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Sonntag, 30. Oktober 2016

US-Präsidentenwahl - Umfragen

(Nachtrag 10. November 2016: Da lagen die Demoskopen weit daneben. Fanden die Umfragen nur in Städten statt? Der größte Gegensatz scheint nicht zwischen Männer und Frauen zu bestehen, sondern zwischen Großstädtern und ihrem Umland und der ländlichen Bevölkerung)

Regelmäßig schüttele ich meinen Kopf, wenn im SPIEGEL die Prognosen für die US-Wahl für die gesamte USA in Prozent angegeben werden. Das Prinzip der Delegierten für das Electoral College scheint nach meiner der Redaktion wohl zu schwierig zu sein. Denn was bringt es der Kandidatin, wenn 60% der Wahlberechtigen in Kalifornien für sie stimmen, aber sie die 55 Delegierten auch mit 48% der Stimmen bekommen würde. Diese Darstellung der USA-Wahl, die sich am deutschen Wahlsystem orientiert, ist sinnlos.
Für die USA muss wirklich auf alle 51 staatlichen Einheiten geschaut werden und für jeden Bundesstaat (plus Washington D.C.) die Prognose eingesehen werden, wer die Wahl gewinnt und seine Delegierten zum Electoral College sendet.

In der englischen Wikipedia werden die Umfrageergebnisse für alle staatlichen Einheiten täglich erneuert und unterschieden zwischen sicheren Staaten für Clinton bzw. Trump und den Einheiten in denen die Unsicherheit höher ist, als der Abstand zwischen den beiden wichtigsten Kandidaten.
Ich schaue mir seit der 2. Debatte der Kontrahenten (9.10.) regelmäßig die Seite in der Wikipedia an. Dargestellt sind die Zahl der Delegierten je Kandidaten als Prozentzahl aller Delegierten (538). Klar ist zu erkennen, dass Hillary Clinton deutlich mehr sichere Delegierte hat als Donald Trump, aber genauso deutlich ist zu sehen, dass die Zahl der Delegierten aus noch nicht eindeutigen Bundesstaaten selbst bis zum Vortag der Wahl sehr hoch blieb.

Die New York Times hat eine ähnliche Zusammenstellung und geht von Wahrscheinlichkeiten aus. In fast allen Staaten gibt es bereits eine mehr als 80%-Wahrscheinlichkeit, dass die Entscheidung gefallen ist, wer die Delegierten bekommt. Dadurch reduziert sich die Zahl der unentschiedenen Bundesstaaten erheblich und die New York Times erwartet, dass Hillary Clinton knapp die Mehrheit gewinnt.

Die Zahlen der ersten Abbildung habe ich auch noch mal als Linien-Diagramm mit den absoluten Zahlen der Delegierten dargestellt:
Bei dieser Darstellung wird der Einbruch bei der Zustimmung für Donald Trump im Umfeld der 3. Debatte sehr deutlich und wie das Statement des FBI-Direktors in der Woche vor der Wahl dies wieder radikal änderte. Das Ende des schmutzigen Wahlkampfes ist ungewöhnlich. Beide Seiten sind um Schadensbegrenzung bemüht.
Ein weiteres populistisches Statement von Donald Trump oder weitere E-Mails von Hillary Clinton können die eigentliche Wahl noch einmal spannend machen.

Wenige Stunden vor der Öffnung der Wahllokale sind die aktuellen Zahlen:
Hillary Clinton: 213 Stimmen (plus 7 weitere)
Donald Trump: 162 Stimmen (plus 6 weitere)
Unentschieden: 150 Stimmen
Die Zahlen in den Klammern beziehen sich auf staatliche Einheiten in denen keine Umfragen erfolgen, da dort eindeutige Ergebnisse für  die Demokraten (Hawaii und District of Columbia) bzw. Republikaner (Mississippi) erwartet werden.

Die nicht eindeutigen Staaten sind nach der Wikipedia-Darstellung: Alaska, Arizona, Colorado, Florida, Georgia, Iowa, Maine, Michigan, Mississippi, Missouri, Nevada, New Mexico, North Carolina, Oregon und Virginia .
Die New York Times sieht nur noch Unsicherheiten in: Arizona, Colorado, Florida, Georgia, Iowa, Mississippi, Nevada, New Hampshire, North Carolina, Ohio und Utah und erwartet 268 Delegierte für Clinton und 151 für Trump. Von den 119 unsicheren Delegiertenstimmen gehen weitere 45 mit hoher Wahrscheinlichkeit an Trump und weitere 4 an Clinton.
Das Projekt FiveThirtyEight sieht für Clinton 302 Delegierte im Electoral College.

Zur Wahl als US-PräsidentIn werden 270 Stimmen benötigt.
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Die USA hat "Saturday Night Live" und "The Daily Show", um Politik satirisch zu begleiten, bei uns gelingt dies Jan Böhmermann vom "Neo Magazin Royale". Er besuchte die USA kurz vor der Wahl und darüber ein Lied gemacht:

Samstag, 14. Februar 2015

LE MONDE diplomatique - Januar 2015


Der Januar ist vorbei, die monatliche deutsche Ausgabe der diplo ausgelesen und mit der neuen Februar-Ausgabe die vorherigen Texte auch kostenlos im Netz zu lesen.
Hier sind meine Leseempfehlungen und Zusammenfassungen, der Name des jeweiligen Journalisten führt direkt zum Artikel im Archiv der LE MONDE diplomatique:
  • Der Wissenschaftler Quentin Ravelli recherchierte über den französischen Pharmakonzern Sanofi. Er hat dafür dort auch ein Praktikum in der PR-Abteilung absolviert und in der Produktion in Rouen gearbeitet. Die Produktionsbedingungen widersprechen den öffentlich erklärten Ziel, etwas für die Gesundheit der Menschen zu tun. Wichtiger als, die Arbeiter, die die Pillen herstellen, sind die gut bezahlten Personen, die Mediziner manipulieren, mehr Präparate zu verschreiben. Er beschreibt, wie dieses Ziel erreicht wird und damit Sanofi zum viert-größten Pharmakonzern wurde.
  • Urbino mag eine Kleinstadt in Italien sein, aber der Soziologe Peter Kammerer von de dortigen Universität sieht die Stadt als ein Beispiel für gescheiterte Entwicklungsprozesse und wir die Gier nach neuen Projekten zur Modernisierung die Lebensqualität reduziert, wenn weder das Neue fertig gestellt noch das Alte in Stand gehalten wird.
  • Desmond King von der University of Oxford begründet die These, dass die Abgrenzung zwischen Schwarzen und Weißen in den USA seit der Zeit der Bürgerrechtsbewegung verschärft hat.
  • Aus Nigeria berichtet der Schriftsteller Elnathan John wie ein queerer Nigerianer zu einem Sündenbock für ein Bombenattentat wurde. Nigeria ist von Terror verschiedener Prägungen geplagt und die Regierung, die Polizei und Armee reagieren darauf hilflos oder mit Terror. Der Wunsch nach schneller Identifizierung der Täter führt dazu, dass Unschuldige getötet werden in Gegenschlägen oder eben unter Folter im Gefängnis. Das bei diesen staatlichen Aktionen besonders Menschen, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, gefährdet sind, erklärt er mit der auch staatlich unterstützten Homophobie.
  • Der Politologe Rodrigue Nana Ngassam analysiert den Kampf gegen die Terrororganisation Boko Haram und warum diese erfolgreich große Territorien im Nordosten von Nigeria erobern konnten und Rückzuggebiete im Kamerun haben.
  • Baumwolle ist seit mehr als einem Jahrzehnt kein Naturprodukt mehr. Die Journalistin Annette Jensen beschreibt, dass weit mehr als Zweidrittel der weltweiten Produktion mit genmanipulierten Pflanzen erfolgt und etwa ein Zehntel aller Agrochemikalien für diese Pflanze verwendet werden. Da Baumwolle sehr viel Wasser braucht, werden auch noch 6% des jährlichen Wasserverbrauch auf dieses Konto. Die gesamten Produktion von Baumwollprodukten ist von Produktion, der Garnherstellung und der Textilherstellung von unmenschlichen Arbeitsbedingungen geprägt. Öko-Baumwolle ist möglich, aber der beschleunigte Wechsel der Mode, führt zu immer kürzerer Nutzzeiten des weit überwiegenden Teils aller Textilien, die nur mit Gen-Baumwolle zu niedrigen Preisen und hohen Gewinnmargen möglich ist.
  • Der VWL-Professor Marc Humbert von der UNI Rennes I berichtet über die Situation von Zuwanderern nach Japan. Wenn man die Koreaner nicht mit zählt sind weniger als 1% der Menschen in Japan Ausländer. Einbürgerung ist selten und selbst dann ist. man auch für die Verwaltung weiterhin ein Fremder. Japan erlebt radikal wie ein zunehmender Teil der Bevölkerung nicht mehr berufstätig ist und die Gesamtbevölkerungszahl bereits abnimmt. Die Regierungspolitik will keine Einwanderung.
  • Japanische Firmen haben in Indien Produktionsstätten für den indischen Markt errichtet. Eine Lohnspreizung zwischen monatlich umgerechnet 58 Euro und 350 Euro zwischen Grundlohn und Festangestellten hat bei Maruti-Suzuki zu Arbeitskämpfen geführt, berichtet die Journalistin Naike Desquesnes. Freie Gewerkschaften und Tarifverhandlungen waren nicht vorgesehen. Die Konsequenz des Streiks ist eine Lohnerhöhung auf monatlich 140 Euro und das die Arbeitskräfte nicht mehr aus dem Umland der Fabrik stammen und nach sieben Monaten durch neue Arbeitskräfte ausgetauscht werden. Das japanische Management versucht damit jede Solidarisierung unter den Arbeitern zu verhindern, da es genügend arbeitslose Bewerber gibt.
  • Die Aufnahme und Versorgung von Flüchtlingen ist ein großes Geschäft. Der Journalist Stefano Liberti erfuhr, dass Italiens Regierung in einem Jahr 700-800 Millionen Euro hierfür ausgibt. Keiner kontrolliert, ob die Tagessätze für einen Flüchtling, die an die jeweiligen Betreiber einer Unterkunft ausgezahlt werden, überhaupt für Flüchtlinge verwendet werden. Kriminelle Banden und hohen Beamten wird aktuell nachgewiesen, dass sie soviel Geld abzweigen, so dass Flüchtlingsbetreuung bereits ein attraktiveres Geschäft als der Drogenhandel sind.
  • Die falschen oder amüsanten Sätze, die der Google Übersetzer anbietet, sind Thema des Beitrags von Frederic Kaplan und Dana Kianfar. Referenzsprache für das Programm ist Englisch, d.h. wenn die Ausgangs- und Zielsprache nicht Englisch sind, erfolgt eine Doppelübersetzung über das Englische. Wenn es "aus Eimern schüttet", heißt es im Englischen "it rains cats and dogs" und daraus wird im Italienischen "Piove cani e gatti", was aber nicht Italienisch ist. Junge Menschen akzeptieren diesen Sprachimperialismus und es ist zu erwarten, dass dieses Pseudo-Italienisch in deren Sprache integriert wird, so wie das falsche "Sinn machen" (statt "Sinn ergeben") ins Deutsche übernommen wurde.

Freitag, 26. September 2014

Osagedorn-Frucht

Osagedorn, Milchorangenbaum, Osage orange, hedge apple, horse apple, monkey ball, bois d'arc, bodark, bodock
(Foto: E.R. Fox)
Eine Bekannte kam gerade von einer Reise aus Angers, F zurück und zeigte mir die folgende mitgebrachte "Frucht" (Durchmesser: etwa 6-7 cm).

So etwas hatte weder Sie noch ich je gesehen.

Mal eben ein Foto gemacht, dieses über Bildsuche hochgeladen und schon hatte diese Merkwürdigkeit einen Namen: Milchorangenbaum oder Osagedorn (Maclura pomifera). Es gibt noch weitere Namen: Osage orange, hedge apple, horse apple, monkey ball, bois d'arc, bodark, naranjo de Luisiana, bodock und nun wurde in einem Kommentar "Apfel der Medusa" (Sarah Maria) vorgeschlagen.

Im Lexikonartikel wird vermutet, dass diese Frucht ein Relikt ist. Eigentlich sollen Früchte zur Verbreitung einer Pflanze beitragen, doch in Heimat der Osagedorn-Frucht im Südwesten der USA gibt es fast keine Tiere mehr, welche diese "Äpfel der Medusa" essen. In einem US-Magazin wird vermutet, dass dies vielleicht Nahrung für Mammuts war.

Sonntag, 6. Oktober 2013

Buchvorstellung B. Gaus - Amerika

Bettina Gaus
Auf der Suche nach Amerika. Begegnungen mit einem fremden Land
Frankfurt am Main: Eichborn, 2008

Bettina Gaus ist taz-Korrespondentin. Als sie im Herbst 2007 für drei Monate durch den ländlichen Raum der USA reiste, waren ihre Beobachtungen, Begegnungen und Gespräche vor dem Wahljahr 2008 in langen Reportagen als Serie in der Zeitung zu lesen. Dieses Buch dokumentiert die gesamte Reise.
Vorbild ist eine Reise des US-Schriftstellers John Steinbeck im Herbst 1960 (Travels with Charley: In Search of America). Er begann seine Rundreise während des Höhepunkts des Wahlkampfes zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon. Bettina Gaus folgt seinem Spuren und besucht viele der Orte, die im Reisebericht von Steinbeck erwähnt werden. Der Unterschied ist doppelt, zum einen reist sie vor den Vorwahlen, als auf Seiten der Republikaner und Demokraten noch keine Entscheidung für den Präsidentschaftskandidaten gefallen ist und zum anderen führt eine Frau andere Gespräche mit den Zufallsbekanntschaften.
Denn dies ist ein wesentliches Element der Reportagen und des Buches. Sie sucht die "Normalen" und versucht mit ihnen Gespräche über deren soziale, wirtschaftliche und politische Situation zu führen. Sie reist ohne Adressbuch und folgt damit keinen Empfehlungen von befreundeten US-Bürgern oder anderen Journalisten, sondern setzt auf den Zufall der Begegnungen mit Personal und anderen Gästen in Besuchszentren, Cafés und Motels, der dann zu längeren Gesprächen führt.
Es ist eine mutige und bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Vorurteilen, die das Bild der Menschen in den USA prägen. Sind diese wirklich so Waffen vernarrt, außenpolitisch unbedarft, religiös und freundlich oberflächlich.

Es ist Herz erfrischend, den optimistischer Tonfall zu lesen. Sie schreibt von einer Hochstimmung, die sie bewegt, als sie New York hinter sich lässt. Sie reflektiert bereits an den ersten Tagen über die Verklärung der Fremde, die speziell zu Mythen über den US-Amerikaner und sein Land führten. Doch es gibt natürlich auch Verhaltensformen, die in Europa und speziell in Deutschland nicht oft zu finden sind, wie Hilfsbereitschaft ohne Hintergedanken und Diskretion. Es wird einem geholfen und Ende des Kontakts.
Die Gespräche handeln auch immer wieder von Deutschland, denn wenn die Angesprochenen von ihrer Herkunft erfahren, werden Stereotypen und Vorurteile über unser Land nachgefragt, die ähnlich fremd sind, wie deutsche Beschreibungen der USA und seine Bewohner.
Bemerkenswert für jeden Reisenden mit offenen Augen sind die erheblichen sozialen Unterschiede. Ich spreche nicht von den Villen, die ob nun in Deutschland oder den USA oftmals nicht zu sehen sind, sondern die andere Seite, die bei uns in Sozialwohnungen lebt und in den USA in verrottenden Trailern, Slums oder Indianerreservaten. Die unrealistischen Träume oder manchmal sogar Hoffnungslosigkeit sind bemerkenswert. Migration ist wesentlich für die USA, aber es ist nicht nur eine Zuwanderung. Es gibt Regionen, die in der aktuellen Phase der Deindustrialisierung erst die Arbeitsplätze und dann die Hoffnungsvollen und gut ausgebildeten verlieren. Bettina Gaus passiert kleine und große Städte, die in den letzten 50 Jahren ein Drittel bis die Hälfte ihrer Bevölkerung verloren haben.

Als Historiker fasziniert, wie Geschichte vor Ort erinnert und dargestellt wird. Es ist eine Geschichte der Sieger. Scheinbar wird jedem Weißen, der im Kampf gegen Indianer starb, gedacht, aber zur Geschichte der Indianer und der schwarzen Sklaven finden sich nur wenige Erinnerungsstätten. "Geschichte" kommt als kostenpflichtige Show mit Eintrittsgeld und zusätzlichen Kosten für jede "Attraktion". Disneysierung! Nicht nur negativen Episoden in den USA sondern auch im Ausland (Vietnam) werden verdrängt.
Die beschriebene Segregation nach Lebensentwürfen und vor allem nach sozialen Gruppen hat interessante Folgen. Die Seniorensiedlungen mit ihren spezifischen Angeboten für ihre Bürger haben nur wenige junge Familien. Die werden aber wiederum für eine gesellschaftliche Aufgabe wie die Freiwillige Feuerwehr benötigt. Oder Schulen werden mangels Kinder geschlossen und für die verbleibenden Familien bedeutet dies, lange Fahrwege für ihre Kinder in Kauf zu nehmen oder den Ort verlassen und damit die Segregation verstärken.
Alle Beschreibungen sind dabei stets selbstkritisch begleitet, denn John Steinbeck schrieb bereits in seinem Bericht: "Was ich hier niederschreibe, ist so lange wahr, bis ein anderer dieselbe Strecke fährt und die Welt nach seinen Vorstellungen neu arrangiert." (zitiert nach B. Gaus, "Auf der Suche nach Amerika" S.50)

Die Verteidigung des Waffenbesitzes in den USA ist für viele Menschen in Europa nur schwer nachzuvollziehen. Argumente wie, dass jährlich mehr als 3.000 Jugendliche und Kinder in den USA durch Schusswaffen getötet werden, werden Beiseite gewischt, da es nun mal Verrückte gibt und deren Fehlverhalten nicht Maßstab für die vernünftigen Waffenbesitzer sein sollte. Die Argumentationen zeugen davon, dass die "Waffennarren" (meine Wortwahl) zumindest den Waffenbesitz reflektieren.
Die fehlende Kritikfähigkeit vieler US-Amerikaner findet sich mehrmals auf der Reise. Sinclair Lewis, der wie auch John Steinbeck nur früher den Literatur-Nobelpreis verliehen bekam, hat den Ort seiner Jugend nicht positiv beschrieben. Das hat die Stadt selbst 80 Jahre später nicht verziehen.

Bettina Gaus hat einen angenehmen Humor. Ihre behutsam eingestreute Ironie, die manchmal auch in Polemik abgleitet, ist verständlich und ist stets mit sich wiederholenden Merkwürdigkeiten (zum Beispiel: "Hall of Fame", Missionskirchen) begründet. Kopfschüttelnd notiert sie Aussagen zu Genmais oder der Todesstrafe oder abfällige Bemerkungen von weißen Gesprächspartnern über Schwarze oder Indianer. Doch auch Indianer und Schwarze reden abfällig über die jeweils anderen.
Es wird ein Bild gezeichnet, in dem die Menschen nebeneinander aber nicht miteinander leben. Doch in diesen Punkt unterscheidet sich die USA nur wenig von Deutschland. Schon vor 25 Jahren sagte ein Freund, als die Gewerkschaften die Kampagne gegen Ausländerfeindlichkeit unter dem "mach meinen Kumpel nicht an" startete, sei realistisch und sage mir, wie viele ausländische Freunde du hast.
Patriotismus und generell der Glaube, dass die USA das beste Land der Welt ist, wird immer wieder thematisiert. Fragen nach den US-Flaggen vor Privathäusern oder den ständigen Absingen der Nationalhymne bei allen Gelegenheiten, werden nicht verstanden. Aber im positiven Gegensatz zu Europa wird die USA von vielen Gesprächsteilnehmern als eine Einheit verstanden. Wenn in einem Nachbarstaat oder am anderen Ende der USA etwas passiert, interessiert das viele Menschen. Hier in Europa ist der Mehrzahl der Menschen doch egal, was in Rumänien oder in Bulgarien passiert, auch wenn sie sich selbst als Europäer verstehen.

Drei Monate sind eine lange Zeit und wie auch ihr Vorbild John Steinbeck macht sich zum Ende eine Sättigung und Ermüdung bemerkbar. Die Muße ein Bundesstaat zu bereisen und hier und dort Gesprächspartner zu finden ist vorbei. So wie Bettina Gaus froh war, New York zu verlassen, ist sie nun froh wieder von dort das Land zu verlassen.
Ich könnte noch viel mehr nacherzählen und anmerken, aber es sollte dem Leser dieser Zeilen bereits klar sein, wie anregend dieses Buch ist.
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Aktuell (Herbst 2013) wird das Buch für 4,95 Euro von 2001 verkauft.

Mittwoch, 19. Juni 2013

YES WE (S)CAN/M

YES WE SCAN, YES WE SCAM
2008 bis 2009 hieß es noch

YES WE CAN

Barack H. Obama war nach dem Elend von George W. Bush ein Hoffnungsträger.

Der Whistleblower Edward J. Snowden machte bekannt, das die NSA seit 2006 das Programm Prism betreibt, dass mit der aktiven Kooperation von Microsoft (2007), Yahoo (2008), Google und Facebook (2009), YouTube (2010), SKYPE und AOL (2011) und Apple (2012) systematisch elektronische Medien und Daten überwacht und speichert (siehe Abbildung hier).
Doch dies ist nicht einfach die Übernahme eines Programms aus den Bush-Jahren, sondern Obama hat im Oktober 2012 in einer damals geheimen Order (Guardian hat den Wortlaut veröffentlicht) auch noch klare Anweisungen gegeben, wer wie überwacht werden soll.
Nun heißt es also

YES WE SCAN

Die Verschleierung und die Lügen, über die nicht einmal in Ansätzen verwirklichten Ziele der Obama-Regierung, sind einfach zu viel. Es hat schon etwas von einem Betrug und entsprechend kann der Satz wieder ergänzt werden. Es ist zwar ein wenig bemüht, da ein Scam ein Vorschussbetrug ist, aber wie viele Menschen gaben ihm schließlich einen Vorschuss (an Vertrauen) und sind nun betrogen?

YES WE SCAM

Mittwoch, 7. November 2012

Die größte Demokratie der Welt

ist Indien.

Die USA wird gerne unter den Titel geführt, doch zeigen die Wahlen vom 6. November 2012, dass dort vor allem die größte Vielfalt an Wahlbetrugsmöglichkeiten zu beobachten ist.

Das Land war und ist demokratisch, aber Beispiel für historische Wahlmanipulationen, die sogar neue Wörter schufen, wie Gerrymandering (siehe Wikipedia), also die Veränderung von Wahlkreisen durch eine amtierende Regierung, um die Wiederwahl zu sichern. Diese Manipulation aus dem frühen 19. Jahrhundert ist leider auch in verschiedenen europäischen Staaten angekommen.

Es ist nach 5 Uhr morgens und ich verfolge die Wahlberichterstattung. Es werden immer wieder Beispiele für Wahlmanipulation genannt, bei denen mir als deutscher (und in den 1990-er Jahren internationaler) Wahlhelfer nur das kalte Grausen kommt. Die Musterländer für systematischen Wahlbetrugs bleiben natürlich die Pseudodemokratien (Russland, Nigeria um nur zwei der bevölkerungsreichsten Länder zu nennen).

Hier einige der Beispiele aus der Wahlnacht:
  • Wartezeiten von bis zu neun Stunden in einer Menschenschlange, um überhaupt wählen zu können
  • Offizielle Verlautbarungen in schriftlicher oder telefonischer Form, welche ausgewählte Wähler (vermutlich der Demokratischen Partei) darüber informiert, dass man auch am 7. November wählen kann
  • Wahlautomaten, die nicht den Kandidaten zählen, den man wählen möchte. Es wurde in der ARD ein Video gezeigt, wo jemand Obama drückt und Romney leuchtete auf. Ein kleiner Comic zum Thema findet sich hier.
  • Per Gericht wurden lokale und regionale Verordnungen, welche die Vorlage eines Lichtbildausweises (in den USA vor allem der Führerschein, weniger ein Ausweis) verlangen, verboten. Dennoch gibt es bereits diverse Meldungen, dass Ausweise verlangt werden und damit vor allem Arme und Menschen ohne festen Wohnsitz im Wahllokal abgewiesen wurden.(Beispiele u.a. aus Pennsylvania)

Barack Obama bleibt Präsident der USA!
Die durch die Medien aufgebaute Spannung, war nicht berechtigt. Das Ergebnis in allen 51 Territorien entsprach den Umfragewerten, die von der US-Meta-Seite real clear politics seit Monaten für die Staaten plus DC veröffentlicht wurden. Es gab seit Juli nur einen Swing! Den dann aber gleich in beide Richtungen. Das republikanische North Carolina hatte im September kurzfristig eine Obama-Mehrheit, war dann aber seit Oktober wieder Rep. 
Beim US-Wahlsystem ist es irrelevant, wer bei einer US-weiten Umfrage vorne liegt.

Montag, 31. Oktober 2011

Bullshit - Made in the USA

Eine Bekannte aus den USA sendet mir regelmäßig Artikel, die dort im Netz zirkulieren. Diese reichen von Alltagswissen über Huffington Post und anderen großen Blogbeiträgen bis zu Verschwörungstheorien, Tea Party Ergüssen und Bullshit.

Was ist Bullshit?
Der US-Amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt (Princeton University) versuchte vor einigen Jahren eine Definition in einem langen Essay. Ich habe nun vor kurzem dieses Büchlein gelesen und bin seitdem noch mehr entsetzt über den Bullshit, der in den USA zirkuliert.
Die Website snopes.com startete als Seite, welche urbane Legenden untersuchte. Doch die Menge an merkwürdigen Geschichten ist nunmehr so groß, dass dort auch viele Beispiele für Bullshit zu finden sind.
Doch noch einmal gefragt: Was ist Bullshit?
Prof. Frankfurt unterscheidet prinzipiell zwischen einer Lüge und Bullshit. Wer eine Lüge erzählt, kennt die Wahrheit; wer Bullshit erzählt interessiert sich nicht für die Wahrheit.
"Niemand kann lügen, sofern er nicht glaubt, die Wahrheit zu kennen. Zur Produktion von Bullshit ist solch eine Überzeugung nicht erforderlich". (Harry G. Frankfurt (2006) Bullshit, S. 62-63)
und
"Bullshit ist ein größerer Feind der Wahrheit als die Lüge". (Harry G. Frankfurt (2006) Bullshit, S. 68)

Bullshit vernebelt Hintergründe für eine Handlung. In der Unterhaltungsliteratur ist es Grundlage und legitim Fakten und Fantasie zu verknüpften, doch derjenige der Bullshit schreibt, verbreitet diese als Nachricht ohne Fakten zu kennen oder als aufklärenden Hintergrund (... haben sie gewusst, dass ....). Ähnlich den in den USA so beliebten Verschwörungstheorien bleiben einzelne der erfundenen Details beim Leser hängen und erschweren in der Zukunft die Wahrheit zu erkennen.
Bullshit ist auch im Sinne von Brot und Spiele (hier Spiele) effektiv. Wer Bullshit liest, zweifelhafte Passagen überprüft und/oder den Bullshit weiter verbreitet, hat weniger Zeit sich mit der Wahrheit und Realität zu beschäftigen.
Die mich aus den USA erreichenden Emailschreiben sind oftmals unterhaltsam, aber der Bullshit dazwischen verschwendet unfassbar viel Zeit.

Referenz: Harry G. Frankfurt: (2006) Bullshit. Suhrkamp, 

Freitag, 9. September 2011

Wo ich am 11.09.2001 war

Das die Anschläge vom 11. September 2011 die Welt verändert haben, wird wohl niemand bezweifeln, der bereits vor diesem Tag bewusst lebte. Es lässt sich in gleich mehreren Themenfeldern der internationalen Politik, Wirtschaft und des Zusammenlebens ein klare Trennlinie zwischen vor/nach diesem Tag ziehen. Einem Tag, der auch in unserem US-amerikanisierten Land oftmals mit dem Kürzel 9/11 bezeichnet wird.
Wie auch bei anderen weltbewegenden Ereignissen (Mondlandung, Tsunami) kommt im Gespräch irgendwann die Frage „und wo warst du, als dich die Nachricht erreichte?“.

Ich war im Industriegebiet von Fallingbostel, Niedersachsen. Ich saß in einem großen Besprechungszimmer eines multinationalen Betriebs und redete mit Arbeitern und Angestellten über die Geschichte der Anwerbung und Immigration von ausländischen Arbeitskräften.
Zu der Zeit arbeitete ich in einem Ausstellungsprojekt der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung zur Zuwanderung nach Niedersachsen seit 1945. Es war ein Termin mit älteren Arbeitnehmern, die in den späten 1960-er Jahren in Spanien angeworben wurden. Meine Aufgabe war es, mögliche Exponate und Interviewpartner für die Landesausstellung einzuwerben. Ich hatte bereits das Projekt vorgestellt und meine Gesprächspartner erzählten in relativ entspannter Atmosphäre aus ihren Biographien. Auf den Tisch lagen bereits einzelne alte Arbeitsgeräte, die damals verwendet wurden.
Plötzlich öffnete sich die Tür, ein Mitarbeiter schaute rein und sagt ganz aufgeregt, dass da ein Flugzeug in ein Hochhaus in New York geflogen ist. Wir schauten ihn an und schauten uns an, aber es wurde kein Wort gesagt. Das Unverständnis erkennend, schloss sich die Tür auch wieder schnell. Wir waren für 1-2 Minuten abgelenkt, sprachen dann aber wieder über das weite Thema Migration und die Schwierigkeiten der Integration.
Der besuchte Industriebetrieb hat vorbildlich gehandelt und für die neuen Arbeiter schon damals Deutschkurse organisiert. Einer der Arbeiter erklärte sich zu diesem Zeitpunkt bereit, dass wir seine Biographie als langes Interviews aufnehmen können und für Texte in der Ausstellung verwenden dürfen. Irgendwann war alles gesagt und ich verließ den Betrieb.

Ich hatte an diesen Nachmittag noch einen weiteren Gesprächstermin in der Stadt. Jemand hatte Exponate für die Gruppe der Flüchtlinge und Vertriebene der Jahre 1945-1950 angeboten und wollte mich vom Werkseingang abholen.
Er kam verspätet und fragte gleich, ob ich schon die Nachricht gehört habe. Zu diesem Zeitpunkt war schon klar, dass es kein Unfall, sondern ein Terroranschlag war. Ich hatte davon bisher wenig gehört. In diesem Moment konnte ich nur wenig entgegnen. Wir fuhren zu seinem Haus und hörten unterwegs eine Dauernachrichtensendung. Im Haus wurde zunächst der Fernseher angeschaltet und ich sah zum ersten Mal, wie das zweite Flugzeug in einen Turm des WTC flog und dort explodierte. Wir redeten nicht über den Anlass meines Besuchs, sondern sahen gemeinsam für eine unbestimmte Zeit Fernsehen, sahen den Einsturz des ersten Turms und wieder und wieder den Einschlag des 2. Flugzeugs.
Irgendwann konnte ich diese Bilder nicht mehr sehen. Ich bat schließlich darum, dass wir uns von diesen sprachlos machenden Nachrichten lösen und zum Thema meines Besuchs kommen.
Mir wurden verschiedene Exponate gezeigt. Es gab sogar Einmachgläser, die 1945 auf der Flucht mitgenommen wurden. Ich kann mich heute gar nicht mehr erinnern, ob auch nur ein Exponat dieser Familie für die Ausstellung ausgewählt wurde. Ich hatte aber alle möglichen Objekte notiert und ließ mich dann zum Bahnhof fahren.
Nach langem Warten kam schließlich eine Regionalbahn, die an jeder Milchkanne haltend, mich schließlich zurück nach Hannover brachte. Auf dieser langsamen Annäherung an die Stadt begann ich die Nachricht aus den USA zu verarbeiten.
Ich war nicht alleine im Zug, immer wieder stiegen Menschen zu und aus und manchmal  unterbrachen Gesprächsfetzen meine Gedanken. Da stiegen zum Beispiel zwei aufgeregte männliche Jugendliche ein, die sich über das Gesehene unterhielten. Die gewählten Worte ließen mich zunächst vermuten, dass sie über einen Action Film oder ein Computerspiel sprachen, doch es ging um die Bilder aus New York.
In mir stieg eine Angst auf, denn es war mir sofort klar, dass die Ereignisse in den USA zu einem Krieg führen würden. Zu einem Krieg, der plötzlich anfangen könnte und durch die Solidarität unter den Angreifern und den Angegriffenen viele Länder betreffen würde. Eine konservative US-Regierung mit einer unberechenbaren Führung, konnte auch einfach mal so einen Angriff fliegen. Es war dies eine Angst, die ich seit der Friedensbewegung der frühen 1980-er Jahre nicht mehr gespürt habe.
Der US-Krieg gegen den Terror (Fortsetzung des Krieges gegen Drogen) begann dann später und hatte wenig bis gar nichts mit den Tätern und ihrer Organisation zu tun.
... und damit gebe ich die Eingangsfrage an meine regelmäßigen Leserinnen und Leser weiter: Wo warst du, als dich die Nachricht von den Terror-Anschlägen erreichte?

Freitag, 24. Dezember 2010

Wikileaks - Ghanas Stellung im Drogenhandel

Ich schaue etwa einmal in der Woche bei Wikileaks vorbei und überfliege die Überschriften von Depeschen aus afrikanischen US-Botschaften. Aktuell wurde eine Sammlung von Depeschen der US-Botschaft Accra, Ghana veröffentlicht. Bis auf wenige Ausnahmen geht es um das Thema des Drogenschmuggels und wie die allgemeine Korruption und die nun aufkommende Drogenmafia eine Bekämpfung der Stellung von Accra als Transitland verhindert. Kokain aus Südamerika und Heroin aus Asien werden über den Internationalen Kotoka Flughafen Accra nach Europa und zum Teil auch in die USA geflogen.
Dabei gibt es drei Formen des Schmuggels. Einmal "normale" Passagiere, welche die Drogen in kleinen Paketen verschluckten und damit im Körper transportieren, dann VIP-Passagiere, die direkt von der VIP-Lounge ohne Kontrolle zum Flugzeug gefahren werden und schließlich Flughafenpersonal, welches Drogenpakete hinter den Kontrollen an Passagiere übergibt oder Pakete im Flugzeug deponiert.
Diese Einschätzungen stammen nicht nur aus der US-Botschaft, sondern auch von der ghanaischen Antidrogeneinheit (Narcotics Control Board) und aus aufgeflogenen Schmuggelversuchen.
Zweimal musste eine KLM-Maschine von Accra nach Amsterdam auf einen spanischen Flughafen notlanden, weil einer der Passagiere seine Drogenpakete rauswürgte und bewusstlos wurde. In beiden Fällen starben die Kuriere an einer Überdosis der geschmuggelten Drogen.
Auf einen anderen KLM-Flug wurden unter den Passagiersitzen (da wo sonst die Schwimmwesten zu erwarten sind) Drogenpakete platziert.
In den USA wurde ein Parlamentsabgeordneter festgenommen, der in seinem nicht kontrollierten Gepäck Drogen transportierte. Die vorherige konservative Regierung hat einer zunehmenden Zahl von nicht so Prominenten Zugang zum nicht kontrollierten VIP-Bereich ermöglicht (verkauft). Korruption gab es bereits vorher, doch wurde dies unter Präsident John Kufuor systematisiert. Die neue Regierung unter Präsident John Atta Mills steht vor dem Problem, dass jede Ermittlung auf dieser höchsten politischen Ebene vor allem als eine politische Aktion missverstanden werden kann und damit den inneren Frieden gefährdet.
Die Drogenmafia zeigt sich dadurch, dass in Grenzgebieten plötzlich sehr exklusive Villen gebaut werden oder im Umland von Accra große Grundstücke erworben werden. Es gibt bisher keine Untersuchungen, woher diese Personen die hierfür notwendigen (umgerechnet) 100.000en von US-Dollar haben.
Auf dem Flughafen Accra wurden die von der USA gelieferten speziellen Analyseeinheiten zur Kontrolle von Personen und Gepäck systematisch sabotiert. Die Geräte wurden in einer Form beschädigt, dass dies spezielles technisches Wissen voraussetzt. 
Ich empfehle die Lektüre im Original:
(Alle angegebenen Webadressen können natürlich wechseln, da die US-Regierung weiterhin dafür sorgt, dass Provider ihre Dienste für Wikileaks beenden.
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Mein Beitrag über Kenya und wie dort China seine diplomatische Stellung missbraucht, um Elfenbein-Schmuggelzu betreiben befindet sich zwischenzeitlich in meinem Archiv.

Sonntag, 16. August 2009

Calexico im Pavillon Hannover 2009

Hohe Erwartungen und ein große Vorfreude prägten den Weg zum Konzert. Calexico hatte vor sechs Jahren in Hannover im Pavillon gespielt und dies ist in der Erinnerung mit Abstand das beste Konzert des Jahres 2003 gewesen. Kann so eine gute Erinnerung überhaupt gesteigert werden oder musste es zwangsläufig zu einer Enttäuschung führen?
Dies bedenkend, wollte ich mich auf ein Konzert einlassen.

Als ich eine halbe Stunde vor Beginn am Pavillon ankam, war schon zu merken, dass viele, sehr viele Menschen ins Konzert wollen. Der gesamte Platz vor dem Eingang war voller Menschen und ich fand erst am allerletzten Fahrradständer am Raschplatz einen freien Stellplatz. Die Menschen standen draußen, um zu rauchen und zu plaudern, die Schlange an den Kassen war marginal. Doch es waren bereits Hunderte im Saal. Ich war alleine und mit einer Schneider in der Hand fand ich einen Stehplatz direkt an der Bühne.
Erstaunlicherweise kam der Veranstalter Gerd Kespohl bereits nach kurzer Zeit auf die Bühne. Neben mir fragte jemand irritiert, wie spät es denn sei und es war tatsächlich noch Viertel vor. Er kündigte mit diesem Konzert das Ende der Sommerpause im Pavillon und die Vorgruppe Depedro an, die für etwa eine halbe Stunde spielen sollten.
Zwei Männer standen auf der Bühne. Eine verstärkte akustische Gitarre, Gesang (Jairo Zavala) und eine Trompete (Jacob Valenzuela). Und es ging ab! Das war herzerfrischend! Das hatte Rhythmus, das hätte zum Tanzen eingeladen, wenn Platz hierfür vorhanden gewesen wäre! Innerhalb von Minuten strömten die Menschen aus dem Foyer und dem Vorplatz in den Saal und der vorherige weite Raum für jede Person reduzierte sich auf den üblichen ¼ Quadratmeter. Sie sangen Spanisch, doch da ich die Feinheiten nicht unterschieden kann, wurde mir nie deutlich, ob sie Spanier oder doch wahrscheinlicher Mexikaner waren. Mein Platz vor der Bühne war beim Trompeter und es war angenehm, die unverstärkte Trompete, und den Sound von dem Verstärker, an dem die Gitarre angeschlossen war, zu hören, da die Akustik des Pavillons schon verschiedene Konzerte zu Krach oder Fehltöne verzerrt.
Bereits zum zweiten Song kamen der Schlagzeuger John Convertino, der Bassist Volker Zander und der Vibraphonist Martin Wenk von Calexico als Support auf die Bühne. Und mit dem dritten Song waren dann auch der Pedalstelle-Gitarrist Paul Niehaus und vor allem der Sänger und Gitarrist Joey Burns dabei. Nun war es also ein Konzert von Depedro support by Calexico. Die halbe Stunde ging viele zu schnell vorbei und alle Musiker zeigten, dass sie viele Instrumente spielen.
Mit der Ankündigung von Joey Burns, dass nach einer zehnminütigen Pause das Konzert von Calexico beginnen würde, verdunkelte sich die Bühne.

Als die Musiker wieder auf die Bühne kamen, war klar, dass wieder alle sieben dabei sind, jetzt halt Calexico support by Depedro. Es begann ruhig und wurde sehr rockig und bereits als zweites Stück wurde El Picador gespielt. Rockig ist wohl die beste Klassifizierung für die neuen Stücke. E-Bass, treibendes Schlagzeug, Rhythmusgitarre und zwei Sologitarren erzeugten einen Wall of Sound, der von zwei Trompeten immer wieder zum Einsturz gebracht wurde.
Direkt an der Bühne war leider nur wenig von dem Gesang zu verstehen.
Und hier ist dann ein großer Unterschied zum Konzert im Jahre 2003 festzuhalten. Damals war es ein relaxtes Konzert. Ich meine Burns saß auf einen Barhocker mit einer verstärkten akustischen Gitarre, spielte, sang und plauderte zwischen den Songs. Diesmal gab es neben den obligatem „Good Evening Hannover. How do you feel?“ nur wenig Bemerkungen. Selbst exellente Soli wurden in der Regel nicht namentlich gewürdigt.
Es war halt ein Auftritt einer hoch professionellen Band. Dennoch war es ein gelungenes Doppelkonzert. Wie auch schon beim Konzert von 2003 wurden nach dem Konzert CDs angeboten, die sonst nur direkt bei der Gruppe bestellt werden können. Neben ihren sechs regulären Alben gibt es bereits acht weitere Alben, die Konzerte oder ungewöhnliche Studioaufnahmen bieten.

Freitag, 17. April 2009

Filmkritik – Knowing (2009)

Lust an der Zerstörung
Wie eine gute Idee ruiniert werden kann, zeigt dieser Film eindringlich. Die Geschichte ist schnell erzählt: An einer neuen Grundschule erhalten die Schülerinnen und Schüler im Unterricht die Aufgabe, Bilder der Zukunft in 50 Jahren zu malen. Diese Bilder werden in einer Röhre versiegelt und zum 50-jährigen Jubiläum der Schule an die aktuellen Schüler verteilt werden. Eine Schülerin malt nicht, sondern füllt das vorgegebene große Blatt mit nicht enden wollenden Zahlenreihen.
50 Jahre später setzt der Film wieder ein bei einem Kosmologen und seinem Sohn, die denn Unfalltod der Frau und Mutter nicht verarbeitet können. Der Kosmologe von der MIT redet vor seinen Studenten vom Gegensatz zwischen Determinismus (inkl. es gibt einen Gott) und der Zufälligkeit alles Geschehens, der er seit dem Tod seiner Frau anhängt. Der Sohn geht zu der erwähnten Grundschule und erhält von den 50 Jahre alten Dokumenten den Umschlag mit den Zahlenreihen, mit denen er nichts anfangen kann.
Der Vater lässt sich abends mal wieder mit Whisky volllaufen und schaut sich die Zahlen an und bleibt bei der Zahlenkette 0911012996 hängen und versucht darin einen Sinn zu finden. 09 / 11 / 01 2.996, also 11. September 2001 mit seinen 2.996 Opfern.
Die weitere Suche in den Zahlen zeigt, dass viele Zahlenreihen das Datum einer Katastrophe und die Zahl der Opfer angeben. Zwischen diesen Ereigniswerten bleiben einige unerklärliche Zahlen. Die Zahlenreihen weisen auch drei Katastrophen aus, die noch nicht stattgefunden haben, womit der Titel „Knowing“ das Dilemma der Hauptperson beschreibt, die weiß, aber nicht machen kann. Als bei der ersten angekündigten Katastrophe sich herausstellt, dass die bisher unverständlichen Zahlen auch noch den Längen- und Breitengrad des Ereignisses angeben, versucht er vergeblich das zweite Unglück zu verhindern. Der Sohn wird währenddessen als ein Mensch beschrieben, der Stimmen hört und der von ihm unbekannte Männer angesprochen wird.
Leider nehmen hier die Schwächen des Drehbuchs überhand und das Ende ist bombastisch und in seinen Bildern fast unerträglich.

Ich meine mit dieser Bemerkung nicht nur die ungebremste Lust, Katastrophen zu bebildern, also brennende oder zerquetschte Menschen weit über das Maß des Erträglichen zu zeigen, sondern die symbolischen Elemente. So haben die Aliens, die den Sohn retten, beim Aufsteigen einen Lichtschein um die Schultern, dass sie wie Engel wirken; oder die Idylle des neuen Planeten inklusive Getreidefeld und Lebensbaum, in den die Kinder ausgesetzt werden.

Der Film hat zu Beginn noch interessante Elemente (Kosmologie), und Nicholas Cage spielt mittelprächtig den Vater, driftet dann ab und landet beim US-Quark.
Doch entsetzt hat mich der totale Vertrauensverlust in die Bilder im Kopf. Die Katastrophen hätten auch viel kürzer dargestellt werden können. Wenn nach einem Flugzeugabsturz Menschen brennend aus dem Wrack flüchten, dann muss nicht über Minuten immer wieder ein anderer brennender Mensch gezeigt werden, in einem Fall sogar so lange bis er schließlich in einem Feuersee zusammenbricht und von den Flammen verschlungen wird. Oder brennendes Rotwild und anderes Wild, erst ein Tier, dann Gruppen und dann immer weiter. Oder wenn eine U-Bahn entgleist wird die Zerstörung bis zum Ende gezeigt. Ist der US-Kinobesucher so gewaltaffin oder zu blöd, um nach der ersten Gewaltszene, die Tragweite einer Katastrophe zu begreifen.

Vor allem die finale Katastrophe will einfach nicht enden. Man nehme die Hitzewaffe aus Independence Day (USA 1996, Roland Emmerich) und schneide alle Zerstörungsbilder hintereinander, das wäre dann wohl nur ein Teil der „EE“-Katastrophe, wie sie am Ende der Zahlen angekündigt wird.

Der Film erhält von mir nur 5 von 10 möglichen Punkten.
Knowing (USA 2009) 121 Minuten, Regie: Alex Proyas. Es ist ein Hohn, dass die FSK diesen Film ab 12 Jahren freigegeben hat.

Dienstag, 21. Oktober 2008

Währungskrise in Island - Update

Siehe Update für Oktober bis Anfang Dezember 2008 am Ende dieses Beitrags.

In den deutschen Medien wurde schon mehrmals über den Kollaps der isländischen Währung berichtet ohne das konkrete Zahlen genannt wurden. Als ich jetzt wieder davon hörte schaute ich mal bei oanda.com vorbei. Dies ist die Internetplattform, welche die Umtauschkurse als Interbankraten (also ohne die Umtauschgebühren) fast aller Währungen wiedergibt. Die dortigen Zahlen habe ich mit einem Graphikprogramm umgewandelt.

Die 1. Abbildung zeigt die Entwicklung der Isländischen Krone sowohl zum US-Dollar als auch zum Euro zwischen dem 1. Januar und dem 21. Oktober 2008. Die Spekulationskrise der isländischen hatte bereits das ganze Jahr einen negativen Einfluss auf die Isländische Krone.
Innerhalb eines halben Jahres musste 1/3 mehr für einen Euro bezahlt werden. Der Umtauschkurs stieg von 92 auf 125 Isländische Kronen für einen Euro. Im Verhältnis zum Dollar gab es nur einen Wertverfall von einem 1/4, von 63 auf 79 Isländische Kronen für einen US-Dollar.
Abbildung 2 zeigt als Ausschnitt die Entwicklung der letzten beiden Monate. Der Wertverlust der Isländischen Krone hat sich erheblich beschleunigt. wie die Ausschläge nach oben und unten zeigen Panik, Spekulation und Stützungskäufe (der skandinavischen Nationalbanken).
Die Isländische Krone scheint sich nun wieder stabilisiert zu haben. Im Verhältnis zum Euro hat sie 2/3 an Wert und im Verhältnis zum US-Dollar sogar 4/5 an Wert verloren.

Da kam natürlich gleich die Frage auf, ob dieser heftige Wertverlust zum Dollar mit dem Platzen der Euro-Spekulationsblase zu tun hatte. Dies scheint nicht der Fall zu sein!
Abbildung 3 zeigt den Umrechnungskurs vom US-Dollar zum Euro.
Zu Beginn des Jahres mussten noch 1,46 bis 1,48 US-Dollar für einen Euro bezahlt werden. Im Juli 2008 erreichte der Umtauschkurs dann sogar fast 1,60 $ für einen €. Dies war reine Spekulation, denn so schlecht entwickelte sich nicht die US-Wirtschaft bzw. verbesserte sich die wirtschaftliche Lage im Euro-Raum.
Anfang September wurde der Umrechnungskurs vom Jahresanfang unterschritten, dann gab es eine heftige Spekulationskrise Mitte September. Der Wertverlust im Oktober scheint nun auch wieder reine Spekulation zu sein, denn er steht nur begrenzt in einen Zusammenhang mit der realen Wirtschaftsentwicklung im Vergleich von Dollar und Euro-Wirtschaftsraum.
Die Feigheit der europäischen Regierungen neue Spielregeln (Börse ist meiner Meinung nach Casino-Kapitalismus) zu definieren und durch zusetzen und damit die Gefahr für Nationalökonomien zu reduzieren, ist erschreckend.
Ich empfehle eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einer der Grundlagen der globalisierungskritischen Bewegung attac, der TOBIN-Steuer.
attac (association pour une taxation des transactions financières pour l'aide aux citoyens, deutsch „Vereinigung für eine Besteuerung von Finanztransaktionen zum Nutzen der Bürger“)

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Update 6. Dezember 2008:
Ich hatte weiter oben im Text (im Oktober) vermutet, dass die Spekulation gegen die isländische Krone nach der massiven Intervention mehrerer Nationalbanken nun zu einen Abschluss kommen würde. Doch die Spekulanten haben immer noch unbegrenzt Geld, um durch Devisenspekulation ihr Geld zu vermehren, wie es dann immer euphemistisch heißt. Das Geld vermehrt sich nicht, es werden nur Werte von einer Tasche (hier die Nationalökonomie von Island) in andere Taschen (Spekulanten in London und an der Wall Street) umgeleitet.
Die weitere Entwertung der letzten sechs Wochen hat auch nur wenig mit dem Dollar-Euro-Umtauschkurs zu tun, den dieser ist seit vier Wochen ohne große Schwankungen.
Alle Werte von www.oanda.com, graphische Darstellung von mir.

Samstag, 24. Februar 2007

Von Sarasota nach Hannover

Vom Ende meiner Reise nach Florida, 19. Februar 2005

Zum Abschluss hier noch einige Zeilen aus Charlotte, NC
... und retour
bin immer noch zu verwirrt, um die Eindrücke der Reise mit sinnvollen Adjektiven zu beschreiben.
Wieder in Charlotte, wieder im Starbucks Café, es scheint selbst dasselbe Personal zu sein. Kein Wunder, denn ich saß hier auf die Stunde genau vor 23 Tagen.
Meine Abfahrt wurde leider stressig für mich. Es fing bereits damit an, das nicht alles in den Koffer passte. 70 Pound (à 453g, also mehr als 31 Kilo) Gepäck waren verführerisch und so packte ich zu viele Bücher ein. Bücher nahmen Volumen und im ersten Packversuch des Vorabend erreichte ich sogar die 70er Grenze und das, obwohl noch nicht die Wäsche von der Leine verpackt war.
Es fällt mir sehr schwer, mich von Büchern zu trennen, doch zwei gebundene Bände eines Wörterbuches blieben in Siesta Key.
Mehrmals versuchten wir zu zweit den Koffer zu schließen. Es gelang einfach nicht! Endlich mit Gewalt und Druck schnappten die beiden Schlösser zu, aber der Kofferrand wölbte sich so weit, dass der Inhalt zu sehen war. Also wieder auf und weitere Inhalte aussortieren. Am Ende waren es 64 Pound in einen Koffer ohne Räder plus eine Tasche.
Und wenn erst einmal das Gefühl vorhanden ist, dass alles etwas später wird, dann stehen wir natürlich vor der geöffneten Zugbrücke, die Siesta Key (Insel) sonst mit dem Festland verbindet und warten auf das schleichende Segelboot, das den Brückenbereich durch fährt. Natürlich kam es mir dann auch so vor, als wenn wir eine rote Welle an den Ampeln haben, etc. pp.
Doch es gab keinen zum Stress, wir waren etwa 1:50 vor dem Abflug am Flughafen und das Check-in für den Sitzplatz ging sehr schnell. Leider gab es die blöde Nachricht, dass der Flieger nach Frankfurt überbucht ist und mir in Sarasota noch kein Sitzplatz zugewiesen werden kann.
Das Einchecken des Koffers war dann schon eine größere Aktion. Noch zweimal wurde er geöffnet. Die Sicherheitsbeamten verschwanden für 10 Minuten mit meinen Koffer und baten zum Schluss nur um den Schlüssel, damit er verschlossen auf die Reise gehen konnte.
Soweit meine Notizen aus Charlotte.
In Hannover fand ich dann eine Karte im Koffer, die auf die Kontrolle in Sarasota verwies. Das gefällt mir gar nicht. Menschen durchsuchen meinen Koffer, während ich selbst noch nicht einmal zuschauen darf.
In Charlotte ging es sofort zum Schalter und ich war der erste von der Warteliste und mir wurde auch ein Sitzplatz zugewiesen. Vor dem Einsteigen konnte ich am Schalter hören, dass einige gebuchte Passagiere nicht mit diesen Flieger befördert werden.
Der Flug war ein Horror. Der schlechte Service von US Airways auf einer Langstrecke war mir noch in schlechter Erinnerung und ich kann nun klar sagen, dass dies die bisher zweitschlechteste Fluglinie (noch hinter Aeroschrott ähh Aeroflot aber vor Air Tanzania) war, die ich kennen gelernt habe. Ein Airbus mit acht Sitzen je Reihe, wo ich froh war, dass ich nicht sehr groß bin, denn der Sitzabstand war sehr eng. Neben mir nahm ein 150%-Passagier Platz. Eine breit gebaute Freundin würde im Vergleich als vollschlank bezeichnet werden. Er presste sich zwischen die beiden Sitzlehnen und seine beiden Oberschenkel uferten nach links und rechts aus. Seine Arme nahmen mehr als ein Viertel meines Sitzes in Anspruch. Erschwerend kam hinzu, dass wieder mal blöde Eltern ihre Babys und Kleinkinder unvorbereitet in einen Flieger mitnahmen. Schräg hinter mit saß ein Paar mit zwei Kindern und die kleine Tochter schrie ausgiebig und aus vollem Hals mehrmals während des Fluges und war weder durch den Vater noch die Mutter zu beruhigen. Aus den Reihen vor mir, sah ich in diesen Schreiattacken verärgerte müde Gesichter. So sah ich wahrscheinlich auch aus. Da half es nur, dass ich Stöpsel im Ohr hatte, um mir Filme anzuschauen. Die Mahlzeiten im Flieger waren ein Witz, aber ich war diesmal vorgewarnt und hatte selbst Wasser und Käse im Handgepäck. Ein Abendessen, dass als Vorspeise zu bezeichnen war und eine Stunde vor der Landung ein Frühstück, dass aus einem süßen Brötchen und einem Becher schlechtem Kaffee bestand.
Wegen der Sitzverhältnisse (ich saß erschwerend am Gang und wurde von passierenden Passagieren und Stewardessen regelmäßig touchiert) und der Heulboje hinter mir, die nicht nur bei Auf- und Abstieg ohne Pause schrie, sondern auch bei den 2-3 Turbulenzen nicht zu beruhigen war, verhinderten einen Schlaf. Der Flug dauert 8 Stunden und nach fünf Stunden hatte ich alle interessanten Filme gesehen und döste ein wenig. Das Kleinkind weckte mich und viele andere vor dem Sonnenaufgang. War ich froh, als ich in die kalte Luft von Frankfurt trat.
In Frankfurt wachte ich dann die Stunden 23 und 24 bis zu meinem Anschlussflug nach Hannover. Lufthansa! Ein Aufruf und eine lange Schlange formierte sich. Wir waren wahrscheinlich genauso schnell im Flieger, wie in den USA, wo Passagiere nach Sitzzonen sortiert aufgerufen werden, sich in den Flieger zu begeben. Da sich viele nicht an diese Aufrufe halten (als ich den US-Flieger betrat, saßen in den aufgerufenen Zonen nur wenig mehr Passagiere, als in den Zonen, die noch nicht aufgerufen waren) und einige ein Handgepäck haben, dass vom Volumen eher als echtes Gepäck zu bezeichnen wäre, dauert das Einsteigen und Platzieren.
Schneeflecken nördlich von Frankfurt und wieder um Hannover verwiesen bereits auf die zu erwartende Kälte. Hatte mich in den Tagen zuvor bereits durch Wetterberichte auf dieses Scheißwetter mental vorbereitet. Blöder Winter!
Hannover wurde in einer großen Schleife umflogen, da wir vom Osten kommend landeten. Es schien eine Inversionswetterlage zu sein, denn Hannover lag unter einer rostigen Schmutzschicht. aus der schemenhaft nur der Telespargel zu erahnen war. Die Hochhäuser vom Sahlkamp oder andere hohe Gebäude waren in dieser Dreckluft nicht zu sehen. Gepäck – S-Bahn – Bahnhof – Taxi (mein Koffer ohne Räder wäre sonst nicht zu transportieren) und schließlich Göbelstr. Die Heizung war während meiner Abwesenheit im niedrigen Dauerbetrieb gelaufen und mein digitales Spielzeug zeigte 15° Celsius an. Nachts war es manchmal kälter in Florida. Daheim, ein gutes Gefühl.

Weitere Notizen vom KSC und anderes

Vorletzter Beitrag zur Reise nach Florida, hier Notizen zum 10. Februar 2005 und den folgenden Tagen

Am nächsten Morgen verzichtete ich auf die Beleidigung durch das Frühstück, das im Hotelpreis inbegriffen war und ging alleine wieder ins Frühstücksrestaurant um dort etwas Richtiges zu mir zu nehmen. Es ging wieder zeitig zum Kennedy Space Center. Es gab noch einige Attraktionen, die ich mir aufgehoben hatte. Zum Beispiel das IMAX-Kino. Ich war noch nie in so einem Kino und nun sah ich mit einer Spezialbrille in 3D Aufnahmen aus der International Space Station aus der Perspektive der Astronauten. Das war mal wieder beeindruckend.
Wir blieben bis zum Nachmittag auf dem Gelände, die Senioren absolvierten viele Programmpunkte ein zweites Mal. Ich verbrachte viel Zeit mit Spazieren und Beobachten.

Unser Rückweg an die Westküste führte uns zunächst an die Südspitze von Cape Cañaveral. Hier lagen mehrere riesige Kreuzfahrtschiffe der Walt Disney Corporation vor Anker. Das schienen Hotelschiffe zu sein. Disney World ist weniger als eine Stunde Busfahrt von diesem Hafen entfernt. Wir fuhren weiter in den Süden auf der Küstenstraße. Ich fand es sehr angenehm, das wir einen anderen Weg als die Route 95 nutzten. Florida scheint hier eine einzige langgestreckte Siedlung zu sein. Nur wenige Kilometer Küste sind nicht bebaut. An einer dieser Stellen machten wir einen Halt und gingen an den Strand. Es war kühl geworden und da auch nicht viel Interessantes zu sehen (Ja ich habe den Atlantik auch von der US-Seite gesehen!) war, ging es schon bald zurück zum Auto und nach wenigen Kilometern schließlich doch auf die Route 75 bis Fort Pierce, wo wir wieder auf die State Route 70 abbogen, um die Halbinsel zu queren. Es wurde Abend und es war vollständig dunkel, bis wir schließlich in Siesta Key ankamen.

Es waren amibavalente Eindrücke, aber dennoch sollte eine Reise nach Florida auf jeden Fall auch zur NASA führen. Wenn ich noch einmal nach Florida reisen werde, dann würde ich auch noch einmal das Kennedy Space Center aufsuchen.

Weitere Notizen aus den USA:
Amish People sind immer wieder in Florida zu sehen. Die Frauen fallen auf mit ihrer feinen, durchscheinenden Haube, die in einer eckigen Auswölbung die Haare in einem Dutt bündelt. Der Mann mit seinem Kinnbart läßt mich stets lächeln. Der Bart ist oftmals viel länger, als die aus den Medien bekannten Bilder von Bärten der Taliban. Dazu ein Haarschnitt, der hinter viel zu hoch ausrasiert ist.
Bisher habe ich Amish stets mit mindestens einen Kind gesehen. Es fällt auch auf, dass fast alle Amish, denen man auf der Straße, im Bus oder Geschäft begegnet, relativ jung sind. In der lokalen Zeitung war zu lesen, dass auch in der Gruppe der Amish zwischenzeitlich Snowbirds existieren, die den Winter bei ihren Glaubensgenossen in Florida verbringen. Es gibt also eine weitere Modernisierung in dieser konservativen Gemeinschaft.

Republikaner
Auf einem Parkplatz sah ich einen KIA, der gleichzeitig mit US-Fahne, Wahl’04, Support-Our-Troops-Schleife und dem breiten, offiziellen Bush/Cheney’04 Aufkleber für die Stoßstange ausgestattet war. Wie sieht nun ein überzeugter Bushie aus?
Zwei übergewichtige Seniorenpaare in Freizeitkleidung bestiegen den Wagen. Sie sehen also aus, wie alle anderen.

Donnerstag, 22. Februar 2007

Kennedy Space Center Visitors Complex

Aus den Reisenotizen vom 9. Februar 2005
Nach einen lächerlichen Frühstück im Hotel, das im Preis mit inbegriffen war, fuhren wir zum Kennedy Space Center Visitors Complex (KSCVC). Für $38,- Eintritt gab es ein 36-Stunden-Ticket, dass einen das eigentliche Besucherzentrum mit mehreren Hallen und Außenobjekten bietet und Busfahrten und Eintritt zum Apollo / Saturn V Center und dem Observation Gantry ermöglicht.
Doch im Einzelnen:
Es war ein kühler Morgen und als wir den Indian River auf einer langen Brücke überquerten lag Nebel auf dem Wasser und Teilen der Cape Cañaveral Insel. Wir waren früh vor dem Tor. Auf den Parkplätzen verloren sich nur wenige Autos und noch wenige Reisebusse. Die Schalter für den Ticketverkauf waren noch nicht geöffnet. Mit dem Kitzel der Erwartung of things to come, war es leicht zu warten. Kaum im Komplex ging es sogleich in eine von den animierten Hallen. Diese Kombination von Filmen, Geräuschen und automatisierten Geräten, die Realität illusionieren ist ja aus anderen Freizeitinstitutionen bekannt, doch hier ging es um eines meiner Steckenpferde, die mich seit meiner Kindheit begleiten. Ich soll die Mondlandung erlebt haben, mein Vater hatte mich dafür geweckt, aber ich habe keine Erinnerung daran.
Überall fand sich natürlich das NASA-Logo, doch wurde gleich mehrmals auf Hinweistafeln und Werbebroschüren darauf verwiesen, dass "no tax dollars are used to fund KSCVC facilities, staff or operations."
Nach dieser Einführung in die Robot Scouts und die aktuellen Missionen zum Mars folgten wir draußen den ersten Gruppen von Menschen, die nun bereits auf dem Gelände waren, um einen der Busse zu den beiden weiter entfernt liegenden Abteilungen zu nehmen. Die ganze sumpfige Insel ist mit verschiedenen Komplexen der NASA und des allgegenwärtigen US-Militärs übersät. Der Bus fuhr etwa 10 Kilometer nach Norden und die ganze Zeit war das Vehicle Assembly Building zu sehen, dass immer größer vor uns aufragte und schließlich passiert wurde.
Hier werden die Space Shuttle mit den Antriebsraketen verknüpft. Die fehlenden Abdeckungen verweisen auf den letzten Hurrikan, der über das Gelände zog und erhebliche Schäden verursachte.
Wir machten den Fehler, dass wir am ersten Haltepunkt der Observation Gantry ausstiegen. Es handelt sich hierbei um eine bessere Aussichtsplattform, mit wenigen Exponaten. Es war einfach noch viel zu kalt, um oben im Wind die wunderbare Aussicht auf die verschiedenen Abschußplätze zu genießen. Das Gebäude liegt neben dem Crawlerway, dem überbreiten Weg auf dem die startbereiten Space Shuttle aufrecht stehend im Schritttempo zu einer der beiden Abschußplattformen (siehe Foto) gefahren werden. Der nächste Start sollte in mehreren Monaten sein und entsprechend war nur bei unserer Vorbeifahrt und dem kurzen Blick in das Vehicle Assembly Building etwas Aktivität von der NASA zu sehen.
Frierend ging es mit den nächsten Bus weiter zum Apollo / Saturn V Center, das sich noch einmal zwei Kilometer weiter im Norden befindet. Der Fahrer verwies darauf, dass wir auf die Gräben achten sollten, da dort Alligatoren leben würden. Doch die waren wie schon am Myakka River durch die kalte Luft abgeschreckt und blieben versteckt unter der Wasseroberfläche. Zur linken war eine der ungewöhnlichsten Konstruktionen zu sehen. Für die Space Shuttle gibt es hier eine Landebahn. Sie ist sehr lang, das Ende war nur zu erahnen und viel breiter als jede vorher gesehene Landebahn oder mehrspurige Autobahn. Ich fragte mich, wie viele tausend Tonnen Beton wurden hier wohl im Sumpf versenkt, damit ein Space Shuttle landen kann?
Um mich zu beeindrucken, gehört schon etwas dazu, doch als ich eine waagerecht hängende Saturn-V-Rakete sah, da war ich mehr als beeindruckt. Nirgendwo in der langgestreckten hohen Halle war meine Kamera in der Lage, die Proportionen dieser 120 Meter langen Rakete einzufangen.
Doch zunächst sah man beim Betreten der Halle das Unterteil der Rakete mit seinen Hauptdüsen:
Ohne meine Begleiter sah ich mir die vielen Ausstellungsobjekte und Nebenräume an. Ich wollte diesen Kindheitswunsch für mich alleine auskosten.
Leider wurde hier, wie auch im zentralen Besucherkomplex viel Information so vereinfacht dargestellt, dass es auch ein Grundschüler (oder ein US-Bürger, der vor langer Zeit die Schule verlassen hat) verstehen kann. Dabei entsteht dann auch einmal Infotainment, der mich nur peinlich berührt. Es sollte heute keine Kunst mehr sein, eine Ausstellung so auszustatten, dass sie die verschiedenen intellektuellen Klientel bedient. Jedes Museum in Deutschland, das etwas auf sich hält, kann sowohl Grundschülern, als auch Studierenden und den Spezialisten etwas bieten und ihn unterhalten. Hier wird nur der kleinste gemeinsame Nenner präsentiert.
Die Sonne wärmte sehr langsam die feuchte Luft, doch zu einem teuren Mittagsimbiss konnten wir als wieder draußen sitzen. Die lokale Vogelwelt hat sich auf die Gäste der NASA spezialisiert und die Tiere lassen eine Annäherung bis auf 1-2 Meter was umgekehrt heißt, dass kein Teil des Essens je alleine gelassen werden darf und die Abfälle in sich schließende Mülleimer versenkt werden.
Blick von der Terrasse auf die Abschußplattform. Die Wiese ist abgezäunt, da sich direkt dahinter die Natur inklusive Alligatoren befindet. Hier habe ich dann schließlich auch Alligatoren gesehen. Als wir mit dem Bus zurück zum zentralen Besucherzentrum fuhren, erahnte ich einen flachen Kopf in einem Graben, aber neben den Parkplatz lag dann ein Tier in der Sonne. Im Verlauf des Nachmittags machte ich einen Spaziergang entlang der Grünanlagen und zwei Teiche waren durch solide Metallzäune vom Rest getrennt. Es gab dort eine Pforte mit Hinweis auf mögliche selbst verschuldete Gefahren hinter dem Zaun.
Hier stand auch ein Original Space Shuttle, dass man sogar betreten konnte. Kein Ort für Menschen, die Angst vor Enge haben. Auf der Unterseite sah ich mit Amüsement, dass die Hitzekachel einzeln nummeriert waren, auch wenn für mich kein Zahlensystem zu erkennen war.
In einer benachbarten Halle sprach eine wissenschaftliche Mitarbeiterin der NASA. Es war eine lebhafte Erzählerin, die beständig im „we“ der Corporate Identity sprach. Die NASA und ihr Umfeld bieten mehr als 100.000 Menschen Beschäftigung. Egal nach welcher Definition, dies ist ein Großbetrieb.
Eine Facette des Kennedy Space Centers ging mir bereits nach zwei Stunden auf den Senkel. Das riesige Gelände hat in seinen drei Zuschauerbereichen im Außenraum alle Dutzend Meter Lautsprecher. In jeden Raum sind auch mehrere Lautsprecher. Sind für die Notfalldurchsagen notwendig? Im Außenbereich und den großen Ausstellungshallen strömt kontinuierlich Muzak von der dramatischen Art aus den Boxen. Sinfonisches mit Trommeln und Blechbläsern, die in ihren Auf- und Abschwung immer wieder die Aufmerksamkeit erregen. Muzak, die sich scheinbar alle 20-30 Minuten wiederholt.

Irgendwann war ich satt von allen Eindrücken und setzte mich einfach auf eine Bank. Wir würden am nächsten Vormittag wieder kommen. Abends ging es gegenüber dem Hotel in ein "Frühstücksrestaurant". Das Omelette war üppig.

Mittwoch, 21. Februar 2007

Fahrt quer durch Florida

Aus dem Reisetagebuch 8. Februar 2005
Früh am Morgen hatte ich bereits alles fertig gepackt, aber die Senioren waren noch nicht so weit. Es war wunderbares Wetter, also zog ich meine Joggingschuhe an, machte einige Dehnübungen und mich auf den Weg einmal um den Block. Der Ortsplan hatte mir bereits gezeigt, dass dieser Rundkurs etwa eine Meile lang war. Das tat einfach gut.
Ich hatte alle Zeit der Welt und nach langem Frühstück und der Zeitung ging es immer noch nicht los. So setzte ich mich an den Rechner und schrieb diese Zeilen. Es wurde schließlich 11:30 Uhr bis alle in der Familie über das Telefon über unsere große Expedition ausführlich informiert waren und der Wagen ins Rollen kam.
Florida ist relativ groß und die Autos dürfen nicht sehr schnell fahren. So ist eine 300-Kilometer-Tour zum Cape Cañaveral jeweils ein halber Tag auf der Straße. Als meinen Beitrag zu dieser Reise übernahm ich das Benzingeld. Die Spritpreise sind dort zwar viel niedriger als in Europa, aber dafür haben die Fahrzeuge (hier ein SUV) auch einen sehr hohen Verbrauch.
Ganz pauschal kann man sagen, dass die Westküste mit ihren vorgelagerten Inseln der Landstreifen für die Reichen ist, doch um so weiter man sich in das Landesinnere begibt, um so mehr nehmen die Trailer-Parks für die Armen am Rand der festen Siedlungen zu.
Wir verließen den Großraum Sarasota auf der State Route 72 und passierten diesmal die Einfahrt zum Myakka River State Park. Kurz vor dem Städchen Arcadia vereinigte sich unsere Straße mit der State Route 70, die über 60 Kilometer schnurgerade nach Osten führte. Wenn es nicht zwischendurch Bäume und kleine Bodenwellen gegeben hätte, wären wir stets ins Unendliche gefahren.
Die verschiedenen Hurrikans, die in den letzten Jahren über Florida gezogen sind, haben immer wieder eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Die Hurrikan-Saison 2004 ist noch deutlich an blauen Planen auf den Dächern zu erkennen (Hier gibt es die offiziellen Informationen während der Hurrikan-Saison).
(Ausschnitt aus einem Foto mit Teleobjektiv; wollte nicht so nah rangehen, entsprechend unscharf)
Es ist das gleiche Blau, das der UN-HCR für Flüchtlingslager auf der ganzen Welt verwendet. Hier ist es die FEMA (=Federal Emergency Management Agency), die dann aktiv wird, wenn ein Gouverneur den Präsidenten bittet, einzelne Landkreise (=Counties) zu Katastrophengebieten zu erklären. Manchmal waren nur noch die Fundamente, dieser Blechsiedlungen zu sehen. Und immer wieder waren Bäume zu sehen, deren Krone abgebrochen war.
Das die Zahl und Stärke der Hurrikane im jährlichen Durchschnitt zunimmt und das dies womöglich mit der Erwärmung der Atmosphäre in einen Zusammenhang steht, wird weder in Zeitungsartikeln noch in Gesprächen thematisiert. Nach Meinung der ignoranten Regierung von George W. Bush gibt es ja auch keinen wissenschaftlichen Beweis für eine vom Menschen verursachte Klimaänderung. Nach deren Meinung sind es halt bisher nicht vollständig erforschte und verstandene klimatische Zyklen (Sonnenflecke, etc.), die als wirkliche Ursache zu finden sind.

Und wen treffen die Stürme? Alle! Doch es ist natürlich einen größeres Problem für die armen Menschen. Sie haben oftmals keine Versicherung gegen Sturmschäden und stehen nach solch einem Schadensereignis vor dem Nichts und müssen um Nothilfe betteln.
Die Natur hat hier aber noch eine andere Zerstörungskraft: Buschfeuer. Für etwa eine Minute fuhren wir durch ein Gebiet, dass deutliche Spuren eines großen Feuers aufwies. Die freundliche Seite der Natur zeigte sich, als ein Waschbär die Straße querte und sich durch uns nicht stören ließ, so dass wir ihn beobachten konnten. Mehrmals waren verschiedene exotische Großvögel zu sehen. Ich meine auf einer feuchten Wiese einen Marabu gesehen zu haben und einmal war eine verteilte Gruppe von Störchen zwischen Rindern zu sehen.

Florida lebt an der Küste vom Tourismus (inkl. der Langzeitbesucher Snowbirds), doch im Landesinneren ist das "echte Florida" zu finden, wie es meine Gastgeberin formulierte. Weiden, Feuchtwiesen und Orangenplantagen. Das Geld wird hier mit Rinderzucht und Orangenkonzentrat verdient. So gab es viele Viehweiden, die mehr als einen Kilometer breit sind und verstreut auf der riesigen Fläche stand hier und da ein Rindvieh. Es ist ein feuchtes Land. Manchmal waren Hunderte von ertrunkenen Bäumen zu erblicken. Florida ist flach wie der Norden der Niederlande. Regenwasser fließt oberflächlich ab und ein kräftiger Regen flutet niedrige Flächen. Es waren natürlich Plantagen und Weiden auch dort angelegt, wo früher ein Sumpf war. Die Natur holt sich ihre Flächen zurück.
Einmal passierten wir eine große Fabrik. Aus der Ferne hielt ich dies wegen der viele Rohre für ein Chemiewerk, aber es war dann eine Citrus-Raffinerie. Dort standen viele LKWs mit hohen Drahtkisten mit der Länge von großen Containern bis oben angefüllt mit Orangen. Ein sehr intensiver Duft lag dort in der Luft.

Es gibt nicht viele Landstraßen, die direkt die westliche und östliche Küstenautobahn verbinden, dennoch war auf der von uns genutzten Straße nur wenig Verkehr. Zum späten Mittagessen wurde wieder einmal Fastfood angesteuert. Meine Gastgeber zu McDonalds und ich ins TacoBell. Bestimmte Prinzipien will ich schließlich pflegen: McD ist gut für seine sauberen Toiletten und Punkt. Es gelang mir diesmal sogar, es so zu formulieren, dass meine Gastgeberin keine unendliche Debatte über meinen angeblichen Starrsinn begann. Ich sagte ihr nur kurz: „You do not vote for Republicans and I do not go to McDonalds“

Alles ist groß in den USA und so sind es natürlich auch die Gefängnisse. Wir fuhren an zwei von diesen großen amerikanischen Gefangenenlagern vorbei. Mehrere Hundert Meter von der Straße entfernt war jeweils auf einer offen einsehbaren Fläche von etwa 500 mal 500 Meter mit gestaffelten Zäunen und Gräben vom Umland abgetrennt. Auf der Fläche standen viele zweistöckige Blocks. Es ist ja bekannt, dass die USA die weltweit (vor China, Indien oder Russland!) höchste Zahl an Gefangenen hat und dies hat nicht nur etwas mit der hohen Bevölkerungszahl zu tun. Die Zahl der Gefangenen je einer Million Einwohner findet keinen Vergleich mit einem europäischen Staat.
Ich habe mal in der Wikipedia nach den aktuellen Zahlen geuscht. In den USA leben 7,37 Menschen von 1.000 Bewohnern hinter Gittern und Stacheldraht. Regional gibt es Unterschiede von 1,48/1.000 in Maine und 1,71/1.000 in Minnesota bis zu 6,94/1.000 in Texas und 8,16/1.000 in Louisiana. Hier wird gern und viel weggesperrt. In Deutschland leben 0,78/1.000 im Gefängnis, in Großbritannien 1,39/1.000 und in Norwegen 0,59/1.000 Einwohner. Die Liste der Gefängnisse in Florida will gar kein Ende nehmen.

Als wir schließlich die Ostküstenautobahn (Route 95) erreichten, nahm der Verkehr merklich zu. Hier liegen mit Miami, Fort Lauderdale, Palm Beach, und Jacksonville bedeutende Großstädte und viele LKW und PKW waren auf beiden Seiten der Autobahn unterwegs. Wir kamen abends an unserem Ziel am Cape Cañaveral an. Wir suchten zunächst gar nicht nach einer Unterkunft, sondern fuhren erst einmal zum NASA-Besucherzentrum, informierten uns über die Eintrittspreise und machten erste Fotos.
Dann begann die Suche nach einem Hotel im benachbarten Titusville. Es wurden viele Kilometer gefahren, da es keine klare Erinnerung daran gab, wo beim letzten Besuch genächtigt wurde. Am westlichen Ortsausgang weit entfernt von privaten Häusern fand sich schließlich ein Hotel, für das die beiden als Mitglieder vom AAA (US-Variante des ADAC) einen Rabatt erhalten würden. Es war einer dieser häßlichen Zweckbauten, die innerhalb kürzester Zeit mal so eben hingestellt werden können. Sie gaben sich selbst drei Sterne, haben aber höchstens zwei verdient und das bei einem Preis von etwa 50 Dollar.
(nächtlicher Blick auf die Route 95 bei Titusville, Florida)

Nach kurzer Rast ging es dann zu einem Restaurant, dass wir auf der Hinfahrt zum Hotel gesehen hatten. Natürlich ging es nicht, sondern wir fuhren. Vom Hotel aus gesehen, dass etwa 100 Meter abseits der Hauptstraße lag, war das Restaurant auf der anderen Straßenseite – Luftlinie etwa 200 Meter. Wir fuhren auf die Hauptstraße zur nächsten Möglichkeit die Straßenseite zu wechseln etwa einen Kilometer zurück in die Stadt und denselben Kilometer zurück zum Restaurant. dort parkten wir auf einer riesigen Fläche etwa 100 Meter vom Restaurant entfernt. Es ist dies eine der sehr populären Ketten, wo wir zu Abend essen wollten. Ein richtiges Restaurant! Es war rappelvoll und wir mussten erst einmal uns in eine Warteliste eintragen. Zum Restaurant gehört ein Giftshop und so konnte die Zeit bis zum Aufruf unseres Namens mit den amüsierten schweifen durch den Laden verbracht werden. Irgendwie sprach mich keines der Motive auf den T-Shirt wirklich an. Ich fand wie bereits an vielen anderen Orten, keine Souvenirs oder Gebrauchsgüter, die mich im täglichen Leben dann an diese Reise erinnern würden.
Es war ein anstrengender Tag und leider konnte ich nun kein Bier zischen. Es war ein Familienrestaurant, rauchfrei und ohne Schanklizenz. Das Essen war interessant, aber nicht herausragend und leider wie so vieles sehr teuer.

Hier endete mein Reisetagebuch, obwohl ich weitere 10 Tage in den USA blieb. Die zwei Tage bei der NASA waren sehr beeindruckend und nach meiner Rückkehr wollte ich meine Arbeit in der Bibliothek abschließen. Es fand sich damals nie die Zeit, das Gesehene und Gehörte zu reflektieren und aufzuschreiben. Meine handschriftlichen Notizen, die ich nie verarbeitet habe, sind sehr dürftig.

Mit zwei Jahren Abstand habe ich nun diese Notizen überarbeitet und werde im nächsten Beitrag einige Beobachtungen aus dem Kennedy Space Center ausführen. Dann kann ich auch endlich einige der vielen Fotos, die ich am Cape Cañaveral gemacht habe, mal zeigen.