Posts mit dem Label Geschichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Geschichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 25. Januar 2020

Krankheit Nationalismus

Na·ti·o·na·lis·mus (nat͡si̯onaˈlɪsmʊs), Substantiv, m

Nach ICD 12 eine Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis (F20.3). Im akuten Krankheitsstadium treten bei nationalistischen Menschen eine Vielzahl charakteristischer Störungen auf, die fast alle Bereiche des inneren Erlebens und Verhaltens betreffen, wie Wahrnehmung, Denken, Gefühls- und Gemütsleben, Willensbildung, Psychomotorik und Antrieb.
Die Krankheit wird seit dem frühen 19. Jahrhundert beschrieben. Sie wurde zunächst durch die Luft als Wort-Infektion verbreitet. Individuelle Erkrankungen können zu Epidemien werden und Bewohner von Regionen und Länder gefährden. Im 20. Jahrhundert starben viele Millionen Menschen an den Folgen des Nationalismus.
Heutzutage wird diese Ausbreitung von Worten in digitalen Medien beschleunigt und verstärkt.
Seit 2016 wird die USA von einer schweren Epidemie heimgesucht.

Sonntag, 6. März 2016

Schulbücher und die Realität

In der taz am wochenende thematisiert Ralf Pauli  das Problem von Schulbüchern, die nicht mehr die Realität widerspiegeln. In vielen Lehrbüchern gibt es weiterhin die Deutschen und die Anderen, auch wenn heute mehr als ein Drittel der Schülerinnen und Schüler einen sogenannten Migrationshintergrund haben.
Schulbücher sind eine Ware. Ihr Angebot basiert auf den Lehrplänen der Bundesländer und der Nachfrage durch die Schulen. Lehrpläne werden regelmäßig angepasst und wenige Jahre später finden sich diese Veränderungen in den Publikationen der Schulbuchverlage.

Doch gibt es eine Persistenz in Themen, Beispielen und Wortwahl.
In den 1990-er Jahren habe ich dies als Mitglied einer Arbeitsgruppe am Historischen Seminar  erlebt. Damals gab es einen neuen Lehrplan "Geschichte in der SEK II". Außereuropäische Geschichte war als ein Thema vorgesehen.
Unsere Gruppe erarbeitete Beispiele aus der Geschichte Mexikos, Chinas und mehrerer afrikanischer Territorien für die Schule. Selbst leitete ich die Afrika-Gruppe. Wir wollten weg von der bis dahin in den Schulbüchern gelehrten Kolonialgeschichte.
Kontakte mit Schulbuchverlagen führten zumindest zu einem Seminar am Braunschweiger Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung. Dort stellten wir den Wissenschaftlern vom Institut und anderen Universitäten unsere Zwischenergebnisse vor. Wir fanden keinen Verlag, gewannen aber einen Buchpreis der UNI Hannover für unser Projekt.
Unser 148-Seiten-Schulbuch wurde 2002 als kostenfreier Download veröffentlicht. Selbst habe ich das Kapitel "Afrika gibt es nicht" verfasst. Die vier Afrika-Beispiele sind einzeln über die Seiten des Historischen Seminars zu erreichen:
Pierre-Marie Courdouen "Zwischen zwei Kolonialreichen - Algerien im 19. Jahrhundert"
Gunnar Meyer "Transatlantischer Sklavenhandel - Das Beispiel Dahomey" (heutige Benin)
Birgit Niemeyer "Der Maji-Maji-Krieg" (heutige Tanzania)
Mark Holthoff "Mfecane" (heutige Südafrika)

Doch zurück zum taz-Artikel. Die aktuellen Schulbücher reproduzieren Stereotype. Migration wird als ein Problem für Deutschland und für die Zuwandernden dargestellt. Dieses Bild hat etwas mit den bereits erwähnten langen Vorlauf einer Publikation zu tun.
Die Gesellschaft verändert sich, Jahre später wird als Reaktion darauf im Kultusministerium eine Anpassung der Lehrpläne initiiert. Bis diese erstellt sind und die Schulbuchverlage ihre Publikationen anpassen vergehen wieder einige Jahre. Am Ende hinken Schulbücher der Realität mehr als ein Jahrzehnt hinterher.
Im Fall der Kolonialgeschichte, die sich seit den 1960-er Jahren in der Forschung über eine kritische Kolonialgeschichte zur außereuropäischen Geschichte (1980-er Jahre) entwickelte, war dieser Prozess Anfang des 21. Jahrhunderts noch nicht in den Lehrmaterialien für Schulen angekommen. Texte in Schulbüchern begannen, Kolonialgeschichte kritisch zu beleuchten und waren etwa 30 Jahre hinter der wissenschaftlichen Diskussion.

Montag, 9. November 2015

Neue Straßennamen in Hannover

In Hannover werden in den nächsten Jahren verschiedene Straßen umbenannt. Den Namen einer Person auf einen Straßenschild zu „verewigen“ ist eine der größten Ehrungen, die eine Gemeinde vergeben kann. Doch hat es Fehler in der Beurteilung einer zu würdigenden Person gegeben.

Prominentes Beispiel ist der 1. Niedersächsische Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf, dessen Name für den Platz vor dem Landtag gewählt wurde. H. W. Kopf hat wie fast alle Mitglieder der wirtschaftlichen, juristischen, administrativen und politischen Elite nach 1945 einen Persilschein bekommen. Er war angeblich „sauber“ und in keiner Weise an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit in den 12 Jahren zuvor beteiligt.
Als Ministerpräsident machte er große Politik in dem neu gegründeten Bundesland. Doch er hatte gelogen, was seine Mitwirkung und Teilhabe an Verbrechen in der Nazi-Zeit betrifft. Seine weiße Weste ist verschmutzt und der Platz heißt seit diesem Frühjahr Hannah-Arendt-Platz.

Eine Kommission der Stadt überprüfte eine Vielzahl von Straßennamen. Kritische Historiker und Heimatforscher hatten in den letzten Jahrzehnten bereits Vorarbeit geleistet und Namen genannt, die keine Ehrung im Stadtbild verdienen (Beitrag zum Thema von 2012).
Im Stadtteil List soll die Fritz-Beindorff-Allee umbenannt werden. Fritz Beindorff war der Besitzer der Pelikan-Werke, deren Produkte den meisten durch ihre ersten Füller und Tintenpatronen wohl bekannt sein sollten. Fritz Beindorff gehört zu den zwanzig deutschen Unternehmern, welche Ende 1932 den Reichspräsidenten aufforderten, Adolf Hitler zum Reichskanzler zu ernennen. Im Krieg arbeiten bei Pelikan Zwangsarbeiter und seit mindestens 1942 gab es direkt auf dem Fabrikgelände ein Zwangsarbeiter-Lager der GESTAPO. Die Pelikan-Werke gehörten zur NS-Kriegswirtschaft mit Arbeitskräften, deren Leben täglich gewaltsam enden konnte.

Die Umbenennung sollte kein Problem sein, denn es handelt sich um eine sehr kurze Straße (weniger als 20 Häuser) und das Namensrecht liegt bei der Stadt, die Vorschläge der Stadtbezirke aufgreifen kann. Es ist keine Bürgerbeteiligung vorgesehen. Mitglieder des Bezirksrat Vahrenwald-List äußerten die Sorge, dass diese Umbenennung einmal mehr zu Unmut über „die da oben“ führen kann. Eine gute Information über die Unwürdigkeit von Fritz Beindorff und vor allem über die neu zu ehrende Person kann dies verhindern. Und die Kritiker seien nur daran erinnert, dass Namensänderungen sehr häufig sind und das es dafür viele Gründe geben kann. Das Haus, in dem ich wohne, wurde in der Edenstraße errichtet. Eine neue Verkehrsführung der Ferdinand-Wallbrecht-Straße teilte die Edenstraße, das Drittel im abgetrennten Bereich wurde der Göbelstraße zugeschlagen.

Es gibt bei den Umbenennungen nur ein hannöversches Problem. Neue Straßennamen soll bevorzugt nach bedeutenden Frauen benannt werden und angeblich fehlt es an verstorbenen Würdenträgerinnen, die noch nicht in den letzten Jahrzehnten geehrt wurden.
Lächerlich! Wie sieht es aus mit den ersten Professorinnen der damaligen TH Hannover. Oder Politikerinnen, die das Wahlrecht für Frauen in Hannover propagierten oder nach 1945 in der Stadt, im Stadtrat oder Landtag ein neues Bild einer aktiven Frau repräsentierten. Oder wie wäre es mit einer der ersten Schauspielerinnen, welche fest am städtischen Theater engagiert wurde oder einer der ersten Solomusikerinnen in einem städtischen Orchester.

Diese Namen sind zur Zeit in der Öffentlichkeit nicht bekannt. Mit der Ehrung auf einem Straßenschild würde der Wandel des Frauenbildes an einzelnen Personen dokumentiert. Es sollte kein Problem sein, eine bisher nicht geehrte Frau zu finden.
- - - - -
Die Verknüpfungen führen zu zwei Artikeln in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (2.4.2015, 1.10.2015), zu Wikipedia-Einträgen und anderen Beiträgen von mir. 2012 habe ich erstmals über Straßenanmen als Ehrung für Jahrhunderte geschrieben und dies vor allem am Beispiel der Deutschen (blutigen) Kolonialgeschichte erläutert (Lettow-Vorbeck, Wissmann, Peters).

Freitag, 19. Juni 2015

Waterloo, Napoleon und Scheeßel

Meine Vorfahren stammen von der einen Seite aus dem Kirchspiel Scheeßel zwischen Hamburg und Bremen. Zum Ende der Franzosenzeit war dies ein Teil des Kantons Rotenburg im Arrondissement Bremen des Departments Wesermündung.
Die französische Besetzung und Verwaltung erreichte konkret jeden Haushalt. Die Besetzung bedeutete zum Beispiel die Einquartierung von französischen Soldaten. Erstmals wurden systematisch alle jungen Männer gemustert und aus den Geburts-Jahrgängen 1786 bis 1794 wurden Dutzende für den Feldzug gegen Russland eingezogen, von denen die Mehrzahl nicht wiederkehrte.

Beides hat den Kirchbüchern von Scheeßel Spuren hinterlassen. Es sind dies die indirekten Nachrichten in den Beerdigungsregistern.
So starben im Juni 1810 drei französische Soldaten bei Badeunfällen in der Wümme und im September 1810 erschoss sich ein Soldat. Im folgenden Jahr kam es zu einen weiteren Badeunfall und zu einem Totschlag nach einem Streit in einer Gastwirtschaft.
1815 waren auch Soldaten aus Scheeßel als Teil des Bremervörder Landwehrbataillons an der Schlacht in Belgien beteiligt.
Lütje Volckmer, Sohn von Häusling(1) Caspar Volckmer in Oldenhöven (23 Jahre). Soldat im Bremervörder Landwehrbatallion. In der Bataille bei Mont St. Jean hat ihm eine Kanonenkugel das rechte Bein abgerissen, woran er gestorben ist. Begraben am 19. Juni nach Kriegesbrauch bei Waterloo in Braband.
Johann Behrens, Sohn von weiland
(2) Hinrich Behrens, Baumann(3) zu Abbendorf (Nemannshaus) und Dorothea geb. Tietje. War Soldat beim Bremervörder Landwehrbatallion, gestorben im Hospital von Bois de Boulogne bei Paris im Hospital, 22 Jahr, 5 Monate, 9 Tage, Ruhr Krankheit, 3 Wochen gelitten, den 5. October nach Kriegesbrauch beerdigt.
Claus Christoph Heitmann, Sohn von Hinrich Heitmann, Kötner
(4) in Veerse und Adelheit. Soldat im Bremervörder Batallion, gestorben im Hospital Neuilly bei Paris im Generalhospital, 25 Jahr 5 Monate 3 Tage, Ruhr Krankheit, 14 Tage krank gewesen, den 9. October nach Kriegesbrauch beerdigt.
(1) Tagelöhner
(2) verstorben
(3) Bauer mit Hofstelle
(4) Kleinbauer
Es war die allgemeine Wehrpflicht (zunächst der Franzosen und dann der Norddeutschen), die erstmals einen Krieg in jede Gemeinde und in fast jede Familie trug.

Diese drei Todesfälle dokumentieren eindringlich was auch im Allgemeinen gilt. In der Frühen Neuzeit war fast jede größere Kriegsverletzung tödlich. Sei es durch Blutverlust, sei es durch Entzündungen. Seuchen breiteten sich in der Etappe aus und es gibt Beispiele dafür, dass mehr Soldaten an Krankheiten starben, als an kriegerischen Verletzungen.
- - - - -
Quellen: Kirchbücher Scheeßel, Beerdigungsregister, 1810-1815 (keine wortwörtliche Wiedergabe, deshalb auch nicht als Zitat markiert);
Hinrich Meyer "Geschichte des Kirchspiels Scheeßel", 1955;
Gemeinde Scheeßel "Chronik Kirchspiel Scheeßel", 1997.

Sonntag, 15. Februar 2015

Jules Verne 1887 Der Weg nach Frankreich

Die Freunde der Romane und Erzählungen von Jules Verne wissen aus seiner Biographie und aus Bibliographien, dass einige seiner Werke nicht ins Deutsche übersetzt wurden.
Dies umfasste u. a. LE CHEMIN DE FRANCE aus dem Jahre 1887. Nun liegen gleich zwei Übersetzungen vor. Einmal die Übersetzung von Gudrun Hermle (Verlag Sven R. Schulz, Berlin 2012) und eine Gruppenübersetzung unter der Leitung von Prof. Dr. Ralf Junkerjürgen, die im ABLIT Verlag (München 2013) erschien. Die vollständige bibliographische Angabe findet sich am Ende dieses Beitrags.
Eine Gruppe von Studierenden aus Frankreich und Deutschland am Institut für Romanistik der UNI Regensburg schuf die deutsche Fassung unter der Leitung eines Übersetzers (Prof. Junkerjürgen) eines weiteren bisher nicht übersetzten Roman von Jules Verne. Eine der Übersetzerinnen informierte mich frühzeitig über das Projekt und so wurde mir durch Subskription sofort nach Drucklegung ein Exemplar zugeschickt.
Dies als Vorwort, doch ich möchte hier den Roman vorstellen.

Der Weg nach Frankreich schildert die Flucht einer kleinen Gruppe von Franzosen und Nachkommen von ausgewanderten Protestanten aus Frankreich von Belzig im preußischen Brandenburg ins nördliche Lothringen im Sommer 1792.
Es gibt oftmals einen Ich-Erzähler bei Jules Verne, doch hier ist es etwas besonders, da der Erzähler kein Gebildeter ist, sondern ein Sohn eines Bauern aus der Picardie, der erst im Alter von 31 Lesen und dann Schreiben lernte.
Es ist also eine bewusst einfache Sprache, die oftmals einen mündlichen Erzählstil folgt.
Wesentlich ist auch der sprachliche Hintergrund der Picardie mit seinen regional typischen Redensarten und Ausdrücken. Hier zeigt sich besonders gelungen die Gruppenübersetzung durch junge Menschen aus Frankreich und Deutschland. Die einen können die Redensarten und regionale Ausdrücke überhaupt als solche erkennen  und die zugrunde liegenden Bilder recherchieren, während die anderen Formulierungen und Bilder im Deutschen benennen, die dem entsprechen. Oftmals werden diese sprachlichen Besonderheiten durch Anführungszeichen betont und mit dem Zusatz "wie wir in der Picardie sagen" ergänzt. Dies betont noch stärker den mündlichen Erzählstil, da der Erzähler seine Geschichte für seine in ganz Frankreich beheimateten Freunde niederschreibt.
Erzählt wird die Geschichte von einem alten Mann von 66 Jahren, der von seinem 18. bis 54. Lebensjahr vom einfachen Soldaten bis zum Hauptmann aufstieg. Der Offiziersrang hing davon ab, dass man Lesen und Schreiben kann, weshalb die beginnende Alphabetisierung während der Handlung so eine große Bedeutung hat. Der Rückblick nach 35 Jahren bedeutet auch, dass der Erzähler den historischen Kontext der Konflikte und ihres Ausgangs kennt. Dieses Springen zwischen der Handlung und erläuternden historischen Rückblenden und Verweisen auf die Zukunft ist das dritte Merkmal dieses Erzählstils.
Das letzte Merkmal der Erzählung ist der sehr persönliche Ton, die dem Erzähler gegeben wurde. Dieser ist oftmals pathetisch und für einen modernen Leser nur dadurch zu ertragen, dass man sich in diesen Momenten an den gewählten Erzählstil erinnert.
Der Erzähler, seine ältere Schwester, ein älterer französischer Händler und seine erwachsene Tochter werden des Landes verwiesen, weil Preußen dem revolutionären Frankreich den Krieg erklärt hatte. Die preußische Regierung gab ihnen hierfür einen Pass, eine vorgegebene Route, die an jeden dort genannten Ort abgestempelt werden musste und ihnen dafür maximal 20 Tage zustand. Die Ausweisung wird zur Flucht auf der gleichen Route, als der deutsche Verlobte, der französischen Tochter und dessen Mutter sich ihnen anschließen. Der junge Mann war zum Militärdienst eingezogen wurden, hatte einen handfesten Streit mit einem Offizier und war nun als zum Tode verurteilter Deserteur auf der Flucht in das Land seiner Ahnen.
Als Widerpart gibt es zum einen den deutschen Offizier, der auch die junge Frau begehrte und Kopfgeldjägern. Da aus vielen östlichen Landesteilen Truppen und ihr Gefolge zur französischen Grenze ziehen, ist es ein wiederkehrendes Trennen und Wiederfinden zwischen den Ausgewiesenen und Flüchtenden auf der Route.
Der Pathos der Akteure zum Ende hin ist für einen modernen Leser gewöhnungsbedürftig.
Hier ist eine kleine Schwäche dieser Ausgabe. Neben den Originalillustrationen von Georges Roux wurden auch neue Zeichnungen angefertigt. Doch zum einen wurden die 35 Originale nicht in den Text eingefügt, sondern nur als Anhang geliefert und zum anderen wurden zwei Landkarten des Originals überhaupt nicht wiedergegeben. Eine oder mehrere, auch neu gezeichnete Karten würden manchmal das Lesen erleichtern, wo es jetzt nur Aufzählungen von Orten und Staaten des deutschen, politischen Flickenteppichs sind. Auch das Finale rund um den Argonnerwald würde durch eine klare Karte besser nachzuvollziehen sein. Die neu gefertigte Skizze mag zwar künstlerisch wertvoll sein, ist aber kartographisch unleserlich.
Der Roman erschließt die Person Jules Verne als französischen Patrioten, der durch die Ereignisse des Deutsch-Französischen Krieges 1870-71 seinen Widerwillen gegen die Deutschen, genauer die Preußen und ihr Verhalten zu Papier bringt. Diese anti-deutsche Tonfall ist es auch, der damals die deutschen Herausgeber in Wien und Berlin davon abhielt, diesen Roman in ihr deutsches Gesamtwerk von Jules Verne aufzunehmen. Es werden auch wirklich einige der üblen Eigenschaften des preußischen Militarismus und des deutschen Untertanengeistes dargestellt. Im Nachwort dieser Ausgabe schreibt der Verne-Biograph und -Übersetzer Volker Dehs (Ko-Herausgeber der Briefe zwischen J. Verne und seinen Herausgebern Hetzel sen. und jun.), dass der zeitgleich publizierte Roman Die fünfhundert Millionen der Begum, der den deutschen Militarismus anprangert, übersetzt wurde.
Es sollte mehr von diesen Kollektivübersetzungen mit Menschen aus der Originalsprache und dem Deutschen geben. Deutsche Lektoren machen gute Arbeit, aber dieser Ansatz ist sehr vielversprechend. Andere Kollektivübersetzungen mit regem Austausch im Team haben schließlich bereits einen hohen Standard definiert, wie in der Edgar A. Poe-Ausgabe von Hans Wollschläger und Arno Schmidt (und Anderen) und seinen publizieren Begleittexten zu sehen ist.

Jules Verne
Der Weg nach Frankreich
Gruppenübersetzung unter der Leitung von Ralf Junkerjürgen

Erschienen zusammen mit
Der Graf von Chanteleine
und einem Nachwort von Volker Dehs

Reihe Avventura Mediterranea Band 5
Ablit Verlag, München, 2013, S. 129-324 und 394-465.
ISBN: 978-3-935410-18-2

Dienstag, 16. September 2014

Flugplatz Rotenburg Wümme

In einem Teil der norddeutschen türkischen Community läuft gerade ein Gerücht, das ich hiermit als falsch erklären möchte. Es gibt keinen günstigen Flüge von Rotenburg in die Türkei!

Nordwestlich von Rotenburg / Wümme liegt die Lent-Kaserne der Bundeswehr, die auf einen Vorläufer einer Nazi-Kaserne von 1936 basiert. Seit 1937 gibt es dort ein Flugfeld, auf dem im 2. Weltkrieg Jagdflieger und Bomber stationiert waren. Von hier wurden Angriffe geflogen und 1944 fand ein großer britischer Luft-Angriff statt, der den Flugbetrieb fast beendete.
1958 übernahm die Bundeswehr das Gelände von den Briten und Einheiten der Heeresflieger waren hier stationiert. Statt einer Grasbahn gab es eine befestigte Rollbahn. 1994 wurden die militärischen Einheiten abgelöst und seitdem gibt es nur noch eine zivile Nutzung.

Der Flugplatz Rotenburg / Wümme ist ein Verkehrslandeplatz der Klasse II. Die 800m lange Rollbahn ist für Flieger bis 5,7t zugelassen. Es gibt keinen kommerziellen Flugbetrieb und es sind auch keine Langstrecken-Charterflüge ab Rotenburg bekannt.
- - - - -
AERO-CONSULT bietet in Rotenburg Charterflüge mit Hubschrauber oder Cessna an (Flugziele Bremen, Lüneburger Haide).
Webseite des Flughafens (Kennung EDXQ)
Geschichte des Fliegerhorsts Rotenburg (Die Kaserne ist nach einem viel geehrter NAZI-Soldaten benannt)
PS: Es gibt auch keine internationalen Flüge ab Rotenburg an der Fulda oder Rothenburg op der Tauber

Freitag, 25. Juli 2014

Zitat Gisbert Haefs 5 - Geschichte oder Geschichten

Ist es nicht befriedigend festzustellen, wie sehr die Geschichte sich von der Geschichte unterscheidet, je nachdem, wer sie erzählt? Und ist es nicht eine Bereicherung, viele widersprüchliche Geschichten zu haben statt nur einer öden Wahrheit, wie sie von Gläubigen jeder Art verfochten wird?
(Gisbert Haefs (2007) Caesar, S.468)
- - - - -
Habe drei Buchnotizen zum Werk und zwei weitere Zitate aus weiteren Werken von Gisbert Haefs gebloggt:

Sonntag, 18. Mai 2014

Filmkritik Grand Budapest Hotel

Was macht einen großartigen Film aus?
Das Grand Budapest Hotel könnte hier ein Vorbild sein.
Humor, Konsequenz, mehr Humor, Imagination und noch mehr Humor.

Filme von Wes Andersen passen in kein Schema und sind deshalb so schwer zu fassen. Der Einstieg ist ein Meisterwerk der Imagination. Da ist zunächst nur ein Hotel als Zeichnung, dann auf der ersten Erzählebene als baufällige Sozialismus-Ruine, die erst mit der nächsten Erzählebene zur dekadenten Schönheit der vergangenen Adelsherrschaft aufwacht.
Wes Anderson ist dabei konsequent anachronistisch. Es werden Daten genannt, es werden Jahre genannt, aber diese können nicht stimmen. Die Anspielungen auf historische Ereignisse (imperiale Zeiten, Kolonialkrieg, zwei Kriege im eigenen Land, preußische Influenza, Übereignung des Hotels an das Volk) lassen Assoziationen zu, die aber früher oder später als Geschichte stattfanden. Diese Anspielungen auf die Geschichte sind oftmals von bitteren Witzen begleitet.

Die Actionszenen sind eine Farce. Ob eine Verfolgungsjagd oder eine Schießerei, alles ist überdreht und erinnert an den Humor, wie er seit den Laurel & Hardy-Filmen bekannt ist.
Die Ausstattung ist pompös und Kamerafahrten machen das Große, Feine, Edle größer, feiner und edler. Der Schnitt spielt mit Überraschungen, wenn plötzlich ein Szene 90° versetzt weiter geht und dieser Perspektivwechsel eine Absurdität einer Situation offenbart.
Die Charaktere und ihre Physiognomien haben etwas von Karikaturen. Seien es die Größenverhältnisse der Personen, ein Muttermal in der Form von Mexiko (Land der Hoffnung für viele Menschen im frühen 20. Jahrhundert), die Frisuren, die Bärte. Der Film spielt manchmal mit Elementen und Möglichkeiten einer Graphic Novel.
Der Humor ist oftmals schwarz. Es sterben Menschen, es werden Menschen ermordet, es werden Menschen verletzt und dennoch werden in diesen Szenen witzige Situationen erzählt. Die Ständegesellschaft (reicher Adel und Bedienstete, aber auch Handwerksmeister/Vorgesetzter und Untergebene) und der Rassismus zwischen Imperium und Kolonie werden durch Verwaltung und Erzählungen erklärt, die für einen modernen Menschen ein schlechter Witz sind.
Es bleibt dabei aber ein warmherziger Film. Es gibt auch Liebe, es gibt bedingungslose Loyalität, die noch mehr als Freundschaft die Verhältnisse prägt.
Filmhistorisch wird auch auf den seit Jahren gepflegten Stil der falschen Fährten in Kriminalfällen verwiesen. Zwei Handlungsstränge werden in kurzen Szenen scheinbar zu einer Handlung, die aber nach einem monströsen Mord sich final als Spiel des Regisseurs mit den Zuschauern herausstellt.

Das ist eigentlich auch die einzige wirkliche Kritik an diesem Film. Es gibt einige Brutalitäten, die nicht wesentlich für die Handlung sind. Ja Mörder, Militärs und Nazis sind brutal, aber da gibt es dann so abstoßende Bilder, welche die Leichtigkeit des Films zerkratzen.

Es ist eine Freude zu sehen, wer alles - zum Teil in sehr kurzen Sequenzen - in diesem Film mitwirkt. Der Film wurde auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären / Großen Preis der Jury ausgezeichnet und gehört zu den inzwischen seltenen Filmen, die zehn oder mehr Wochen im Kino laufen.
Der Film erhält von mir 8-9 von möglichen 10 Punkten auf meiner persönlichen Filmbewertungsskala.
- - - - -
The Grand Budapest Hotel (UK, D 2014, 100 Minuten)
Regie und Drehbuch: Wes Anderson
Musik: Alexandre Desplat
Kamera: Robert D. Yeoman
Schnitt: Barney Pilling
Mit: Ralph Fiennes, Tony Revolori, F. Murray Abraham, Mathieu Amalric, Adrien Brody, Willem Dafoe, Jeff Goldblum, Harvey Keitel, Jude Law, Tom Wilkinson, Bill Murray, Edward Norton, Jason Schwartzman, Tilda Swinton, Owen Wilson u.v.m.

Freitag, 3. Januar 2014

Buch: Alex Capus - 2007 - Eine Frage der Zeit

Lake Tanganyika, Colonial Borders, Tanganyikasee, Deutsch-Ostafrika, Kigoma, Albertville Es ist die Geschichte zweier Männer und ihrer Schiffe. Einmal sahen sie sich aus 100 Meter Entfernung jeweils durch ein Fernglas, ansonsten wussten sie nichts von den anderen. Die beiden Geschichten beginnen in Papenburg und auf dem Gambia.
Die Kolonialzeit und schließlich der 1. Weltkrieg bringen beide zum Tanganyikasee. Der eine als deutscher Schiffsbaumeister, der mit einem kleinen Team das zerlegte Dampfschiff Götzen von Papenburg durch Deutsch-Ostafrika nach Kigoma zum See bringt. Es wurde dort wieder zusammengebaut und erst see- und schließlich kriegstüchtig gemacht. Der andere reist als britischer Marineoffizier mit zwei kleinen Dampfbooten über Südafrika und Rhodesien durch den belgischen Kongo zum Tanganyikasee, um deutsche Schiffe zu zerstören.
Es ist ein angenehmer Plauderton und mit großer Freude wurde bemerkt, dass viele Aspekte der späten deutschen Kolonialzeit und die Orte der Handlung gut recherchiert sind. Selbst die Regenzeit, die jede Arbeit in eine Pause zwingt, ist realistisch geschildert.
Es ist kein kolonialkritisches Werk, es wird aus den Perspektiven der weißen Akteure erzählt und die afrikanische Bevölkerung erscheint nur dort, wo sie außerhalb der Scheuklappen der Akteure erscheint. Doch es geht in diesen Roman schließlich auch um diese Scheuklappen.

Alex Capus
Eine Frage der Zeit
btb-Verlag, München 2010, 350 Seiten

Sonntag, 25. November 2012

Zitat Elisabeth Kostova - Historiker

Das Folgende ist zwar "nur" ein Zitat aus einem populären Roman, brachte mich aber zum Nachdenken:
Es ist eine Tatsache, dass wir Historiker uns für Dinge interessieren, die zum Teil unser eigenes Ich widerspiegeln, vielleicht den Teil, den wir am liebsten nicht untersuchen würden, es sei denn auf dem Feld unserer Wissenschaft.
(Elizabeth Kostova (2005) Der Historiker, S. 314)
Hm, ist da ein Körnchen Wahrheit?

# # # # # #
Ein weiteres Zitat aus diesem Roman zum Thema Reisen.

Montag, 14. Mai 2012

Straßennamen-Benennung als Ehrung für Jahrhunderte

(14. Mai 2012)
Straßennamen erinnern mich stets daran, dass die wohl größtmögliche Ehrung bzw. Demütigung, die einem Menschen widerfahren kann, die Benennung eines Ortes, Objektes, Preises, einer Krankheit oder Eigenschaft ist.
Um mit einem negativen Beispiel anzufangen, sei auf den österreichischen Schriftsteller Leopold von Sacher Masoch (1836-1895) verwiesen, der sich bestimmt nicht gewünscht hat, dass der Psychiater Richard von Krafft-Ebing ihn 1896 als Namenspaten für den Masochismus einführte. Aktuell kämpft die Stadt Schmallenberg, dass ein sich ausbreitender Virus bei Schafen, Rindern und Ziegen nach ihr benannt ist, weil dort die ersten Fälle beobachtet wurden. Und das die Spanische Influenza (1918-1920) nicht von Spanien ausging, sollte auch schon lange bekannt sein. Das John Montagu, der vierte Earl of Sandwich (1718-1792) bis heute im Sandwich weiterlebt, ist dagegen eher amüsant. Doch auch eine Inselkette im Südatlantik wurde 1775 von James Cook nach dem Marineminister Sandwich benannt.

Straßennamen in jedem Ort erzählen etwas über seine Geschichte und die Namen auf den Schildern verweisen auf die Personen, die vom Stadtrat als wichtig erachtet wurden. Viele Orte haben aber auch Personennamen auf den Schildern, die keinen Bezug zu diesem Ort haben, aber aus politisch opportunen Gründen, verewigt wurden.
Während der Nazi-Zeit wurden viele Plätze und Straßen umbenannt, um die "neue" Zeit anzuzeigen. In neu bebauten Straßen und Plätzen wurden lebende und tote Götter und Götzen der Nazis geehrt. In Hannover wurden zum Beispiel die zentrale Bahnhofstr. in Adolf-Hitler-Straße und der Corvinusplatz vor der Stadthalle in Hermann-Göring-Platz umbenannt.
1945 bestand die Entnazifizierung u.a. auch darin, dass die alten Straßennamen wieder eingeführt wurden. In den neuen Straßen wurde offensichtlich nicht so genau hingeschaut und so verblieben Personen, die von den Nazis geehrt wurden, auf einigen Straßenschildern. Es fehlte damals auch die Entschlussfreude, die Ehrung von Militaristen und Kolonialisten zu beenden. Die britische Militärverwaltung kannte wohl nicht die unrühmliche Vergangenheit einiger Geehrter.

Sie jetzt wieder von diesen Straßenschildern zu entfernen ist mühsam und oftmals mit erheblichen Protest der Bewohner der Adressen verbunden.
Hier in Hannover war es zum Beispiel der Carl-Peters-Platz in der Südstadt, der seit 1916 diesen Rassisten und Mörder ehrte, der für das Deutsche Kaiserreich die Grundlagen der Kolonie in Ostafrika schuf. Das auf dem Platz von den Nazis errichtete Denkmal wurde schließlich 1988 um einen Text ergänzt und der Platz 1991 nach der Pazifistin, Schriftstellerin und Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner (1843-1914) benannt.

Hannover hat etwa 4.000 Straßen- und Platznamen und aus seiner Tradition als preußischer Garnisonsstandort finden sich noch Krieger und Nazis den Straßenschildern, die nicht geehrt werden sollten:
  • Alfred von Waldersee, verantwortliche General bei der Niederschlagung des so genannten Boxeraufstandes und Ehrenbürger (Walderseestr., Hannover-List, seit 1904)
  • Die dichtende Hitler-Verehrerin und Nazi Agnes Miegel (Miegelweg, Hannover-Badenstedt, seit 1965)
Die Lettow-Vorbeck-Alle (Hannover-Badenstedt, seit 1937), benannt nach Paul von Lettow-Vorbeck, Kommandant in Ostafrika im 1. Weltkrieg, der mit seiner Politik der verbrannten Erde mehr als 100.000 Menschen tötete, ist schon fast Geschichte. Ein wesentlicher Teil wurde bereits 1983 umbenannt und der Rest wird hoffentlich demnächst in Namibia-Allee umbenannt.

Hinzu kommen, all die Namen, die an die koloniale Vergangenheit erinnern sollen. In Hannover ist dies vermutlich auf Erich Obst, dem Autor des 13-bändigen Kolonialhandbuchs (1941-43), der bis 1938 und wieder ab 1945 Professor für Geographie war, zurückzuführen.
Die Erinnerung an die Kolonien in Afrika wurde im sogenannten Afrikaviertel in Hannover-Badenstedt durch die Ostafrikastraße, den Kamerunweg (früher Kamerunstraße, beide seit 1937), den Togoweg und die Windhukstraße (beide seit 1959) und allgemeiner durch den Savannenweg und den Safariweg (beide seit 1965) gepflegt. Früher wurden bereits die Afrikaforscher und Kolonialpolitiker Gustav Nachtigal (N-straße in Hannover-Südstadt, seit 1928) und Hermann Wissmann (W-straße in Hannover-Südstadt, seit 1928 - siehe auch meinen Beitrag zu Wissmann in Bad Lauterberg) mit einem Straßenschild geehrt. Hinzu kamen der Afrikaforscher Gerhard Rohlfs (R-straße in Hannover-Südstadt, seit 1939) und der einflussreiche Hamburger Kolonialhändler und -politiker Adolph Woermann (W-straße in Hannover-Badenstedt, seit 1939)

Nicht jedes Straßenschild muss neu beschriftet werden, manchmal reicht eine Erläuterung um aus einer Ehrung ein Denk-Mal zu machen und die Menschen daran zu erinnern, dass es schon immer Beispiele dafür gab, dass die Falschen geehrt werden.
Doch in Hannover hat man auch noch eine andere Lösung für die falschen Namen auf einem Straßenschild gefunden. Im Fall von Nachtigal und Wissmann gibt es noch andere Personen mit diesem Familiennamen, denen mit einem Straßenschild ein Denkmal gesetzt werden konnte. Jetzt hängen an den Straßenschildern Erläuterungen, die keinen Hinweis auf den ursprünglichen Namensgeber zeigen.
Das letzte kritisiere ich an der Umwidmung, Ohne den Halbsatz (Zunächst nach Gustav Nachtigal benannt, jetzt nach Johann Carl Christoph Nachtigal...) haben Menschen der Gegenwart und der Zukunft keine Möglichkeit die Entwicklung der Erinnerungskultur nachzuvollziehen und sich mit der Geschichte des Ortes und der dort geehrten Personen zu beschäftigen.
- - -
Die Verknüpfungen führen in der Regel zu den biographischen Einträgen in der Wikipedia.
Außerdem sei auf Helmut Zimmermann (1992) "Die Straßennamen der Landeshauptstadt Hannover", Verlag Hahnsche Buchhandlung verwiesen.
Der Streit um die Umbennung der Lettow-Vorbeck-Allee ist in einem Artikel der HAZ (abgerufen am 14.05.2012) zusammengefasst. Bemerkenswert ist dort auch die Inhaltsleere von einigen der trollenden Kommentare.
- - -
Update 2015: Nun werden wieder Straßennamen in Hannover diskutiert. Hinrich Wilhelm Kopf verlor schon die Ehrung, dass der Platz vor dem Landtag nach ihn benannt war. Fritz Beindorff (Pelikan) wird auch die Ehrung verlieren, dass eine Straße zwischen Vier-Grenzen und Eilenriede nach ihn benannt ist. (siehe Blog 9. November 2015)

Donnerstag, 26. April 2012

Rotenburg in Zedlers Universallexicon 1742

Als ich vor kurzem etwas in Zedlers Universallexicon aus der Mitte des 18. Jahrhunderts suchte und fand, schlug ich danach als Kuriosität auch mal bei meiner Geburtsstadt nach. Der Eintrag war leider nicht sehr lang:
    Rotenburg,  eine  kleine  Stadt  in  dem  Für=
stenthum Verden am  Fluß  Wumma  oder  Ham=
ma1, allwo ein wol verwahrtes Schloß2, welches der
Bischoff zu Verden, Rudolph I3,  der  bis  1208  ge=
lebet,  zu  erst  erbauet,  und  der  36.  Bischoff  zu Verden, Nicolas4,  so  1334  gestorben,  befesti=
gen lassen: Der 13. Bischoff nach ihm,  Bert=
hold5, hat die Stadt selbsten  mit  tiefen  Gräben
und festen Mauren versehen.     In dem 30jähri=
gen Kriege wurde dieser Ort zu verschiedenen ma=
len eingenommen. Topogr. Westphal.

(Johann Heinrich Zedlers Grosses vollständiges Universallexicon aller Wissenschafften und Künste, (1731-1754) Band 32 (1742), Spalte 1099)
Der Eintrag im Zedler

Rotenburg/Wümme taucht sonst nur noch 1550 als Schauplatz eines Scharmützels der beginnenden Religionskriege auf (Band 19, Spalte 907-908). Zedlers Lexikon ist das umfangreichste Lexikon seiner Zeit mit mehr als 250.000 Artikeln in 68 Bänden. Die Bayrische Staatsbibliothek und die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel haben gefördert von der Deutschen Forschungsgesellschaft den gesamten Zedler digitalisiert und über www.zedler-lexikon.de können Artikel abgerufen und sogar in den Artikeln recherchiert werden.
- - - - -
Über Rotenburg/Wümme gibt es ein lesenswerte Chronik des Stadtarchivars Dr. Kohlrausch:
Kohlrausch, Dietmar (1994) "800 Jahre Rotenburg (Wümme). Von der bischöflichen Residenz zur modernen Kreisstadt", Rotenburg.
1 Wümme und Hamme sind zwei verschiedene Flüsse. 60 Kilometer flussabwärts von Rotenburg vereinigt sich die Hamme mit der Wümme und fliesst nun unter dem Namen Lesum nach 10 Kilometern in die Weser..
2 Nach dem 30-jährigen Krieg wurde das Schloss zu einer Festung ausgebaut.
3 Rudolf I., Bischof von Verden (1189-1205).
4 Nicolaus von Kettelhut, Bischof von Verden (1312-31).
5 Berthold von Landsberg, Bischof von Verden und später auch von Hildesheim (1470-1502). Starb im Schloss Rotenburg, liegt im Verdener Dom begraben.

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Filmnotiz zu Poll von Chris Kraus (2010)

(Deutschland, Estland 2010, 134 Minuten)
Drehbuch und Regie: Chris Kraus
Mit: Paula Beer, Edgar Selge, Tambet Tuisk, Richy Müller

Ein Film mit einem zeithistorischen Hintergrund hat oftmals eine lange Produktionsgeschichte. Besonders wenn ein Autor, Produzent oder Regisseur autobiographische oder familiäre Geschichten verarbeitet.
Der Film setzt vor dem 1. Weltkrieg ein und behandelt das elitäre Leben einer Familie der deutschen Minderheit (Deutschbalten) in der zaristischen Provinz Livland im heutigen Estland. Poll ist das Landgut. Der Gutsherr lebt auch architektonisch abgesetzt von den Esten in einer Villa auf Stelzen am Ende eines Piers in der Ostsee. Die Geschichte beginnt mit einem Tagebucheintrag der 14-jährigen Protagonistin Oda.

Der Autor und Regisseur erzählt Geschichten von seiner Großtante Oda Schäfer, die er selbst aber nie kennen gelernt hat. In deren Leben gab es sowohl das vernichtende Herrenmenschentum des biologischen Rassismus (der Vater), der eine Grundlage der Nazi-Ideologie wurde, wie auch die Rebellion dagegen (die Tochter Oda). Dieser Konflikt mündete ab 1933 für Oda Schäfer im Nazi-Deutschland in eine innere Emigration als Lyrikerin.
Der Regisseur erfuhr erst während seines Germanistik-Studiums nach der Lektüre eines Buches von Oda Schäfer, dass er mit dieser Frau verwandt ist. Die Familie hatte vollständig mit ihr gebrochen und sie hatte selbst im hohen Alter keinen neuen Kontakt zu ihrer Familie aufgebaut. Die Trennung war so endgültig, dass der Versuch einer Kontaktaufnahme des jungen Germanisten scheiterte.
Der Film ist Fiktion. Episoden aus den Leben wurden für die filmische Erzählung verändert oder sogar erfunden. Der Vater im Film hat wenig mit ihren wirklichen Vater zu tun. Dies muss deshalb betont werden, weil der Film eine Liebe zum Detail pflegt. Der Regisseur hat sich intensiv darum bemüht , das Leben einer deutsch-baltischen Familie in den Jahren vor 1914 zu rekonstruieren. Im nicht enden wollenden Abspann werden alle 800 beteiligten Personen genannt und darunter finden sich zum Beispiel auch Berater für den baltischen Dialekt des Deutschen oder auch Berater für die Sozialbeziehungen und Etikette innerhalb des Landadels. Hier wird zum Beispiel die Bedeutung von Hausmusik betont.
Diese Details erzählte der Regisseur nach einer Filmvorführung auf dem Festival Espoo Ciné in Espoo, Finnland. Er erzählte dort auch, dass es 15 Jahre vom ersten Skript bis zur Fertigstellung des Films dauerte. Der Wunsch nach einer Rekonstruktion führte zu immensen Produktionskosten von 8,5 Millionen Euro. Ohne Filmförderinstitutionen und Fernsehanstalten wäre dieses Geld nicht aufgebracht wurden.
Der Film handelt im heutigen Estland und lief deshalb dort auch mit vier Kopien und hatte insgesamt 14.000 Besucher. In Deutschland waren es bis Ende Juni 2011 knapp 125.000 Besucher (siehe FFA Monatsstatistik). Hiermit wird noch einmal deutlich, dass so ein Film nicht über Eintrittskarten refinanziert werden kann und deshalb solch anspruchsvolle Autorenfilme einer Förderung bedürfen.
Der Film ist, um den Regisseur wieder zu geben, ein emotionaler und politischer Film. Es ist eine Form der Aufarbeitung der Familiengeschichte. Von der Handlung wird hier nichts verraten, da der Film noch in einigen Kinos läuft und in absehbarer Zeit erst auf ARTE und dann vermutlich auch in der ARD (oder den dritten Programmen) zu sehen sein wird.

Freitag, 9. September 2011

Wo ich am 11.09.2001 war

Das die Anschläge vom 11. September 2011 die Welt verändert haben, wird wohl niemand bezweifeln, der bereits vor diesem Tag bewusst lebte. Es lässt sich in gleich mehreren Themenfeldern der internationalen Politik, Wirtschaft und des Zusammenlebens ein klare Trennlinie zwischen vor/nach diesem Tag ziehen. Einem Tag, der auch in unserem US-amerikanisierten Land oftmals mit dem Kürzel 9/11 bezeichnet wird.
Wie auch bei anderen weltbewegenden Ereignissen (Mondlandung, Tsunami) kommt im Gespräch irgendwann die Frage „und wo warst du, als dich die Nachricht erreichte?“.

Ich war im Industriegebiet von Fallingbostel, Niedersachsen. Ich saß in einem großen Besprechungszimmer eines multinationalen Betriebs und redete mit Arbeitern und Angestellten über die Geschichte der Anwerbung und Immigration von ausländischen Arbeitskräften.
Zu der Zeit arbeitete ich in einem Ausstellungsprojekt der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung zur Zuwanderung nach Niedersachsen seit 1945. Es war ein Termin mit älteren Arbeitnehmern, die in den späten 1960-er Jahren in Spanien angeworben wurden. Meine Aufgabe war es, mögliche Exponate und Interviewpartner für die Landesausstellung einzuwerben. Ich hatte bereits das Projekt vorgestellt und meine Gesprächspartner erzählten in relativ entspannter Atmosphäre aus ihren Biographien. Auf den Tisch lagen bereits einzelne alte Arbeitsgeräte, die damals verwendet wurden.
Plötzlich öffnete sich die Tür, ein Mitarbeiter schaute rein und sagt ganz aufgeregt, dass da ein Flugzeug in ein Hochhaus in New York geflogen ist. Wir schauten ihn an und schauten uns an, aber es wurde kein Wort gesagt. Das Unverständnis erkennend, schloss sich die Tür auch wieder schnell. Wir waren für 1-2 Minuten abgelenkt, sprachen dann aber wieder über das weite Thema Migration und die Schwierigkeiten der Integration.
Der besuchte Industriebetrieb hat vorbildlich gehandelt und für die neuen Arbeiter schon damals Deutschkurse organisiert. Einer der Arbeiter erklärte sich zu diesem Zeitpunkt bereit, dass wir seine Biographie als langes Interviews aufnehmen können und für Texte in der Ausstellung verwenden dürfen. Irgendwann war alles gesagt und ich verließ den Betrieb.

Ich hatte an diesen Nachmittag noch einen weiteren Gesprächstermin in der Stadt. Jemand hatte Exponate für die Gruppe der Flüchtlinge und Vertriebene der Jahre 1945-1950 angeboten und wollte mich vom Werkseingang abholen.
Er kam verspätet und fragte gleich, ob ich schon die Nachricht gehört habe. Zu diesem Zeitpunkt war schon klar, dass es kein Unfall, sondern ein Terroranschlag war. Ich hatte davon bisher wenig gehört. In diesem Moment konnte ich nur wenig entgegnen. Wir fuhren zu seinem Haus und hörten unterwegs eine Dauernachrichtensendung. Im Haus wurde zunächst der Fernseher angeschaltet und ich sah zum ersten Mal, wie das zweite Flugzeug in einen Turm des WTC flog und dort explodierte. Wir redeten nicht über den Anlass meines Besuchs, sondern sahen gemeinsam für eine unbestimmte Zeit Fernsehen, sahen den Einsturz des ersten Turms und wieder und wieder den Einschlag des 2. Flugzeugs.
Irgendwann konnte ich diese Bilder nicht mehr sehen. Ich bat schließlich darum, dass wir uns von diesen sprachlos machenden Nachrichten lösen und zum Thema meines Besuchs kommen.
Mir wurden verschiedene Exponate gezeigt. Es gab sogar Einmachgläser, die 1945 auf der Flucht mitgenommen wurden. Ich kann mich heute gar nicht mehr erinnern, ob auch nur ein Exponat dieser Familie für die Ausstellung ausgewählt wurde. Ich hatte aber alle möglichen Objekte notiert und ließ mich dann zum Bahnhof fahren.
Nach langem Warten kam schließlich eine Regionalbahn, die an jeder Milchkanne haltend, mich schließlich zurück nach Hannover brachte. Auf dieser langsamen Annäherung an die Stadt begann ich die Nachricht aus den USA zu verarbeiten.
Ich war nicht alleine im Zug, immer wieder stiegen Menschen zu und aus und manchmal  unterbrachen Gesprächsfetzen meine Gedanken. Da stiegen zum Beispiel zwei aufgeregte männliche Jugendliche ein, die sich über das Gesehene unterhielten. Die gewählten Worte ließen mich zunächst vermuten, dass sie über einen Action Film oder ein Computerspiel sprachen, doch es ging um die Bilder aus New York.
In mir stieg eine Angst auf, denn es war mir sofort klar, dass die Ereignisse in den USA zu einem Krieg führen würden. Zu einem Krieg, der plötzlich anfangen könnte und durch die Solidarität unter den Angreifern und den Angegriffenen viele Länder betreffen würde. Eine konservative US-Regierung mit einer unberechenbaren Führung, konnte auch einfach mal so einen Angriff fliegen. Es war dies eine Angst, die ich seit der Friedensbewegung der frühen 1980-er Jahre nicht mehr gespürt habe.
Der US-Krieg gegen den Terror (Fortsetzung des Krieges gegen Drogen) begann dann später und hatte wenig bis gar nichts mit den Tätern und ihrer Organisation zu tun.
... und damit gebe ich die Eingangsfrage an meine regelmäßigen Leserinnen und Leser weiter: Wo warst du, als dich die Nachricht von den Terror-Anschlägen erreichte?

Dienstag, 14. September 2010

Afrikaforscher Wissmann in Bad Lauterberg


(Wissmannstraße in Bad Lauterberg; Foto: JDM)
Auf meinen Erkundungsspaziergang durch Bad Lauterberg ging ich entlang der Wissmann-Straße, passierte das Wissmannhaus und wurde schließlich im Kurpark auf das Wissmann-Denkmal hingewiesen, dass sogar auf dem einzigen Foto des für die Stadt werbenden Faltblatts der Touristeninformation im Vordergrund zu sehen ist.
(Hinweis am Wissmann-Haus in Bad Lauterberg; Foto: JDM)
(Wissmann-Denkmal im Kurpark von Bad Lauterberg; Foto: JDM)
(Silhouette Wissmann-Denkmal; Foto: JDM)
Hermann Wissmann, für seine Dienste für das Deutsche Kaiserreich in Ostafrika in den erblichen Adelsstand („von“) erhoben, lebte von 1853 bis 1905. Frühzeitig verließ er das Gymnasium und begann eine Militärausbildung, die ihn mit 21 Jahren bereits bis zum Rang eines Leutnants führte. Eine Bekanntschaft mit Dr. Paul Pogge motivierte ihn, sich auch mit Afrika zu beschäftigen und er erhielt für seine Teilnahme an der geplanten Pogge-Expedition durch Zentralafrika (1881) eine Beurlaubung von seinen militärischen Pflichten. In Zentralafrika teilte sich die Expedition und Wissmann erreichte mit seiner Gruppe 1882 die Ostküste und damit die erste Durchquerung des tropischen Afrikas von West nach Ost durch eine europäische Gruppe. Auf einer zweiten -nunmehr Wissmann-Expedition- für den belgischen König wurde ab 1884 in Zentralafrika der Fluss Kasai erforscht und nach einer Erholungspause auf einer südlicheren Route noch einmal Zentralafrika von West nach Ost durchquert (1887). Dieses „Fach“-Wissen und seine militärische Stellung führten dazu, dass er 1888 den kaiserlichen Auftrag erhielt, als Reichskommissar die Handelsinteressen der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft (DOAG) durchzusetzen und zu schützen. Die DOAG hatte eine kaiserlichen Schutzbrief für ihre mit Gewalt gewonnenen Handelsposten an der Küste und leitete daraus koloniale Interessen für das Land ab. Offiziell wurde dies als eine militärische Expedition gegen arabische Sklavenhändler bezeichnet, doch tatsächlich ging es um die Verdrängung konkurrierender Händler und deren Machtanspruch, die bisher den Ostafrikahandel über Zanzibar in die Welt dominierten. Die Wissmann-Truppe aus 21 deutschen Offizieren und einer afrikanischen Söldner-Armee (600 Nubier aus dem Sudan, 400 Shangaan aus Mozambique, 50 Somali, u.a.), hatte eine so große militärische Überlegenheit, dass es nur zu wenigen Kämpfen kam. Es war ein asymmetrischer Konflikt, der die Vernichtung der Gegner zum Ziel hatte. Das Ergebnis stabilisierte die DOAG und ist der eigentliche Beginn des deutschen Kolonialismus in Ostafrika. Eine erste Kolonialverwaltung, die deutsche Soldaten und die nun etablierten Söldnern (Kiswahili: Askari) zu ihren Schutz hatte, wurde ausgehend von den Küstensiedlungen mit ihren nunmehr deutschen Handelsposten aufgebaut. Wissmann trat nach dieser Strafexpedition mit hunderten von Toten im Deutschen Reich in vielen Städten auf und machte in Vorträgen und Sammlungen Werbung für die deutschen Kolonien. 1893 war er wieder in der nun als Deutsch-Ostafrika bezeichneten Kolonie. Wissmann wurde zum 1. Mai 1895 zum Gouverneur berufen, musste aber Ende 1896 den Dienst beenden, da er in Ostafrika schwer erkrankte. Im Deutschen Reich wurde wegen seiner Erfahrungen als „Afrikaner“ bezeichnet und wurde als u.a. Diplomat auf einer internationalen Afrikakonferenz entsandt. Hermann Wissmann ist einer der wenigen leitenden deutschen Kolonialisten, dem keine persönliche Schuld, an Brutalitäten und Morden in Ostafrika nachgesagt wird, obwohl er bei seinem Militäreinsatz 1888 ein Politik des Terrors durchsetzte.
(Inschrift am Wissmann-Denkmal in Bad Lauterberg; Foto: JDM)

Was hat nun Hermann Wissmann mit Lauterberg zu tun? Er ist hier weder geboren, zur Schule gegangen, noch hat ihn seine Militärzeit in den Südharz geführt. Seine Mutter zog nach dem Tod seines Vaters in diesen aufstrebenden Ort mit seinem Kurbetrieb. Wenn Hermann von Wissmann nach Lauterberg reiste, kam ein Prominenter in die Stadt, der während seines Aufenthalts weitere Prominente in die Stadt lockte. In Lauterberg wurde Wissmann die Ehrenmitgliedschaft im bürgerlichen Harzverein angeboten und nach dessen Annahme gab es hier Vorträge über Afrika und deutsche Kolonien.
Das Heimatmuseum Bad Lauterberg hat sogar ein Wissmann-Zimmer. Dieses ist leider eher als peinlich zu bezeichnen, denn in einem Museum -auch einem Heimatmuseum- sollte im 21. Jahrhundert eine Person in einen Kontext gestellt werden. Es gibt keinen wirklich ernst zu nehmen Satz über den Kolonialismus und viel Unsinn über seine Tätigkeit gegen die Sklaverei. Die koloniale Propaganda hat die Schulbücher, aber leider noch nicht die Köpfe von Hobbyhistorikern verlassen.
(Kolonialapologetische Inschrift am Wissmann-Denkmal in Bad Lauterberg; Foto: JDM)
Die Besuche Wissmanns in Lauterberg waren aus einer modernen Perspektive eine Förderung des Bekanntheitsgrads und in der Folge des Fremdenverkehrs nach Lauterberg. Es gab keine koloniale Herrlichkeit, aber die Touristeninformation hat wohl gewählt, dass sie einen früheren Förderer des Fremdenverkehrs in der Werbung verwenden.
(Nahaufnahme vom Wissmann-Denkmal in Bad Lauterberg; Foto: JDM)

Bedenklich ist nur, dass die letzten Kolonialrevisionisten, dass Wissmann-Denkmal und eine 1971 auf dem Bergfriedhof eingerichtete Wissmann-Gedenkstätte, als Ziel für Kranzniederlegungen und durch kein Wissen zu erschütternde Ignoranz über den deutschen Kolonialismus nutzen.


Literaturhinweise:
  • Jonathon Glassman (1994) Feast and Riot - Revelry, Rebellion, and Popular Consciousness on the Swahili Coast, 1856-88; London
  • John Iliffe (1979) A Modern History of Tanganyika; Cambridge
  • John Iliffe (2000) Geschichte Afrikas; München
  • Juhani Koponen (1994) Development for Exploitation - German colonial policies in Mainland Tanzania, 1884-1914; Helsinki
  • Wolfgang Reinhard (1996) Kleine Geschichte des Kolonialismus; Stuttgart
  • Joachim Zeller (1996) "Deutschlands größter Afrikaner" - Zur Geschichte der Denkmäler für Hermann von Wissmann. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft Band 44, Nr. 12, S. 1089-1111.

Freitag, 13. Juni 2008

Immanuel Kant 1796 Zum ewigen Frieden

Da ich mich in diesem Jahr beruflich mit diesem Thema beschäftige, folgen hier die Artikel ohne die langen Erläuterungen, die nach Immanuel Kant zu einem ewigen Frieden führen sollen:
Erster Abschnitt, welcher die Präliminarartikel zum ewigen Frieden unter Staaten enthält

1. Es soll kein Friedensschluß für einen solchen gelten, der mit dem geheimen Vorbehalt des Stoffs zu einem künftigen Kriege gemacht worden.
2. Es soll kein für sich bestehender Staat (klein oder groß, das gilt hier gleichviel) von einem andern Staate durch Erbung, Tausch, Kauf oder Schenkung erworben werden können.
3. Stehende Heere (miles perpetum) sollen mit der Zeit ganz aufhören.
4. Es sollen keine Staatsschulden in Beziehung auf äußere Staatshändel gemacht werden.
5. Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines andern Staats gewalttätig einmischen.
6. Es soll sich kein Staat im Kriege mit einem andern solche Feindseligkeiten erlauben, welche das wechselseitige Zutrauen im künftigen Frieden unmöglich machen müssen: als da sind, Anstellung der Meuchelmörder (percussores), Giftmischer (venefici), Brechung der Kapitulation, Anstiftung des Verrats (perduellio) in dem bekriegten Staat etc.


Zweiter Abschnitt, welcher die Definitivartikel zum ewigen Frieden unter Staaten enthält

Erster Definitivartikel zum ewigen Frieden

Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate soll republikanisch sein.

Zweiter Definitivartikel zum ewigen Frieden

Das Völkerrecht soll auf einen Föderalism freier Staaten gegründet sein.

Dritter Definitivartikel zum ewigen Frieden

Das Weltbürgerrecht soll auf Bedingungen der allgemeinen Hospitalität eingeschränkt sein.
(Immanuel Kant (1796) Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf. Königsberg, neue vermehrte Auflage)

Mittwoch, 21. November 2007

Samjatin und seine Dystopie Wir

Es ist kein Zufall, dass als mein Blick gestern auf den Roman Wir von Jewgenij Samjatin (1920) fiel, dass ich wieder anfing diesen Klassiker einer Dystopie zu lesen. Wenn heute über gewünschte perfekte Überwachung berichtet wird, ist dies vor allem eine Reaktion der Medien auf eine neue kuriose Idee unseres Innenministers, die oftmals von einem Überwachungswahn zeugt. Dabei wird dann gerne auf Aldous Huxley und George Orwell verwiesen, die in ihren Romanen den Terror einer Überwachung zeigten.
Diese Bücher reflektieren gesellschaftliche Debatten und historische Erfahrungen mit diktatorischen Regierungen der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und ihren als modern und der Zukunft zugewandten Gesellschaftsmodellen. Die Diktaturen haben stets die besten Absichten für ihre Untertanen, wie dies auch Stanislaw Lem in seiner Satire Kongres Futurlogiczny (1971) / Der futurologische Kongress (1974) beschreibt.

Als der Roman Wir 1920 in Russland veröffentlicht wurde, hatte Jewgenij Samjatin als russischer Revolutionär bereits Erfahrungen mit der sich entwickelten Diktatur von Lenin gesammelt, die alle von dessen Vorstellung einer Transformation zu einer perfekten Gesellschaft geprägt waren.
Der Roman setzt in der fernen Zukunft ein, als nach nicht endenden Kriegen, die Menschen sich in durch große Wälder von einander getrennten Metropolen zurückgezogen haben und seit Generationen Unfreiheit unter der Regierung eines so genannten Wohltäters und der strikten Kontrolle seiner Beschützer akzeptieren.
Es gibt keine Namen mehr, alle haben nur noch eine Kombination von einem Buchstaben und einer Zahl als Identifikation. Die frühe Konditionierung führt dazu, dass alle überzeugte Untertanen sind. Massenszenen, in denen alle im Gleichschritt marschieren oder einzelne Schritte des Tageablaufes wie in einem großen Ballett synchron in den gläsernen Häusern erfolgen, erscheinen aus der Perspektive der heutigen individualistischen Gesellschaft wie eine Satire. Das Lachen vergeht, wenn gleichzeitig an Massenszenen aus Diktaturen der Geschichte (!!!) und Gegenwart (China, Nord-Korea) erinnert wird.
Die größte Gefahr jeder Diktatur ist ...
DIE LIEBE !

Hier findet sich der Wikipedia-Beitrag zum Roman Wir und hier der Beitrag zur deutschen TV-Verfilmung des tschechischen Regisseurs Vojtech Jasny aus dem Jahre 1981 in der Internet Movie Database.

Vier Zitate aus dem Roman Wir widmen sich den folgenden Themen:

Donnerstag, 15. November 2007

Spanish Influenza in Kenya

During my research for a dissertation on the social and economic impact of the Spanish Influenza Pandemic of 1918-1920 in sub-Saharan Africa I spend two months in Nairobi in the Kenya National Archives. On invitation I gave a paper at the History Department of the University of Nairobi. Copies of the paper were circulated as Staff Seminar Papers.
My research findings from Kenya never got public because my PhD was put on the shelf. I have converted the paper into a pdf document that you can find here.

Bibliographical notation
MUELLER, Juergen D. (1995) :Pattern of reaction to a demographic crisis. The Spanish Influenza pandemic (1918-1919) in sub-Saharan Africa. A research proposal and preliminary regional and comparative findings (University of Nairobi. Department of History. Staff Seminar Paper No. 6). Nairobi, 18 pp.

Summary
The pandemic of Spanish Influenza is commonly described as one of the grave global infectious diseases of the 20th Century. Nevertheless there are only few studies on the social and economic impact of this disease. This applies especially for sub-Saharan Africa. New approaches towards a social history of sickness and healing attempt to understand underlying social crises and try to relate major epidemics and pandemics into a context of social, economic and ecological transformations.

As in the case of African rural societies it is said that they have a general susceptibility to crises by external interferences. These vulnerability hypothesis offer an approach for an analysis of the Spanish Influenza in Africa. This research project tries to reconstruct and valuate this pandemic.

In the second part of this paper it is a case study of Kenya based on files and newspapers in the Kenya National Archives in Nairobi.
Keywords: influenza, pandemic, epidemic, mortality, morbidity, vulnerability, medical history, age-set, rika
Regional keywords: East African Protectorate, Kenya, Nairobi, Naivasha, Ukamba, Seyidie, Northern Frontier, Mombasa, Taita, Kikuyu, Kiambu, Meru, Murang'a, Fort Hall, Malindi, Turkana, Ulu, Nakuru, Lamu, Nandi, Kericho, Kavirondo, Machakos
[Deutsche Schlüsselwörter]: Geschichte Spanische Influenza, Grippe-Pandemie, Kenia, Mortalität, Morbidität, Verwundbarkeit

Another paper on Spanish Influenza in Africa ("Etymology - What local names say about the perception of the pandemic") is introduced in a separate blog entry.

Sonntag, 11. November 2007

Tagebuchirrtümer

In einer Rezension eines vom Autor selbst kommentierten Tagebuchs, dass während der Zeit des Prager Frühlings in Leipzig geschrieben wurde, fand ich ein bemerkenswertes Zitat:
Wer Tagebuch schreibt,
bleibt seinen Irrtümern verbunden.
(Hartmut Zwahr 2007 Die erfrorenen Flügel der Schwalbe. DDR und Prager Frühling)
Was für ein wahrer Satz!

Dieses digitale Tagebuch notiert vor allem Reaktionen und Beobachtungen in Tagespolitik, Medien und Kultur. Meine echten Tagebücher reichen bis 1980 zurück und weisen zum Teil jahrelange Lücken auf. Auf der Suche nach bestimmten Fakten habe ich immer mal wieder einige der Einträge kurz überflogen und neben Perlen auch vieles gefunden, dass leicht hin als Irrtum bezeichnet werden kann.

Nur noch eine kurze bio-bibliographische Anmerkung zum Zitat. Hartmut Zwahr war Professor für Sozialgeschichte an der Universität Leipzig und wurde 1967 gezwungen in die-Partei einzutreten, um weiter als Historiker an der UNI arbeiten zu dürfen. Rudolf Walther rezensiert im tazmag, der Wochenendbeilage der taz das Tagebuch und seine etwa 1.000 Anmerkungen und Kommentare. Hartmut Zwahr und seine Frau Annette, die Tschechisch verstand hörten tschechische Radiosendungen und lasen die wichtigste Zeitung der Regierung, den Rudé právo (hier der englische Wikipedia-Eintrag, der deutsche Eintrag ist dürftig).

Hartmut Zwahr
Die erfrorenen Flügel der Schwalbe. DDR und 'Prager Frühling'.
Tagebuch einer Krise 1968 bis 1970.
Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2007, 434 Seiten, 36 Euro.
- - - - -
Nachtrag (28.04.2008): Zu diesen Eintrag erreichte mich ein Kommentar von anonym. eigentlich veröffentliche ich keine Kommentare von Personen, die anonym bleiben, mache hier aber mal eine Ausnahme, weil die Bemerkung mit so viel Furor geschrieben wurde.

Samstag, 21. April 2007

Laibach spielte Volk in Hannover

Laibach, das ist Kunst und wie jede Kunst ist es im besten Sinne anstrengend, es kann nicht beiläufig konsumiert werden. 
Die slowenische Band Laibach spielte am Donnerstag, dem 19. April 2007 in der 60er-Jahre-Halle vom Kulturzentrum Faust. Es war ein teures Konzert für €24,20, aber der Aufwand und die Vielzahl von Beteiligten rechtfertigten den Preis.

Laibach gehören zum Künstlerkollektiv NSK und sind in ihrer Kombination von Musik, Outfit, Texten, Filmen und Bildern seit mehr als zwanzig Jahren immer wieder missverstanden wurden. Musikalisch wird ihre Musik mit der Vielzahl von Kollagen dem Industrial zugeordnet. Es könnten aber auch die Label Noise und Avantgarde verwendet werden. In Interviews betonen die Mitglieder stets, die Ironie und Travestie ihrer Shows und Medienprodukte.Beim Betreten der 60er-Jahre Halle war ich ein Fremdkörper. Die Farbe des Abends war keine Farbe, sondern Schwarz. Einige Kostüme waren zu sehen: Schwarze Ledermäntel, die zum Teil fast bis zu den Schuhen reichten, viele Menschen in schwarzen Schnürstiefeln, ich sahen einen Menschen mit der alten Uniformjacke eines GI und einer der komplett in schwarz mit Barett gekleidet war. Dies waren alles Männer. Der Frauenanteil im Publikum war sehr gering, doch dort gab es auch schwarzes Leder und in einen Fall schimmernden, schwarzes Latex oder war das Gummi (?). Dies Frau hatte über die Breite beider Schultern Hannover in Fraktur auf ihren Rücken tätowiert.
Es mögen schließlich 300 Menschen gewesen sein, die gespannt auf den Beginn der Show warteten. Laibach spielte zum allerersten Mal in Hannover. Vor etwa zehn Jahren sollen sie schon einmal in Hildesheim aufgetreten sein. Es hatte sich also eine gewisse Szene hier versammelt, die sich offensichtlich und gut hörbar schon lange nicht mehr gesehen hatte. Es wurde ausgiebig und laut geredet. Um 21:00 Uhr wurde es im Saal dunkler und nachdem zuvor Barmusik (Klavier und seichte Orchesterbegleitung nahe an Muzak) aus den Boxen tropfte, ertönte nun ein vielstimmiger Männerchor und intonierte eine Hymne. Und dann kam noch eine Hymne und noch eine Hymne, und noch eine und noch und.
Es war dies Gesang in einer Sprache aus dem ehemaligen Jugoslawien. Wie heißt die Sprache jetzt korrekt? Die Unterschiede zwischen Kroatisch, Serbisch und Bosnisch sind relativ gering, alle sind Teil der südslawischen Sprache (=jugo slawischen). Ich verstand nur einige geographische Wörter wie Skopje, ansonsten war es der Grauen der Hymnen mit ihrem Pathos. Erst bei der zweiten oder dritten Hymne kam einer der vielen Mitarbeiter von Laibach, die für Sound + Vision der Show verantwortlich waren auf die Bühne und stellte die Beamer an. Für mich ein klares Zeichen, dass es noch 5-10 Minuten dauern würde, bis diese Geräte die notwendige Betriebstemepratur haben.

Die Hymnen sollten die Einstimmung in die Show VOLK sein. Auf der CD und in der Show VOLK werden etwa ein Dutzend Nationalhymnen interpretiert und durch visuelle Elemente kommentiert. Deutschland - USA - Großbritannien - Russland - Frankreich - Italien - Spanien - Israel - Türkei - China - Japan - Slowenien -Vatikan.
Wie beschreibt man die Stimme des Sängers. Diese Verbrauchtheit und Tiefe ist sonst nur von Tom Waits bekannt, doch hier geht die Stimme noch weiter runter. Zur Linken war ein Mann an Tasten und Samplingmaschine, im Hintergrund ein Keyboarder und das dominante Schlagzeug. Am rechten Bühnenrand sang eine Frau.

Was war zu sehen und zu hören (meine Interpretationen, Informationen und Texte der Hymnen können über diese Metaseite aufgerufen werden):
  • Deutschland wurde mit einem Ausschnitt aus einem Dokumentarfilm etwa des Jahres 1949 kommentiert. Es begann mit dem Aufstehen in einer Familie mit drei Kindern und einem regierenden Vater. Textzeilen auf der Leinwand stammten aus der 1. Strophe des Lieds der Deutschen und hierzu wurden Bilder aus den Ruinen deutscher Städte gezeigt. Das Lied endete mit dem Zubettbringen der drei Kinder in einem großen Bett, wo die Kinder die Hände über der Bettdecke in Gebetshaltung hielten. Deutschland, ein Land von Zucht und Ordnung
  • God Save the Queen zeigte eine sadistische alte Frau, die vier Menschen in ihren Körper anliegenden Käfigen quält und mit deren Blut große Kreuze auf den hellen Körpern malte. Das waren die vier Kinder von Queen Elisabeth II und ihnen wurde das rote Kreuz auf weißen Untergrund, die Fahne des Teilstaaten England aufgemalt.
  • Star Spangled Banner erinnerte an diese Merkwürdigkeit in den USA. Eine Sängerin stand am Bühnenrand und intonierte die Hymne.
  • Zur Gimn Rossijskoi Federazii wurde mit der Symbolik des russisch-orthodoxen Kreuzes gespielt. Dessen Spitze tauchte in vielen Varianten von den Seiten der Leinwand auf und zum Schluss des Liedes war schließlich zu erkennen, dass es sich um die Kreuze auf dem Kreml handelt. Der Diktator Vladimir Putin spielt schließlich auch nun wieder mit der russischen-orthodoxen Kirche, um seine Macht mystisch zu erhöhen.
  • Die Marseillaise ist bekannt für ihren lyrischen Blutrausch und dies war Grundalge der Visualisierung. Alle Schimpfwörter gegen die Anderen , die Fremden, die es in großer Zahl in diesem Lied gibt wurden in ihrer englischen Übersetzung projiziert und dann war zunächst eine Guillotine zu sehen, die ihr blutrotes Messer nach unten fallen ließ und schließlich zwei, drei, vier und mehr Kopien dieses Tötungsgerätes, dass zum Teil im Takt der Musik arbeitete.
  • Fratelli d'Italia
  • Zum Marcha Real Spaniens tauchten Symbole (Stier) und Stereotype auf.
  • haTikwa "Solange ist unsere Hoffnung nicht verloren, die Hoffnung, (...), zu sein ein freies Volk, in unserem Land, im Lande Zion und in Jerusalem!" visualisierte die Zweiteilung des Territoriums. während auf der linken Seite der Leinwand Dreiecke sich drehten und immer wieder für Momente ein Davidstern entstand, tauchten auf der rechten Seite die graphischen Elemente der palästinensischen Flagge auf, die ebenfalls nur für Momente eine wieder erkennbare Fahne bildeten. Die linke und die rechte Seite gingen schließlich ineinander über und so war auch ein Davidstern auf einer Fahne von Palästina zu sehen.
  • Istiklâl Marsi besingt unter anderem Mond und Stern auf der roten Fahne. Die Anbetung des Gründers der türkischen Republik wurde ironisiert in dem Ata Atatürk sich immer wiederholte.
  • Beim Marsch der Freiwilligen aus China wurde die Wiederholung des Pathos immer deutlicher. Wir sind die Besten, wir überwinden das böse Alte und alle Feinde um uns herum. Chinesische Zeilen bewegten sich als großen Überschriften durch das Bild.
  • Kimi Ga Yo aus Japan kam sehr leicht daher. Japanische Buchstaben schwebten wie Schneeflocken herab.
  • Die slowenische Hymne Naprej zastava slave bringt den nationalen Wahn auf den Punkt: "auf zum Gefecht, du heldenhaftes Blut, zum Wohl des Vaterlandes soll sprechen das Gewehr! Mit der Waffe und der Rechten bringen wir dem Teufel Donner, ins Blut das Recht zu schreiben, das fordert unser Heim".
Und dies ist es auch was den Nationalismus prägt. Eine staatlich propagierte Massenpsychose, die bisher mehr Menschenleben gefordert hat, als anderen Formen von Gewalt.
Dieser Teil der Show endete mit dem Abspielen einer weiteren Hymne, während die Musiker kurz die Bühne verließen
Danach wurden noch einige Lieder vom Album WAT aufgeführt. Tanz mit Laibach war deutlich eine Referenz an die Deutsch-Amerikanische Freundschaft (bekannt von Der Moussolini, 1982). Es folgte dann sogar eine Komposition von DAF. Das war Tanzmusik, die auf der Bühne als Marschmusik gezeigt wurde. Links und rechts vom Sänger standen jeweils am Bühnenrand eine Frau vor einem Standbecken, was ich in dieser Form seit Peter Behrens von Trio so nicht mehr gesehen hatte, und bearbeiteten dieses mit großen schwingenden Bewegungen und kleinen militärischen Gymnastikübungen.
Der zweite Teil der Show war relativ kurz und es gab keine Zugaben, da alles wohl kalkuliert und inszeniert ist.

Und nun zur Publikumsbeschimpfung. Es gab viele Analphabeten im Publikum, was eigentlich noch keine Beschimpfung, aber in unseren Kulturkreis zeugt es von selbst gewählter Ignoranz. In der Ankündigung zu diesem Konzert wurde geschrieben, dass die Show VOLK aufgeführt wird. Nationalhymnen, auch in der Interpretation von Laibach haben ruhige Momente oder sollen prinzipiell etwas Erhabenes ausdrücken. Wenn der alles überwältigende Sound von Laibach zur Ruhe kam und eine Frauenstimme zum Beispiel die chinesische Hymne sang, war dies nur schwer zu verstehen, da mindestens ein Drittel der Zuschauer sich für diese Show nicht interessierten und sich lautstark unterhielten. Viele sogar mit dem Rücken zur Bühne. Geht nach Hause, spart das Geld und nervt mich nicht!
Und es gab Kampfsäufer, die dann auch noch aggressiv wurden. Ein bedrohlicher, breiter zwei-Meter-Mann drohte und schlug zweimal heftig auf andere Besucher ein. Nur seine Freundin konnte ihn aus den Publikum zum Rand drängen.

Zum Abschluss: 90 Minuten einer ungewöhnlichen Show. Das war wirklich etwas auf die Ohren, selbst mehr als eine Stunde später war im Ohr noch ein Rauschen zu hören. Wie nach einem Museumsbesuch kann dies nicht mit einfachen Adjektiven beschrieben werden. Es war vor allem sehr interessant und oftmals unterhaltsam.
- - - - -
Nachtrag Mai 2012: Timo Vuorensola hat ein gutes Händchen bewiesen, als er für seine NAZI-SF-Satire "Iron Sky" Laibach engagierte. Da wird wird zum Teil Musik wie in den Kriegsfilmen (deutsche wie allierte) angestimmt.

- - - - -

3 Kommentare:

27. April 2007 00:46 Stefan hat gesagt…
Das DU auf ein Konzert von Laibach gehen würdest, ist das letzte, was ich erwartet hätte!
Aber nachdem ich diesen Artikel gelesen habe, klingt alles so plausibel, dass ich es mir jetzt rückblickend doch vorstellen kann.

Ich fand Laibach immer nah an Ramms+ein, welche du ja bekanntlich nicht ausstehen kannst.

Grüßchen, Stefan

27. April 2007 10:45 Ulaya hat gesagt…
Oh, ich habe noch viel Musik in meiner Sammlung, die überhaupt nicht zum Rest passt. Musik ist nun mal ein Stimmungsverstärker und eine dauerhafte Erinnerungsstütze an Situationen und Personen.

15. Mai 2007 21:54 CoolBee hat gesagt…
Fotos von diesem Konzert habe ich hier geposted, wen's interessiert: http://barbara-muerdter.blogspot.com/2007/04/laibach-am-19-april-2007-in-hannover.html