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Montag, 9. November 2015

Fremd in Warschau


(Bischof Marianos, 1005-1036)
Nach wenigen Tagen entfaltete sich eine mental map der Innenstadt. Markante Gebäude wurden erkannt und beim wiederholten Gang entlang einiger Straßen konnte nun in Muße Details entdeckt werden.
Das große Kino des Lebens spielte für mich. Doch etwas war befremdlich.

Seit meinen Kindheitstagen in Norddeutschland heißt städtisch hier ist der Fremde zu sehen. Das waren die dunkelhaarigen, angeworbenen Arbeitskräfte ("Gastarbeiter") und ihre Familien oder Menschen mit dunkler Hautfarbe unter den Besatzungssoldaten.

Das fehlte in Warschau! Es waren Unterschiede in der Kleidung zu sehen, die auf die wirtschaftliche Situation verwiesen, aber keine Differenz in Haut- und Haarfarbe. Letzteres gilt auch für junge Frauen in Warschau (selbst im Bereich der Universität), die nicht über ungewöhnliche Haarfarbe ihre Individualität betonen.
An beworbenen Orten waren natürlich Touristen wie ich, doch in vielen Straßen waren keine Fremden zu sehen.
(Bischof Petros I., 975-999)


Und dann kam sie. Eine Frau von etwa 25-35 Jahren, teuer gekleidet, groß, schlank mit einer langhaarigen Flechtfrisur, wie sie mir von Westafrikanerinnen vertraut ist. Die Frau wusste, wo sie hin will, kam mir zügig entgegen und Sekunden später verschwand sie hinter mir. Was für ein schöner Anblick.
Ich hatte den Eindruck, dass sich alle Männer nach dieser Frau aus einem afrikanischen Land umdrehten. Einige glotzten sekundenlang, als wenn sie so etwas noch nie gesehen hatten. Einer glotzte und ich sah in seinem Gesicht Abscheu.

Es wird noch lange dauern, bis auch in Polen in den Städten ein Querschnitt der Weltbevölkerung leben wird.
Nach der aktuellen Statistik von EUROSTAT für 2014 sind weniger als 0,3% der Menschen in Polen Ausländer und nur 0,01% stammen aus einem Land in Afrika.

Zu den beiden Bildern: Seit den 1960-er Jahren gibt es im Polnischen Nationalmuseum eine Dauerausstellung zu einer Kathedrale in Faras, Sudan. Bevor die Stadt durch den Assuan-Staudamm in den Nilfluten versank, wurden Wandmalereien und architektonische Besonderheiten gerettet, die heute in Khartoum und in Warschau zu bewundern sind.

Dienstag, 20. Oktober 2015

Russia Today - rt - Fernsehen in Polen 1

Der Fernsehapparat in Warschau verzeichnete 50 Programme, davon waren 3 nicht zu empfangen und am Abend zwei im Schlaf-Modus mit einer schlafenden Zeichentrickfigur. So bleiben 45 Programme, von denen 44 ins Polnische gedubbt werden. Bei einem blieb ich hängen, da er auf Englisch ausgestrahlt wurde.
Es dauerte einige Sendeminuten bis ich den Sender identifizierte. Es stand zwar die ganze Zeit die Webadresse rt.com am Bildrand, aber ich dachte bei diesem englischen Programm nicht unweigerlich an russische Propaganda.
Es handelte sich um die englische Ausgabe von Russia Today. Ein Sender, der sich seit einigen Jahren nur noch RT nennt, damit die Zuschauer nicht immer an Russland denken.
Es war eine Faszination des Grauens. Ich sah sogar ein Beitrag über Deutschland aus Passau. Es wurde ein besorgter Bürger und eine Parteivertreterin interviewt. Der besorgte Bürger war ein Spießbürger im Sinne eines Brandstifters und die Politikerin (?) war von Alternative for Germany. Was für Quellen für eine Thematisierung des Themas Flüchtlinge, die über Passau nach Deutschland einreisen.
Hier wurde die Masche dieser Propaganda offensichtlich. Selektiv, keine Fakten, nur Emotion. Es ging immer wieder um die Ängste der beiden Personen, die vorgaben, für viele andere Deutsche zu sprechen.
So war es auch in den anderen Beiträgen. Groß war das Thema Russische Bombenangriffe in Syrien. Ein Reporter war vor Ort und sprach über den Horror und die Ängste, welche die Bevölkerung unter den islamistischen Terroristen ausstehen musste, die alles zerstört haben. Die Bevölkerung stand nun nach der durch russische Hilfe möglichen Rückkehr der syrischen Armee vor dem zerstörten Haus. Ich konnte aus Bemerkungen schließen, dass es sich um einen Bericht aus einem Gebiet handelte, wo die ISIS nie aktiv war, wo aber bekannt ist, dass dort die Truppen von Assad Bombenterror gegen ihre eigene Bevölkerung ausgeübt haben.
Es würde mich nicht wundern, wenn die gezeigten zerbombten Häuser von Luftangriffen der Syrischen Regierung zerstört wurden waren.
Ich sprach meinen polnischen Gastgeber auf das Programm an. Er sagte, dass rt bewusst nicht ins Polnische übersetzt, wie dies zum Beispiel die BBC macht. Die Macher von rt wissen, dass jetzt nur interessierte und des Englischen mächtige Personen die Propaganda sehen. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung ist es gewohnt, dass alle Sender alles ins Polnische übersetzen und werden diesen Sender entsprechenden bei einem Programmwechsel überspringen. Wenn der Sender auf Polnisch senden würde, dann gebe es sehr viel Protest gegen dieses Programm und er würde möglicherweise aus dem Programm genommen. rt sendet also unter dem Radar der polnischen Allgemeinheit.

Samstag, 14. Februar 2015

LE MONDE diplomatique - Januar 2015


Der Januar ist vorbei, die monatliche deutsche Ausgabe der diplo ausgelesen und mit der neuen Februar-Ausgabe die vorherigen Texte auch kostenlos im Netz zu lesen.
Hier sind meine Leseempfehlungen und Zusammenfassungen, der Name des jeweiligen Journalisten führt direkt zum Artikel im Archiv der LE MONDE diplomatique:
  • Der Wissenschaftler Quentin Ravelli recherchierte über den französischen Pharmakonzern Sanofi. Er hat dafür dort auch ein Praktikum in der PR-Abteilung absolviert und in der Produktion in Rouen gearbeitet. Die Produktionsbedingungen widersprechen den öffentlich erklärten Ziel, etwas für die Gesundheit der Menschen zu tun. Wichtiger als, die Arbeiter, die die Pillen herstellen, sind die gut bezahlten Personen, die Mediziner manipulieren, mehr Präparate zu verschreiben. Er beschreibt, wie dieses Ziel erreicht wird und damit Sanofi zum viert-größten Pharmakonzern wurde.
  • Urbino mag eine Kleinstadt in Italien sein, aber der Soziologe Peter Kammerer von de dortigen Universität sieht die Stadt als ein Beispiel für gescheiterte Entwicklungsprozesse und wir die Gier nach neuen Projekten zur Modernisierung die Lebensqualität reduziert, wenn weder das Neue fertig gestellt noch das Alte in Stand gehalten wird.
  • Desmond King von der University of Oxford begründet die These, dass die Abgrenzung zwischen Schwarzen und Weißen in den USA seit der Zeit der Bürgerrechtsbewegung verschärft hat.
  • Aus Nigeria berichtet der Schriftsteller Elnathan John wie ein queerer Nigerianer zu einem Sündenbock für ein Bombenattentat wurde. Nigeria ist von Terror verschiedener Prägungen geplagt und die Regierung, die Polizei und Armee reagieren darauf hilflos oder mit Terror. Der Wunsch nach schneller Identifizierung der Täter führt dazu, dass Unschuldige getötet werden in Gegenschlägen oder eben unter Folter im Gefängnis. Das bei diesen staatlichen Aktionen besonders Menschen, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, gefährdet sind, erklärt er mit der auch staatlich unterstützten Homophobie.
  • Der Politologe Rodrigue Nana Ngassam analysiert den Kampf gegen die Terrororganisation Boko Haram und warum diese erfolgreich große Territorien im Nordosten von Nigeria erobern konnten und Rückzuggebiete im Kamerun haben.
  • Baumwolle ist seit mehr als einem Jahrzehnt kein Naturprodukt mehr. Die Journalistin Annette Jensen beschreibt, dass weit mehr als Zweidrittel der weltweiten Produktion mit genmanipulierten Pflanzen erfolgt und etwa ein Zehntel aller Agrochemikalien für diese Pflanze verwendet werden. Da Baumwolle sehr viel Wasser braucht, werden auch noch 6% des jährlichen Wasserverbrauch auf dieses Konto. Die gesamten Produktion von Baumwollprodukten ist von Produktion, der Garnherstellung und der Textilherstellung von unmenschlichen Arbeitsbedingungen geprägt. Öko-Baumwolle ist möglich, aber der beschleunigte Wechsel der Mode, führt zu immer kürzerer Nutzzeiten des weit überwiegenden Teils aller Textilien, die nur mit Gen-Baumwolle zu niedrigen Preisen und hohen Gewinnmargen möglich ist.
  • Der VWL-Professor Marc Humbert von der UNI Rennes I berichtet über die Situation von Zuwanderern nach Japan. Wenn man die Koreaner nicht mit zählt sind weniger als 1% der Menschen in Japan Ausländer. Einbürgerung ist selten und selbst dann ist. man auch für die Verwaltung weiterhin ein Fremder. Japan erlebt radikal wie ein zunehmender Teil der Bevölkerung nicht mehr berufstätig ist und die Gesamtbevölkerungszahl bereits abnimmt. Die Regierungspolitik will keine Einwanderung.
  • Japanische Firmen haben in Indien Produktionsstätten für den indischen Markt errichtet. Eine Lohnspreizung zwischen monatlich umgerechnet 58 Euro und 350 Euro zwischen Grundlohn und Festangestellten hat bei Maruti-Suzuki zu Arbeitskämpfen geführt, berichtet die Journalistin Naike Desquesnes. Freie Gewerkschaften und Tarifverhandlungen waren nicht vorgesehen. Die Konsequenz des Streiks ist eine Lohnerhöhung auf monatlich 140 Euro und das die Arbeitskräfte nicht mehr aus dem Umland der Fabrik stammen und nach sieben Monaten durch neue Arbeitskräfte ausgetauscht werden. Das japanische Management versucht damit jede Solidarisierung unter den Arbeitern zu verhindern, da es genügend arbeitslose Bewerber gibt.
  • Die Aufnahme und Versorgung von Flüchtlingen ist ein großes Geschäft. Der Journalist Stefano Liberti erfuhr, dass Italiens Regierung in einem Jahr 700-800 Millionen Euro hierfür ausgibt. Keiner kontrolliert, ob die Tagessätze für einen Flüchtling, die an die jeweiligen Betreiber einer Unterkunft ausgezahlt werden, überhaupt für Flüchtlinge verwendet werden. Kriminelle Banden und hohen Beamten wird aktuell nachgewiesen, dass sie soviel Geld abzweigen, so dass Flüchtlingsbetreuung bereits ein attraktiveres Geschäft als der Drogenhandel sind.
  • Die falschen oder amüsanten Sätze, die der Google Übersetzer anbietet, sind Thema des Beitrags von Frederic Kaplan und Dana Kianfar. Referenzsprache für das Programm ist Englisch, d.h. wenn die Ausgangs- und Zielsprache nicht Englisch sind, erfolgt eine Doppelübersetzung über das Englische. Wenn es "aus Eimern schüttet", heißt es im Englischen "it rains cats and dogs" und daraus wird im Italienischen "Piove cani e gatti", was aber nicht Italienisch ist. Junge Menschen akzeptieren diesen Sprachimperialismus und es ist zu erwarten, dass dieses Pseudo-Italienisch in deren Sprache integriert wird, so wie das falsche "Sinn machen" (statt "Sinn ergeben") ins Deutsche übernommen wurde.

Freitag, 12. Juli 2013

LE MONDE diplomatique Juni 2013

Ein Monat ist um und zeitgleich mit der ausgelieferten, gedruckten Juli-Ausgabe der LE MONDE diplomatique sind die Essays der Juni-Ausgabe frei im Internet zugänglich.
Ausgelesen empfehle ich:
  • José Luís Peixoto "Die Sonne von Portugal - Die neue Auswanderung und die Sehnsucht der Emigranten"
    Der Schriftsteller Peixoto vergleicht die aktuelle Emigration mit der Zeit der 1960-er und 1970-er Jahre, als Hunderttausende das Land verließen, um dem Elend der Salazar-Diktatur und der Kolonialkriege in Mozambique und Angola zu entfliehen. Peixoto schriebt, dass sich viele Menschen in Portugal für diese Emigranten schämten; denn die waren überwiegend ungebildet und prägten damit ein Bild von den Bewohnern Portugals in den europäischen Zielländern. Die neuen Emigranten sind jung und gut ausgebildet, doch ob dies etwas an den Beschäftigungsverhältnissen im Ausland ändert, ist eine berechtigte Frage.
    (Der Artikel erschien auch in der portugiesischen Ausgabe)
  • Jiannis Papadopoulus "Neonazis in Griechenland"
    Der Reporter der griechischen Tageszeitung Τα Νέα schreibt über die faschistische Partei Χρυσή Αυγή (=goldene Morgendämmerung), die nach ihrem Einzug ins Parlament immer mehr Einfluss in der Gesellschaft bekommt.
  • Ariane Krol und Jacques Nantel "Spione des Marktes - Was Werbung im Internet alles kann"
    Es ist ein altes Thema, aber hier sehr gut beschrieben. Amazon, Facebook und alle anderen Plattformen, die Daten ihrer Nutzer sammeln sind Trojaner. Eine Journalistin und ein Professor für Marketing der Universität HEC Montréal finden für diese These einige schöne Beispiele,
    (Der Artikel im französischen Original)
  • Serge Halimi "Lockstoff Sprache"
    Der Direktor der LE MONDE diplomatique fragt sich in seinem monatlichen edito, warum die französische politische Elite meint, dass franzöische Universitäten ihr Angebot an fremdsprachigen Studiengängen steigern sollen. Weniger als 4 Prozent der Studierenden in den USA sind Ausländer, aber 13 Prozent der Studierenden in Frankreich. In den USA käme man nicht auf die Idee Wirtschaftskurse auf Chinesisch anzubieten, um mehr Studierende aus dem Land der Mitte zu gewinnen.
Lasst euch anregen durch Autoren, die über Themen in ihren Ländern schreiben.

Freitag, 25. Mai 2012

Fest der Kulturen 2012 in Hannover

Es braucht diese Quäntchen Glück, damit eine Open Air Veranstaltung gelingt. Gute Musiker und guter Sound sind die Grundlage, doch es braucht so etwas wie den laufenden Vorsommer, damit in dieser Stadt, in der so selten ein Lächeln zu sehen ist, die Menschen eine positive Ausstrahlung haben, die durch die Musik noch verstärkt wird.

In Hannover fand vom Freitag bis Sonntag (25.-27. Mai 2012) zum dritten Mal das Fest der Kulturen vorm neuen Rathaus und im benachbarten Park statt. Hier findet sich das Programm der Hauptbühne und hier das Programm für die Zeltbühne im von der Stiftung Niedersachsen geförderten Globalen Dorf. Es gab die üblichen Spezialitätenbuden und alleine für afrikanische Küche habe ich Stände mit Bezug zu Malawi, Ghana, Senegal, Gambia, Nigeria und Uganda gesehen.

In der Abendsonne zu sitzen, die Band Klangkosmos und hier vor allem die soulige Stimme von Selina zu hören, macht glücklich.
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Das war am Freitag. Am Samstag war für mich der Höhepunkt der Auftritt von Brazzo Falcone + The World Brass Ensemble und am Sonntag gefielen erst Afro-Fusion Band Makoomba aus Zimbabwe und dann das Abel/Zielke/Boztüy Trio feat. Levent Özdemir.

Freitag, 9. September 2011

Wo ich am 11.09.2001 war

Das die Anschläge vom 11. September 2011 die Welt verändert haben, wird wohl niemand bezweifeln, der bereits vor diesem Tag bewusst lebte. Es lässt sich in gleich mehreren Themenfeldern der internationalen Politik, Wirtschaft und des Zusammenlebens ein klare Trennlinie zwischen vor/nach diesem Tag ziehen. Einem Tag, der auch in unserem US-amerikanisierten Land oftmals mit dem Kürzel 9/11 bezeichnet wird.
Wie auch bei anderen weltbewegenden Ereignissen (Mondlandung, Tsunami) kommt im Gespräch irgendwann die Frage „und wo warst du, als dich die Nachricht erreichte?“.

Ich war im Industriegebiet von Fallingbostel, Niedersachsen. Ich saß in einem großen Besprechungszimmer eines multinationalen Betriebs und redete mit Arbeitern und Angestellten über die Geschichte der Anwerbung und Immigration von ausländischen Arbeitskräften.
Zu der Zeit arbeitete ich in einem Ausstellungsprojekt der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung zur Zuwanderung nach Niedersachsen seit 1945. Es war ein Termin mit älteren Arbeitnehmern, die in den späten 1960-er Jahren in Spanien angeworben wurden. Meine Aufgabe war es, mögliche Exponate und Interviewpartner für die Landesausstellung einzuwerben. Ich hatte bereits das Projekt vorgestellt und meine Gesprächspartner erzählten in relativ entspannter Atmosphäre aus ihren Biographien. Auf den Tisch lagen bereits einzelne alte Arbeitsgeräte, die damals verwendet wurden.
Plötzlich öffnete sich die Tür, ein Mitarbeiter schaute rein und sagt ganz aufgeregt, dass da ein Flugzeug in ein Hochhaus in New York geflogen ist. Wir schauten ihn an und schauten uns an, aber es wurde kein Wort gesagt. Das Unverständnis erkennend, schloss sich die Tür auch wieder schnell. Wir waren für 1-2 Minuten abgelenkt, sprachen dann aber wieder über das weite Thema Migration und die Schwierigkeiten der Integration.
Der besuchte Industriebetrieb hat vorbildlich gehandelt und für die neuen Arbeiter schon damals Deutschkurse organisiert. Einer der Arbeiter erklärte sich zu diesem Zeitpunkt bereit, dass wir seine Biographie als langes Interviews aufnehmen können und für Texte in der Ausstellung verwenden dürfen. Irgendwann war alles gesagt und ich verließ den Betrieb.

Ich hatte an diesen Nachmittag noch einen weiteren Gesprächstermin in der Stadt. Jemand hatte Exponate für die Gruppe der Flüchtlinge und Vertriebene der Jahre 1945-1950 angeboten und wollte mich vom Werkseingang abholen.
Er kam verspätet und fragte gleich, ob ich schon die Nachricht gehört habe. Zu diesem Zeitpunkt war schon klar, dass es kein Unfall, sondern ein Terroranschlag war. Ich hatte davon bisher wenig gehört. In diesem Moment konnte ich nur wenig entgegnen. Wir fuhren zu seinem Haus und hörten unterwegs eine Dauernachrichtensendung. Im Haus wurde zunächst der Fernseher angeschaltet und ich sah zum ersten Mal, wie das zweite Flugzeug in einen Turm des WTC flog und dort explodierte. Wir redeten nicht über den Anlass meines Besuchs, sondern sahen gemeinsam für eine unbestimmte Zeit Fernsehen, sahen den Einsturz des ersten Turms und wieder und wieder den Einschlag des 2. Flugzeugs.
Irgendwann konnte ich diese Bilder nicht mehr sehen. Ich bat schließlich darum, dass wir uns von diesen sprachlos machenden Nachrichten lösen und zum Thema meines Besuchs kommen.
Mir wurden verschiedene Exponate gezeigt. Es gab sogar Einmachgläser, die 1945 auf der Flucht mitgenommen wurden. Ich kann mich heute gar nicht mehr erinnern, ob auch nur ein Exponat dieser Familie für die Ausstellung ausgewählt wurde. Ich hatte aber alle möglichen Objekte notiert und ließ mich dann zum Bahnhof fahren.
Nach langem Warten kam schließlich eine Regionalbahn, die an jeder Milchkanne haltend, mich schließlich zurück nach Hannover brachte. Auf dieser langsamen Annäherung an die Stadt begann ich die Nachricht aus den USA zu verarbeiten.
Ich war nicht alleine im Zug, immer wieder stiegen Menschen zu und aus und manchmal  unterbrachen Gesprächsfetzen meine Gedanken. Da stiegen zum Beispiel zwei aufgeregte männliche Jugendliche ein, die sich über das Gesehene unterhielten. Die gewählten Worte ließen mich zunächst vermuten, dass sie über einen Action Film oder ein Computerspiel sprachen, doch es ging um die Bilder aus New York.
In mir stieg eine Angst auf, denn es war mir sofort klar, dass die Ereignisse in den USA zu einem Krieg führen würden. Zu einem Krieg, der plötzlich anfangen könnte und durch die Solidarität unter den Angreifern und den Angegriffenen viele Länder betreffen würde. Eine konservative US-Regierung mit einer unberechenbaren Führung, konnte auch einfach mal so einen Angriff fliegen. Es war dies eine Angst, die ich seit der Friedensbewegung der frühen 1980-er Jahre nicht mehr gespürt habe.
Der US-Krieg gegen den Terror (Fortsetzung des Krieges gegen Drogen) begann dann später und hatte wenig bis gar nichts mit den Tätern und ihrer Organisation zu tun.
... und damit gebe ich die Eingangsfrage an meine regelmäßigen Leserinnen und Leser weiter: Wo warst du, als dich die Nachricht von den Terror-Anschlägen erreichte?

Mittwoch, 2. Januar 2008

Hamwiede in Angst vor islamistischen Terror

(Der Titel ist ironisch gemeint)
Heute fand sich in der taz eine Reportage von Astrid Geisler über eine vermeintliche Terror-Jagd in unseren ach so schönen und beschaulichen Niedersachsen. Diese Farce handelt in Hamwiede, einem kleinen, eingemeindeten Dorf im Westen der Stadt Walsrode im Landkreis Soltau-Fallingbostel. Im Internet war ein Ferienhaus angeboten wurden, dass ein junges Ehepaar für seine Flitterwochen buchte. Hamwiede gehört wahrscheinlich zu den Hunderten von Dörfern in Niedersachsen, in denen fremd aussehende Menschen Gesprächsstoff für Tage bieten.
Es ist eine bittere Wahrheit, dass es viele Orte gibt, in denen keine Zuwanderer aus südlichen und östlichen Ländern leben, und die Menschen dort in ihrer Ignoranz glauben, dass dies normal sei. Das junge Ehepaar (er in Kuwait geboren, sie in Deutschland, beide Deutsche aus Hannover -hier ist sein Blog und hier ist ihr Blog) fiel schon bei der Anreise auf. Und dann kamen Gerüchte auf, die hätten das Ferienhaus sofort bar bezahlt (in den 70-er Jahren angebliches Hinweis auf Anmietung durch Terroristen) und überhaupt seien beständig die Vorhänge zugezogen.
Ein selbst ernannter Blockwart -oh, wie viele Nachkommen und Freunde der Nazis leben doch auf den Dörfern in meinen Land- informierte dann das Landeskriminalamt über seinen Terrorverdacht. Das LKA nahm diesen Anruf scheinbar nicht ernst, informierte aber die Polizei in Walsrode, die dann mit acht Mann in schusssicheren Westen das Haus sicherten und schließlich durch lautes Klopfen Einlass verlangten. Als die Tür geöffnet wurde, stürmten vier Beamte hinein und trafen auf das junge Ehepaar. Es war sofort klar, dass hier ein verlogener Dörfler unnötig Panik gemacht hatte. Das Paar hat in ihren Blogs die Geschichte erzählt (hier und hier) und aktuell auch über den taz-Artikel berichtet.
Auf Nachfragen im Dorf erhielt die Reporterin dümmliche Antworten und die bekannt gewordene Anzeige des Ehepaars gegen den Polizeieinsatz wird ihnen negativ ausgelegt. Auch ärgert man sich, dass diese spezielle Form von Ausländerfeindlichkeit in Hanwiede auch noch in der Öffentlichkeit bekannt wird.
Ärgerlich ist das Lügen der Polizei in Walsrode, dass sich in den Protokollen, die den betroffenen und der Reporterin vorliegen, fortsetzt. Im Falle von Fehlalarmen und damit unnötigen Polizeieinsätzen, ist wahr, was die Polizei zu Protokoll gibt, auch wenn dies nicht den Tatsachen entspricht. So steht dort, dass die Polizisten geklingelt und gewartet hätten. Nur merkwürdig, dieses Ferienhaus hat keine Klingel, etc. ...

Ich darf so über diese dummen Dörfler und die ignorante lokale Polizei schimpfen. Ich bin Niedersachse, der auf dem Dorf groß geworden ist, habe wenige Kilometer nördlich von Hamwiede in einen anderen kleinen eingemeindeten Dorf der Stadt Walsrode für 18 Monate meinen Zivildienst geleistet und vielfältige ernüchternde Erfahrungen im ländlichen Raum gesammelt.
DIE leben dort in einer Parallelgesellschaft.

Montag, 1. Oktober 2007

Beginn eines Auslandsstudiums

Gestern erfuhr ich im Chat, dass eine portugiesische Abiturientin der Deutschen Schule Lissabon nun ihren Studienplatz der Medizin an der Universität Göttingen antreten wird. Sie schrieb, "in den letzten tagen habe ich angst davor gekriegt". Dies führte mich zu Gedanken, wie ich früher die Fremde erfahren habe.

Als ich mein Studium an der Universität Dar es Salaam (=UDSM) antrat, hatte ich keine Angst, sondern nur Neugier und gespannte Erwartung. Einen Kulturschock hatte offensichtlich eine meiner Mitreisenden, die auf der Taxifahrt vom Flughafen zur Universität einen Weinkrampf bekam. War das Elend mit seinen Slums und Squatters, das links und rechts von der Straße zu sehen war oder war es das Erkennen, das Partner und Familie fast unerreichbar waren?

Kommunikation war damals im Jahre 1988 im sozialistischem Land Tanzania ein echtes Problem. Ein funktionierendes Telefon zu finden, einen fairen Preis auszuhandeln und dann mit Echo und schlechter Stimme eine vertraute Stimme zu hören, erschien mir so irreal, dass ich während des ganzen Jahres es nie versuchte; erst einige Jahre später nutzte ich von Ghana ein Telefon -Zeitverzögerung und Echo machten telefonieren zu einen kuriosen Erlebnis. Mobiltelefonie und Internet waren noch nicht bekannt und so verblieben nur Briefe und Telegramme, wobei erstere nur eine 95-Prozent-Beförderungsgarantie (galt für beide Richtungen) hatten.
Ernüchternd kann im Nachhinein festgestellt werden, dass wir drei deutschen Studierenden jeweils unsere Partner durch Entfremdung verloren und nach diesem extremen Erlebnis eine Erneuerung der Beziehungen nach der Rückkehr nicht mehr möglich war.


Ich erlebte meinen Kulturschock nach meiner Rückkehr nach Hannover. Es dauerte Monate bis ich mich an die Geschwindigkeit des Verkehrs und der nie vorhandenen Zeit für ein Gespräch gewöhnt hatte. Es gab auch in Tanzania schnelle Autos und dicht befahrene Straßen, dass war aber in keiner Weise mit Deutschland zu vergleichen. Das man täglich an der UDSM mit mehreren Dutzend Menschen kurze Gespräche führte, erschien mir zunächst kein Verlust in Hannover, da es sich zumeist um höfliche Floskeln handelte. Doch plötzlich nur noch 2-3 Gespräche am Tag zu führen war irritierend.


Dennoch verstehe ich die angehende Mediziner, denn Sie verlässt den Ort ihrer Kindheit und Jugend. Als ich nach Tanzania aufbrach hatte ich bereits seit fast acht Jahren außerhalb der Familie an verschiedenen Orten gelebt.

Sonntag, 4. März 2007

Die Flucht - Fernsehfilm von Kai Wessel

Die Flucht
Fernsehfilm von Kai Wessel in zwei Teilen
ARTE (link zum Film) Freitag, 2. März 2007 20:40-23:40 Uhr (Erstaufführung)
ARD Sonntag, 4. März 2007 20:15-21:45 Uhr und Montag, 5. März 2007 20:15-21:45 Uhr
Wiederholung: ARTE Samstag, 10. März 15:50-17:20 Uhr und Sonntag, 11. März 15:50-17:20 Uhr.

Drei Stunden Historiendrama der Spitzenklasse.
Maria Furtwängler überzeugt in ihrer Rolle als Lena Gräfin von Mahlenberg, die das Junkergut ihres Vaters in Ostpreußen mit allen Personen räumen läßt und sich auf die Flucht nach Westen begibt.

2001 und 2002 habe ich mich aus beruflichen Gründen zum einen mit der aktuellen wissenschaftlichen Literatur zum Thema Flucht und Vertreibung auseinandergesetzt und zum anderen mehrere Gespräche mit älteren Frauen geführt, die dieses Trauma erlitten. Diese Zeitzeugen waren vor allen Opfer und haben Gräueltaten der deutschen Täter nur während der Flucht erkannt und erlebt.

Der Film bemüht sich bei aller Dramatik seiner personalisierten Geschichte darum, dass Opfer und Täter immer wieder gezeigt werden. Dies umfasst die Massenerschießungen von Zivilisten in den besetzten Ländern durch die Wehrmacht, die Horden der russischen Soldateska, die jede greifbare Frau reihenweise vergewaltigen und dabei oftmals ermorden, die Verfolgung und Ermordung von Kriegsgefangenen, die Hinrichtung der ersten deutschen Flüchtlinge aus Ostpreußen durch die Nazischergen und das massenhafte Sterben auf der Flucht durch Mangel, Eiseskälte, Krankheiten, Unfälle und dem Beschuß russischer Truppen. Dies ist aber nicht das Ende des Mordens, denn noch kurz vor Kriegsende wurden Soldaten, die ohne ihre Einheit angetroffen wurden, als Deserteure von militärischen Schnellgerichten zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Die Idylle der Heimat Ostpreußen wurde in großen Bildern im ersten Teil eingefangen, doch stets wurde gleichzeitig der Wahn des Systems, der vor allem jüngere und ehrgeizige Menschen zutiefst überzeugt hatte, gegen geschnitten. Junge Nazis, die ihnen nahestehende Personen bei der Partei verraten und sehenden Auges den Tod dieser ihrer Meinung nach „Verräter“ befürworten.
Selbst die Kapitulation und Besetzung Deutschlands durch alliierte Truppen hat bei diesen überzeugten Nazis kein Gesinnungswandel bewirkt, was sich dann auch in den folgenden 20 Jahren immer wieder in der Innenpolitik und im Zusammenleben der jungen Bundesrepublik Deutschland zeigte. Gerade die so genannten Schreibtischtäter waren sich keiner Schuld bewusst und die Wehrmachtsangehörigen haben ja immer nur Befehle ausgeführt... Feigheit und Unmenschlichkeit ließ sich hinter vielen Geschichten verstecken.

Der Film ist gut recherchiert und es war ein beruhigendes Zeichen, dass im Abspann u.a. Prof. em. Manfred Messerschmidt, der ehemaligen Leiter des Militärgeschichtlichen Forschungsamts Freiburg, als wissenschaftlicher Berater aufgeführt wurde. Sein Name ist fest mit der Beseitigung vieler Mythen über die Wehrmacht und Militärjustiz verbunden.
Der Film hat nur eine Schwäche, die aber vermutlich jeder aktuelle Film mit Bezug zur Geschichte hat. Die Zuneigung zwischen der deutschen Gräfin und dem französischen Kriegsgefangenen (gespielt von Jean-Yves Berteloot) wird immer wieder in den Vordergrund geschoben.
Beeindruckend sind in diesen Momenten die Großaufnahmen der Gesichter. Wann sind zuletzt Menschen ohne Schminke zu sehen gewesen. Schmutz, Falten, Tränen und durch Anstrengung und Kälte gerötete Gesichter schauen einen an. Der Grimme-Preisträger Kai Wessel hat die musikalische Untermalung an Norbert Jürgen Schneider vergeben, der mit ganz wenigen Ausnahmen den richtigen Ton trifft und damit verhindert, dass emotionale Szenen in rührige Sentimentalität abgleiten.

Ich empfehle den Film Die Flucht als eine Einführung in das Thema Flucht und Vertreibung. Hoffentlich wird dieser Film schon bald Schulen für den Unterricht zur Verfügung gestellt. Hier kann ein Teilaspekt der weltweiten Migration vorgestellt werden.

Ein Gespräch mit der Hauptdarstellerin Maria Furtwängler sowie ein kurzes Interview mit der Buchautorin Tatjana Gräfin Dönhoff findet sich hier auf den Seiten von ARTE.
Ein Gespräch mit dem Historiker Heinrich Schwendemann (Universität Freiburg) über militärgeschichtliche Mythen der Flucht und Vertreibung findet sich hier.

Montag, 1. Januar 2007

Worterklärung Cayuco

CAYUCO = Holzboot, das offiziell unerwünschte Immigranten aus westafrikanischen Ländern für ihre tagelange Überfahrt zwischen dem afrikanischen Kontinent und den Kanarischen Inseln nutzen. 
Die spanischen Medien haben diese Boote Cayuco getauft und dieser Begriff taucht nun auch in englischen und deutschen Medien auf.

Der Name ist zunächst irreführend, da ein Cayuco in Amerika einen traditionellen Einbaum bezeichnet, der deutlich kleiner als ein Kanu ist. Doch verglichen mit der Weite und Kraft des Atlantiks erscheint der Name berechtigt. Es mögen 50-100 Personen in diesen langen, ausgemusterten Fischerbooten aus Mauretanien, dem Senegal, Gambia und anderen westafrikanischen Ländern Platz finden, aber in der meterhohen Dünung des Atlantiks relativiert sich die Größe zur Nussschale oder eben zum Einbaum.

Siehe hierzu auch die Eintragungen der Real Academia Española und das spanische Wiktionary zu den spanischen Worterklärungen und Nebenbedeutungen.
Eine Etymologie von Cayuco steht noch aus.
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Migration = aus dem Lateinischen im Sinne von Wanderung.
Emigration
= Auswanderung;
Immigration = Einwanderung;
Remigration
= Rückwanderung in das Geburtsland;
Migranten = unbestimmter Name für Menschen, die ein Land verlassen haben. Ursächlich begründet in PC und der Tatsache, dass viele Menschen ihr Land verlassen, aber nach einigen Jahren zurückkehren wollen. Dies ist oftmals ein Wunschtraum und nach 10-20 Jahren realisieren diese Zuwanderer, dass sie tatsächlich Einwanderer sind.


Siehe hierzu auch allgemein in der linken Spalte vom Blog die gesammelten Eintragungen zum Thema/Schlagwort Etyms.

Donnerstag, 28. Dezember 2006

Genealogie und Emigration

Was genau der Anlass dafür war, dass vor mehr als 25 Jahren das Hobby Genealogie aufgenommen wurde, wäre nur mit sehr vielen Worten zu erklären.
In Kürze: Geschichte war bereits an der Realschule eines meiner liebsten Fächer (neben Mathematik und Erdkunde!). Wie vermutlich alle Familienforscher suchte ich nicht nur nach Familiendaten, sondern nach einer Verortung von Ereignissen und Prozessen. Die Kriege des 17.-20. Jahrhundert und andere katastrophalen Ereignisse finden sich in allen Kirchenbüchern und Ortschroniken und deshalb natürlich auch in meiner Familie.

Hintergründe und Geschichten haben in Norddeutschland eine natürliche Grenze. Erst nach dem 30-jährige Massenmord begannen die Pfarrer in Büchern Taufen, Kopulationen (= so wurden damals Hochzeiten genannt) und Beerdigungen für ihr Kirchspiel zu dokumentieren. Meine Familiengeschichte setzt auf der väterlichen Seite 1650 in Hachum, 1653 in Evessen und auf der mütterlichen Seite 1655 in Scheeßel und 1661 in Brockel ein.
Nachdem zunächst nur ausgewählte kirchliche Ereignisse niedergeschrieben wurden, werden ab etwa 1700 alle Geburten, also auch die Totgeburten erwähnt. Doch natürlich sind dies nicht alle Personen. Es gab stets Personen außerhalb der von dem Pfarrer kontrollierten Kirchgemeinde. Fremde, Juden und Adelige tauchen wenn überhaupt nur am Rande auf. Und ein großer demographischer Prozess hinterließ fast keine Spuren: Emigration!

Es wurden nun einige Daten zur Auswanderung aus dem Amt Rotenburg aus verschiedenen Quellen zusammengestellt. Hier wie auch in vielen anderen Regionen Deutschlands sind etwa zehn Prozent der Bevölkerung zwischen 1830 und 1930 vor allem in die USA ausgewandert. Wenn es kein besonderes Interesse durch den Pfarrer gab, blieb das Verlassen des Kirchspiels unerwähnt. Auswanderer erscheinen nur als Remigranten und was heute als Heiratsmigration bezeichnet wird, wenn Sie auf Besuch erscheinen und vor Ort ihre Jugendliebe heiraten und mit ihr in die Staaten entschwinden.
Von den mehr als 500 Personendatensätze zu Vorfahren meiner Familie, die bisher gesammelt wurde, gab es bisher keinen Hinweis auf Auswanderung aus einer der Familien.
Nun fand sich beim Abgleich der Daten ein Cousin meines Urururgroßvaters Jacob Heitmann (1824-1877). Sein Großvater mütterlicherseits war Hinrich Meyer (1764-1801), Hofinhaber des einstelligen Vollhofs zu Varel nördlich von Scheeßel. Von diesen Hof stammt Harm Hinrich Meyer, der 1864 über Bremerhaven in die USA auswanderte und 1874 in Manhattan Catharina Maria Hesse aus dem benachbarten Kirchspiel Brockel heiratete.

Endlich habe ich einmal dieses Massenphänomen in meiner Familie lokalisieren können. Hi, hi und jetzt will ich natürlich auch wissen, ob Nachfahren dieses Meyer-Zweiges in den USA leben.

Dienstag, 19. Dezember 2006

Andrea Barrett 1996 Schiffsfieber

Andrea Barrett "Schiffsfieber" - Erzählungen. Aus dem Englischen von Karen Nölle-Fischer. Claassen Verlag, München, 1996 (Original: "Ship Fever and other stories", W.W. Norton + Company, New York, 1996)

Das Buch fiel mir aus zwei Gründen in die Hände. Zum einen der Hinweis auf naturwissenschaftliche Forscher und Anekdoten um ihr Leben und zum anderen der Verweis auf den US National Book Award für diese Geschichtensammlung. Andrea Barrett studierte Biologie.

Es handelt sich um acht Geschichten, die in fünf Fällen vor 150-300 Jahren handeln. Die drei aktuelleren Geschichten ("In der Gezeitenzone", "Schwesternbande" und "Höhenkoller") sind keine weitere Anmerkung wert.

(Wenn eine Kurzgeschichte eine historische Personen behandelt, wurde eine Verknüpfung zur Kurzbiographie gelegt)
  • Habichtskraut spekuliert darüber warum Gregor Mendel nach der wenig erfolgreichen Veröffentlichung seiner Vererbungslehre als Aufsatz nach einer Zeit alle Versuche eingestellt hat und bis zu seinem Lebensende nichts zu diesen Thema mehr schrieb.
  • Der englische Schüler schildert den Lebensabschluss von Carl von Linné.
  • Seltener Vogel denkt sich sehr feinfühlig in die wissenschaftliche Debatte vor der Erkenntnis, dass auch kleinere Vögel Zugvögel sein können, ein.
  • Paradiesvogel handelt von einem jungen Artensammler, der die kuriosen Sponsoren von wissenschaftlichen Expeditionen mit Neuheiten versorgt und nur sehr langsam bemerkt, dass er eigentlich Tiere tötet, um sie besser zu beschreiben.
  • Die namensgebende Geschichte Schiffsfieber ist herausragend! Es ist dies eine Geschichte über Irische Emigranten, die dem Hungertod in ihrer Heimat entfliehen und in einer Kanadischen Quarantänestation ankommen. "There was no famine!" sang bereits Sinead O´Connor auf ihrer CD "Universal Mother (1994) und auch hier wird darauf verwiesen, dass dieser Hungertod ein "man-made desaster" der englischen Kolonialmacht war. Das es eine bewusste politische Entscheidung war, keine Hungerhilfe zu leisten und gleichzeitig Überschüsse aus anderen irischen Gebieten nach England zu schiffen. Doch dies ist die Geschichte eines Arztes, der in der Quarantänestation Dienst tut. Das ganze Elend wird sehr impulsiv beschreiben. Wer noch kein Zwischendeck kennt, sollte ins Deutsche Auswandererhaus nach Bremerhaven gehen oder dieses Buch lesen.
Ein Buch das ich wirklich empfehle!