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Montag, 28. März 2016

Journalismus gegen Intelligenzflüchtlinge

Ein Lob auf Journalisten, die ihren Beruf ernst nehmen.

Ich komme vom platten Land, bin aber seit mehr als 30 Jahren Großstädter. Meine Besuche in meiner Heimatregion sind ein Regulativ zum Diskurs unter Freunden in der Stadt. Intellektuelle Zumutungen der Xenophobie und der Menschenverachtung erreichen mich in der Regel nur über die Medien und wenn ich mit offenen Ohr mich im öffentlichen Nahverkehr bewegen lasse.
Auf dem Lande lese ich die lokale Zeitung, um den anderen Diskurs besser zu verstehen.

Die Kreiszeitung - Neue Stader Wochenblatt ist eine kostenlose Wochenzeitung, also ein Werbeblatt mit wenigen eigenen Artikeln. Neben der Langeweile über Unfälle, Jubiläen, Neueröffnungen und anderen Berichten, die auch als Werbung für einen lokalen Betrieb verstanden werden können, fand ich "Das Einkaufswagen-Märchen".
Der Redakteur Jörg Dammann schreibt aus Harsefeld über aktuelle urbane Legenden. Flüchtlinge die Ausgabestelle der Tafel geplündert haben oder mit vollen Einkaufswagen ohne Bezahlung einen Supermarkt verlassen und die Polizei will keine Anzeige aufnehmen, etc.
Es sind dies die Gerüchte, die auf dem platten Land (und sehr wahrscheinlich auch in der Großstadt!) an Stammtischen und in Kaffeekränzchen kursieren oder eben generell in den digitalen sozialen Medien. Es ist alles Quatsch und der Redakteur macht das, was jeder Journalist machen sollte. Er fragt bei der Tafel und bei Supermärkten nach.
Es ist natürlich alles erfunden und so unwahrscheinlich, dass man lachen müsste.

Doch auch in der Familie habe ich schon den Unsinn hören müssen, dass Polizisten Anzeigen wegen kleiner Ladendiebstähle nicht annehmen wollten. Nur der Appell an den gesunden Menschenverstand verdeutlichte den Unsinn dieser bösartigen Geschichten.

Jörg Dammann "Das Einkaufswagen-Märchen: Wenn haarsträubende Geschichten über Flüchtlinge kursieren", Kreiszeitung Wochenblatt, 21. März 2016
(Blick auf die Elbe durch einen Schutzzaun am AKW Stade)
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(siehe auch Intelligenzflüchtling und AberNazi)

Sonntag, 31. Januar 2016

Russische Propaganda aus Hannover

Jarina Kajafa von der taz aus Berlin berichtet über das russische Internetportal "The Insider" . Diese unabhängige Webseite überprüft Meldungen der Russischen Medien und entdeckt dabei immer wieder einmal Fälschungen.
Der Fall Lisa aus Berlin (angebliche Entführung und Vergewaltigung einer 13-jährigen durch "Südländer") ging durch russische Medien und wurde schließlich auch in Deutschland thematisiert und als Falschmeldung bekannt. Das perfide war hierbei, dass in den russischen Beiträgen angebliche Angehörigen von Lisa als Zeugen für ihr Leid die Stimmung anheizten.

So einen Fall gibt es in den russischen Medien auch aus Hannover (14. Januar 2016).
Eine junge, blonde Frau, die sich Viktoria Schmidt nennt, berichtete im russischen Militär-Sender Swesda von einer Bekannten, die als Putzfrau in einer Flüchtlingsunterkunft in Hannover arbeitete, dort durch Bewohner der Unterkunft vergewaltigt und ermordet wurde. Der Fall soll sich im Oktober 2015 zugetragen haben und lief damals durch soziale Medien. Die Polizei Hannover erklärte auf Rückfrage am 12. Oktober 2015, dass dieser Bericht erfunden wurde.
The Insider hat die Geschichte durch wenige Anrufe aufgeklärt. Die Russland-Deutsche Viktoria Schmidt ist eine Schauspielerin mit Namen Natalya (Наталья), die zusammen mit dem Kameramann Oleg Cherkasov diesen Bericht auf Bestellung hergestellt hat. Sie verlangt für so eine Geschichte 500 Euro und der Kameramann weitere 200 Euro. Es sind billige Fälschungen, die Intelligenzflüchtlinge für wahr halten.
Diese russische Propaganda gegen deutsche Politik ist WI - DER - LICH !!!

Die HAZ und der NDR haben am 3. Februar über diesen Hoax berichtet.
(Foto: JDM. Graffito in Hannover. Die billige "Schauspielerin" Natalya X. nennt sich vielleicht "Künstlerin")

Dienstag, 20. Oktober 2015

Synchronisation und Voice-Over - Fernsehen in Polen 2

Was heißt Synchronisation im polnischen Fernsehen? Wie im ersten Beitrag bereits erwähnt, wurden 46 von 47 zu empfangenden Programmen mit polnischer Tonspur gesendet.
In Polen sind natürlich auch viele der Sendungen aus US-Produktion. Tatsächlich synchronisiert werden viele der Kindersendungen, d.h. es gibt eine polnische Tonspur und verschiedene Sprecher sind den verschiedenen Charakteren zugeordnet. Dies gilt auch für einige Spielfilme. Ich habe während meines Aufenthalts für einige Minuten mir die polnischen Ausgaben von Harry Potter und die Kammer des Schreckens/Harry Potter i Komnata Tajemnic angesehen. Nur weil mir die Handlung bekannt war, habe ich den Film bis zur nächsten Werbepause angesehen.

Doch die bevorzugte Synchronisation von ausländischen Sendungen sind verlesene Untertitel, das so genannte Voice-Over. Das kenne ich aus Deutschland nur aus den Nachrichten. Wenn ein ausländischer Politiker eine Nachricht ist, ist zunächst seine Stimme zu hören, bevor ein deutscher Sprecher eine Übersetzung darüber redet.
Mir wurde in Warschau gesagt, dass sich Untertitel als eingeblendeter Text nicht durchgesetzt haben, weil insbesondere ältere Personen sich darüber beschwert haben, dass sie nicht so schnell lesen könnten, wie der Text wechselt. Also öffnet eine Person in einer US-Produktion oder einer anderen ausländischen Serie ihren Mund, das erste und manchmal sogar das zweite Wort sind im Original zu hören und dann kommt eine Stimme die ohne Betonung vorliest, was die Person sagt. Diese Person liest alle Stimmen! Es ist also egal, ob eine kieksige Frauenstimme, eine dunkle Männerstimme und irgend etwas dazwischen spricht. Stets ist die gleiche Stimme zu hören.
Ich versuchte an einem Abend einer aktuellen Folge von The Big Bang Theory zu folgen. Es war sehr anstrengend, so dass ich den Ton immer leiser stellte und den Rest fast als Stummfilm sah. Die Absurdität sollte jeden klar sein. Der Wortwitz macht diese Serie so populär. Ich sah nur Schauspieler, die wechselnde Mimik zeigten.

Russia Today - rt - Fernsehen in Polen 1

Der Fernsehapparat in Warschau verzeichnete 50 Programme, davon waren 3 nicht zu empfangen und am Abend zwei im Schlaf-Modus mit einer schlafenden Zeichentrickfigur. So bleiben 45 Programme, von denen 44 ins Polnische gedubbt werden. Bei einem blieb ich hängen, da er auf Englisch ausgestrahlt wurde.
Es dauerte einige Sendeminuten bis ich den Sender identifizierte. Es stand zwar die ganze Zeit die Webadresse rt.com am Bildrand, aber ich dachte bei diesem englischen Programm nicht unweigerlich an russische Propaganda.
Es handelte sich um die englische Ausgabe von Russia Today. Ein Sender, der sich seit einigen Jahren nur noch RT nennt, damit die Zuschauer nicht immer an Russland denken.
Es war eine Faszination des Grauens. Ich sah sogar ein Beitrag über Deutschland aus Passau. Es wurde ein besorgter Bürger und eine Parteivertreterin interviewt. Der besorgte Bürger war ein Spießbürger im Sinne eines Brandstifters und die Politikerin (?) war von Alternative for Germany. Was für Quellen für eine Thematisierung des Themas Flüchtlinge, die über Passau nach Deutschland einreisen.
Hier wurde die Masche dieser Propaganda offensichtlich. Selektiv, keine Fakten, nur Emotion. Es ging immer wieder um die Ängste der beiden Personen, die vorgaben, für viele andere Deutsche zu sprechen.
So war es auch in den anderen Beiträgen. Groß war das Thema Russische Bombenangriffe in Syrien. Ein Reporter war vor Ort und sprach über den Horror und die Ängste, welche die Bevölkerung unter den islamistischen Terroristen ausstehen musste, die alles zerstört haben. Die Bevölkerung stand nun nach der durch russische Hilfe möglichen Rückkehr der syrischen Armee vor dem zerstörten Haus. Ich konnte aus Bemerkungen schließen, dass es sich um einen Bericht aus einem Gebiet handelte, wo die ISIS nie aktiv war, wo aber bekannt ist, dass dort die Truppen von Assad Bombenterror gegen ihre eigene Bevölkerung ausgeübt haben.
Es würde mich nicht wundern, wenn die gezeigten zerbombten Häuser von Luftangriffen der Syrischen Regierung zerstört wurden waren.
Ich sprach meinen polnischen Gastgeber auf das Programm an. Er sagte, dass rt bewusst nicht ins Polnische übersetzt, wie dies zum Beispiel die BBC macht. Die Macher von rt wissen, dass jetzt nur interessierte und des Englischen mächtige Personen die Propaganda sehen. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung ist es gewohnt, dass alle Sender alles ins Polnische übersetzen und werden diesen Sender entsprechenden bei einem Programmwechsel überspringen. Wenn der Sender auf Polnisch senden würde, dann gebe es sehr viel Protest gegen dieses Programm und er würde möglicherweise aus dem Programm genommen. rt sendet also unter dem Radar der polnischen Allgemeinheit.

Donnerstag, 8. Januar 2015

Unzeigbares gezeigt

Gestern wurde ich schockiert. Ich sah einen Mord!
Im Fernsehen und Kino habe ich sicherlich schon viele Tausend Schauspieler bei der Inszenierung ihres gewaltsamen Todes gesehen, doch gestern war es ein realer Mensch.

Der Terroranschlag auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo und damit auf die Freiheit des Wortes war vor wenigen Stunden geschehen, als ich dies über ein Internetportal erfuhr. Dort gab es einen Ticker, der Agentur-Nachrichten und Twittereinträge kombinierte. Jörg Diehl von SPON hatte einen Link zu einer niederländischen Seite gesetzt. Da gab es dann diesen Kurzfilm, wo zu sehen war, wie die beiden Terroristen ihr Fluchtauto verlassen, ihre Maschinengewehre in eine Richtung halten und abdrücken. Ein Kameraschwenk zeigte einen niedergeschossenen Polizisten, der etwas rief und seinen Arm hob. Einer der Terroristen ging auf ihn zu und schoss ihn aus kurzer Distanz in den Kopf.

Darauf war ich nicht gefasst. Ich weiß es gibt diese hyperrealen Videoaufnahmen, doch bisher blieb ich von diesen verschont, weil die von mir genutzten Medien (Spiegel, taz, Tagesschau, heute) bewusst solche Bilder nicht verbreiten, da diese nicht nur schockierend brutal sondern auch Propaganda für die Täter und ihre Ideologie sind. Nun hatte Spiegel online (=SPON) gegen diese Regel verstoßen.
Die Produzenten dieses Videos, die es ungeschnitten ins Netz stellten, unterstützen damit die Terroristen.

Von den vielen Karikaturen, die entstanden, beeindruckte mich die Folgende. Der französische Graphik-Designer Jean Jullien hat die Tragik und Konsequenz des Terroranschlag in folgender Zeichnung festgehalten. Er hat das Bild auf seiner Webseite und seinem Twitter-Konto veröffentlicht:
Jean Jullien, “Je suis Charlie” (2015) (via Twitter)
Die Auswirkungen solcher Terroranschläge und die allgemeine Furcht in einigen Redaktionen wird im Dokumentar-Film "Ausgelacht!? Karikaturen und Pressefreiheit" (Belgien, Frankreich 2012, Regie: Olivier Malvoisin), der derzeit noch bei ARTE+7 zu sehen ist, gezeigt.

Freitag, 6. Dezember 2013

Peinliche Jagd nach den Orkan Xaver

Vorweg ein großes Lob an den Deutschen Wetterdienst und die wesentlichen privaten meteorologischen Dienste wie Unwetterzentrale. Sie haben zeitnah und angemessen auf ihren Webseiten auf die Gefahren durch den Orkan Xaver hingewiesen.
Die Medien haben die Aufgabe diese Warnung an die Bevölkerung weiter zu geben, doch wurde daraus am 5.12. ein Katastrophenjournalismus ohne Katastrophe. Der NDR hatte an alle möglichen Gefahrenpunkte an den Küsten, an der Elbe oder auf den Harz jeweils Teams mit Kamera und Puschelmikrophon geschickt. Natürlich wurde LIVE in Hallo Niedersachsen und im Anschluss in
der Tagesschau berichtet, doch außer schwankende Reporter und schaukelnde Kameras war in der dunklen Nacht nicht viel zu sehen. Peinlich wurde es, als bei einer Live-Übertragung die Reporterin wir im Hospitalismus hin und her schwankte und im halbdunkelen Hintergrund jemand ohne Hinweise auf Sturmböen normal von links nach rechts durch das Bild ging. Da schien die Reporterin zu dramatisieren. Es gab nichts zu berichten und so spielte sie scheinbar, wie der Wind sie ständig bewegte.
Das war einfach nur schlechter Journalismus.

Doch das war noch zu steigern. Katastrophen und Unwetter locken Touristen und Adrenalin-Junkies. So auch gestern. Surfer auf der Außenalster, die nur nach einem Einsatz der Wasserschutzpolizei wieder an Land kamen. Mit den Wind spielende Jungmänner, die an Kaimauern und Führungsstangen direkt vor dem brodelnden Wasser ihren "Mut" bewiesen oder im Hintergrund eines Einspielers aus dem Harz auf einem Parkplatz mit großer Freude vom Wind weggeschoben wurden. Selbst wenn dazu Worte fallen, dass Katastrophen-Touristen sich und andere - nämlich ihre Retter, wenn aus dem Spaß eine Lebensgefahr wird - gefährden, ist es verlogen, wenn glückliche Jungmänner gezeigt werden, die im Fall der Surfer auch noch ans Mikrophon gebeten wurden, um zu sagen, wie gut es gewesen war.

Lieber NDR, wenn du nichts zu berichten hast, dann berichte nicht und sende nicht so einen Schrott.
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Nachtrag: Leider ging es am 6. Dezember 2013 weiter. Da wurde in Hallo Niedersachsen aus Norderney berichtet und die Reporterin sprach mit entsprechenden Bildern "Von der mutigen Familie, die bei diesem Wetter zum Strand geht". 

Montag, 14. Oktober 2013

Kein Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften

Auch das ZDF liefert mal wieder falsche Informationen. Heute gab die schwedische Reichsbank die Preisträger ihres Sveriges Riksbanks pris i ekonomisk vetenskap till Alfred Nobels minne bekannt.
Es ist kein Nobelpreis! Alfred Nobel schrieb in einem Brief: „Ich habe keine Wirtschafts-Ausbildung und hasse sie von Herzen.“ (Quelle Wikipedia nach einem FAZ-Artikel von 2004)


Das ZDF phantasierte im heutejournal von einem Nobelpreis-Komitee, dass heute die US-Preisträger bekannt gab. Als Beleg wurde ein Schreiben der Reichsbank eingeblendet.
Auch SPIEGEL, Süddeutsche und ARD-Tagesschau sprechen vom Wirtschaftsnobelpreis.
Was ich von den so genannten Wirtschafts-"Wissenschaften" halte, wissen meine Freunde und Bekannten.


 Siehe auch den gesamten Artikel zu diesem Preis in der Wikipedia.

Freitag, 12. Juli 2013

LE MONDE diplomatique Juni 2013

Ein Monat ist um und zeitgleich mit der ausgelieferten, gedruckten Juli-Ausgabe der LE MONDE diplomatique sind die Essays der Juni-Ausgabe frei im Internet zugänglich.
Ausgelesen empfehle ich:
  • José Luís Peixoto "Die Sonne von Portugal - Die neue Auswanderung und die Sehnsucht der Emigranten"
    Der Schriftsteller Peixoto vergleicht die aktuelle Emigration mit der Zeit der 1960-er und 1970-er Jahre, als Hunderttausende das Land verließen, um dem Elend der Salazar-Diktatur und der Kolonialkriege in Mozambique und Angola zu entfliehen. Peixoto schriebt, dass sich viele Menschen in Portugal für diese Emigranten schämten; denn die waren überwiegend ungebildet und prägten damit ein Bild von den Bewohnern Portugals in den europäischen Zielländern. Die neuen Emigranten sind jung und gut ausgebildet, doch ob dies etwas an den Beschäftigungsverhältnissen im Ausland ändert, ist eine berechtigte Frage.
    (Der Artikel erschien auch in der portugiesischen Ausgabe)
  • Jiannis Papadopoulus "Neonazis in Griechenland"
    Der Reporter der griechischen Tageszeitung Τα Νέα schreibt über die faschistische Partei Χρυσή Αυγή (=goldene Morgendämmerung), die nach ihrem Einzug ins Parlament immer mehr Einfluss in der Gesellschaft bekommt.
  • Ariane Krol und Jacques Nantel "Spione des Marktes - Was Werbung im Internet alles kann"
    Es ist ein altes Thema, aber hier sehr gut beschrieben. Amazon, Facebook und alle anderen Plattformen, die Daten ihrer Nutzer sammeln sind Trojaner. Eine Journalistin und ein Professor für Marketing der Universität HEC Montréal finden für diese These einige schöne Beispiele,
    (Der Artikel im französischen Original)
  • Serge Halimi "Lockstoff Sprache"
    Der Direktor der LE MONDE diplomatique fragt sich in seinem monatlichen edito, warum die französische politische Elite meint, dass franzöische Universitäten ihr Angebot an fremdsprachigen Studiengängen steigern sollen. Weniger als 4 Prozent der Studierenden in den USA sind Ausländer, aber 13 Prozent der Studierenden in Frankreich. In den USA käme man nicht auf die Idee Wirtschaftskurse auf Chinesisch anzubieten, um mehr Studierende aus dem Land der Mitte zu gewinnen.
Lasst euch anregen durch Autoren, die über Themen in ihren Ländern schreiben.

Donnerstag, 27. Juni 2013

Die Medien und der Whistleblower Edward Snowden

Einmal mehr möchte ich auf einen Kommentar in der taz verweisen. Martin Kaul erinnerte unter der Überschrift "Gebt uns Popcorn!" daran, dass sich fast alle Medien weigern, über die Skandale der digitalen Ausforschung durch PRISM (NSA der USA) und Tempora (GCHQ der UK) zu berichten. Stattdessen wird eine Personality-Show rund um die Flucht von Edward Snowden vor den genannten Geheimdienste veranstaltet.
Es gibt LIVE-Schaltungen zum Flughafen, wo darüber spekuliert wird, wo er nun ist und wohin er schließlich auf welchem Weg reist. Gleichzeitig speichern staatliche Behörden E-Mails, Telefonate, etc. in einem Umfang, dass sicherlich Ehemalige der STASI über diese technischen Möglichkeiten staunen und die Chuzpe der Anwendung erblassen lässt.
 vom 27. Juni 2013, Titelseite.

Freitag, 26. April 2013

Offshore-Firmen der Deutschen Bank

Nun ist es bereits mehr als drei Wochen her, dass die Süddeutsche erstmals über die geheimen Geschäfte der Steuerbetrüger unter den Titel Offshore Leaks berichtete.
In den verschiedenen Medien zugespielten Dokumenten werden angeblich 130.000 Personen benannt, welche über Briefkastenfirmen in so genannten Steueroasen ihre Gewinne verstecken und damit der Allgemeinheit durch Steuerhinterziehung schaden. Für Deutschland wurde bisher nur der verstorbene Playboy Gunter Sachs geoutet. Die Süddeutsche schreibt, dass hunderte von Deutschen in Dokumenten genannt werden.
Diese individuellen Steuerbetrüger brauchen eine Struktur, um ihr Geld zu verstecken. Die großen Banken helfen dabei gerne, da bei dieser Verschleierung von Einkünften viel Geld zu verdienen ist.
Gestern habe ich mal neugierig den Jahresbericht 2012 der Deutschen Bank angeklickt und mir ihre Liste der Tochterfirmen und Firmen, die überwiegend von der Deutschen Bank kontrolliert werden, angeschaut.
Es hat mich nicht gewundert, dass sofort auffällt, wie viele dieser Firmen ihren Sitz in so genannten Steuerparadiesen haben.
Die britischen Cayman-Inseln haben weniger als 50.000 Einwohner, doch hier unterhält die Deutsche Bank zum Beispiel 
  • Avatar Finance
  • Billboard Partners L.P. 
  • DB Capital Partners (Asia), L.P.
  • DB Capital Partners Asia G.P. Limited
  • DB Capital Partners Latin America, G.P. Limited
  • DB Capital Partners, Latin America, L.P.
  • DB Chestnut Holdings Limited
  • DB Concerto (LP) Limited
  • DB Concerto Limited
  • DB Global Markets Multi-Strategy Fund I Ltd
  • DB Jasmine (Cayman) Limited
  • DB Road (UK) Limited
  • DB Trips Investments Limited
  • DB UK Australia Finance Limited
  • Deutsche Bank International Trust Co. (Cayman) Limited
  • DB Bluebell Investments (Cayman) Partnership
  • DBRMS4
  • DBRMSGP1
  • DBRMSGP2
  • Deutsche Bank (Cayman) Limited
  • Deutsche Bank International Trust Co. (Cayman) Limited
  • MAC Investments Ltd
  • Deutsche Capital Finance (2000) Limited
  • Deutsche Capital Partners China Limited
  • Deutsche Finance No. 2 Limited
Das sind nur die Einträge aus den ersten 500 Firmen der Deutschen Bank. Avatar, Chestnut Holding und Jasmine klingen fast poetisch. Es war dann schon erstaunlich, wie wenig Informationen über diese Firmen im Internet zu finden waren. Es würde mich nicht wundern, wenn all diesen Firmen in einem Gebäude residieren und ein Strohmann für alle Firmen gleichzeitig zuständig ist.
Andere Firmen, vermutlich mit den einzigen Geschäftszweck, keine Steuern zu bezahlen, finden sich auf Mauritius, den britischen Kanalinsel Jersey und Guernsey oder der Offshore-Finanzplatz Labuan in Malaysia.
Die Liste ist lang und schmutzig und angewidert stellte ich irgendwann meine Recherche ein.

Bin gespannt, ob es noch bekannt wird, welche Personen über diese "legalen" Strukturen, ihre Steuerpflicht reduziert und verschleiert.
Ich bin pessimistisch, da Großbritannien, dass für fast alle Steueroasen die Außenvertretung übernimmt, sicherlich diplomatische Wege finden wird, um Veröffentlichungen so zu verzögern, dass das Interesse der Öffentlichkeit mal wieder erlahmt und damit der notwendige Druck für Gesetzesänderungen nicht erreicht wird.

Dienstag, 15. Januar 2013

Screwball-Komödie His Girl Friday von 1940

Die Screwball-Komödien, die seit 1934 entstanden, vereinigen Elemente des Stummfilms (Slapstick) mit einer unberechenbarer Handlung (das ist der Screwball) und einem rasanten Wortwitz. Es sind in der Regel Beziehungsgeschichten, wo ein Paar sich Streitgespräche liefert. Clark Gable, Cary Grant, Gary Cooper brillierten in den männlichen Hauptrollen und Carole Lombard, Katharine Hepburn, Jean Harlow in den weiblichen Hauptrollen um nur einige der großartigen Künstler zu nennen. Auch bei der Regie sind es die Größen der damaligen Zeit: Frank Capra, Alfred Hitchcock, Howard Hawks und andere.

Viel zu selten sind im Spätprogramm der 3. Programmen der öffentlichen Sender oder im Rahmen eines Themenabends bei ARTE oder 3SAT einige der Klassiker zu sehen. Mr. Deeds Goes to Town (1936 Mr. Deeds geht in die Stadt) mit Gary Cooper und Jean Arthur oder Bringing Up Baby (1938, Leoparden küsst man nicht) mit Cary Grant und Katharine Hepburn sind in den letzten Jahren gelaufen. Der zuletzt genannte Film lief in einer rekonstruierten Version, welche die gekürzte deutsche Version um einige Szenen im Original ergänzte. War schon merkwürdig, den Sprachwechsel zu erleben und eine weitere Motivation die Filme gleich im Original zu sehen. Doch das ist leichter geschrieben als getan.

1940 kam die Komödie His Girl Friday (Sein Mädchen für besondere Fälle) mit Cary Grant und Rosalind Russell in den Hauptrollen unter der Regie von Howard Hawks heraus. In Nazi-Deutschland ist der Film nicht gelaufen und der Film scheint erstmals 1972 im WDR gelaufen zu sein.
Für diesen Film gilt, dass er frei verfügbar ist!
Es ist dies die Geschichte einer gescheiterten Ehe im Zeitungsgewerbe, mit dem Herausgeber als Ex-Ehemann und einer Reporterin als Ex-Ehefrau. Sie will nur ihren neuen Verlobten vorstellen und er sieht eine Chance seine Ex-Ehefrau zurück zu gewinnen.

Da die Rechteinhaber es verpennt haben, ihr Copyright zu erneuern, ist dieser Film bereits seit 1968 frei verfügbar oder wie es heute heißt ein Teil der public domain. Es brauchte dann einen Service wie Archive.org, der rechte freie Medien archiviert und Webseiten spiegelt, um den Film der Welt zur Verfügung zu stellen. Als MPEG2-Datei mit 3,1 GB dauert es zwar über eine halbe Stunde, um den Film zu laden, aber dann sind 92 Minuten Unterhaltung gewährleistet.
Es ist ein anderer Humor als Heute, aber ich kann über vieles lachen, was ich bei aktuellen Komödien (egal aus welchem Land) nicht immer behaupten kann.
Schaut euch mal den Anfang an und dann werdet ihr vielleicht auch den Film legal herunterladen.

Es ist kein Spitzenfilm, eben solide Unterhaltung. Er bekommt 6 Punkte auf meiner persönlichen Skala von 0-10 Punkten.

Montag, 10. Dezember 2012

TATORT - Die Hannover-Connection

Hut ab vor den Machern des TATORTs. Das Franziska Meletzky (Regie) und Stefan Dähnert (Drehbuch) die Kommissarin Charlotte Lindholm im Milieu der so genannten Hannover-Connection ermitteln lassen, hat sicherlich mit den Entwicklungen des letzten Jahres zu tun.
Unser Rotlicht-König Frank Hanebuth wurde vom Thron gestoßen und unser Polizeipräsident musste nach einer Party in einem Establishment des eben genannten seinen Platz räumen.
Das die (Neu-)Reichen und Schönen in Hannover anrüchige Kontakte haben und der Ursprung ihrer Vermögen zumindest moralisch zweifelhaft ist, wird schon lange diskutiert. Im Tatort werden einige dieser Personen zum Teil nur wenig maskiert vorgestellt:
  • Der Chef der Hells Angels Frank Hanebuth ist Grundlage der Figur Uwe Koschnik (gespielt von Robert Gallinowski).
  • Die Figur des schmierigen Rechtsanwalts Gregor Claussen (gespielt von Michael Mendl) basiert auf den Rechtsanwalt Götz-Werner von Fromberg, der nicht nur ein Freund von Hanebuth sondern auch von Gerhard Schröder ist, womit Kontakte in die politische Elite Niedersachsens bestehen. Als ehemaliger Präsident von Hannover 96 kennt er die wirtschaftliche, kulturelle und politische Spitze von Hannover.
  • Die Figur des selbst verliebten Hajo Kaiser (gespielt von Bernhard Schir) ist an Carsten Maschmeyer angelehnt, der mit der AWD in zwei Jahrzehnten ein Vermögen von mehreren Hundert Millionen Euro machte.
  • Zu den Figuren des Chefarztes und des leitenden Beamter im Wirtschaftsministerium gebe es gleich mehrere Namen in der Realität.
Der Name Gerhard Schröder als Teil der Hannover-Connection ist bereits gefallen. Jüngstes gefallenes Mitglied dieser "feinen" Gesellschaft ist Christian Wulff. So weit kann dann doch keine fiktionale Welt gehen und so sind diese beiden Herren nicht als Figuren im Tatort zu finden.

TATORT - Das Wegwerfmädchen (Webseite), 2012. Der Film ist die nächsten sechs Tage mit Einschränkung (ab 12 Jahren und deshalb nur abends) in der ARD-Mediathek zu sehen..
Freue mich schon auf den zweiten Teil am nächsten Sonntag
TATORT - Das Goldene Band (Webseite), 2012. Es ist diesmal keine wirkliche Auflösung zu erwarten, denn die Hannover-Connection ist und bleibt lebendig.
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Die fiktive Wohnung von Charlotte Lindholm befindet sich in der Ferdi-Walli 25 hier in der List. Im Frühjahr 2010 beobachtete ich die Dreharbeiten an der damaligen TATORT-Folge und habe darüber gebloggt.
Über das Netzwerk mit Wulff im Zentrum gibt es sogar eine eigenen Seite im Netz, auf der natürlich auch sofort die Namen Hanebuth, Fromberg und Maschmeyer und weitere ins Auge stechen.

Dienstag, 3. Juli 2012

Zum Geheimdienst "Verfassungsschutz"

Zum Frühstück höre ich Radio und bei der früh morgendlichen Presseschau fing das Ärgern an. Einige Printmedien, aber auch das Radio verbreiten ein Missverständnis, dass sich in viel zu vielen Köpfen bereits festgesetzt hat.
Der Verfassungsschutz macht vieles, aber er schützt nicht die Verfassung. Der so genannte Verfassungsschutz ist ein Euphemismus.
Definition Euphemismus, Beispiele Euphemismus, Neusprech, Orwell 1984
Es handelt sich um den zentralen Inlandsgeheimdienst und dieser ergänzt die Geheimdienste für die Beobachtung des Auslands (BND) und Militär (MAD). Der "Verfassungsschutz" im Bund und die 16 unabhängigen Geheimdienste gleichen Namens in den Bundesländern schützen nicht die Verfassung, sondern beschädigen diese fortlaufend. Sie unterlaufen die Grundrechte und sind keiner wirklichen Kontrolle unterworfen, wie aktuell einmal mehr festgestellt wird.

Der Charakter des Geheimen beinhaltet das Täuschen, Betrügen und Lügen, die auch als spezifische Berufskrankheit (déformation professionelle) bekannt ist. Einen aktiven "Schlapphut" würde ich deshalb niemals glauben.
Untersuchungsausschüsse, welche Skandale der Geheimdienste untersuchen, unterliegen wiederum der Geheimhaltungspflicht und können deshalb bereits strukturell das grundlegende Problem nicht lösen.
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Euphemismus und Neusprech in der Wikipedia.

Mittwoch, 14. März 2012

taz Wahrheit Perlen 3 - Susanne Fischer

Heute fand ich in der Kolumne von Susanne Fischer auf der satirischen Wahrheit-Seite der taz gleich mehrere Sätze, die mir -obwohl ich ein Mann bin- aus der Seele sprachen. Ihr Thema waren die Zeitschriften, die beim Arztbesuch oder bei der Friseurin den Wartenden unterhalten sollen.
Da wären dann zum Beispiel die so genannten angebotenen Gesellschaftsmagazine Gala und Bunte, die alleine schon deshalb unlesbar sind, weil die dort thematisierten Personen für Menschen, die nicht die Yellow Press lesen, unbekannt sind.
Oder wenn dort Tipps für Menschen über 40 Jahre gegeben werden und geschrieben wird, was nun unterlassen werden sollte, da man eh nicht mehr mit den jungen Menschen konkurrieren kann. Doch auch ich zähle mich zu den Menschen, die gar nicht mit Jüngeren konkurrieren wollen.

Susanne Fischer "1.000 Tipps für ein gelungenes Frauenleben", taz Wahrheit 14. März 2012
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Im Mai 2006 habe ich schon einmal ein Zitat von Susanne Fischer zum Thema Freizeit auf dem Lande in Niedersachsen veröffentlicht.

Mittwoch, 7. März 2012

Christian Wulffs Abschiedslied Over the Rainbow

Zum Großen Zapfenstreich hat sich der Bundespräsident a.D. unter anderen Over the Rainbow von Harold Arlen gewünscht. Ein Lied, das für den Film The Wizard of Oz von 1939 geschrieben und von der Hauptdarstellerin Judy Garland gesungen wurde.
Das Lied wurde in Berlin vorm Schloss Bellevue ohne den Text von E. Y. Harburg aufgeführt, doch lese ich einige der Lied-Zeilen als Kommentar zu der Situation.

Zur Erinnerung: Judy Garland (als Dorothy) singt dieses Lied ziemlich am Anfang des Films. Die Waise Dorothy versucht vergeblich die Aufmerksamkeit ihrer Tante und ihres Onkels zu erlangen, um diesen eine schwierige Situation zu erklären. Die Tante sagt ihr, dass sie selbst einen Ort finden muss, wo sie keinen Ärger hat (1 Original siehe unten). Dorothy verlässt das Haus und rennt weg. Bevor sie zu singen anfängt sagt sie sinngemäß:
Ein Ort wo es keinen Ärger gibt, ob es so einen Ort wohl gibt, es muss.
Das ist kein Ort, den man mit einem Schiff oder Zug erreichen kann.
Er ist weit weit weg. Hinter dem Mond, jenseits des Regens. ... (2 Original siehe unten)

Over The Rainbow, Abschiedslied, Bundespräsident Christian Wulff
Es geht um den Traum von einem besseren Land. Einem Land, in dem persönliche Träume wahr werden. Ein Land in dem der Himmel blau ist und die Wolken weit hinter einem liegen. Wo Probleme wie Zitronenbonbons schmelzen. Dort über den Schornsteinen wird man zu finden sein. Irgendwo hinter dem Regenbogen, wo die Hüttensänger (eine nordamerikanische Drossel) über den Regenbogen fliegen, fragt man sich, warum man selbst dies nicht kann.
Diese vereinfachte Übersetzung bietet gleich mehrere Ansätze und erlaubt die Frage, ob es nicht aktuell heißen sollte: Christian Wulff (a.k.a. Dorothy)
  • Das Land, in dem persönliche Träume wahr werden, ist Niedersachsen. Hier konnte sich Christian Wullf entwickeln. Hier erhielt er von allen Seiten Lob und Anerkennung. Andere Meinungen waren nicht ernst zu nehmen.
  • Die Wolken, die hinter Christian Wulff bleiben sollen, sind offensichtlich die Medien und es sind die Rauchwolken der schweren Geschütze, die auf ihn abgefeuert wurden.
  • In der Zukunft wird es keine Probleme mehr geben, da sich diese schnell wie ein Zitronenbonbon auflösen.
  • In Großburgwedel über/hinter den Schornsteinen der Wirtschaft wird er leben.
  • In einem Land in dem schöne Vögel zarte Melodien singen. Hinter den Regenbogen ist ja ein Topf voll Gold und Christian Wulff wundert sich, dass er diesen nicht erreichen soll.
  • Der Wunsch, weg zu fliegen, könnte auf Air Berlin verweisen oder darauf, dass sich die Öffentlichkeit nun Sorgen machte sollte und eine Erholung im Fachkrankenhaus für die Seele im 20 km südlich gelegenen Ilten zu empfehlen wäre.
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Quellen: Deutsche und englische Wikipedia-Artikel zum Song und natürlich der Film "The Wizard of Oz" (1939)

Fußnoten:
1. Im Original: "... find yourself a place where you won't get into any trouble" 
2. Im Original "Someplace where there isn't any trouble. Do you suppose there is such a place, Toto? There must be. It's not a place you can get to by a boat, or a train. It's far, far away. Behind the moon, beyond the rain....."

Donnerstag, 26. Januar 2012

Referendum in Kroatien zum EU-Beitritt

Am Sonntag, dem 22. Januar 2012 gab es in Kroatien eine Volksabstimmung über den Beitritt des Landes zur EU. Diese hat bereits mit der kroatischen Regierung die notwendigen Verträge abgeschlossen und zum 1. Juli 2013 würde damit die Gemeinschaft auf 28 Länder anwachsen.
Zweidrittel der Wähler sprachen sich für einen EU-Beitritt aus. Doch dieses Referendum hat einen großen Makel. Nur 43.68% der Wahlberechtigten gingen überhaupt zur Abstimmung, dass heißt weniger als 30 Prozent der Wahlberechtigten stimmten zu. Das Ergebnis ist demokratisch zweifelhaft auch wenn es legal ist.

Die kroatische Verfassung von 1990 sah im Artikel 87 vor, dass bei einer elementare Frage für die Republik das Volk konsultiert werden kann. Das EU-Referendum ist erst die zweite Volksabstimmung in der Geschichte des Landes. 1991 hat das Volk entscheiden sich aus dem Staatenbund Jugoslawien zu lösen. Dies war noch eine echte Volksabstimmung. Im Artikel 87 stand damals noch
Beim Referendum entscheidet die Mehrheit der abgegebenen Stimmen unter der Bedingung, daß am Referendum die Mehrheit aller Wahlberechtigten der Republik teilgenommen hat.
(Kroatische Verfassung, Artikel 87, Absatz 3 in der Fassung vom 22. Dezember 1990)
Im Rahmen der Beitrittsverhandlungen zur EU musste die Verfassung in verschiedenen Artikeln angepasst werden, doch die Parlamentarier nahmen diese Gelegenheit wahr, um auch Artikel 87 zu verändern
Beim Referendum entscheidet die Mehrheit der dem Referendum beigetretenen Wählerstimmen.
(Kroatische Verfassung, Artikel 87, Absatz 4 in der Fassung vom 16. Juni 2010)
Die niedrige Wahlbeteiligung kann nicht mit Wahlmüdigkeit erklärt werden. Sowohl Regierung und Opposition als auch viele Medien und die in Kroatien mächtige katholische Kirche warben für ein Ja im Referendum.

Es gibt verschiedene Erklärungen für die erschreckend niedrige Wahlbeteiligung, die diesem Referendum die demokratische Legitimität nimmt.
Radikale Nationalisten warben für ein Nein oder eine Enthaltung und dokumentieren damit, dass sie die Verfassungsänderung verschlafen hatten. Staats- und Regierungsmehrheit feierten das Ergebnis und verwiesen wenn überhaupt nur darauf, dass die Beteiligung bei Wahlen in Kroatien auch sehr niedrig sei.
Das EU-Gegner nun eine Wiederholung der Abstimmung verlangen, erscheint moralisch berechtigt, hat aber keine Chance.

In einen Kommentar für den österreichischen Standard schrieb Adelheid Wölfl
Man kann sogar annehmen, dass viele Kroaten am Sonntag nicht zur Abstimmung gingen, weil sie es einfach nicht für notwendig hielten, wo sie sich doch ohnehin im Zentrum Europas wähnen. Für die Kroaten ist der Beitritt zur EU ja nicht der Zugang zum langersehnten Paradies, wie dies für viele Bulgaren oder Rumänen der Fall war, sondern vielmehr die größte Selbstverständlichkeit der Welt.
(…)
Die Ablehnung sitzt tief. Institutionen, europäischen wie nationalen, wird grundsätzlich misstraut, (...)
(Quelle: Der Standard, 24. Januar 2012)

Bei der Lektüre verschiedener Artikel deutscher Zeitungen fiel auf, dass sowohl Welt, FAZ, Zeit und Spiegel das Geschehen in Kroatien vor allem aus der Sicht der dpa darstellen.

Scheinbar hatte nur die taz mit Erich Rathfelder einen Journalisten vor Ort. Traurige deutsche Medienlandschaft. Zu einer Pressekonferenz von Karl Theodor v.u.z.G. in Brüssel erscheinen Dutzende deutsche Medienteams, während eine bedeutende Abstimmung in Europa nur wenig direkte Aufmerksamkeit erhält.


Auf der kroatischen Webseite der Wirtschaftszeitung (Google Übersetzer sei Dank) Dnevnik aus Zagreb wurde darauf verwiesen, dass Kroatien einen Rekord aufgestellt hat, einen negativen Rekord in der Wahlbeteiligung. Auch andere Beitrittsstaaten befragten das Volk und hier waren Ungarn und die Slowakei bisher mit 45,6% Wahlbeteiligung die blamablen Rekordhalter. Alle andere Staaten hatten mehr als 50% Wahlbeteiligung und auf Malta nahmen sogar 90,8% (ohne Wahlpflicht!) am Referendum teil.
Dnevnik verweist auf den Nachbarn Slowenien, wo 89,6% für einen Beitritt stimmten, aber dies mit einer Wahlbeteiligung von 60% legitimiert wurde.
Die Wahlbeteiligung in Kroatien war nicht nur niedrig, sondern es gab extreme Unterschiede im Abstimmungsverhalten. Im Bezirk Međimurje an der slowenisch-ungarischen Grenzen stimmten 75,7% der Wähler für einen Beitritt. Im Bezirk Dubrovnik-Neretva stimmten nur 56,9% für einen Beitritt, aber es gab auch Wahllokale in denen 86,7% gegen einen EU-Beitritt waren.

In der Hauptstadt Zagreb waren 67,9 Prozent der Wähler für die Europäischen Union.
Unter den Kroaten in der Diaspora (vor allem in Bosnien Herzegowina) gab es eine Zustimmung von 83,2% der Stimmen. (Quelle: Dnevnik)

Der Präsident der Europäischen Kommission José Manuel Barroso und der Präsident des Europäischen Rates Herman Van Rompuy phantasieren in ihrem Statement von einem „popular mandate“.

Ähnlich optimistisch sieht der Präsident des Europäischen Parlaments Martin Schulz „ein positives Signal und eine Bestärkung für ganz Südosteuropa“


Erich Rathfelder verwies in der taz darauf, dass für alle Befürworter des Beitritts ein Nachgeschmack bleibt.

EU-Politik und EU-Programme werden in der Zukunft in Kroatien mit dem Makel leben müssen, dass 70 Prozent der Wahlberechtigten nicht für einen EU-Beitritt gestimmt haben. Das ist ein schlechtes Vorzeichen für den EU-Beitritt.
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Persönlich kann ich als Radikaldemokrat Ergebnisse von Abstimmungen mit weniger als 50 Prozent Wahlbeteiligung nicht ernst nehmen.

Donnerstag, 17. Februar 2011

LeineHertz Dudelfunk in Hannover

Ein Brief, der heute an unserer einzigen lokalen Radiosender ging.

Liebe Musikredaktion!

Ich war seit eurer Geburt euer Hörer. Ob im Arbeitszimmer oder in der Küche, 106,5 war beim Radio eingestellt. Wenn denn mal eine Sendung eine unsympathische Stimme oder thematisch für mich uninteressant war, dann wurde nicht der Sender gewechselt, sondern eine CD eingelegt oder iTunes auf dem Rechner gestartet.

Das passierte in den letzten Wochen immer häufiger. Doch es sind keine unsympathischen Stimmen oder uninteressante Berichte, sondern langweile Musik und die gefühlten 10 Mal pro Stunde Eigenwerbung. Was ist dann die Alternative zu kommerziellen Sender, auf denen die sich wiederholende Werbung nervt.

Leinehertz dudelt und sagt mir beständig: Du bist alt! Denn ich kann mich daran erinnern, als diese nun neu auf Leinehertz zu hörenden Lieder vor 20-30 Jahren erstmals im Radio zu hören waren. Kuschelrock und Pop/Rock-Klassiker könnte ich auch bei der privaten Konkurrenz hören.

Ich bin dann mal weg.

Jürgen D. Müller

Siehe auch Facebook-Gruppe Leinehertz-Kritik.

Samstag, 25. September 2010

Robert Fripp Soundscape 1996

Wenn ich Texte schreiben, ist im Hintergrund Musik zu hören, die als meditativ bezeichnet werden kann, aber nicht als solche firmiert. Es ist oftmals der Ambient Sound von Brian Eno, der mich dann wiederum an ein „Konzert“ (?) mit Robert Fripp erinnert.

Im März 1996 war ich für Forschungsarbeiten in London und am zweiten Wochenende fand in der Royal Festival Hall eine Tagung zur New Music/New Media statt, auf der auch Peter Gabriel sein sollte. Es war dieser Name, der mich zur Southside lockte. Der Teilnahmebeitrag erschien mir prohibitiv und so verzichtete ich darauf in den Konferenzsaal zu gehen und hörte stattdessen dem Musiker zu, der umgeben von Computern im Foyer experimentierte. Erst durch ein Plakat erfuhr ich, dass dies Robert Fripp der Kopf der ProgRock-Band King Crimson war.

Robert Fripp baute mit seiner Gitarre und diversen Hall-, Loop- und anderen Geräten in vielen Schritten das von ihn so genannten Soundscape auf. Er nahm nacheinander diverse Akkorde auf unterschiedlichen Geräten auf, die er jeweils individuell veränderte und diese Samples dann übereinander legte, wobei einige aufeinander durch Rückkopplungen reagieren und andere langsam ausklangen. Das Einspielen der Samples dauerte jeweils mehrere Minuten und der Sound wurde dabei immer komplexer. Dann war zu sehen, dass Robert Fripp mit dem Ergebnis zufrieden war. Er hängte die Gitarre ab, verließ durch eine Lücke zwischen den Geräten seinen Arbeitsplatz und verschwand. Er kam mit einem dampfenden Kaffee oder Tee wieder, hörte sich sein Soundscape an, setzte sich wieder an seinen Arbeitsplatz und ließ den Sound ausklingen.
Und dann begann er wieder Schritt für Schritt ein Soundscape zu konstruieren.

Der Klang erinnerte mich damals, wie mein Tagebuch verzeichnet, an die mir bis dahin bereits bekannte Meditationsmusik von Georg Deuter (Silence is the Answer, 1980) und den Minimalismus von Philip Glass (Koyaanisqatsi, 1983). Brian Eno war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt.

Das Wort Konzert habe ich zu Beginn in Anführungszeichen und mit einem Fragezeichen versehen, da dieses Event, dass ich damals erlebte, viele Stunden dauerte. Eine kurze Notiz von damals sagt mir, dass ich alleine fast fünf Stunden Robert Fripp und sein Soundscape erlebte.

Dienstag, 27. April 2010

Perlen der taz-Wahrheit 1

In der heutigen Glosse von Tobias Kunze "Merkel vor Adenauer" auf der WAHRHEIT-Seite der taz finden sich einige schöne Formulierungen zum "rhetorischen Eierlauf"um den Krieg in Afghanistan:
Früher, bevor Kriege von der Wirtschaft geführt wurden, da nannte man das Kind wenigstens beim Namen.
Der Autor verweist mit mehreren Beispielen darauf, dass wir gerade eine Kampagne von Neusprech (1984 von George Orwell) und Euphemismen erleben. Diese Glosse ist lesenswert und hätte auch als Kommentar erscheinen können.

Dienstag, 23. Februar 2010

The Pervert’s Guide to Cinema

The Pervert’s Guide to Cinema ist der provokante Titel eines Dokumentarfilms von Sophie Fiennes. Der slowenische Psychoanalytiker und Philosoph Slavoj Žižek spricht in diesem sehr unterhaltsamen und lehrreichen Film über verborgene Elemente und Themen, die nach seiner Analyse offensichtlich erscheinen.
In drei Teilen werden vor allem Filme von Alfred Hitchcock und David Lynch vorgestellt, die auch der Allgemeinheit für ihre verstörenden Elemente bekannt sind. Der Dokumentarfilm ist keine einfache Vorlesung über die psychologischen Hintergründe, sondern die vielen Thesen von Slavoj Žižek werden an den Orten der Filme ausgeführt. Dies kann eine Re-Inszenierung in einem Studio sein oder eine Szene an einem Originalschauplatz.

Zwei Beispiele mögen dies Illustrieren.
In der Eingangssequenz von „Die Vögel“ (Alfred Hitchcock 1963) fährt die Protagonistin Melanie Daniels (gespielt von Tippi Hedren) mit einem kleinen Motorboot in den Hafen von Bodega Bay, CA ein, wo sie von Mitch Brenner (Rod Taylor) bereits erwartet wird, als sie plötzlich von einer Möwe angegriffen wird. Slavoj Žižek fährt in einem baugleichen Motorboot in der gleichen Haltung wie die Protagonistin in den Hafen von Bodega Bay und erläutert dabei den verborgenen Inhalt dieser Szene (Vogelangriff = Gewalt der Mutter, damit sie ihren Sohn nicht verliert).

ODER
Ein Teil von „Mulholland Drive“ (David Lynch 2001) wird analysiert, während Slavoj Žižek in einem baugleichen Auto sitzt wie die Protagonistin Camilla Rhodes in der zweiten Szene des Films. Wie im Film wird der Erzähler immer wieder von entgegenkommenden Autoscheinwerfern geblendet und diese Erläuterung endet abrupt wie im Film (dort durch einen Frontalzusammenstoß).

Dieses Prinzip des Aufsuchens und Re-Inszenierens von emblematischen Szenen wird auch bei der Analyse von „Vertigo“ (Hitchcock 1958), „Psycho“ (Hitchcock 1960), „The Conversation“ (Francis Ford Coppola 1972), „Blue Velvet“ (Lynch 1986), „Matrix“ (Andy und Larry Wachowski 1999) und anderen Filmen benutzt.
Diese Beispiele zeigen vielleicht bereits, warum dieser lange Dokumentarfilm (ich habe die drei Teile von insgesamt 154 Minuten an drei aufeinander folgenden Abenden gesehen) für einen Filmfreund so unterhaltsam ist.
Slavoj Žižek ist ein Schüler des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan und wendet dessen Erkenntnisse auf die Populärkultur an. Die drei Teile des Films „The Pervert’s Guide to Cinema“ widmen sich Sehnsüchten/Triebe, Fantasie in der Sexualität und schließlich dem Verhältnis von Illusion und dem Wunsch diese in die Realität zu überführen.
Der Film ist seit einigen Monaten in Deutschland exklusiv als DVD bei Zweitausendundeins für €17,90 zu haben. Slavoj Žižek spricht mit hartem osteuropäischen Akzent Englisch, doch gibt es bei Bedarf auch eine Übersetzung ins Deutsche als Untertitel. Da auf der DVD der WDR als Mitproduzent genannt wird, dürfte der Film in mehreren Teilen auch einmal im Nachtprogramm der Dritten zu sehen sein. Der Film ist offiziell ab 16 Jahre (ich würde sagen ab 21 Jahre) und darf entsprechend erst nach 22 Uhr gezeigt werden.
Ich empfehle ausdrücklich den Kauf der DVD!

The Pervert’s Guide to Cinema (Großbritannien, Österreich, Niederlande, 154 Minuten, 2006; Ausgabe mit deutschen Untertiteln September 2009)
Der Film hat eine eigene Webseite inklusive einem Ausschnitt der das Prinzip der Re-Inszenierung zeigt.