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Samstag, 4. Januar 2014

LE MONDE diplomatique Dezember 2013

Empfehlungen auf lange Artikel und Essays in der diplo, die auf deren Webseite frei verfügbar sind:


  • Der französische Journalist Laurent Geslin schreibt unter dem Titel "Staat und Mafia in Bulgarien" über die zunehmende Hoffnungslosigkeit der bulgarischen Bevölkerung. Es hat in den letzten 20 Jahren viele Regierungswechsel gegeben, aber die Politik hat sich nur wenig verändert. Ein größer werdender Teil der Bevölkerung verarmt und hat auch nur wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Die TIM-Holding kontrolliert wesentliche Teile der Wirtschaft. Hieraus machte der Volksmund: "Jedes Land hat seine Mafia. In Bulgarien hat die Mafia ein Land."
  • In einen Kurzartikel schreibt er unter dem Titel "Bruderland Mazedonien" über eine Gruppe, die wie andere Ideologen in Ungarn oder Rumänien Grenzen neu ziehen wollen, um ehemalige Größe wieder zu erreichen. Man könnte darüber schmunzeln, wenn diese Leute es nicht so ernst meinten und dies mit allen Gewalt durchsetzen wollen.
  • Benoît Bréville und Pierre Rimbert schreiben über den Spieltrieb der modernen Wirtschaft und wie wir damit für einen Konkurrenzkampf konditioniert werden. Gamification oder Spielifizierung appeliert an den Spieltrieb, der in uns wohnt und der nun dafür genutzt wird, um die Produktivität zu erhöhen oder Informationen zu sammeln. Symbolische Gewinne, die in keinem Verhältnis zur Zahl der Spielenden oder den Aufwand stehen, motivieren zusätzlich. Es gibt bereits Restaurants und Supermärkte, in denen die individuelle Leistung der Angestellten durch die digitale Wettbewerbe gesteigert wird. Wer nicht mithält, verdient weniger und dessen Job ist gefährdet.
  • Der Vorsitzende der griechischen Syriza-Partei Alexis Tsipras hielt am 4. November 2013 in Austin, Texas eine Rede über Europa und die Krise in Griechenland (Wir Europäer). Einleitend sagt er bereits, dass einige der Fragen, die er stellt, nicht mehr in Brüssel oder Frankfurt (EZB) gehört  werden, obwohl diese wesentlich sind, um die Eurozone und die EU aus der Krise zu führen. Er stellt wie viele vor ihm fest, dass Europa die leitende Idee, die Narrative abhanden gekommen ist. Die Ziele nach 1945 wurden weitestgehend verwirklicht, aber wo soll es nun hingehen. Europapolitik verkommt immer mehr zu einer Finanzpolitik, die wiederum in ihren gnadenlosen Durchsetzung Armut und Verelendung fördert und damit Tendenzen zu einer Ablehnung des Staatenbundes verstärkt.
Es finden sich auch noch Artikel über die Hintergründe der politischen Unruhen in Pakistan, Venezuela nach dem Tod von Hugo Cháves, der Monetarisierung der Natur, Abtreibungsgegener in den USA, kanadische Softwareentwicklung, die Geschichte von Computerspielen und die Frage wieviel Realität in einem Computerspiel einfließen sollte.

Ich kann es nur wieder betonen. Es lohnt sich am zweiten Freitag des Monats die taz zu kaufen. Denn dann liegt die aktuelle LE MONDE diplomatique bei.

Freitag, 12. Juli 2013

LE MONDE diplomatique Juni 2013

Ein Monat ist um und zeitgleich mit der ausgelieferten, gedruckten Juli-Ausgabe der LE MONDE diplomatique sind die Essays der Juni-Ausgabe frei im Internet zugänglich.
Ausgelesen empfehle ich:
  • José Luís Peixoto "Die Sonne von Portugal - Die neue Auswanderung und die Sehnsucht der Emigranten"
    Der Schriftsteller Peixoto vergleicht die aktuelle Emigration mit der Zeit der 1960-er und 1970-er Jahre, als Hunderttausende das Land verließen, um dem Elend der Salazar-Diktatur und der Kolonialkriege in Mozambique und Angola zu entfliehen. Peixoto schriebt, dass sich viele Menschen in Portugal für diese Emigranten schämten; denn die waren überwiegend ungebildet und prägten damit ein Bild von den Bewohnern Portugals in den europäischen Zielländern. Die neuen Emigranten sind jung und gut ausgebildet, doch ob dies etwas an den Beschäftigungsverhältnissen im Ausland ändert, ist eine berechtigte Frage.
    (Der Artikel erschien auch in der portugiesischen Ausgabe)
  • Jiannis Papadopoulus "Neonazis in Griechenland"
    Der Reporter der griechischen Tageszeitung Τα Νέα schreibt über die faschistische Partei Χρυσή Αυγή (=goldene Morgendämmerung), die nach ihrem Einzug ins Parlament immer mehr Einfluss in der Gesellschaft bekommt.
  • Ariane Krol und Jacques Nantel "Spione des Marktes - Was Werbung im Internet alles kann"
    Es ist ein altes Thema, aber hier sehr gut beschrieben. Amazon, Facebook und alle anderen Plattformen, die Daten ihrer Nutzer sammeln sind Trojaner. Eine Journalistin und ein Professor für Marketing der Universität HEC Montréal finden für diese These einige schöne Beispiele,
    (Der Artikel im französischen Original)
  • Serge Halimi "Lockstoff Sprache"
    Der Direktor der LE MONDE diplomatique fragt sich in seinem monatlichen edito, warum die französische politische Elite meint, dass franzöische Universitäten ihr Angebot an fremdsprachigen Studiengängen steigern sollen. Weniger als 4 Prozent der Studierenden in den USA sind Ausländer, aber 13 Prozent der Studierenden in Frankreich. In den USA käme man nicht auf die Idee Wirtschaftskurse auf Chinesisch anzubieten, um mehr Studierende aus dem Land der Mitte zu gewinnen.
Lasst euch anregen durch Autoren, die über Themen in ihren Ländern schreiben.

Samstag, 16. März 2013

You Are My Sunshine - EK-Erinnerungen

Ein Text über den Sonnenschein

In jedem Jahr habe ich mindestens einen Sonnenschein kennen gelernt, eine Person, die durch ihre Art oder ihr Lächeln auch bei mir ein Lächeln erzeugte und so bereits zum Frühstück den jeweiligen Tag zu einem guten Tag machte.
Es waren dies die "Good Vibrations" oder anders ausgedrückt, das "ich kann dich gut riechen" als Gegensatz zum "den kann ich nicht riechen".
Wenn ich nun auf die Namensliste der zehn Jahrgänge schaue, erzeugen einige Namen weiterhin ein Lächeln, da die positive Erinnerung überwiegt. Es gab Jahre in denen es mehr Sonnenschein gab und Jahre mit weniger; auch war es nicht immer "die", sondern manchmal auch "el", "le" oder "il".

Die moderne Kommunikation und unsere jährlichen EKNT (2013 heißt das Ziel Budapest) erlauben mir, in Kontakt zu bleiben und zu beobachten, wie die Alumni nach der Schule ihren Weg durch die Hochschule oder Universität finden.

Samstag, 7. Januar 2012

Aufsätze zur Krise in Griechenland

Während die Griechen die Krise bekommen, erscheinen endlich auch Reportagen und Berichte, die nicht postdemokratische Finanz-Technokraten, welche selbst eine Ursache der Krise sind, als Lösung propagieren.

Die monatliche auch auf Deutsch erscheinende LE MONDE diplomatique lädt regelmäßig Autoren zu diesem Thema ein.
Im Oktober 2011 (LE MONDE diplomatique Nr. 9623 vom 14.10.2011) schrieb der französische Wirtschaftswissenschaftler Laurent Cordonnier unter dem Titel "Rette Griechenland, wer kann" die Lage vor den Krisengipfeln und zeigt politische Alternativen zur Lösung auf.
Im Dezember 2011 (LE MONDE diplomatique Nr. 9671 vom 9.12.2011) schrieb eine wissenschaftliche Mitrarbeiterin des Centre européen de sociologie et de science politique (CESSP) der Sorbonne über Griechenland. Noëlle Burgi fasste unter den Titel "Griechische Zustände" einige Veränderungen für griechische Bürgerinnen und Bürger zusammen. Gesundheit wird zum Luxus und die Lebenserwartung wird in den nächsten Jahren sinken.
In der gleichen Ausgabe kommentiert der Herausgeber Serge Halimi die politische Entwicklung und bezeichnet die neuen Regierungen in Griechenland und Italien als "Zivile Juntas".
In der Ausgabe Mai 2012 schreibt der Redakteur Niels Kadritzke über die Wahlen und Innenansichten unter dem Titel "Griechische Stimmen".

Die Stiftung der Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts gibt über den Server der Universität Duisburg-Essen die Zeitschrift sozial.geschichte online heraus. Im Heft 6/2011 finden sich gleich zwei Aufsätze zu Griechenland, die kostenfrei als PDF-Datei heruntergeladen werden können.
Dr. med, Dr. phil Karl-Heinz Roth von der Stiftung für Sozialgeschichte des 20.Jahrhunderts, Bremen fasst unter den Titel "Griechenland und die Euro-Krise" die Ereignisse zusammen.
Dr. phil Gregor Kritidis, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politische Wissenschaft der Leibniz Universität Hannover und Herausgeber der Online-Zeitschrift Sopos schreibt über "Die Demokratie in Griechenland zwischen Ende und Wiedergeburt".

Viel Spaß bei der Lektüre und hoffentlich auch Anregungen für die nächste Diskussion.
Es gibt eine Sicht auf griechische Probleme jenseits der Beschränktheit der europäischen politischen Elite, der Ratingagenturen mit ihrer eigenen Agenda und des IMF.

Samstag, 23. Dezember 2006

Petros Markaris 1998 Nachtfalter

(Eine Besprechung aus dem Jahre 2006)
 
Petros Markaris "Nachtfalter – Ein Fall für Kostos Charitos". Roman aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger. Diogenes Verlag, Zürich, 2001 (Original Amyna Zonis, Athen 1998).

Das Genre "Kriminalroman/Detektivgeschichte" ist mir weitestgehend fremd und so habe ich mir bisher auch erst wenige Beispiele dieser Gattung gekauft. Krimis aktueller Autorinnen und Autoren kamen bisher wie in diesem Fall nur als ein Geschenk oder nach einer ausdrücklichen Empfehlung in meine Bibliothek.

Unbelesen bin ich in diesem Feld dennoch nicht. Die Rätselgeschichten von Edgar Poe ("Die Morde in der Rue Morgue", 1841; "Das Geheimnis um Marie Roget", 1842, "Der Goldkäfer", 1843 und schließlich das Sahnestück "Der stibitze Brief", 1845), der damit diese Art von Literatur salonfähig machte, haben mich begeistert. Zwei von mir geschätzte Autoren (Douglas Adams und Gisbert Haefs) haben sich auch in diesem Genre versucht (zwei Dirk Gently Romane von Adams bzw. die Trilogie der Matzbach-Krimis von Haefs) und wurden mit großem Spaß gelesen. Henning Mankell ("Die Brandmauer") und Alexander McCall Smith ("No. 1 Ladies‘ Detective Agency") waren großartige Empfehlungen bzw. Geschenke.

Nun also ein Krimi aus Athen. Der Einstieg ist furios und dann ernüchternd. Kostas Charitos ist Kommissar bei der Athener Mordkommission und bricht seinen Urlaub auf Santorin ab, als im Nachbarort eine nicht zu identifizierte Leiche nach einem Erdbeben freigelegt wird. Er übernimmt die Verantwortung für den Toten und nach der Überführung der Leiche die Ermittlungen.

Es werden sehr schnell viele Personen eingeführt und entsprechend findet sich am Ende des Romans auch ein Personenverzeichnis, damit die Übersicht nicht verloren geht. Griechische Vor- und Nachnamen sind mir nicht so geläufig und deshalb ist dieses Verzeichnis theoretisch auch sehr hilfreich, aber es steht am Ende und wer liest schon einen Roman -vor allem einen Krimi- von hinten. Ich fand das Verzeichnis erst nach Abschluss des Romans. Dieser Service wäre als dramatis personae zu Beginn vor dem Roman sinnvoll gewesen.

Realistisch wird die Geschichte in dem Moment, wo Kommissar Charitos am ersten offiziellen Arbeitstag eine weitere Mordermittlung übernehmen muss und nun einen Spagat zwischen zwei grundverschiedenen Opfern aushalten muss. Der zweite Tote ist ein prominenter Besitzer zweier Nachtclubs, der vor einem Club regelrecht hingerichtet wurde. Der Prominente hat Kontakte ins Parlament und sogar zu einen ehemaligen Minister. Mit lakonischen bis sarkastischen Humor, sind immer wieder Spitzen gegen die politische Elite und ihre Unantastbarkeit gestreut. Charitos ist kein angenehmer Charakter und die Mordkommission als Ganzes ermittelt oftmals am Rande der Legalität, da der Dienstweg lang und durch Einflussnahme von höheren Stellen auch versperrt sein kann. Charitos ist ein Mensch mit einem harten Weltbild, voller Vorurteile, die auch vehement formuliert werden.

Das macht das Lesen nicht leicht. Es tauchen Personen auf, welche die Militärdiktatur als ein geringeres Übel bezeichnen als die Gegenwart und die Beschimpfungen und Vorverurteilungen von Drogenabhängigen und Menschen aus den benachbarten südosteuropäischen Staaten sind nicht lustig. Das ist auch eine Form von Realismus. Xenophobie und Kulturpessimismus in klaren Worten.

Der Kommissar hat ein ungewöhnliches Hobby. Er liest gerne in alten Lexika, um zur Ruhe zu kommen. So kommen immer wieder Zitate aus dem "Wörterbuch sämtlicher Begriffe bei Hippokrates" und anderen Werken vor. Seine Gedanken über die beschriebenen Worte münden oftmals in Spekulationen über den aktuellen Stand seiner Ermittlungen.

Es ist kein griechischer Krimi sondern speziell ein Athener Krimi und das erschwert das Lesen ungemein. Das Verkehrschaos, die halblegale Bebauung des Stadtrandes und der Lärm und Gerüche der Metropole werden ausführlich gewürdigt. Vor allem wird immer wieder geschrieben, wie lange die Fahrt von A nach B und schließlich nach C dauert. Ohne echte Ortskenntnisse und einer genauen Übersichtskarte oder sogar einem Stadtplan geht die Detailfreude für mich als Ortsfremden nach hinten los. Es ist also einer dieser "lokalen" Krimis, auch wenn es sich um die griechische Metropole handelt.
In einer Sammelbesprechung habe ich vor mehr als einem Jahr mal gelesen, dass Lokalkrimis zur Zeit der Renner sind. Ein Krimi der in Hannover oder Wolfsburg handelt, spricht vielleicht auch Menschen aus dem ganzen Land an, aber das Potential, Orte und Prominente wieder zu erkennen, führt zum Verkaufserfolg vor Ort. Ein sicheres Geschäft, da außerdem ehemalige Bewohner einer Großstadt über das ganze Land verstreut sind.

Für Menschen mit Ortskenntnis muss es eine große Freude sein, die Beschreibung der Lokalitäten und die Kommentare zur Lebenssituation im aktuellen Athen zu lesen. Für mich wurden diese Passagen ermüdend und langweilig, da sie den Fortgang der Geschichte verzögerten.

Die Versuche und schließlich der Erfolg zwei unterschiedliche Mordfälle zu lösen sind sehr interessant. Es verbietet sich natürlich, darüber zu schreiben, wie die Geschichte ausgeht.