Sonntag, 6. Juli 2014

Unverständliche religiöse Zeremonien

Die Glocken läuten und erinnern die Nachbarschaft daran, dass es Sonntag ist. Aus aktuellem Anlass (Besuchs eines Wolomo in Hannover) dachte ich über religiöse Traditionen nach, die ich in den 1990-er Jahren bei den Ga in Accra erleben durfte.
Eine Zeremonie und hier besonders eine mit religiösen Hintergründen lebt von der Akzeptanz aller Beteiligten. Dabei ist es egal, ob die Handlungen und Worte verständlich sind. Dies gilt für viele christliche Kirchen, aber eben auch für traditionelle Gemeinschaften.
Ich fühlte mich sehr geehrt, als ich nach Höflichkeitsbesuchen bei einem Asafo-Führer und Gesprächen mit einem Wolomo (Hochpriester) Einladungen erhielt, an Zeremonien an rituellen Orten (Schreine), auf Friedhöfen und Stammsitzen der Familien als Beobachter teilzunehmen. Ich war damals angehender Historiker mit Schwerpunkt auf Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und kein Ethnologe oder Religionswissenschaftler. Es gab in diesen über Stunden andauernden Zeremonien Momente, in den ich meine Begleitung fragen konnte, was der Wolomo oder eine andere Person gerade gemacht oder gesagt hatte. Es war nicht immer bekannt, was einzelne Rituale bedeuteten und einzelne der gesprochenen Formeln waren auch nicht in der lokalen Sprache. Ich erfuhr, dass einzelne Gebete an die Götter in der Sprache der ursprünglichen Küsten-Bevölkerung erfolgten. Die Ga hatten bei ihrer Zuwanderung entlang der Küste, die hier lebenden Obutu und ihre Kultur assimiliert. Es gibt keine Obutu mehr, aber ihre Sprache lebt in diesen traditionellen Zeremonien weiter.
Ghana, Accra, Osu, La, Labadi, Ga, Asafo, Wolomo, Obutu
Tote Sprache ist hier Träger der traditionellen Kultur (und zum Teil Herrschaft). Warum muss ich dabei nur an das vormoderne Deutschland mit seiner mächtigen Kirche und der lateinischen Sprache denken.

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