfeier mit christlichen Liedern, die ich nicht mitsingen konnte, obwohl der Text vorlag. Der Pastor sprach ein Gebet und alle das Vaterunser. Nach dem Segen gab es auf besonderen Wunsch von Vater noch ein Lied. Frank Sinatra "My Way".
Da ich bei solchen Liedern intensiv zuhöre und jeden Satz auf Vater bezog, war es soweit. Es rollten keine Tränen über meine Wangen, aber die Trauer überwältigte mich.
Das Lied wird jetzt immer Vaters Lied sein.
Draußen vor dem Saal sprachen wir zunächst über diesen gelungen Abschluss. Eine Schwester erzählte, dass sie zunächst noch am Überlegen war, ob sie die deutsche Version von Harald Juhnke wählen sollte, doch sie hat weise entschieden, denn die deutsche Version wurde zwar vom geschätzten Thomas Woitkewitsch getextet (Übersetzer für Hermann van Veen), hat aber larmoyante Passagen.
Nach der Trauerfeier sprachen wir zunächst darüber, welche speziellen Lieder für uns die erste Wahl wären.

Auf den Weg zum Leichenschmaus, erzählte ich meiner Schwester, wie ich mich an Vater erinnern wollte, wie ich immer wieder an den Verlust erinnert werden möchte. Sie hielt dies für eine gute Idee.
Im Saal waren drei Tische mit Wurst/Käse-Broten bzw. "Beerdigungskuchen" eingedeckt.

Wir gingen später noch kurz zum Friedhof, um uns den Ort anschauen, wo die Urne begraben werden würde. Hinter der Kapelle war eine mit Bäumen und Büschen bestandene Fläche für Urnenbestattungen. Dort standen mehr als ein Dutzend große Grabsteine und um diesen herum sollten in Zukunft bis zu zehn Urnen versenkt werden. Die Rotenburger Familie hatte einen schönen Stein ausgewählt und Hans Peter Müller wäre der erste Name auf diesem Stein. Ich schaute mich um, und sah nun, dass diese Idee mit den Steinen zwischen den Bäumen wahrscheinlich relativ neu war, denn nur auf wenigen Steinen war ein Name zu sehen und auf einem wurde zwei Menschen gedacht.

Einige Tage später erzählte ich einer Freundin von meinen fehlenden Tränen. Sie gab mir Trost und plötzlich fiel mir, wann ich das letzte Mal unkontrolliert geweint hatte. Es war vor ziemlich genau einem Jahr. Ich war mit zwei Europa-Kollegiatinnen aus Griechenland und Spanien auf dem Alten Sankt-Matthäus-Kirchhof in Schönberg. Ich setzte mich auf die Bank vor dem Grab von Ralph Möbius (Rio Reiser) und versuchte den beiden jungen Frauen zu erzählen, warum ich unbedingt hierhin gehen wollte. Sie kannten weder Ton Steine Scherben, Rio Reiser noch deren Songs. Beim Erklären brach meine Stimme und ich konnte nur noch Weinen. Die Hoffnung für ein bessere Welt, für bessere Beziehungen zu anderen Menschen und vor allen zu Freunden sind das Thema der Lieder. Sie gaben und geben mir Kraft.

Am 11. September war die Urnenbeisetzung auf dem Waldfriedhof. Unter einem Vordach der Kapelle stand umgeben von Blumenarrangements zentral auf einer Säule die Urne. Die drei mitgebrachten Gestecke wurden davor gestellt und wir schwiegen.
Es war eine schöne Urne. Dargestellt war ein Seeblick mit einer weißen Möwe und es war nicht kitschig, denn ich dachte dabei an die von ihm geschätzten Segeltouren auf Nord- und Ostsee.
Es waren angenehme kurze Gespräche in diesem kleinen Kreis von sechs Personen. Es ging nie in die Tiefe, denn jeden Moment wurde der Pastor erwartet. Der Bestatter wurde gefragt, ob etwas in die Urne gelegt werden dürfte. Er bestätigte es. Der Deckel wurde geöffnet und es war darin ein weiterer Behälter zu sehen, der mit einer Namensplakette bedeckt war. Hier legte ich meinen Reisetalisman drauf.
Der Pastor erschien nicht und so begann der Bestatter mit der Zeremonie. Es gab eine kurze Würdigung und ein schönes Gedicht über die Vergänglichkeit. Der Leichenbestatter griff die Urne, die Totenglocke fing an zu schwingen und dann zu klingen und wir gingen in langsamen Schritten die dreißig Meter von der Kapelle zum bewaldeten Urnenfeld. Hinter den gewählten Stein war ein grün ausgelegtes Loch zu sehen und rechts davon stand ein erhöhter Behälter mit Sand und einer Schaufel.   
Wieder wurde erst einmal geschwiegen und dann die Urne in die Erde gelassen. Der Bestatter sprach ein Gedicht, dass in seiner Struktur immer wieder darauf verwies, dass ein Blatt im Wind, eine Wolke am Himmel, eine Blume die uns erfreut, jeweils ein Symbol für den Verstorbenen sein kann. Nach einem gemeinsamen Vaterunser warf er die ersten drei Schaufeln mit Erde in das kleine, tiefe Loch und reichte die Schaufel weiter an die Witwe und dann wurde jeweils weitergereicht an die Kinder und schließlich an mich. Das war es! Ich sah die Urne, die bereits von viel Erde bedeckt war und warf langsam drei weitere Schaufeln in die Grube. Wir standen dann noch kurz gemeinsam vor dem Grabstein. Ein letztes stilles Gedenken.

Was bleibt sind Erinnerungen. Ein Teil meiner Trauerarbeit ist ein entstehender Beitrag für das Internet über den Jägerhof Rotenburg im Jahre 1966-67, als meine Eltern Pächter der dortigen Gastwirtschaft waren. Dies wird ein Kapitel aus dem Leben von Hans Peter Müller.

Keine Kommentare: