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Sonntag, 6. März 2016

Schulbücher und die Realität

In der taz am wochenende thematisiert Ralf Pauli  das Problem von Schulbüchern, die nicht mehr die Realität widerspiegeln. In vielen Lehrbüchern gibt es weiterhin die Deutschen und die Anderen, auch wenn heute mehr als ein Drittel der Schülerinnen und Schüler einen sogenannten Migrationshintergrund haben.
Schulbücher sind eine Ware. Ihr Angebot basiert auf den Lehrplänen der Bundesländer und der Nachfrage durch die Schulen. Lehrpläne werden regelmäßig angepasst und wenige Jahre später finden sich diese Veränderungen in den Publikationen der Schulbuchverlage.

Doch gibt es eine Persistenz in Themen, Beispielen und Wortwahl.
In den 1990-er Jahren habe ich dies als Mitglied einer Arbeitsgruppe am Historischen Seminar  erlebt. Damals gab es einen neuen Lehrplan "Geschichte in der SEK II". Außereuropäische Geschichte war als ein Thema vorgesehen.
Unsere Gruppe erarbeitete Beispiele aus der Geschichte Mexikos, Chinas und mehrerer afrikanischer Territorien für die Schule. Selbst leitete ich die Afrika-Gruppe. Wir wollten weg von der bis dahin in den Schulbüchern gelehrten Kolonialgeschichte.
Kontakte mit Schulbuchverlagen führten zumindest zu einem Seminar am Braunschweiger Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung. Dort stellten wir den Wissenschaftlern vom Institut und anderen Universitäten unsere Zwischenergebnisse vor. Wir fanden keinen Verlag, gewannen aber einen Buchpreis der UNI Hannover für unser Projekt.
Unser 148-Seiten-Schulbuch wurde 2002 als kostenfreier Download veröffentlicht. Selbst habe ich das Kapitel "Afrika gibt es nicht" verfasst. Die vier Afrika-Beispiele sind einzeln über die Seiten des Historischen Seminars zu erreichen:
Pierre-Marie Courdouen "Zwischen zwei Kolonialreichen - Algerien im 19. Jahrhundert"
Gunnar Meyer "Transatlantischer Sklavenhandel - Das Beispiel Dahomey" (heutige Benin)
Birgit Niemeyer "Der Maji-Maji-Krieg" (heutige Tanzania)
Mark Holthoff "Mfecane" (heutige Südafrika)

Doch zurück zum taz-Artikel. Die aktuellen Schulbücher reproduzieren Stereotype. Migration wird als ein Problem für Deutschland und für die Zuwandernden dargestellt. Dieses Bild hat etwas mit den bereits erwähnten langen Vorlauf einer Publikation zu tun.
Die Gesellschaft verändert sich, Jahre später wird als Reaktion darauf im Kultusministerium eine Anpassung der Lehrpläne initiiert. Bis diese erstellt sind und die Schulbuchverlage ihre Publikationen anpassen vergehen wieder einige Jahre. Am Ende hinken Schulbücher der Realität mehr als ein Jahrzehnt hinterher.
Im Fall der Kolonialgeschichte, die sich seit den 1960-er Jahren in der Forschung über eine kritische Kolonialgeschichte zur außereuropäischen Geschichte (1980-er Jahre) entwickelte, war dieser Prozess Anfang des 21. Jahrhunderts noch nicht in den Lehrmaterialien für Schulen angekommen. Texte in Schulbüchern begannen, Kolonialgeschichte kritisch zu beleuchten und waren etwa 30 Jahre hinter der wissenschaftlichen Diskussion.

Sonntag, 6. Oktober 2013

Buchvorstellung B. Gaus - Amerika

Bettina Gaus
Auf der Suche nach Amerika. Begegnungen mit einem fremden Land
Frankfurt am Main: Eichborn, 2008

Bettina Gaus ist taz-Korrespondentin. Als sie im Herbst 2007 für drei Monate durch den ländlichen Raum der USA reiste, waren ihre Beobachtungen, Begegnungen und Gespräche vor dem Wahljahr 2008 in langen Reportagen als Serie in der Zeitung zu lesen. Dieses Buch dokumentiert die gesamte Reise.
Vorbild ist eine Reise des US-Schriftstellers John Steinbeck im Herbst 1960 (Travels with Charley: In Search of America). Er begann seine Rundreise während des Höhepunkts des Wahlkampfes zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon. Bettina Gaus folgt seinem Spuren und besucht viele der Orte, die im Reisebericht von Steinbeck erwähnt werden. Der Unterschied ist doppelt, zum einen reist sie vor den Vorwahlen, als auf Seiten der Republikaner und Demokraten noch keine Entscheidung für den Präsidentschaftskandidaten gefallen ist und zum anderen führt eine Frau andere Gespräche mit den Zufallsbekanntschaften.
Denn dies ist ein wesentliches Element der Reportagen und des Buches. Sie sucht die "Normalen" und versucht mit ihnen Gespräche über deren soziale, wirtschaftliche und politische Situation zu führen. Sie reist ohne Adressbuch und folgt damit keinen Empfehlungen von befreundeten US-Bürgern oder anderen Journalisten, sondern setzt auf den Zufall der Begegnungen mit Personal und anderen Gästen in Besuchszentren, Cafés und Motels, der dann zu längeren Gesprächen führt.
Es ist eine mutige und bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Vorurteilen, die das Bild der Menschen in den USA prägen. Sind diese wirklich so Waffen vernarrt, außenpolitisch unbedarft, religiös und freundlich oberflächlich.

Es ist Herz erfrischend, den optimistischer Tonfall zu lesen. Sie schreibt von einer Hochstimmung, die sie bewegt, als sie New York hinter sich lässt. Sie reflektiert bereits an den ersten Tagen über die Verklärung der Fremde, die speziell zu Mythen über den US-Amerikaner und sein Land führten. Doch es gibt natürlich auch Verhaltensformen, die in Europa und speziell in Deutschland nicht oft zu finden sind, wie Hilfsbereitschaft ohne Hintergedanken und Diskretion. Es wird einem geholfen und Ende des Kontakts.
Die Gespräche handeln auch immer wieder von Deutschland, denn wenn die Angesprochenen von ihrer Herkunft erfahren, werden Stereotypen und Vorurteile über unser Land nachgefragt, die ähnlich fremd sind, wie deutsche Beschreibungen der USA und seine Bewohner.
Bemerkenswert für jeden Reisenden mit offenen Augen sind die erheblichen sozialen Unterschiede. Ich spreche nicht von den Villen, die ob nun in Deutschland oder den USA oftmals nicht zu sehen sind, sondern die andere Seite, die bei uns in Sozialwohnungen lebt und in den USA in verrottenden Trailern, Slums oder Indianerreservaten. Die unrealistischen Träume oder manchmal sogar Hoffnungslosigkeit sind bemerkenswert. Migration ist wesentlich für die USA, aber es ist nicht nur eine Zuwanderung. Es gibt Regionen, die in der aktuellen Phase der Deindustrialisierung erst die Arbeitsplätze und dann die Hoffnungsvollen und gut ausgebildeten verlieren. Bettina Gaus passiert kleine und große Städte, die in den letzten 50 Jahren ein Drittel bis die Hälfte ihrer Bevölkerung verloren haben.

Als Historiker fasziniert, wie Geschichte vor Ort erinnert und dargestellt wird. Es ist eine Geschichte der Sieger. Scheinbar wird jedem Weißen, der im Kampf gegen Indianer starb, gedacht, aber zur Geschichte der Indianer und der schwarzen Sklaven finden sich nur wenige Erinnerungsstätten. "Geschichte" kommt als kostenpflichtige Show mit Eintrittsgeld und zusätzlichen Kosten für jede "Attraktion". Disneysierung! Nicht nur negativen Episoden in den USA sondern auch im Ausland (Vietnam) werden verdrängt.
Die beschriebene Segregation nach Lebensentwürfen und vor allem nach sozialen Gruppen hat interessante Folgen. Die Seniorensiedlungen mit ihren spezifischen Angeboten für ihre Bürger haben nur wenige junge Familien. Die werden aber wiederum für eine gesellschaftliche Aufgabe wie die Freiwillige Feuerwehr benötigt. Oder Schulen werden mangels Kinder geschlossen und für die verbleibenden Familien bedeutet dies, lange Fahrwege für ihre Kinder in Kauf zu nehmen oder den Ort verlassen und damit die Segregation verstärken.
Alle Beschreibungen sind dabei stets selbstkritisch begleitet, denn John Steinbeck schrieb bereits in seinem Bericht: "Was ich hier niederschreibe, ist so lange wahr, bis ein anderer dieselbe Strecke fährt und die Welt nach seinen Vorstellungen neu arrangiert." (zitiert nach B. Gaus, "Auf der Suche nach Amerika" S.50)

Die Verteidigung des Waffenbesitzes in den USA ist für viele Menschen in Europa nur schwer nachzuvollziehen. Argumente wie, dass jährlich mehr als 3.000 Jugendliche und Kinder in den USA durch Schusswaffen getötet werden, werden Beiseite gewischt, da es nun mal Verrückte gibt und deren Fehlverhalten nicht Maßstab für die vernünftigen Waffenbesitzer sein sollte. Die Argumentationen zeugen davon, dass die "Waffennarren" (meine Wortwahl) zumindest den Waffenbesitz reflektieren.
Die fehlende Kritikfähigkeit vieler US-Amerikaner findet sich mehrmals auf der Reise. Sinclair Lewis, der wie auch John Steinbeck nur früher den Literatur-Nobelpreis verliehen bekam, hat den Ort seiner Jugend nicht positiv beschrieben. Das hat die Stadt selbst 80 Jahre später nicht verziehen.

Bettina Gaus hat einen angenehmen Humor. Ihre behutsam eingestreute Ironie, die manchmal auch in Polemik abgleitet, ist verständlich und ist stets mit sich wiederholenden Merkwürdigkeiten (zum Beispiel: "Hall of Fame", Missionskirchen) begründet. Kopfschüttelnd notiert sie Aussagen zu Genmais oder der Todesstrafe oder abfällige Bemerkungen von weißen Gesprächspartnern über Schwarze oder Indianer. Doch auch Indianer und Schwarze reden abfällig über die jeweils anderen.
Es wird ein Bild gezeichnet, in dem die Menschen nebeneinander aber nicht miteinander leben. Doch in diesen Punkt unterscheidet sich die USA nur wenig von Deutschland. Schon vor 25 Jahren sagte ein Freund, als die Gewerkschaften die Kampagne gegen Ausländerfeindlichkeit unter dem "mach meinen Kumpel nicht an" startete, sei realistisch und sage mir, wie viele ausländische Freunde du hast.
Patriotismus und generell der Glaube, dass die USA das beste Land der Welt ist, wird immer wieder thematisiert. Fragen nach den US-Flaggen vor Privathäusern oder den ständigen Absingen der Nationalhymne bei allen Gelegenheiten, werden nicht verstanden. Aber im positiven Gegensatz zu Europa wird die USA von vielen Gesprächsteilnehmern als eine Einheit verstanden. Wenn in einem Nachbarstaat oder am anderen Ende der USA etwas passiert, interessiert das viele Menschen. Hier in Europa ist der Mehrzahl der Menschen doch egal, was in Rumänien oder in Bulgarien passiert, auch wenn sie sich selbst als Europäer verstehen.

Drei Monate sind eine lange Zeit und wie auch ihr Vorbild John Steinbeck macht sich zum Ende eine Sättigung und Ermüdung bemerkbar. Die Muße ein Bundesstaat zu bereisen und hier und dort Gesprächspartner zu finden ist vorbei. So wie Bettina Gaus froh war, New York zu verlassen, ist sie nun froh wieder von dort das Land zu verlassen.
Ich könnte noch viel mehr nacherzählen und anmerken, aber es sollte dem Leser dieser Zeilen bereits klar sein, wie anregend dieses Buch ist.
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Aktuell (Herbst 2013) wird das Buch für 4,95 Euro von 2001 verkauft.

Dienstag, 27. November 2007

Spanish Influenza - Etymology and local names

In September 1998 I attended the international conference "The Spanish Flu 1918-1998: Reflections on the Influenza Pandemic of 1918-1919 after 80 Years", where I helped a little bit with the organization, presented a paper on etymology, a poster on epidemiology and a working bibliography. The conference was organized by Dr. Howard Phillips (Historian, University of Cape Town) and Prof. David Killingray (Historian, Goldsmiths College, University of London) both are well known for their research on Spanish Influenza.
Between September 12 and 15 1998 research groups from 15 countries presented 37 papers arranged in 12 sessions. Virologists and medical historians talked about the virus, epidemiology and the medical experience; geographers, ethnologists, statisticians and historians presented case studies and put the pandemic into a greater perspective (regional, demographical, historical). 16 Papers were later published in the book "The Spanish Influenza Pandemic of 1918-19 - New perspectives", edited by Howard Phillips and David Killingray (Routledge Studies in the Social History of Medicine 12; London 2003) (here a link to the publisher).
My paper had a very long title: "What’s in a name. Spanish Influenza in sub-Saharan Africa and what local names say about the perception of this pandemic" and was presented in session 10 „Recollections of the pandemic”. This paper was not selected for publication in the mentioned book and I converted the paper into a pdf-file that you can find here.
At least my 50 pages bibliography on regional studies could be found in the mentioned book!

Here is an abstract of my paper:
During research for an interregional comparative study on social and economic patterns of reaction to the Spanish Influenza in sub-Saharan Africa I came across many local and regional names for this disease. Out of curiosity I started a data base with these different names.
It will be argued that names and descriptions for Spanish Influenza mirror patterns of reaction. Names are somehow sources for history. I do not want to overemphasise the process of naming but I just want to show how popular perceptions help to understand the pandemic.
I start with a general look at the Spanish Influenza and give examples for names pinpointing to areas of origin. The question who was responsible for the calamity leads to a discussion of an „imperial” disease introduced by the „White Man”. The paper continues with examples for religious explanations and descriptions of the disease as a natural disaster. The perceived strangeness of the disease lead to several names that are describing the most important symptoms. My paper ends with remarks on the importance of the Spanish influenza for personal periodization in oral history and oral tradition.
Naming is based on perception of significance of an event. What was Spanish on the „Spanish Influenza” and why is the disease called „Influenza” after all. Therefore the papers starts with the etymology of the name "Influenza" and I argue that a combination of a strange astronomical phenomenon and a serious epidemic in the winter 1503-1504 in Italy baptised the disease as influenza.

An introduction to my earlier case study on Spanish Influenza in Kenya could be found here.

Keywords: Spanish Influenza, Spanische Grippe, pandemic, Pandemie, epidemic, Epidemie, epidemiology, Etymologie, Wortursprung, 1918-1920
Regional focus: Africa, Senegal, Sierra Leone, Gold Coast, Ghana, Kenya, South Africa, South Rhodesia, Zimbabwe

Sonntag, 11. November 2007

Tagebuchirrtümer

In einer Rezension eines vom Autor selbst kommentierten Tagebuchs, dass während der Zeit des Prager Frühlings in Leipzig geschrieben wurde, fand ich ein bemerkenswertes Zitat:
Wer Tagebuch schreibt,
bleibt seinen Irrtümern verbunden.
(Hartmut Zwahr 2007 Die erfrorenen Flügel der Schwalbe. DDR und Prager Frühling)
Was für ein wahrer Satz!

Dieses digitale Tagebuch notiert vor allem Reaktionen und Beobachtungen in Tagespolitik, Medien und Kultur. Meine echten Tagebücher reichen bis 1980 zurück und weisen zum Teil jahrelange Lücken auf. Auf der Suche nach bestimmten Fakten habe ich immer mal wieder einige der Einträge kurz überflogen und neben Perlen auch vieles gefunden, dass leicht hin als Irrtum bezeichnet werden kann.

Nur noch eine kurze bio-bibliographische Anmerkung zum Zitat. Hartmut Zwahr war Professor für Sozialgeschichte an der Universität Leipzig und wurde 1967 gezwungen in die-Partei einzutreten, um weiter als Historiker an der UNI arbeiten zu dürfen. Rudolf Walther rezensiert im tazmag, der Wochenendbeilage der taz das Tagebuch und seine etwa 1.000 Anmerkungen und Kommentare. Hartmut Zwahr und seine Frau Annette, die Tschechisch verstand hörten tschechische Radiosendungen und lasen die wichtigste Zeitung der Regierung, den Rudé právo (hier der englische Wikipedia-Eintrag, der deutsche Eintrag ist dürftig).

Hartmut Zwahr
Die erfrorenen Flügel der Schwalbe. DDR und 'Prager Frühling'.
Tagebuch einer Krise 1968 bis 1970.
Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2007, 434 Seiten, 36 Euro.
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Nachtrag (28.04.2008): Zu diesen Eintrag erreichte mich ein Kommentar von anonym. eigentlich veröffentliche ich keine Kommentare von Personen, die anonym bleiben, mache hier aber mal eine Ausnahme, weil die Bemerkung mit so viel Furor geschrieben wurde.

Montag, 1. Januar 2007

Bjoern Lomborg – revisited

Bjørn Lomborg "Apocalypse No! Wie sich die menschlichen Lebensgrundlagen wirklich entwickeln", Lüneburg: von Klampen Verlag, 2002.
Das im Original dänische Buch (Verdens Sande Tilstand, 1998) wurde auf der Grundlage der erweiterten englischen Ausgabe The Skeptical Environmentalist, Cambridge University Press, 2001 übersetzt.

Nach dem Hinweis von Erkki habe ich das Buch und die hoch informativen Internetseiten lomborg.com und anti-lomborg.com in die Literaturliste für eine der Arbeitgruppen des Europa-Kollegs aufgenommen. Es wurde eine sehr gutes Referat gehalten, doch leider wurde die Kontroverse um Lomborg mit keinem Wort erwähnt.

Das Buch ist anthropozentrisch und positivistisch. Es fragt stets, was hat ein postulierter Notstand an einer Ressource oder die Prognose einer solchen für Auswirkungen auf den Menschen. Es ist eine Repetition Argumentation im Stil von, "vor 10-20-30 Jahren wurde gesagt, dass es diese oder jene Katastrophe gibt, aber heute wissen wir, dass dies nicht stimmt". Es ist also im Prinzip ein Buch, dass gegen den Katastrophismus in der Umweltbewegung argumentiert und polemisiert.
Ich würde dem Buch keine Bedeutung beimessen, aber Cambridge University Press hat die Thesen dieses dänischen Politologens durch eine Aufnahme in seinem Katalog geadelt. Das Buch ist ein Stachel im Fleisch und hilft damit, die Argumentationen der Umweltbewegung zu überprüfen und zu pointieren.

Es findet sich zum Teil grausiger Unfug im Buch. Unter dem Titel "Sterben die Wälder" wird behauptet, dass der Amazonas-Regenwald nicht die Bedeutung für Biomasse, Sauerstoff und Artenvielfalt hat, wie stets angenommen wird. Zum Artensterben wird nur festgestellt "Nicht alle von ihnen stellen eine ökonomische Ressource dar (...), aber es lassen sich natürlich moralische Gründe für ihre Erhaltung anführen" (S. 140f.).
Nach Lomborg gibt es weder eine Energiekrise (S.145-165) noch Wassermangel (S. 179-189) in der Gegenwart oder in den nächsten Jahrzehnten. Es wird ausgiebig aus den staatlichen Untersuchungsprogrammen der US-Regierung zum sauren Regen und anderen Umweltphänomen zitiert, ohne zu thematisieren, dass diese Forschungsansätze wegen ihres eingeschränkten Forschungsziels (es sind GUTachten für die Regierung) zweifelhaft in Methode und Ergebnis sind.

Das wichtigste Öko-Thema der Gegenwart ist der vom Menschen beeinflusste Klimawandel. Auch Lomborg widmet diesem Thema unter der Überschrift "Der Treibhauseffekt" ein Großkapitel (S. 301-377). Wer sich einmal intensiv mit dem Wettergeschehen oder sogar wissenschaftlich mit Klima und Meteorologie beschäftigt hat, wird große Probleme haben, diese einseitige Quellenauswahl zu lesen. Grundthese ist, dass der Markt alle Probleme lösen wird. Wenn Kohlendioxid ein Problem ist, werden die Kosten für die Schäden eines Klimawandels schnell zu einer Reduzierung führen. Auch würde Klimawandel und die Zunahme der Kohlendioxidkonzentration in der Luft nicht weltweit als ein Problem angesehen, da nun neue Siedlungsgebiete in Kanada und Russland dem Menschen offen stehen.
Bjørn Lomborg hat einfach keine Ahnung von Ökologie und der Langsamkeit von Veränderungen. Wir erleben zur Zeit gerade einmal die Auswirkungen der Veränderungen der unmittelbaren Nachkriegszeit. Ein sofortige Reduktion von Kohlendioxid-Emissionen würde sich erst in Jahrzehnten bemerkbar machen.

Lomborg hätte bestimmt eine weitere lebhafte Debatte im EK06 zur Folge gehabt.

Donnerstag, 28. Dezember 2006

Friedhelm Rathjen 2004 Kuckuckseier und Nestbeschmutzer

RATJEN, Friedhelm (2004) Kuckuckseier und Nestbeschmutzer. Literarische Heimaterkundungen zwischen Ems und Elbe (Edition Rejoyce Band 4). Scheeßel, 165 Seiten.

Friedhelm Ratjen war mir bisher nur als hoch gelobter Übersetzer ein Begriff. Als ich aus reiner Neugier in der LaBi prüfte, ob es neue Publikationen über Scheeßel dem Heimatort der Hälfte meiner Vorfahren gibt, stieß ich gleich auf mehrere Bücher aus Scheeßel, die in der EDITION ReJOYCE erschienen sind.
Das Buch versammelt neun überarbeitete Texte, die ursprünglich für Radio Bremen entstanden sind und zwischen 1988 und 2000 erstmals gesendet wurden. Zwei der Texte sind in direkter Anlehnung an Arno Schmidts Radiotexten als Dialog zwischen fiktiven Literaturfreunden verfasst. Im Vorwort schreibt Ratjen, dass dieses Buch für Ortsfremde viel über seine Heimat, für Norddeutsche etwas über ihre Heimat und für Literaturbegeisterte etwas über literarische Figuren und ihre regionalen Hintergründe erzählt. Der Name Arno Schmidt reichte, um das Buch auszuleihen.

Diese nun zu lesenden Hörstücke behandeln im Einzeln:
  1. Den Astronomen Johann Hieronymus Schröter (1745-1816) aus Lilienthal;
  2. Arno Schmidts (1914-1979) vergeblicher Versuch die Wohnung des Küsters von Sankt Jürgen bei Lilienthal zu mieten. Er wollte dort seinen Großroman über Schröter vollenden. (Dialog)
  3. Einen Ausschnitt aus dem Lebenslauf von Hinrich Meyer (1837-1922) aus Westervesede im Kirchspiel Scheeßel, der als Missionar in die USA auswanderte;
  4. die Poesie von Heinrich Heitmann (1871-1919) aus Westervesede, der ebenfalls in die USA auswanderte und dort zum erfolgreichen Geschäftsmann wurde, der sich schließlich seinen literarischen Neigungen widmen konnte;
  5. Arno Schmidts oftmals sexuell aufgeladene Beschreibung von Fahrrädern;
  6. das Leben des Expressionisten Ferdinand Hadekopf (1876-1954) am Jadebusen;
  7. Ernst Blochs (1885-1977) Reflexionen über Heide und Moor;
  8. ein Dialog über den Lyriker Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) aus Vechta;
  9. abschließend allgemein über Nestbeschmutzer. Wie Dichter ihre Heimat verhöhnen.
Als Schmidtianer (war einst ein Mitglied der GASL Gesellschaft der Arno Schmidt Leser) haben mir besonders die Stücke 1, 2 und 5 gefallen. Friedhelm Ratjen hat interessante Quellen zu den genannten Personen aus Norddeutschland aufgetan. Für 3 und 4 wird ausgiebig aus Schriften des Pastors Georg Wilhelm Friedrich Beneke zitiert, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Philosoph in der Heide versucht, seine Mitmenschen zu beschreiben. Es ist sehr viel Frustration herauszulesen und ich vermute einmal, das der Pastor mit guter Ausbildung in die Einöde eines Kirchspiels abseits der überregionalen Handelswege versetzt wurde und nur durch seine Schriften intellektuell überlebte.
Nach einer allgemeinen Einführung in Nestbeschmutzer vieler Länder wird im letzten Stück der Brite Wyndham Lewis und sein 1939 im Deutschen Reich erschiene Der mysteriöse John Bull gewürdigt. Es wird hier die These vertreten, dass diese Beschimpfung der Engländer, die so positiv von den Nazis aufgenommen wurde, in Wirklichkeit eine Beschimpfung der Niedersachsen ist. Der menschliche Typ des John Bull sei überall in den niedersächsischen Dörfern zu finden und für eine Verfilmung hätte es Probleme gegeben, einen John Bull in England zu finden.
Dies immer noch bestehende Verwandschaft von Engländern, soweit sie Nachfahren der Angeln und Sachsen sind, und Niedersachsen erscheint mir wie eine gewagte Interpretation.