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Freitag, 2. Oktober 2015

Filmnotiz: Inside Out von Pete Docter



Inside Out
Alles steht Kopf
(USA 2015, 94 Minuten)
Regie: Pete Docter

Beim Europa-Kolleg-Treffen in Bilbao erzählte einige bereits von diesem Film, der nun drei Monate später auch in Deutschland gestartet ist. Es waren enthusiastische Berichte.
Und ich möchte in dieses Loblied einstimmen. Die Idee ist wunderbar, auch wenn ich zunächst dachte, dass wird doch kein Kind weder verstehen noch als Filmspaß ertragen. Da habe ich mich geirrt.

Es geht um eine Visualisierung von Emotionen im Kopf eines 11-jährigen Mädchens, die eine elementare Krise durchmacht.

Im Allgemeinen werden acht Basisemotionen unterschieden (siehe Tante Wiki):
    Freude / Ekstase
    Traurigkeit / Kummer
    Furcht / Panik
    Zorn / Wut
    Ekel / Abscheu
    Akzeptanz / Vertrauen
    Überraschung / Erstaunen
    Neugierde / Erwartung
Für den Film werden die ersten fünf Emotionen (im Original: Joy, Sadness, Fear, Anger, Envy) in den Köpfen der Menschen als kleine Wesen dargestellt, welche die Menschen steuern und ihnen emotionale Erinnerungen geben. Jeder Emotion ist eine Farbe zugeordnet. So schimmert Freude golden, Kummer ist blau, Angst ist lila, Zorn rot und Abscheu grün.

Das Leben der Hauptperson Riley wurde bisher von Joy dominiert und entsprechend sind die Erinnerungen, die als Murmeln im Langzeitgedächtnis in unendlichen Regalen lagern überwiegend gold-gelb.
Ein Umzug vom beschaulichen Minnesota, mit seinen winterlichen Freuden ins großstädtische, warme San Franscisco beendet die kindliche Idylle. Freundschaften und Freizeitaktivitäten gehen verloren und der Start in eine neue Phase ihres Lebens ist sehr holprig. Das ist die Geschichte der Außenwelt, in der Innenwelt korrespondiert dies mit einem Unfall, der die Freude und die Trauer ins Langzeitgedächtnis katapultiert, sodass Furcht, Zorn und Abscheu nun das Leben von Riley kontrollieren.

Der Film sprüht nur so von wunderbaren visuellen Ideen, um Emotionen, Erinnerungen und Prozesse im Gehirn (Träume, Ängste, Wünsche) darzustellen. Das tägliche bzw. häufig nächtliche Reinigen der Erinnerungen erfolgt tatsächlich mit einem riesigen Staubsauger, der Murmeln aus dem Gedächtnis ins Vergessen befördert. Die Träume werden in einem Filmstudio aus den täglichen Erinnerungen erstellt. Und ein Gedankengang heißt im Englischen Train of Thought und ist ein solcher, der verschiedene Bereiche im Kopf von Riley verbindet.

Der Film ist für ein Publikum vom Kindesalter an. Kinder sehen vielleicht nur die abenteuerliche Geschichte, aber für alle anderen, die sich schon mal damit beschäftigt haben, was so in unserm Kopf passiert ist es brillante Unterhaltung mit den zusätzlichen Witzen, die auf andere Filme anspielen.
Der Regisseur Pete Docter hat vorher für Pixar schon die Filme Monster AG (2001) und Up / Oben (2009) verantwortet. Es ist sicherlich kein Zufall, dass die Riley aus dem Film ihre Kindheit in Minnesota hinter sich lässt, wie vorher bereits der Regisseur.

Eine lesenswerte Filmkritik fand ich in der taz.

Ich gebe Inside Out 8 von 10 möglichen Punkten der Filmbewertung.

Donnerstag, 8. Januar 2015

Unzeigbares gezeigt

Gestern wurde ich schockiert. Ich sah einen Mord!
Im Fernsehen und Kino habe ich sicherlich schon viele Tausend Schauspieler bei der Inszenierung ihres gewaltsamen Todes gesehen, doch gestern war es ein realer Mensch.

Der Terroranschlag auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo und damit auf die Freiheit des Wortes war vor wenigen Stunden geschehen, als ich dies über ein Internetportal erfuhr. Dort gab es einen Ticker, der Agentur-Nachrichten und Twittereinträge kombinierte. Jörg Diehl von SPON hatte einen Link zu einer niederländischen Seite gesetzt. Da gab es dann diesen Kurzfilm, wo zu sehen war, wie die beiden Terroristen ihr Fluchtauto verlassen, ihre Maschinengewehre in eine Richtung halten und abdrücken. Ein Kameraschwenk zeigte einen niedergeschossenen Polizisten, der etwas rief und seinen Arm hob. Einer der Terroristen ging auf ihn zu und schoss ihn aus kurzer Distanz in den Kopf.

Darauf war ich nicht gefasst. Ich weiß es gibt diese hyperrealen Videoaufnahmen, doch bisher blieb ich von diesen verschont, weil die von mir genutzten Medien (Spiegel, taz, Tagesschau, heute) bewusst solche Bilder nicht verbreiten, da diese nicht nur schockierend brutal sondern auch Propaganda für die Täter und ihre Ideologie sind. Nun hatte Spiegel online (=SPON) gegen diese Regel verstoßen.
Die Produzenten dieses Videos, die es ungeschnitten ins Netz stellten, unterstützen damit die Terroristen.

Von den vielen Karikaturen, die entstanden, beeindruckte mich die Folgende. Der französische Graphik-Designer Jean Jullien hat die Tragik und Konsequenz des Terroranschlag in folgender Zeichnung festgehalten. Er hat das Bild auf seiner Webseite und seinem Twitter-Konto veröffentlicht:
Jean Jullien, “Je suis Charlie” (2015) (via Twitter)
Die Auswirkungen solcher Terroranschläge und die allgemeine Furcht in einigen Redaktionen wird im Dokumentar-Film "Ausgelacht!? Karikaturen und Pressefreiheit" (Belgien, Frankreich 2012, Regie: Olivier Malvoisin), der derzeit noch bei ARTE+7 zu sehen ist, gezeigt.

Montag, 15. Dezember 2014

Film: Zero Theorem von Terry Gilliam (2014)

WARNUNG: Es werden einige Details des Films genannt, wenn auch nicht die Handlung

The Zero Theorem
(Rumänien und Großbritannien, 107 Minuten)
Regie: Terry Gilliam

Terry Gilliam hat bis heute eine eigene visuelle Form. Dies macht seine Filme für den Einen zu einen anregenden Genuss und für den Anderen schwer zu ertragen.

Das zu suchende Zero Theorem soll den Sinn des Lebens bzw. seine die Sinnlosigkeit feststellen. Dies ist eine depressive Aussage und Depression ist ein Thema dieses Film. Der Protagonist Qohen Leth (Christoph Waltz) ist schwer depressiv, verkriecht sich in seine Detail-Arbeit bei der Erstellung neue Programme und möchte keine Menschen um sich haben. Er ist sich selbst genug, hat Lebensmittel gehortet und er hat keine Lust sein Haus zu verlassen. In seiner Freizeit schaut er auf eine Visualisierung eines alles verzehrenden, schwarzen Strudels und als er die Chance hat, in einer virtuellen Wirklichkeit seine Vision zu leben, ist dies das Schweben über und endgültige Hineinfallen in diesen Strudel, also Selbstmord. Es suchte nach einem Sinn im Leben, hat aber aufgegeben und wartet nun darauf, dass eine unbekannte große Macht ihn sagt, wo sein Platz im Universum ist.

In seiner Einsamkeit ist er nicht alleine. Die Gesellschaft um ihn herum lebt die Individualität und Virtualität im extrem. Auf einer Party sind digitale Aufnahme- und Übertragungsgeräte regelrechte Verlängerungen jeweils einer Hand der Gäste. Die Menschen sind so selbst verliebt, dass sie ständig Selfis machen, diese Posten und mit Kopfhörern ihre Musik hören. Sie sind zusammen, grüßen und freuen sich, betonen wie toll die Party doch sei, aber wesentlich ist, was für ein Bild sie von sich in die virtuelle Welt übertragen (Grüße an alle Facebook-"Freunde").
Es ist die Einsamkeit der digitalen Welt, wo jeder vor seinen Eingabegerät sitzt und soziale Interaktion bedeutet, dass Programme individuell auf einen reagieren. Traumwelten mit Alkohol, gutem Essen und Sex machen glücklich, aber wenn die Imagination endet, ist da wieder die sinnlose Arbeit in einer vom Konsum und Wettbewerb definierten Gesellschaft.

Die übertriebene Individualität der Menschen führt dazu, dass Szenen mit mehreren Schauspielern wie ein Kuriositätenkabinett erscheinen. Da gibt es dann Kleidung und Frisuren zu sehen, die irritieren.
Es ist eine Dystopie und ähnelt damit den herausragenden früheren Film Brazil, den Terry Gilliam vor 29 Jahren machte. Damals war es ein autoritärer Staat, der den Menschen jede Freiheit nahm. Nun ist eine Firma (mancom), deren Besitzer einfach nur als Management (gespielt von Matt Demon) bezeichnet wird. Von jeder Wand schreit einen sein Gesicht und das Motto "EVERYTHING IS UNDER CONTROL" entgegen, aber der Mensch dahinter ist bei seinen Auftritten darum bemüht, überhaupt nicht aufzufallen. Die Firma überwacht alle Aktivitäten im Netz und über Kameras an allen Orten. Das Chaos zu bändigen und dafür Programme und Produkte zu entwickeln und zu verkaufen ist die Grundlage der Firma.
Kapitalismus wird als Religion dargestellt. Glückseligkeit definiert sich darüber, ob man finanziell erfolgreich ist. In der Öffentlichkeit ist kein Platz für eigene Gedanken, da alles voller interaktiver Werbung ist, die auf vorbei gehende Menschen einredet. Eine Unzahl von Verbotsschilder regelt das Leben in der Öffentlichkeit. Religion als ein Glauben an etwas Größeres, Erhabenes ist Vergangenheit. Der Protagonist lebt zum Beispiel in einer von ihn billig gekauften alten Kirche mit historischen Wandgemälden, die keiner mehr zu schätzen weiß. Die weiße Taube ist ein Symbol für den Heiligen Geist und Leth Qohen ist zu sehen, wie er versucht, diese Taube aus der Kirche zu vertreiben. In dieser Welt ist Gott tot. So fehlt über den Altar dem Gekreuzigten der Kopf. An dieser Stelle ist eine Überwachungskamera vom mancom angebracht. Zukunft ist jetzt, Vergangenheit eine schwache Erinnerung ohne große Bedeutung, die verdrängt werden kann.

Terry Gilliam lässt den Schauspielern stets viel Platz und deren Spielfreude ist eines der Erkennungszeichen seiner Filme. Dies ist ein Christoph Waltz Film. Es gibt nur wenige Minuten, in denen er nicht nur als Hauptperson im Zentrums der Handlung steht, sondern als Schauspieler auch jede Szene dominiert. Die Kamera geht dabei oft sehr nah an ihn ran.

Es gibt so viele ironische Kommentare am Rande, das dieser Film noch mehrmals angesehen werden kann, und stets werden neue Facetten dieser Moderne sichtbar. Es ist wie bei den Simpsons, bei denen auch vielen Inschriften weniger als eine Sekunde zu sehen sind. In der Zentrale der Firma erscheint kurz als Leuchtschrift "Arbeit Macht Fun" (so im englischen Original) über den gemeinsamen Arbeitsplatz der Programmierer.

Die Weltsicht von Leth Cohen wird durch das wiederholt angespieltes Lied "Creep" von Radiohead, im Film ist ein Cover von Karen Souza zu hören, besungen:
But I'm a creep
I'm a weirdo
What the hell am I doin' here?
I don't belong here
Als Fan von Terry Gilliams visuellen Ideen erhält der Film 8 der zehn möglichen Punkten. Dieser Science Fiction Film ist gut! Leider haben nur etwa 24.000 Besucher diesen Film in deutschen Kinos gesehen (Quelle: Filmförderungsanstalt) und auch international war er ein Flop.
- - - - -
Hier im Blog habe ich auch über zwei weitere Terry Gilliam-Filme geschrieben:
Der König der Fischer (1991) - Das Kabinett des Dr. Parnussus (2009)

Samstag, 30. März 2013

Ekel vor harten Alkohol

Ich komme aus den Weiten Niedersachsen und wie die Autorin Susanne Fischer einmal so wahr formulierte, "Ablenkungsmöglichkeiten auf dem Land sind stark reduziert, jedenfalls, wenn man nicht gerne fernsieht, Auto fährt oder sich betrinkt." (Zitat) Letzteres bereits als Kind zu sehen und als Teenager zu erleben, hatte Folgen. Hierzu hatte ich bereits mal eine Geschichte aus Brauel als Anhang zu einer Filmnotiz geschrieben.

Meine Eltern waren in den 1960-er Jahren Pächter einer wochenendlichen Freizeiteinrichtung mit Bewirtung. Wegen der dort gepflegten Sportart kamen überwiegend Männer.
Mein Vater stand an der Theke und die typische Bestellung war das so genannte Herrengedeck, also Bier und Korn. Meine Mutter bot Kaffee, selbst gemachte Kuchen und Frikadellen an. Wir Kinder hatten draußen große Flächen zum Spielen.
In der Gaststube sah ich an einem späten Nachmittag wie einige Männer einen der Söhne einer befreundeten Familie die Reste aus ihren Schnapsgläsern anboten und sich köstlich darüber amüsierten, dass dieser die Gläser komplett leerte. Ich meine mich zu erinnern, dass meine Mutter deren Spaß beendete, aber da war der kleine Junge (4-6 Jahre) schon angetrunken.

Selbst hatte ich eine ähnlich harte Alkoholtaufe nur wenige Jahre später. Ich war mit einem älteren Verwandten mitgefahren. Es ging auf einen Hof, der u.a. einen für mich riesigen Stall voll Hühner hatte. Die unzähligen Hühner in ihren Käfigen waren für mich ein neuer Anblick.
Es wurde mindestens eine Palette Eier gekauft und dann saßen wir in der Küche auf einer Bank, da die Bäuerin zum selbst gemachten Eierlikör eingeladen hatte. War es der Verwandte oder war es die Bäuerin? Ich bekam auch ein Glas hingestellt und als ich dies wie die Erwachsenen geleert hatte, wurde es gefüllt und als es geleert wurde, wurde es gefüllt und ....
Ich merkte was und beim Aufbruch wurde mir schlecht und noch auf den Hof schoss der Mageninhalt durch Nase und Mund und wurde Futter für die wenigen frei laufenden Hühner.
Mein Verwandter fuhr uns dann (angetrunken) zurück. Ich muss damals 8-10 Jahre alt gewesen sein.

Noch heute ekelt mich der Geruch von Eierlikör und fast jeder Form von süßen Alkohol oder einer Kombination von Süße und Alkohol (Weincreme, liebliche Weißweine und viele Cocktails).
Das waren jetzt Anekdoten aus den späten 1960-er und frühen 1970-er Jahren, aber es hat sich wenig geändert. Alkohol, hier meine ich ausschließlich Destillate und daraus fabrizierte Mischgetränke, gehörten auch in den späten 1990-er Jahren zum ländlichen Wochenende. Aus familiären Gründen war ich damals regelmäßig in einem Dorf an der Wingst. Korn, Saurer und Genever wurden immer angeboten und es war nie das eine Schnapsglas, sondern stets mehrere begleitet von blöden Sprüchen ("auf einem Bein kann man nicht stehen").
Ich bin kein Kostverächter und weiß gute alkoholische Getränke zu schätzen. Selbst die Beneblung und manchmal sogar Berauschung ist mir wohl bekannt, doch die kollektive Sauferei, die auf Feuerwehr- und Schützenfesten in aller Öffentlichkeit Extreme annehmen, hat meine Trennung vom ländlichen Leben befördert und erleichtert.

Montag, 26. November 2012

Film Die Stadt der verlorenen Kinder (1995)

Es war einmal ...

ein schnell alternder Mann, der nicht träumen kann und deshalb mit einer Maschine die Träume von kleinen Kindern stiehlt.

Dieses zweite Jointventure von Jeunet und Caro (Drehbuch und Regie) für die große Leinwand ist ein Märchen für Erwachsene. Neben der angedeuteten Geschichte, werden Episoden gezeigt, die alle etwas mit der Kindheit und Jugend zu tun haben.

Dies sind zum Teil Referenzen an Filmfiguren. Offensichtlich ist der Bezug auf die Serie aus der Stummfilmzeit, die in Deutschland unter den Namen "Die kleinen Strolche" bekannt ist. Doch es gibt auch einen Bezug zur Star Trek Universum mit ihren bösen Borgs, die mit Technik u.a. ihre optischen Möglichkeiten erweitern. Die CyBorgs in diesem Film sind eine ironische Umkehrung mit einem religiösen Wahn, denn erst verlieren sie ihr Augenlicht, um dann mit einem Okular eine beschränkte, technische Sicht auf die Welt zu haben. Dennoch halten sie sich für Einäugige unter Blinden, welche nun auf den richtigen Weg zur Erlösung sind.

Die Kinder geben nicht freiwillig ihre Träume her, sondern werden von den eben genannten Zyklopen entführt und an den alternden Mann verkauft. Eines der Kinder ist der kleine "Bruder" eines kindlichen Riesen (gespielt von Ron Perlman). Es ist nicht der Bruder, sondern ein ewig hungriger Junge, der von den Erwachsenen beschützt und versorgt wird. Der Junge wird entführt und damit ist der weitere Verlauf der zentralen Geschichte vorgezeichnet.
Die anderen Kinder sind kriminelle Waisen, die daraus eine Frühreife erlangt haben. Das Mädchen aus der Bande wird zur kleinen "Schwester" des Riesen und hilft ihn bei seiner Suche nach seinem "Bruder".

Jean-Pierre Jeunet und Marc Caro haben eine überbordende Phantasie und vielen Episoden verweisen auf Kindheitserinnerungen. Sei es nur der alte Jahrmarkt mit ungewöhnlichen Menschen, die ihre Tricks und Fähigkeiten zeigen oder etwas wie der Kraftmesser, der mir unter den Namen "Hau den Lukas" bekannt ist.
Oder Weihnachten aus den Augen eines Kindes wenn ein fremder Mann im roten Kostüm mit weißem Bart erscheint. Diese Szene wandelt sich aber in diesem Film von einer Idylle zu einem Albtraum.
Hinzu kommt, dass Caro und Jeunet in der Ausstattung starke Anleihen beim Steampunk nehmen, also der Ästhetik, die das späte 19. Jahrhundert mit technischen Fortschritt des späten 20. Jahrhunderts kombiniert. Dies ist besonders deutlich bei der Technik der "Bösen".

Der alte Mann lebt auf einer künstlichen Insel und ist wie alle anderen auf der Insel Ergebnis von Experimenten. Neben den schnell alternden leben dort eine kleinwüchsige Frau, sechs Klone des Wissenschaftlers, die unter Narkolepsie leiden und in einem Aquarium ein hoch intelligentes Gehirn.
Diese genannten Akteure sorgen für viele absurde Episoden und das zeichnet Jeunet-Caro-Filme aus. Mögen diese auch eine düstere Grundlage haben, so gibt es dennoch viele komische Situationen, sei es nun durch Slapstick, Absurdität oder Wortwitz.

Digitale Filmtricks standen 1995 erst in geringem Umfang zur Verfügung. Doch sind diese in Filmen der beiden auch nicht notwendig, um die Phantasie anzuregen. Es gibt so viel zu sehen, vieles nur für wenige Augenblicke. Es scheint unmöglich, sich satt zu sehen. Die Versechsfachung von Dominique Pinon und eine Gaswolke sind die einzigen offensichtlichen Tricks.
Als Jean-Pierre Jeunet 2001 "Die fabelhafte Welt der Amélie" produzierte, fiel hier auch besonders auf, wie behutsam digitale Tricks eingesetzt wurden. In beiden genannten Filmen und den Vorläufer "Delicatessen" (1991) vom Team Jeunet/Caro sind einige Schauspieler stets dabei, die dabei aber sehr unterschiedliche Rollen spielen. So spielte Pinon zum Beispiel einen Artisten, einen Wissenschaftler und einen krankhaft eifersüchtiger Liebhaber. Und in Diva (1981) war er vorher sogar ein eiskalter Killer.

Alles wendet sich spektakulär zum Guten und der kleine Bruder in einer runden Abblende erinnert noch einmal an "Die Strolche".

... und wenn sie nicht gestorben sind, ...

Der Film ist wirklich empfehlenswert (auch wegen der Musik!) und ich gebe ihn auf einer Skala von 0 bis 10 insgesamt 8 Punkte.

Sonntag, 25. Dezember 2011

Zorn im Traum

Vor etwas mehr als einer Woche hatte ich mal wieder ein ungewöhnliches Traumerlebnis.

Die gegensätzlichen Emotionen von Freude und Liebe auf der einen und Angst und Zorn auf der anderen sind aus vielen Träumen bekannt.
Es ist ein wunderbares Gefühl mit einem Lächeln auf zu wachen, wenn es am Ende eines schönen Traums war. Und dann gibt es das Gegenteil, wenn in tiefster Nacht ein Albtraum einen aufschreckt und voll gepumpt mit Adrenalin es schwer ist wieder in den Schlaf zu finden.


Ich habe selbst Trauer in einem Traum empfunden. Dies war in der Traumwelt eine Situation, wenn realisiert wurde, dass etwas mit schönen Erinnerung vorbei ist und nie wieder kommt (1. große Liebe zum Beispiel).

Doch nun kam ein weiteres Gefühl im Traum hinzu und am nächsten Morgen konnte ich an meiner rechten Hand sehen, dass ich etwas im Traum gefühlt habe, dass in die Realität durchschlug. Aus den Notizen der Nacht nach dem Aufwachen:
Rechter Bahnhofstunnel Hannover Richtung Saturn. Viele Menschen unterwegs, die vor allem aus der Innenstadt heraus drängen. Ich werde festgehalten. Festgehalten am Fuß. An einen dieser sogenannten Schmerzpunkte, welche Polizisten lernen, um Sitzblockaden aufzulösen. Stechender, unkontrollierten Schmerz dominiert alles. Der Schrei um Hilfe trifft nur auf glotzende Passanten, die nicht stehen bleiben. Der Schrei nach Aufhören, nur auf ein Grinsen. Und dann geht es schnell. Wut, Zorn, Jähzorn ballen eine Faust, um diese Situation zu beenden. Statt eines Schlags im Traum bin ich plötzlich wach. Bin wach mit schmerzenden Fingerknöcheln und kleine Abschürfungen. Mein Schlag im Traum war auch real und traf die hölzerne Kopfseite meines Betts.

Als ich dies einige Tage später einer verständigen Person erzählte, wurde mir ein weiteres ungewöhnliches Beispiel für ein Traumelement genannt. Bei ihr war es Musik im Traum, genauer ein Lied. Als sie morgens aufwachte, hatte sie eine Melodie im Ohr.

Freitag, 9. September 2011

Wo ich am 11.09.2001 war

Das die Anschläge vom 11. September 2011 die Welt verändert haben, wird wohl niemand bezweifeln, der bereits vor diesem Tag bewusst lebte. Es lässt sich in gleich mehreren Themenfeldern der internationalen Politik, Wirtschaft und des Zusammenlebens ein klare Trennlinie zwischen vor/nach diesem Tag ziehen. Einem Tag, der auch in unserem US-amerikanisierten Land oftmals mit dem Kürzel 9/11 bezeichnet wird.
Wie auch bei anderen weltbewegenden Ereignissen (Mondlandung, Tsunami) kommt im Gespräch irgendwann die Frage „und wo warst du, als dich die Nachricht erreichte?“.

Ich war im Industriegebiet von Fallingbostel, Niedersachsen. Ich saß in einem großen Besprechungszimmer eines multinationalen Betriebs und redete mit Arbeitern und Angestellten über die Geschichte der Anwerbung und Immigration von ausländischen Arbeitskräften.
Zu der Zeit arbeitete ich in einem Ausstellungsprojekt der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung zur Zuwanderung nach Niedersachsen seit 1945. Es war ein Termin mit älteren Arbeitnehmern, die in den späten 1960-er Jahren in Spanien angeworben wurden. Meine Aufgabe war es, mögliche Exponate und Interviewpartner für die Landesausstellung einzuwerben. Ich hatte bereits das Projekt vorgestellt und meine Gesprächspartner erzählten in relativ entspannter Atmosphäre aus ihren Biographien. Auf den Tisch lagen bereits einzelne alte Arbeitsgeräte, die damals verwendet wurden.
Plötzlich öffnete sich die Tür, ein Mitarbeiter schaute rein und sagt ganz aufgeregt, dass da ein Flugzeug in ein Hochhaus in New York geflogen ist. Wir schauten ihn an und schauten uns an, aber es wurde kein Wort gesagt. Das Unverständnis erkennend, schloss sich die Tür auch wieder schnell. Wir waren für 1-2 Minuten abgelenkt, sprachen dann aber wieder über das weite Thema Migration und die Schwierigkeiten der Integration.
Der besuchte Industriebetrieb hat vorbildlich gehandelt und für die neuen Arbeiter schon damals Deutschkurse organisiert. Einer der Arbeiter erklärte sich zu diesem Zeitpunkt bereit, dass wir seine Biographie als langes Interviews aufnehmen können und für Texte in der Ausstellung verwenden dürfen. Irgendwann war alles gesagt und ich verließ den Betrieb.

Ich hatte an diesen Nachmittag noch einen weiteren Gesprächstermin in der Stadt. Jemand hatte Exponate für die Gruppe der Flüchtlinge und Vertriebene der Jahre 1945-1950 angeboten und wollte mich vom Werkseingang abholen.
Er kam verspätet und fragte gleich, ob ich schon die Nachricht gehört habe. Zu diesem Zeitpunkt war schon klar, dass es kein Unfall, sondern ein Terroranschlag war. Ich hatte davon bisher wenig gehört. In diesem Moment konnte ich nur wenig entgegnen. Wir fuhren zu seinem Haus und hörten unterwegs eine Dauernachrichtensendung. Im Haus wurde zunächst der Fernseher angeschaltet und ich sah zum ersten Mal, wie das zweite Flugzeug in einen Turm des WTC flog und dort explodierte. Wir redeten nicht über den Anlass meines Besuchs, sondern sahen gemeinsam für eine unbestimmte Zeit Fernsehen, sahen den Einsturz des ersten Turms und wieder und wieder den Einschlag des 2. Flugzeugs.
Irgendwann konnte ich diese Bilder nicht mehr sehen. Ich bat schließlich darum, dass wir uns von diesen sprachlos machenden Nachrichten lösen und zum Thema meines Besuchs kommen.
Mir wurden verschiedene Exponate gezeigt. Es gab sogar Einmachgläser, die 1945 auf der Flucht mitgenommen wurden. Ich kann mich heute gar nicht mehr erinnern, ob auch nur ein Exponat dieser Familie für die Ausstellung ausgewählt wurde. Ich hatte aber alle möglichen Objekte notiert und ließ mich dann zum Bahnhof fahren.
Nach langem Warten kam schließlich eine Regionalbahn, die an jeder Milchkanne haltend, mich schließlich zurück nach Hannover brachte. Auf dieser langsamen Annäherung an die Stadt begann ich die Nachricht aus den USA zu verarbeiten.
Ich war nicht alleine im Zug, immer wieder stiegen Menschen zu und aus und manchmal  unterbrachen Gesprächsfetzen meine Gedanken. Da stiegen zum Beispiel zwei aufgeregte männliche Jugendliche ein, die sich über das Gesehene unterhielten. Die gewählten Worte ließen mich zunächst vermuten, dass sie über einen Action Film oder ein Computerspiel sprachen, doch es ging um die Bilder aus New York.
In mir stieg eine Angst auf, denn es war mir sofort klar, dass die Ereignisse in den USA zu einem Krieg führen würden. Zu einem Krieg, der plötzlich anfangen könnte und durch die Solidarität unter den Angreifern und den Angegriffenen viele Länder betreffen würde. Eine konservative US-Regierung mit einer unberechenbaren Führung, konnte auch einfach mal so einen Angriff fliegen. Es war dies eine Angst, die ich seit der Friedensbewegung der frühen 1980-er Jahre nicht mehr gespürt habe.
Der US-Krieg gegen den Terror (Fortsetzung des Krieges gegen Drogen) begann dann später und hatte wenig bis gar nichts mit den Tätern und ihrer Organisation zu tun.
... und damit gebe ich die Eingangsfrage an meine regelmäßigen Leserinnen und Leser weiter: Wo warst du, als dich die Nachricht von den Terror-Anschlägen erreichte?

Dienstag, 23. Februar 2010

The Pervert’s Guide to Cinema

The Pervert’s Guide to Cinema ist der provokante Titel eines Dokumentarfilms von Sophie Fiennes. Der slowenische Psychoanalytiker und Philosoph Slavoj Žižek spricht in diesem sehr unterhaltsamen und lehrreichen Film über verborgene Elemente und Themen, die nach seiner Analyse offensichtlich erscheinen.
In drei Teilen werden vor allem Filme von Alfred Hitchcock und David Lynch vorgestellt, die auch der Allgemeinheit für ihre verstörenden Elemente bekannt sind. Der Dokumentarfilm ist keine einfache Vorlesung über die psychologischen Hintergründe, sondern die vielen Thesen von Slavoj Žižek werden an den Orten der Filme ausgeführt. Dies kann eine Re-Inszenierung in einem Studio sein oder eine Szene an einem Originalschauplatz.

Zwei Beispiele mögen dies Illustrieren.
In der Eingangssequenz von „Die Vögel“ (Alfred Hitchcock 1963) fährt die Protagonistin Melanie Daniels (gespielt von Tippi Hedren) mit einem kleinen Motorboot in den Hafen von Bodega Bay, CA ein, wo sie von Mitch Brenner (Rod Taylor) bereits erwartet wird, als sie plötzlich von einer Möwe angegriffen wird. Slavoj Žižek fährt in einem baugleichen Motorboot in der gleichen Haltung wie die Protagonistin in den Hafen von Bodega Bay und erläutert dabei den verborgenen Inhalt dieser Szene (Vogelangriff = Gewalt der Mutter, damit sie ihren Sohn nicht verliert).

ODER
Ein Teil von „Mulholland Drive“ (David Lynch 2001) wird analysiert, während Slavoj Žižek in einem baugleichen Auto sitzt wie die Protagonistin Camilla Rhodes in der zweiten Szene des Films. Wie im Film wird der Erzähler immer wieder von entgegenkommenden Autoscheinwerfern geblendet und diese Erläuterung endet abrupt wie im Film (dort durch einen Frontalzusammenstoß).

Dieses Prinzip des Aufsuchens und Re-Inszenierens von emblematischen Szenen wird auch bei der Analyse von „Vertigo“ (Hitchcock 1958), „Psycho“ (Hitchcock 1960), „The Conversation“ (Francis Ford Coppola 1972), „Blue Velvet“ (Lynch 1986), „Matrix“ (Andy und Larry Wachowski 1999) und anderen Filmen benutzt.
Diese Beispiele zeigen vielleicht bereits, warum dieser lange Dokumentarfilm (ich habe die drei Teile von insgesamt 154 Minuten an drei aufeinander folgenden Abenden gesehen) für einen Filmfreund so unterhaltsam ist.
Slavoj Žižek ist ein Schüler des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan und wendet dessen Erkenntnisse auf die Populärkultur an. Die drei Teile des Films „The Pervert’s Guide to Cinema“ widmen sich Sehnsüchten/Triebe, Fantasie in der Sexualität und schließlich dem Verhältnis von Illusion und dem Wunsch diese in die Realität zu überführen.
Der Film ist seit einigen Monaten in Deutschland exklusiv als DVD bei Zweitausendundeins für €17,90 zu haben. Slavoj Žižek spricht mit hartem osteuropäischen Akzent Englisch, doch gibt es bei Bedarf auch eine Übersetzung ins Deutsche als Untertitel. Da auf der DVD der WDR als Mitproduzent genannt wird, dürfte der Film in mehreren Teilen auch einmal im Nachtprogramm der Dritten zu sehen sein. Der Film ist offiziell ab 16 Jahre (ich würde sagen ab 21 Jahre) und darf entsprechend erst nach 22 Uhr gezeigt werden.
Ich empfehle ausdrücklich den Kauf der DVD!

The Pervert’s Guide to Cinema (Großbritannien, Österreich, Niederlande, 154 Minuten, 2006; Ausgabe mit deutschen Untertiteln September 2009)
Der Film hat eine eigene Webseite inklusive einem Ausschnitt der das Prinzip der Re-Inszenierung zeigt.

Sonntag, 14. Februar 2010

Terry Gilliam 2009 Kabinett des Dr. Parnassus

Einige Regisseure haben ihr großes Thema und ihre einzelnen Werke sind Variationen desselben. Wim Wenders hat mehrere Filme über die Kontrolle über Bilder gemacht und Quentin Tarantino verarbeitet weiterhin den Trash der B-Movies und adelt ihn damit.
Terry Gilliam glaubt an die Macht der Phantasie und der Traumbilder.

Das Kabinett des Dr. Parnassus ist sein aktueller Film: betörend - verstörend. Hier ist es diesmal der ewige Kampf zwischen Gut und Böse, personalisiert im alten Dr. Parnassus (Christopher Plummer) und Mr. Nick (eine grandiose Rolle für Tom Waits). Während der eine Individuen ermöglicht, ihre Wunschträume zu sehen und damit ein großes Glück zu empfinden, dass sie mit in ihre Realität nehmen können, hat der andere die absolute Macht, die Träume und Phantasien in ein Alb zu verwandeln.
Leider habe ich die deutsche Version gesehen und so viele Witze waren in der Übersetzung missglückt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass im Original genauso viele "lustige" Dialoge sind, bei denen keiner im Kino lacht.
Der Film ist eine Augenweide und Anspielungen auf Absurditäten und Verlogenheiten des Alltags sind gelungen. Etwa der Zynismus der Benefizveranstaltungen für Arme, Kranke und andere Bedürftige, der in dekadent-luxuriösem Ambiente zelebriert wird oder die Ausblendung der Realität durch die wirtschaftlich-finanziell Erfolgreichen, die alles was nicht in ihre Welt passt, einfach ignorieren.
Der Bilderrausch auf der Leinwand, der Wechsel zwischen Landschaft, die offensichtlich ein Bühnenbild ist und der Schritt in diese Landschaft, die diese damit real macht, war überwältigend. Es braucht noch mehrere Sichtungen, um alle Aspekte zu erkennen und erst die DVD ermöglichte diesen Genuss.

Der Titel verweist offensichtlich auf einen der wesentlichen expressionistischen Filme: Das Cabinett des Dr. Caligari (D, 1920) mit seinen Wahnbildern. Terry Gilliam verweist auch auf seine Geschichte als Mitglied von Monty Python. Die singenden und tanzenden Polizisten in Strapsen erinnern an den Flying Circus, zeigen aber auch, dass die damaligen Ideen seitdem so oft von anderen Regisseuren kopiert wurden, dass der Witz nicht mehr im Bild alleine, sondern ausschließlich aus seiner Kombination mit dem Liedtext ("We Love Violence") funktioniert. Ich denke dabei an die Folge von MPFC, in der Kanadische Mounties mit ihrem Lumberjack Song auftreten. Noch besser gefiel mir in Dr. Parnassus Terry Gilliams "We Are The Children Of The World", das wunderbar Michael Jacksons "We are the Wold" persifliert (siehe Interview mit Gilliam)
Die Qualität als Regisseur zeigt sich in der Verarbeitung des tödlichen Unfalls von Heith Ledger. Mit Jude Law, Colin Farrell und Johnny Depp spielen gleich drei Kollegen seine Rolle als Charity Impressario, der auch über Leichen geht, in der Traumwelt von Dr. Parnassus weiter.

Wer einen phantastischen Film sehen möchte, sollte ins Kino gehen oder sich die DVD kaufen.

The Imaginarium of Doctor Parnassus (USA 2009, 122 Minuten).
Ich gebe dem Film 8 von 10 möglichen Punkten.

"We are the children of the world
and we have suffered for your sins,
but if you open up your hearts
a beautiful day begins,”

Freitag, 13. November 2009

Robert Enke und die Diktatur des Glücks

Heute fand ich in meiner taz eine Formulierung, die das Dilemma der Depression, die seit dem Freitod von Robert Enke wieder einmal thematisiert wird, auf den Punkt bringt. Jagoda Marinic schrieb unter anderen:

"Wie kann es sein, dass wir trotz aller Aufklärung in einer Atmosphäre leben, in der Menschen mehr Angst haben vor dem Urteil ihrer Mitmenschen als dem eigenen Tod? Wahnsinn, wie [die Witwe] Teresa Enke sagt. Unsere Diktatur des Glücks ist grenzenlos (...)"
(taz vom 13. November 2009, S. 14. Jacoda Marinic "Die Diktatur des Glücks")

Montag, 1. Oktober 2007

Schlaf und Träume

In unserer wöchentlichen Montagsrunde in der Kneipe "Im Exil" gab es heute zwei interessante Themen. Zunächst ging es darum, dass wir uns heute immer weniger aufregen. Weder über die große Politik (Birma) noch im privaten Bereich. Nur sehr selten wird einer von uns in der Öffentlichkeit laut und in der Regel ist es einen danach sehr peinlich und man entschuldigt sich. Ich habe in diesen Jahr mindestens dreimal die Beherrschung verloren (EK07, BCN und in der Familie), doch darum soll es jetzt nicht gehen.

Als zweites sprachen wir über Schlaf, gesunden Schlaf und das Gefühl, das man gute Träume hat. Hierzu hatte ich heute bei Ehrensenf einen Tipp bekommen. Auf den Wissenschaftseiten der BBC gibt es einen Themenblock "Sleep". Ich gehöre auch zu den Menschen, die glauben, dass sie ihren Schlaf noch optimieren könnten und oftmals das Gefühl haben nicht wirklich ausgeschlafen zu sein. Ich machte den ausführlichen Test auf den Seiten der BBC, um mein Schlafprofil zu bestimmen. Das Ergebnis war ernüchternd, denn ich habe schon fast einen optimalen Schlaf- und Erholungszyklus. Viel interessanter waren die folgenden Informationen aus der aktuellen Schlafforschung, die ich im Kreis der Freund auch erzählen konnte. Ich hatte vor einigen Jahren noch gelernt, dass der Schlaf des Menschen in mehrere Phasen zerfällt und eine zu kurze Nachtruhe dazu führt, dass die REM-Phase nicht erreicht wird. Die BBC berichtet nun, dass der Schlaf in Phasen zerfällt, aber sich diese besser als Zyklen zu bezeichnenen Intervalle im Verlauf einer Nacht mehrmals wiederholen. Jeder Zyklus ist etwa 90 bis 110 Minuten lang und zerfällt in eine Nicht-REM-Phase und eine REM-Phase. die nicht REM-Phase wird weiter unterteilt in (und jetzt nehme ich mal die englischen Fachausdrücke) A) Light Sleep 10 min B) True Sleep 20 min C) Deep Sleep with Delta Waves (low breathing and heart rate) und D) Deep Sleep mit rhythmischer Atmung und leichten Muskelbewegungen. Nach 70 bis 90 Minuten beginnt die REM-Aktivität, in der eine sehr erhöhte Gehirmaktivität stattfindet (=Träume). Danach kommt wieder A) Light Sleep. Dies erklärt mir warum nach etwa zwei Stunden Schlaf viele Menschen, die ich kenne kurz wach werden, um auf die Toilette zu gehen. Ein Zyklus ist vorbei und die abendlichen Getränke suchen ihren Ausgang.
Die Länge des eigenen Schlafbedürfnisses hängt also nicht von der Länge eines Zyklus ab, sondern davon wieviele Zyklen der eigene Körper benötigt. Ich benötige scheinbar fünf Zyklen, um mich wohl zu fühlen. Nach vier Zyklen funktioniere ich bereits und nach einen sehr anstregenden Tag benötige ich zur Erholung sechs Zyklen.

Mittwoch, 3. Januar 2007

Michel Gondry 2006 Science of Sleep

Science of Sleep – Anleitung zum Träumen (Frankreich 2006)
Regie: Michel Gondry

Die Geschichte ist schnell erzählt. Der Graphiker Stéphane (Gael Garcia Bernal) nimmt nach dem Tod seines mexikanischen Vaters die Einladung seiner französischen Mutter nach Paris an. Diese überlässt ihn eine Wohnung und hat einen Job in einer Agentur für individuelle Kalender arrangiert. Während er sich in der Wohnung seiner Kindheit und Jugend wieder einrichtet, zieht als Nachbarin die attraktive Stéphanie (Charlotte Gainsbourg) ein und er ist von ihr und ihrer Freundin verwirrt, da er spürt, dass er sich verliebt hat, aber nicht weiß in welche von den beiden Frauen. Das klingt bisher wie eine einfache Geschichte.
Es ist aber auch eine Geschichte über das Träumen und wie Träume ein Bild der Realität verändern. Stéphane träumt im Schlaf, Stéphane träumt am Tage und vor allem träumt und phantasiert er, dass er Träume verändern kann und damit die Realität ändert.

Einige Traumsequenzen werden vor einem Blue Screen aufgebaut und seine Traumwelt versammelt dieselben Menschen, wie in seiner Realität. Die Tricktechnik zur Darstellung der Träume erscheint einfach, da Pappmaché und Stop Motion für surreale Elemente verändert werden. Es entsteht eine Welt, in der Stéphane alles kontrolliert.
Stéphane verwechselt zunehmend Traum und Realität und schreibt nach seiner Meinung in einem Traum einen Brief an Stéphanie, in dem er seine Zweifel über seine Liebe ein Ende setzt. Doch dieser Brief wird in der Realität zugestellt und trotz der scheinbaren Ablehnung ist es nun eine Liebesgeschichte mit Hindernissen.

Der Film gefällt durch seine sparsamen und dann offensichtlichen Trickszenen. Dem Regisseur Michel Gondry gelingt es einige Male, den Zuschauern im unklaren darüber zu lassen, ob eine Szene nun Traum, Tagtraum oder Realität ist. Der Film endet mit einem ironischen Happy End.

Der Film ist schwer zu bewerten. Regie und Drehbuch sind von Michel Gondry. Der Film soll autobiographische Teile haben. Idee und Trickelemente sind gut, aber die Handlung ist manchmal holprig und einige Charaktere erscheinen wie Fratzen oder Masken. Das Ende ist auch ziemlich plötzlich. Dennoch bleibt der Film ausgesprochen unterhaltsam und anregend, wie sich später in einem Gespräch mit meiner Filmbegleitung zeigte.
Michel Gondry hat in den 1990-er einige Video für Björk gemacht und einige graphische Elemente, die dort nutzte, tauchen in diesem Film wieder auf.

7 von 10 Punkten meiner Werteskala.

Sonntag, 24. Dezember 2006

David Lynch 2001 Mulholland Drive

Mulholland Drive – Straße der Finsternis
(USA, Frankreich 2001, 141 Minuten)
Regisseur David Lynch

Zum zweiten Mal gesehen und immer noch angetan. Ist dies ein großer Film?

David Lynch ist bekannt für betörend-verstörende Filmphantasien. Twin Peaks war ein Meilenstein im Fernsehen. Statt brutale Cliffhanger wurden zum Ende einer Folge Rätsel scheinbar gelöst und neue rätselhafte Anspielungen bis zur nächsten Folge hinterlassen.
Die Auflösung dieser Serie war banal wie später in American Beauty oder aktuell Desperates Housewives. Die Verlogenheit einer bürgerlichen Gesellschaft, die stets den Schein von Idylle und Harmonie nach außen trägt. Deren Schweigen und Verschweigen von Aktivitäten, die dem gepredigten Ideal widersprechen, lässt nicht nur in den USA Konflikte eskalieren. Der Zwang die schöne Fassade gegenüber den Nachbarn und Freunden zu erhalten, führt mit fehlender oftmals als christlich bezeichneten Tugend zu krimineller Vertuschung von Fehltritten, Unfällen und Gewaltausbrüchen.

Mulholland Drive erscheint wie eine Parabel auf ein Bild von Hollywood. Da sind auf der einen Seite die Wünsche und Träume neu ankommender Menschen und auf der anderen Seite das Geschäft, mit seiner skrupellosen Durchsetzung von Interessen der Etablierten. Die beiden weiblichen Hauptpersonen werden zunächst nur schemenhaft vorgestellt und der schließlich alles verbindende Regisseur - optisch eine Karikatur von Wim Wenders - erscheint zunächst nur als Figur von einer von mehreren scheinbar parallel verlaufenden Geschichten. Immer wieder tauchen Personen auf, die dann plötzlich viele Szenen später eine Bedeutung entwickeln. Da David Lynch auch spektakulär Personen einführt, dessen Bedeutung für den Film nicht erklärt wird, kann ein Panoptikum von Figuren beobachtet werden.
Die schockierenden Bilder von Lynch sind bekannt, erschrecken aber dennoch stets wieder, wie ich bei der Albtraumgestalt und der verwesenden Leiche feststellte.
In der letzten halben Stunde wandelt sich der Film zu einem Varieté. Einige Fragen sind zu diesem Zeitpunkt scheinbar bereits kurz vor der Auflösung und eine Grundstruktur der Erzählung wird erkennbar. Doch mit der Szene im Varieté - alles ist vom Band! - beginnt eine Nummernrevue, die immer schneller wird und zunächst weitere Rätsel löst und auf viele mögliche Zusammenhänge verweist. Der Titelsong von Angelo Badalamenti erklingt nun zum dritten oder vierten Mal und wird jedes Mal länger eingesetzt. Das Stück entfaltet nun seine hypnotische Ohrwurmqualität.
Nach dem Besuch im Varieté beginnt eine Traumreise. Es findet sich eine Blue Box, die mit einen mysteriösen Schlüssel aus einer früheren Szene geöffnet wird und die bisherige Geschichte verschlingt. Szenen springen, Absurditäten tauchen auf, Horrorfratzen verfolgen Personen, ...

Am Ende gibt es keine offensichtliche Auflösung der Geschichte.

Da ich wieder über die Bedeutung von Symbolen, Metaphern und Traumbilder nachdenke, ist der Film mehr als gelungen. Er verstört und sollte eigentlich nicht alleine gesehen werden, da er Anlass für lange Diskussionen sein kann.
Wegen der Anregungen, der exzellenten Bilder und weil er so viele schreiend gute Sequenzen hat erhält der Film von mir neun von zehn Punkten meiner Filmbewertungsskala.