Montag, 15. Dezember 2014

Film: Zero Theorem von Terry Gilliam (2014)

WARNUNG: Es werden einige Details des Films genannt, wenn auch nicht die Handlung

The Zero Theorem
(Rumänien und Großbritannien, 107 Minuten)
Regie: Terry Gilliam

Terry Gilliam hat bis heute eine eigene visuelle Form. Dies macht seine Filme für den Einen zu einen anregenden Genuss und für den Anderen schwer zu ertragen.

Das zu suchende Zero Theorem soll den Sinn des Lebens bzw. seine die Sinnlosigkeit feststellen. Dies ist eine depressive Aussage und Depression ist ein Thema dieses Film. Der Protagonist Qohen Leth (Christoph Waltz) ist schwer depressiv, verkriecht sich in seine Detail-Arbeit bei der Erstellung neue Programme und möchte keine Menschen um sich haben. Er ist sich selbst genug, hat Lebensmittel gehortet und er hat keine Lust sein Haus zu verlassen. In seiner Freizeit schaut er auf eine Visualisierung eines alles verzehrenden, schwarzen Strudels und als er die Chance hat, in einer virtuellen Wirklichkeit seine Vision zu leben, ist dies das Schweben über und endgültige Hineinfallen in diesen Strudel, also Selbstmord. Es suchte nach einem Sinn im Leben, hat aber aufgegeben und wartet nun darauf, dass eine unbekannte große Macht ihn sagt, wo sein Platz im Universum ist.

In seiner Einsamkeit ist er nicht alleine. Die Gesellschaft um ihn herum lebt die Individualität und Virtualität im extrem. Auf einer Party sind digitale Aufnahme- und Übertragungsgeräte regelrechte Verlängerungen jeweils einer Hand der Gäste. Die Menschen sind so selbst verliebt, dass sie ständig Selfis machen, diese Posten und mit Kopfhörern ihre Musik hören. Sie sind zusammen, grüßen und freuen sich, betonen wie toll die Party doch sei, aber wesentlich ist, was für ein Bild sie von sich in die virtuelle Welt übertragen (Grüße an alle Facebook-"Freunde").
Es ist die Einsamkeit der digitalen Welt, wo jeder vor seinen Eingabegerät sitzt und soziale Interaktion bedeutet, dass Programme individuell auf einen reagieren. Traumwelten mit Alkohol, gutem Essen und Sex machen glücklich, aber wenn die Imagination endet, ist da wieder die sinnlose Arbeit in einer vom Konsum und Wettbewerb definierten Gesellschaft.

Die übertriebene Individualität der Menschen führt dazu, dass Szenen mit mehreren Schauspielern wie ein Kuriositätenkabinett erscheinen. Da gibt es dann Kleidung und Frisuren zu sehen, die irritieren.
Es ist eine Dystopie und ähnelt damit den herausragenden früheren Film Brazil, den Terry Gilliam vor 29 Jahren machte. Damals war es ein autoritärer Staat, der den Menschen jede Freiheit nahm. Nun ist eine Firma (mancom), deren Besitzer einfach nur als Management (gespielt von Matt Demon) bezeichnet wird. Von jeder Wand schreit einen sein Gesicht und das Motto "EVERYTHING IS UNDER CONTROL" entgegen, aber der Mensch dahinter ist bei seinen Auftritten darum bemüht, überhaupt nicht aufzufallen. Die Firma überwacht alle Aktivitäten im Netz und über Kameras an allen Orten. Das Chaos zu bändigen und dafür Programme und Produkte zu entwickeln und zu verkaufen ist die Grundlage der Firma.
Kapitalismus wird als Religion dargestellt. Glückseligkeit definiert sich darüber, ob man finanziell erfolgreich ist. In der Öffentlichkeit ist kein Platz für eigene Gedanken, da alles voller interaktiver Werbung ist, die auf vorbei gehende Menschen einredet. Eine Unzahl von Verbotsschilder regelt das Leben in der Öffentlichkeit. Religion als ein Glauben an etwas Größeres, Erhabenes ist Vergangenheit. Der Protagonist lebt zum Beispiel in einer von ihn billig gekauften alten Kirche mit historischen Wandgemälden, die keiner mehr zu schätzen weiß. Die weiße Taube ist ein Symbol für den Heiligen Geist und Leth Qohen ist zu sehen, wie er versucht, diese Taube aus der Kirche zu vertreiben. In dieser Welt ist Gott tot. So fehlt über den Altar dem Gekreuzigten der Kopf. An dieser Stelle ist eine Überwachungskamera vom mancom angebracht. Zukunft ist jetzt, Vergangenheit eine schwache Erinnerung ohne große Bedeutung, die verdrängt werden kann.

Terry Gilliam lässt den Schauspielern stets viel Platz und deren Spielfreude ist eines der Erkennungszeichen seiner Filme. Dies ist ein Christoph Waltz Film. Es gibt nur wenige Minuten, in denen er nicht nur als Hauptperson im Zentrums der Handlung steht, sondern als Schauspieler auch jede Szene dominiert. Die Kamera geht dabei oft sehr nah an ihn ran.

Es gibt so viele ironische Kommentare am Rande, das dieser Film noch mehrmals angesehen werden kann, und stets werden neue Facetten dieser Moderne sichtbar. Es ist wie bei den Simpsons, bei denen auch vielen Inschriften weniger als eine Sekunde zu sehen sind. In der Zentrale der Firma erscheint kurz als Leuchtschrift "Arbeit Macht Fun" (so im englischen Original) über den gemeinsamen Arbeitsplatz der Programmierer.

Die Weltsicht von Leth Cohen wird durch das wiederholt angespieltes Lied "Creep" von Radiohead, im Film ist ein Cover von Karen Souza zu hören, besungen:
But I'm a creep
I'm a weirdo
What the hell am I doin' here?
I don't belong here
Als Fan von Terry Gilliams visuellen Ideen erhält der Film 8 der zehn möglichen Punkten. Dieser Science Fiction Film ist gut! Leider haben nur etwa 24.000 Besucher diesen Film in deutschen Kinos gesehen (Quelle: Filmförderungsanstalt) und auch international war er ein Flop.
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Hier im Blog habe ich auch über zwei weitere Terry Gilliam-Filme geschrieben:
Der König der Fischer (1991) - Das Kabinett des Dr. Parnussus (2009)

Kommentare:

Sarah Maria hat gesagt…

Ich habe den Film letzte Woche im Kino gesehen und war ebenfalls begeistert von den vielen verschiedenen Facetten.

Ich finde die allgegenwärtige Firma, bei der selbst ihr Schlägerkommando irgendwie spielerisch wirkt, erinnert sehr an Google. Die ja auch versuchen alle Arbeit irgendwie in ein Spiel zu verpacken (Stochwort Gamification). Dabei aber zunehmend alle Dienste überwachen und Datenmäßig mittlerweile weltweit die größte Macht haben dürften.....

Die Bilder von Hausnummern, die sie mit ihren Google-Maps-Kameras einfangen, entschlüsseln sie ja z.B. nicht selbst, sondern binden die Bilder als Captcha ein und lassen die Nummern so kostenlos von ihren Usern entschlüsseln. ;)

Jürgen D. Müller hat gesagt…

Zum Thema Überwachung fand ich die Szene mit Bob, dem Sohn vom Management interessant. Ihn und nur ihn störte bis dahin die ständige Überwachung, alle anderen (auf der Party, auf der Arbeit oder auch in Kirche akzeptierten es für das "höhere Gut" der Kontrolle und Sicherheit.