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Sonntag, 10. März 2019

Wahlprognose Europaparlament Grüne Fraktion

Es gibt eine neue Webseite, welche die Prognosen für die Wahl zum Europa-Parlament zusammenführt.
https://europeanelectionsstats.eu
Mich interessiert eigentlich nur, wie sich die künftige Fraktion Grüne/Europäische Freie Allianz zusammensetzt. Zur Zeit hat diese Fraktion 52 Mitglieder, wovon 41 Mitglied einer Partei sind, die sich in der Europäischen Grünen Partei zusammengeschlossen haben.
52 Mitglieder aus 27 Parteien (plus zwei parteilos) aus 18 Ländern.

Nach der aktuellen Prognose von Mitte Mai wird die neue Fraktion sich nur noch aus 49 Mitgliedern aus 14 Ländern zusammensetzen.



Bisher Prognose
Belgien 2 4
Dänemark 1 1
Deutschland 13 20
Estland 1 0
Finnland 1 2
Frankreich 6 6
Italien 1 0
Kroatien 1 0
Lettland 1 1
Litauen 1 3
Luxemburg 1 1
Niederlande 2 3
Österreich 3 1
Slowenien 1 0
Spanien 5 3
Schweden 4 2
Ungarn 2 1
Vereinigte Königreich 6 9
GESAMT 52 49
Bulgarien, Griechenland, Irland, Malta, Polen, Portugal, Rumänien, Slowakei, Tschechien, Zypern von 0 zu 0.

Ich habe verzichtet Malta und Zypern auf der Karte darzustellen, da in diesen Ländern wie auch in den grau dargestellten Ländern grüne Politik keine Chance hat.
Erfolgreiche grüne Parteien gibt es eigentlich nur im zentralen Westeuropa und Finnland. Die litauische Bauernpartei ist nur den Namen nach auch eine grüne Partei.
Das macht das ungewöhnliche des EU-Parlaments aus. Ohne Hürde erhalten viele Parteien einen Sitz im EU-Parlament.
Ich werde weiterhin die Webseite auswerten und diesen Beitrag aktualisieren oder weitere Beträge daraus erstellen.

Donnerstag, 10. März 2016

Fukushima Daiichi und Ignoranz der Atommafia

Am 11. März 2011 zerstörten ein Erdbeben und ein folgender Tsunami drei Atomreaktoren in Fukushima Daiichi. Dies zwang politisch Verantwortliche zu einer Neubewertung der atomaren Stromerzeugung.

Die französische Regierung und die staatliche dominierte Électricité de France eDF, welche die französischen Atomkraftwerke betreibt und neue Projekte für AKWs entwickelt, zogen keine Konsequenzen aus dem GAU in Japan.
Vor der Pariser Weltklimakonferenz hat Frankreich Propaganda für die sichere, saubere Atomkraft gemacht.

Ich sah dies zum Beispiel in Warschau am Schutzzaun der Botschaft.
Dort wurde besonders die Baustelle des neuen Reaktors am Standort Flamanville in der Normandie dargestellt. Es waren einfach schöne Bilder von einer Baustelle, die eDF Kopfschmerzen und finanzielle Probleme bereitet.

Zwei Reaktoren stehen dort bereits und so konnte ohne großen Protest - 700 Menschen arbeiten für das Atomkraftwerk - der Plan für einen dritten Reaktor entwickelt werden. Er sollte 2012 für Gesamtbaukosten von 3,3 Milliarden Euro fertig gestellt werden. Das Datum der Fertigstellung und die Baukosten veränderten sich stetig:
4 Milliarden Euro und 2013 am Netz, 5 Milliarden und 2014 am Netz, 6 Milliarden und 2016 am Netz, 8,5 Milliarden und 2017 am Netz. Aktuell wird eine Inbetriebnahme Ende 2018 verkündet und die Baukosten sollen bis dahin 10,5 Milliarden Euro betragen. Billig war Atomstrom noch nie, ohne staatliche Subventionen zum Beispiel versteckt in der Forschungs-Förderung wäre die Atomkraft aus wirtschaftlichen Gründen schon Geschichte.

Atomkraft zur Stromerzeugung ist in Deutschland demnächst Geschichte. Wir werden auch ohne neue AKWs noch für mehr 100 Jahre ernste Probleme mit dem Atommüll und die Finanzierung seiner sicheren Endlagerung haben. Für den Atommüll in der Asse (schwach- und mittel-radioaktiv) gibt es bereits Zeitpläne bis 2036. Die letzte Schätzung von 2010 geht alleine an diesen kleinen Standort von Kosten von 3,7 Milliarden Euro aus, die fast vollständig vom Steuerzahler bezahlt werden.
Sarkastisch kann gesagt werden, wer einen sicheren Arbeitsplatz sucht, sollte eine Ausbildung in der Atommüllentsorgung oder der Steuerverwaltung anstreben.

Sonntag, 15. Februar 2015

Jules Verne 1887 Der Weg nach Frankreich

Die Freunde der Romane und Erzählungen von Jules Verne wissen aus seiner Biographie und aus Bibliographien, dass einige seiner Werke nicht ins Deutsche übersetzt wurden.
Dies umfasste u. a. LE CHEMIN DE FRANCE aus dem Jahre 1887. Nun liegen gleich zwei Übersetzungen vor. Einmal die Übersetzung von Gudrun Hermle (Verlag Sven R. Schulz, Berlin 2012) und eine Gruppenübersetzung unter der Leitung von Prof. Dr. Ralf Junkerjürgen, die im ABLIT Verlag (München 2013) erschien. Die vollständige bibliographische Angabe findet sich am Ende dieses Beitrags.
Eine Gruppe von Studierenden aus Frankreich und Deutschland am Institut für Romanistik der UNI Regensburg schuf die deutsche Fassung unter der Leitung eines Übersetzers (Prof. Junkerjürgen) eines weiteren bisher nicht übersetzten Roman von Jules Verne. Eine der Übersetzerinnen informierte mich frühzeitig über das Projekt und so wurde mir durch Subskription sofort nach Drucklegung ein Exemplar zugeschickt.
Dies als Vorwort, doch ich möchte hier den Roman vorstellen.

Der Weg nach Frankreich schildert die Flucht einer kleinen Gruppe von Franzosen und Nachkommen von ausgewanderten Protestanten aus Frankreich von Belzig im preußischen Brandenburg ins nördliche Lothringen im Sommer 1792.
Es gibt oftmals einen Ich-Erzähler bei Jules Verne, doch hier ist es etwas besonders, da der Erzähler kein Gebildeter ist, sondern ein Sohn eines Bauern aus der Picardie, der erst im Alter von 31 Lesen und dann Schreiben lernte.
Es ist also eine bewusst einfache Sprache, die oftmals einen mündlichen Erzählstil folgt.
Wesentlich ist auch der sprachliche Hintergrund der Picardie mit seinen regional typischen Redensarten und Ausdrücken. Hier zeigt sich besonders gelungen die Gruppenübersetzung durch junge Menschen aus Frankreich und Deutschland. Die einen können die Redensarten und regionale Ausdrücke überhaupt als solche erkennen  und die zugrunde liegenden Bilder recherchieren, während die anderen Formulierungen und Bilder im Deutschen benennen, die dem entsprechen. Oftmals werden diese sprachlichen Besonderheiten durch Anführungszeichen betont und mit dem Zusatz "wie wir in der Picardie sagen" ergänzt. Dies betont noch stärker den mündlichen Erzählstil, da der Erzähler seine Geschichte für seine in ganz Frankreich beheimateten Freunde niederschreibt.
Erzählt wird die Geschichte von einem alten Mann von 66 Jahren, der von seinem 18. bis 54. Lebensjahr vom einfachen Soldaten bis zum Hauptmann aufstieg. Der Offiziersrang hing davon ab, dass man Lesen und Schreiben kann, weshalb die beginnende Alphabetisierung während der Handlung so eine große Bedeutung hat. Der Rückblick nach 35 Jahren bedeutet auch, dass der Erzähler den historischen Kontext der Konflikte und ihres Ausgangs kennt. Dieses Springen zwischen der Handlung und erläuternden historischen Rückblenden und Verweisen auf die Zukunft ist das dritte Merkmal dieses Erzählstils.
Das letzte Merkmal der Erzählung ist der sehr persönliche Ton, die dem Erzähler gegeben wurde. Dieser ist oftmals pathetisch und für einen modernen Leser nur dadurch zu ertragen, dass man sich in diesen Momenten an den gewählten Erzählstil erinnert.
Der Erzähler, seine ältere Schwester, ein älterer französischer Händler und seine erwachsene Tochter werden des Landes verwiesen, weil Preußen dem revolutionären Frankreich den Krieg erklärt hatte. Die preußische Regierung gab ihnen hierfür einen Pass, eine vorgegebene Route, die an jeden dort genannten Ort abgestempelt werden musste und ihnen dafür maximal 20 Tage zustand. Die Ausweisung wird zur Flucht auf der gleichen Route, als der deutsche Verlobte, der französischen Tochter und dessen Mutter sich ihnen anschließen. Der junge Mann war zum Militärdienst eingezogen wurden, hatte einen handfesten Streit mit einem Offizier und war nun als zum Tode verurteilter Deserteur auf der Flucht in das Land seiner Ahnen.
Als Widerpart gibt es zum einen den deutschen Offizier, der auch die junge Frau begehrte und Kopfgeldjägern. Da aus vielen östlichen Landesteilen Truppen und ihr Gefolge zur französischen Grenze ziehen, ist es ein wiederkehrendes Trennen und Wiederfinden zwischen den Ausgewiesenen und Flüchtenden auf der Route.
Der Pathos der Akteure zum Ende hin ist für einen modernen Leser gewöhnungsbedürftig.
Hier ist eine kleine Schwäche dieser Ausgabe. Neben den Originalillustrationen von Georges Roux wurden auch neue Zeichnungen angefertigt. Doch zum einen wurden die 35 Originale nicht in den Text eingefügt, sondern nur als Anhang geliefert und zum anderen wurden zwei Landkarten des Originals überhaupt nicht wiedergegeben. Eine oder mehrere, auch neu gezeichnete Karten würden manchmal das Lesen erleichtern, wo es jetzt nur Aufzählungen von Orten und Staaten des deutschen, politischen Flickenteppichs sind. Auch das Finale rund um den Argonnerwald würde durch eine klare Karte besser nachzuvollziehen sein. Die neu gefertigte Skizze mag zwar künstlerisch wertvoll sein, ist aber kartographisch unleserlich.
Der Roman erschließt die Person Jules Verne als französischen Patrioten, der durch die Ereignisse des Deutsch-Französischen Krieges 1870-71 seinen Widerwillen gegen die Deutschen, genauer die Preußen und ihr Verhalten zu Papier bringt. Diese anti-deutsche Tonfall ist es auch, der damals die deutschen Herausgeber in Wien und Berlin davon abhielt, diesen Roman in ihr deutsches Gesamtwerk von Jules Verne aufzunehmen. Es werden auch wirklich einige der üblen Eigenschaften des preußischen Militarismus und des deutschen Untertanengeistes dargestellt. Im Nachwort dieser Ausgabe schreibt der Verne-Biograph und -Übersetzer Volker Dehs (Ko-Herausgeber der Briefe zwischen J. Verne und seinen Herausgebern Hetzel sen. und jun.), dass der zeitgleich publizierte Roman Die fünfhundert Millionen der Begum, der den deutschen Militarismus anprangert, übersetzt wurde.
Es sollte mehr von diesen Kollektivübersetzungen mit Menschen aus der Originalsprache und dem Deutschen geben. Deutsche Lektoren machen gute Arbeit, aber dieser Ansatz ist sehr vielversprechend. Andere Kollektivübersetzungen mit regem Austausch im Team haben schließlich bereits einen hohen Standard definiert, wie in der Edgar A. Poe-Ausgabe von Hans Wollschläger und Arno Schmidt (und Anderen) und seinen publizieren Begleittexten zu sehen ist.

Jules Verne
Der Weg nach Frankreich
Gruppenübersetzung unter der Leitung von Ralf Junkerjürgen

Erschienen zusammen mit
Der Graf von Chanteleine
und einem Nachwort von Volker Dehs

Reihe Avventura Mediterranea Band 5
Ablit Verlag, München, 2013, S. 129-324 und 394-465.
ISBN: 978-3-935410-18-2

Samstag, 14. Februar 2015

LE MONDE diplomatique - Januar 2015


Der Januar ist vorbei, die monatliche deutsche Ausgabe der diplo ausgelesen und mit der neuen Februar-Ausgabe die vorherigen Texte auch kostenlos im Netz zu lesen.
Hier sind meine Leseempfehlungen und Zusammenfassungen, der Name des jeweiligen Journalisten führt direkt zum Artikel im Archiv der LE MONDE diplomatique:
  • Der Wissenschaftler Quentin Ravelli recherchierte über den französischen Pharmakonzern Sanofi. Er hat dafür dort auch ein Praktikum in der PR-Abteilung absolviert und in der Produktion in Rouen gearbeitet. Die Produktionsbedingungen widersprechen den öffentlich erklärten Ziel, etwas für die Gesundheit der Menschen zu tun. Wichtiger als, die Arbeiter, die die Pillen herstellen, sind die gut bezahlten Personen, die Mediziner manipulieren, mehr Präparate zu verschreiben. Er beschreibt, wie dieses Ziel erreicht wird und damit Sanofi zum viert-größten Pharmakonzern wurde.
  • Urbino mag eine Kleinstadt in Italien sein, aber der Soziologe Peter Kammerer von de dortigen Universität sieht die Stadt als ein Beispiel für gescheiterte Entwicklungsprozesse und wir die Gier nach neuen Projekten zur Modernisierung die Lebensqualität reduziert, wenn weder das Neue fertig gestellt noch das Alte in Stand gehalten wird.
  • Desmond King von der University of Oxford begründet die These, dass die Abgrenzung zwischen Schwarzen und Weißen in den USA seit der Zeit der Bürgerrechtsbewegung verschärft hat.
  • Aus Nigeria berichtet der Schriftsteller Elnathan John wie ein queerer Nigerianer zu einem Sündenbock für ein Bombenattentat wurde. Nigeria ist von Terror verschiedener Prägungen geplagt und die Regierung, die Polizei und Armee reagieren darauf hilflos oder mit Terror. Der Wunsch nach schneller Identifizierung der Täter führt dazu, dass Unschuldige getötet werden in Gegenschlägen oder eben unter Folter im Gefängnis. Das bei diesen staatlichen Aktionen besonders Menschen, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, gefährdet sind, erklärt er mit der auch staatlich unterstützten Homophobie.
  • Der Politologe Rodrigue Nana Ngassam analysiert den Kampf gegen die Terrororganisation Boko Haram und warum diese erfolgreich große Territorien im Nordosten von Nigeria erobern konnten und Rückzuggebiete im Kamerun haben.
  • Baumwolle ist seit mehr als einem Jahrzehnt kein Naturprodukt mehr. Die Journalistin Annette Jensen beschreibt, dass weit mehr als Zweidrittel der weltweiten Produktion mit genmanipulierten Pflanzen erfolgt und etwa ein Zehntel aller Agrochemikalien für diese Pflanze verwendet werden. Da Baumwolle sehr viel Wasser braucht, werden auch noch 6% des jährlichen Wasserverbrauch auf dieses Konto. Die gesamten Produktion von Baumwollprodukten ist von Produktion, der Garnherstellung und der Textilherstellung von unmenschlichen Arbeitsbedingungen geprägt. Öko-Baumwolle ist möglich, aber der beschleunigte Wechsel der Mode, führt zu immer kürzerer Nutzzeiten des weit überwiegenden Teils aller Textilien, die nur mit Gen-Baumwolle zu niedrigen Preisen und hohen Gewinnmargen möglich ist.
  • Der VWL-Professor Marc Humbert von der UNI Rennes I berichtet über die Situation von Zuwanderern nach Japan. Wenn man die Koreaner nicht mit zählt sind weniger als 1% der Menschen in Japan Ausländer. Einbürgerung ist selten und selbst dann ist. man auch für die Verwaltung weiterhin ein Fremder. Japan erlebt radikal wie ein zunehmender Teil der Bevölkerung nicht mehr berufstätig ist und die Gesamtbevölkerungszahl bereits abnimmt. Die Regierungspolitik will keine Einwanderung.
  • Japanische Firmen haben in Indien Produktionsstätten für den indischen Markt errichtet. Eine Lohnspreizung zwischen monatlich umgerechnet 58 Euro und 350 Euro zwischen Grundlohn und Festangestellten hat bei Maruti-Suzuki zu Arbeitskämpfen geführt, berichtet die Journalistin Naike Desquesnes. Freie Gewerkschaften und Tarifverhandlungen waren nicht vorgesehen. Die Konsequenz des Streiks ist eine Lohnerhöhung auf monatlich 140 Euro und das die Arbeitskräfte nicht mehr aus dem Umland der Fabrik stammen und nach sieben Monaten durch neue Arbeitskräfte ausgetauscht werden. Das japanische Management versucht damit jede Solidarisierung unter den Arbeitern zu verhindern, da es genügend arbeitslose Bewerber gibt.
  • Die Aufnahme und Versorgung von Flüchtlingen ist ein großes Geschäft. Der Journalist Stefano Liberti erfuhr, dass Italiens Regierung in einem Jahr 700-800 Millionen Euro hierfür ausgibt. Keiner kontrolliert, ob die Tagessätze für einen Flüchtling, die an die jeweiligen Betreiber einer Unterkunft ausgezahlt werden, überhaupt für Flüchtlinge verwendet werden. Kriminelle Banden und hohen Beamten wird aktuell nachgewiesen, dass sie soviel Geld abzweigen, so dass Flüchtlingsbetreuung bereits ein attraktiveres Geschäft als der Drogenhandel sind.
  • Die falschen oder amüsanten Sätze, die der Google Übersetzer anbietet, sind Thema des Beitrags von Frederic Kaplan und Dana Kianfar. Referenzsprache für das Programm ist Englisch, d.h. wenn die Ausgangs- und Zielsprache nicht Englisch sind, erfolgt eine Doppelübersetzung über das Englische. Wenn es "aus Eimern schüttet", heißt es im Englischen "it rains cats and dogs" und daraus wird im Italienischen "Piove cani e gatti", was aber nicht Italienisch ist. Junge Menschen akzeptieren diesen Sprachimperialismus und es ist zu erwarten, dass dieses Pseudo-Italienisch in deren Sprache integriert wird, so wie das falsche "Sinn machen" (statt "Sinn ergeben") ins Deutsche übernommen wurde.

Donnerstag, 8. Januar 2015

Unzeigbares gezeigt

Gestern wurde ich schockiert. Ich sah einen Mord!
Im Fernsehen und Kino habe ich sicherlich schon viele Tausend Schauspieler bei der Inszenierung ihres gewaltsamen Todes gesehen, doch gestern war es ein realer Mensch.

Der Terroranschlag auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo und damit auf die Freiheit des Wortes war vor wenigen Stunden geschehen, als ich dies über ein Internetportal erfuhr. Dort gab es einen Ticker, der Agentur-Nachrichten und Twittereinträge kombinierte. Jörg Diehl von SPON hatte einen Link zu einer niederländischen Seite gesetzt. Da gab es dann diesen Kurzfilm, wo zu sehen war, wie die beiden Terroristen ihr Fluchtauto verlassen, ihre Maschinengewehre in eine Richtung halten und abdrücken. Ein Kameraschwenk zeigte einen niedergeschossenen Polizisten, der etwas rief und seinen Arm hob. Einer der Terroristen ging auf ihn zu und schoss ihn aus kurzer Distanz in den Kopf.

Darauf war ich nicht gefasst. Ich weiß es gibt diese hyperrealen Videoaufnahmen, doch bisher blieb ich von diesen verschont, weil die von mir genutzten Medien (Spiegel, taz, Tagesschau, heute) bewusst solche Bilder nicht verbreiten, da diese nicht nur schockierend brutal sondern auch Propaganda für die Täter und ihre Ideologie sind. Nun hatte Spiegel online (=SPON) gegen diese Regel verstoßen.
Die Produzenten dieses Videos, die es ungeschnitten ins Netz stellten, unterstützen damit die Terroristen.

Von den vielen Karikaturen, die entstanden, beeindruckte mich die Folgende. Der französische Graphik-Designer Jean Jullien hat die Tragik und Konsequenz des Terroranschlag in folgender Zeichnung festgehalten. Er hat das Bild auf seiner Webseite und seinem Twitter-Konto veröffentlicht:
Jean Jullien, “Je suis Charlie” (2015) (via Twitter)
Die Auswirkungen solcher Terroranschläge und die allgemeine Furcht in einigen Redaktionen wird im Dokumentar-Film "Ausgelacht!? Karikaturen und Pressefreiheit" (Belgien, Frankreich 2012, Regie: Olivier Malvoisin), der derzeit noch bei ARTE+7 zu sehen ist, gezeigt.

Freitag, 26. September 2014

Osagedorn-Frucht

Osagedorn, Milchorangenbaum, Osage orange, hedge apple, horse apple, monkey ball, bois d'arc, bodark, bodock
(Foto: E.R. Fox)
Eine Bekannte kam gerade von einer Reise aus Angers, F zurück und zeigte mir die folgende mitgebrachte "Frucht" (Durchmesser: etwa 6-7 cm).

So etwas hatte weder Sie noch ich je gesehen.

Mal eben ein Foto gemacht, dieses über Bildsuche hochgeladen und schon hatte diese Merkwürdigkeit einen Namen: Milchorangenbaum oder Osagedorn (Maclura pomifera). Es gibt noch weitere Namen: Osage orange, hedge apple, horse apple, monkey ball, bois d'arc, bodark, naranjo de Luisiana, bodock und nun wurde in einem Kommentar "Apfel der Medusa" (Sarah Maria) vorgeschlagen.

Im Lexikonartikel wird vermutet, dass diese Frucht ein Relikt ist. Eigentlich sollen Früchte zur Verbreitung einer Pflanze beitragen, doch in Heimat der Osagedorn-Frucht im Südwesten der USA gibt es fast keine Tiere mehr, welche diese "Äpfel der Medusa" essen. In einem US-Magazin wird vermutet, dass dies vielleicht Nahrung für Mammuts war.

Samstag, 16. November 2013

Prestige-Katastrophe 2002 - Keiner schuldig

Diese Woche wurde einmal mehr die Prestige-Umweltkatastrophe vom November 2002 vor Gericht aufgearbeitet (siehe aktuellen Artikel). Damals  havarierte der Tanker "Prestige" vor der galicischen Küste, wurde auf Anweisung spanischen Autoritäten auf den Atlantik geschleppt, wo das Schiff zerbrach und sank. In der Folge verteilten sich mehr als 50.000 Tonnen Schweröl im Meer und wurden in Portugal, Spanien und Frankreich angeschwemmt. Fischfang wurde verboten, unzählige Wasservögel starben und die Strände waren nicht mehr zu nutzen.
Diese Katastrophe führte zu einer der größten Freiwilligen-Aktionen in Europa. Tausende Freiwillige -ohne Unterstützung der konservativen spanischen Regional- und Landesregierung-  reisten im Frühjahr 2003 an die betroffenen Strände und begannen mit den Aufräumarbeiten.
(Foto: Ana Brunbeck - Denkmal für die Freiwilligen in San Vicente del Mar, Galicien)
Das Thema "Prestige" ist tief in der Erinnerung der betroffenen Bevölkerung verankert. Ich musste bei der aktuellen Berichterstattung an die vorbereitenden Hausarbeiten zum Europa-Kolleg 2006 denken. Gleich drei der 20 Abiturientinnen und Abiturienten aus 12 Ländern schrieben über diese Katastrophe. Der Blog zum EK06 ist weiterhin online und ich verweise deshalb auf die Texte einer Schülerin aus Lissabon, und Schülern aus Bilbao und Barcelona.
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Die deutsche Wikipedia erwähnt die Freiwilligen nur in einem Foto. Die englische Wikipedia hat wenigstens ein paar Zeilen zum Beitrag der Freiwilligen, zwei der Freiwilligen haben im Schweizer Magazin "Das Magazin", Ausgabe 6/2013 ein sarkastisches Resümee gezogen. Der Text von Christian Schmidt wird mit großformatigen Fotos von Manuel Bauer illustriert.

Samstag, 26. Oktober 2013

Yalta Club spielte im GUT unterwegs

Aktualisierung: YALTA CLUB spielt am 5. September 2014 in Hannover in der Ruine der Aegi-Kirche

Der Musikclub GUT in der Königsworther Str. wurde im Sommer geschlossen, seitdem ist diese kulturelle Institution in Hannover unterwegs.

Der Yalta Club spielte am 25. Oktober im ehemaligen Getränkeladen in der Diekbornstraße in Linden. Fünf Franzosen und eine Deutsche zeigten ihre Virtuosität auf einer Vielzahl von Instrumenten. Popmusik mit einem Lächeln und einer ausgeprägten Spielfreude.
Jede Band schöpft aus einer Vielzahl von Quellen und wenn sie gut sind, dann klingen sie nicht wie                                   (hier würde bei einer schlechten Band der Name des nach gespielten Vorbilds stehen). Yalta Club ist gut.


Neben eigenen Kompositionen gibt es auch Interpretationen. David Bowies Starman wird hier zu einem mehrstimmigen Lied mit einer an Mariachi-Klänge erinnernden Trompete im letzten Refrain. Yalta Club spielt Popmusik, die nur wenig Animation benötigte, um das Publikum zu Klatsch-Rhythmen und zum Tanzen zu motivieren. Die Musiker und die Musikerin spielen verschiedene Rollen. Der Trompeter, der auch ein anderes Blechblasinstrument, Gitarre, Keyboard, Percussion spielte und sang, stellte mehrmals einen Musikroboter dar. Starr wie eine Schaufensterpuppe wartete er auf seinen Einsatz, um dann zu Leben erwachend tanzend zu spielen. Oder die Sängerin (Keyboard, Electronica, Melodica, Percussion) versteckte hinter ihren Rücken das jeweilige Instrument, wenn sie zum Gesangsmikrofon ging. Eine Mundharmonica konnte sie verstecken, aber das große Blechblasinstrument dann doch nicht.


Gitarre und Mundharmonica standen für Folkmusik, die u.a. von Bob Dylan gespielt wurde. Ja, und dann wurde auch überzeugend I want you von Bob Dylan interpretiert.
Der Bassist mit einem Backenbart wie aus dem späten 19. Jahrhundert spielte sein Instrument sehr männlich. Doch dies waren Masken (der Schlagzeuger gab manchmal auch einen Roboter), die stets durch ein Lächeln oder Grinsen entfernt wurden.
Die möglichen Vorbilder sind vielfältig. Ich fühlte mich an die ganz frühen REM erinnert und als sie mit Golden Boy einen Western spielten dachte ich an den Klang von Calexico. In der Pause wurde sogar auf die scheinbare Leichtigkeit der Harmonien der Lennon/McCartney-Zeit verwiesen. Der Leadgitarrist spielte besonders bei den tanzbaren Liedern eine Zaire-Gitarre, die in Frankreich vermutlich bekannter ist, da viele der frankophonen Musiker aus Zentralafrika in Frankreich ihre Musik produzieren lassen.
Der Rhythmus-Gitarrist und Sänger bearbeitete so heftig die akustische Gitarre, dass irgendwann zwei Saiten fehlten. Der Gegensatz wurde erreicht, wenn er mit seinen großen Händen eine Ukulele spielte.

Einige der Lieder sind für das Radio. Treibend, Tempowechsel, einfacher Refrain und das alles in weniger als drei Minuten. Die Zugabe war ein besonderer Genuss. Die Band kam in die Mitte des Publikum und spielte nun wirklich komplett akustisch.

Vier Stücke werden nach dem Konzert auf der EP Highly Branded angeboten.
Der Titelsong kann hier auch als Musikvideo gesehen werden:


Siehe auch Webseite der Band
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Das GUT bleibt unterwegs. Das nächste große Konzert (Mine am 22. November) ist für das ehemalige Cinemaxx in der Nicolaistraße angekündigt.

Freitag, 12. Juli 2013

LE MONDE diplomatique Juni 2013

Ein Monat ist um und zeitgleich mit der ausgelieferten, gedruckten Juli-Ausgabe der LE MONDE diplomatique sind die Essays der Juni-Ausgabe frei im Internet zugänglich.
Ausgelesen empfehle ich:
  • José Luís Peixoto "Die Sonne von Portugal - Die neue Auswanderung und die Sehnsucht der Emigranten"
    Der Schriftsteller Peixoto vergleicht die aktuelle Emigration mit der Zeit der 1960-er und 1970-er Jahre, als Hunderttausende das Land verließen, um dem Elend der Salazar-Diktatur und der Kolonialkriege in Mozambique und Angola zu entfliehen. Peixoto schriebt, dass sich viele Menschen in Portugal für diese Emigranten schämten; denn die waren überwiegend ungebildet und prägten damit ein Bild von den Bewohnern Portugals in den europäischen Zielländern. Die neuen Emigranten sind jung und gut ausgebildet, doch ob dies etwas an den Beschäftigungsverhältnissen im Ausland ändert, ist eine berechtigte Frage.
    (Der Artikel erschien auch in der portugiesischen Ausgabe)
  • Jiannis Papadopoulus "Neonazis in Griechenland"
    Der Reporter der griechischen Tageszeitung Τα Νέα schreibt über die faschistische Partei Χρυσή Αυγή (=goldene Morgendämmerung), die nach ihrem Einzug ins Parlament immer mehr Einfluss in der Gesellschaft bekommt.
  • Ariane Krol und Jacques Nantel "Spione des Marktes - Was Werbung im Internet alles kann"
    Es ist ein altes Thema, aber hier sehr gut beschrieben. Amazon, Facebook und alle anderen Plattformen, die Daten ihrer Nutzer sammeln sind Trojaner. Eine Journalistin und ein Professor für Marketing der Universität HEC Montréal finden für diese These einige schöne Beispiele,
    (Der Artikel im französischen Original)
  • Serge Halimi "Lockstoff Sprache"
    Der Direktor der LE MONDE diplomatique fragt sich in seinem monatlichen edito, warum die französische politische Elite meint, dass franzöische Universitäten ihr Angebot an fremdsprachigen Studiengängen steigern sollen. Weniger als 4 Prozent der Studierenden in den USA sind Ausländer, aber 13 Prozent der Studierenden in Frankreich. In den USA käme man nicht auf die Idee Wirtschaftskurse auf Chinesisch anzubieten, um mehr Studierende aus dem Land der Mitte zu gewinnen.
Lasst euch anregen durch Autoren, die über Themen in ihren Ländern schreiben.

Samstag, 16. März 2013

You Are My Sunshine - EK-Erinnerungen

Ein Text über den Sonnenschein

In jedem Jahr habe ich mindestens einen Sonnenschein kennen gelernt, eine Person, die durch ihre Art oder ihr Lächeln auch bei mir ein Lächeln erzeugte und so bereits zum Frühstück den jeweiligen Tag zu einem guten Tag machte.
Es waren dies die "Good Vibrations" oder anders ausgedrückt, das "ich kann dich gut riechen" als Gegensatz zum "den kann ich nicht riechen".
Wenn ich nun auf die Namensliste der zehn Jahrgänge schaue, erzeugen einige Namen weiterhin ein Lächeln, da die positive Erinnerung überwiegt. Es gab Jahre in denen es mehr Sonnenschein gab und Jahre mit weniger; auch war es nicht immer "die", sondern manchmal auch "el", "le" oder "il".

Die moderne Kommunikation und unsere jährlichen EKNT (2013 heißt das Ziel Budapest) erlauben mir, in Kontakt zu bleiben und zu beobachten, wie die Alumni nach der Schule ihren Weg durch die Hochschule oder Universität finden.

Dienstag, 15. Januar 2013

Buchtipp: Charles Perrault "Märchen aus alter Zeit"

Letzte Woche erhielt ich ein ungewöhnliches Geschenk. In einer Büchersammlung befand sich neben anderen Märchen auch eine deutsche Ausgabe (1976) der Märchen von Charles Perrault, die 1697 unter den Titel "Histoires ou contes du temps passé, avec des moralités: contes de ma Mère l’Oye" ergänzt um das Märchen "Peau d’Ane" (1694). Das ist im Moment meine Bettlektüre.

Gustave Doré "Der gestiefelte Kater"
Als wir in der gymnasialen Oberstufe für mehrere Monate Märchen analysierten, lernten wir, dass die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm Märchen aus vielen Ländern versammelten. Besonders kann ich mich daran erinnern, dass der gestiefelte Kater aus den südlichen Frankreich oder dem heutigen nördlichen Italien stammt. Die Religionsflüchtlinge Hugenotten, die sich im späten 17. Jahrhundert u.a. in Nordhessen und Südniedersachsen niederließen, brachten ihre  Märchen, Mythen und Erzählungen mit und hier in der genannten Region sammelten Jacob (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859) viele ihrer Volksmärchen.

Märchen waren bis dahin für mich ein abgelegtes Thema der Kindheit. Uns wurden als Kinder Märchen vorgelesen und ich kann mich daran erinnern, dass ich wieder und wieder Geschichten in einer voluminösen Grimm-Sammlung gelesen habe. Nun frage ich mich gerade, wo dieses Familienbuch geblieben ist.

Es war erhellend, zu verstehen, dass viele Märchen einen Schema folgen (3 Aufgaben, 3 Krisen, 3 Fragen) und das es Varianten der Geschichten gibt. Damals wurde auch sehr kurz erwähnt, das sich Märchen auch psychologisch analysieren lassen.
Zwei Jahrzehnte später fand ich eine Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen von 1825, die mich an meine Kindheitserinnerungen zweifeln ließ. Das wurde zwar auch bereits in der Schule angesprochen, aber hier merkte ich erstmals deutlich, wie weit die Märchensammlung, die ich als Kind gelesen hatte, sich von den frühen Ausgaben unterschied, wie die Geschichten Kind gerecht weich gespült wurden.

Charles Perrault (1628-1703) hat sich die Märchen nicht selbst ausgedacht. Es gibt italienische Drucke, die in Frankreich bekannt waren, doch hat er "seine" Märchen aus den Vorläufern und Erzählungen neu geschrieben und den  Geschichten, wie der Titel bereits sagt, in Versform eine Moral hinten angestellt.
Welche Märchen versammelt nun dieses wunderbare Buch mit Stichen von Gustave Doré (1832-1883).
  • Die schlafende Schöne im Wald, die uns als Dornröschen bekannt ist. Hier gibt es viele Veränderungen bis zur Grimmschen Fassung, der rettende Prinz ist ein direkter Verwandter; sie haben deshalb versteckt Kinder, bis er als Thronerbe mit Frau und Kindern der neue König wird.
  • Das Rotkäppchen ist genauso naiv wie bei Grimm, doch hier gibt es kein glückliches Ende. Der Wolf frisst Rotkäppchen in deren Großmutters Haus und Ende der Geschichte.
  • Die Geschichte von Blaubart kannte ich bisher nicht und ich habe nun auch erfahren, dass diese Geschichte nur über die Märchensammlung von Ludwig Bechstein (1801-60), der parallel zu den Gebrüdern Grimm sammelte, bekannt ist.
  • Der gestiefelte Kater begegnet uns hier genauso wie in der Grimm-Sammlung.
  • Das Motiv des Märchen "Die Feen" taucht als Motiv in der Frau Holle auf. Aus Dankbarkeit wird eine Tochter eine Quelle von nicht endenden Reichtum und aus Undankbarkeit wird deren Schwester eine Quelle für Frösche und Schlangen. Hier gibt es eine kleine kritische (?) Variante, denn die höfliche Tochter wird von einem Prinzen geheiratet, der den Wert des unendlichen Reichtums erkennt. Die unhöfliche Schwester stirbt alleine im Wald. 
  • Aschenputtel wird hier in der Variante erzählt, die von Walt Disneys Cinderella bekannt ist. Bei Grimm erhält Sie nur Kleider und und edel bestickte Schuhe, hier verwandelt eine Fee Kürbis, Mäuse, Ratte und Eidechsen in Kutsche, Pferde, Kutscher und Lakaien und gibt ihr gläserne (!) Schuhe. In der Wikipedia wird darauf verwiesen, dass Perrault hier vermutlich ein Missverständnis aus den gehörten Geschichten eingeführt hat. Das Winterfell des Eichhörnchens heißt "en vair"und Glas "de verre" Glas. Das edle Winterfell war damals nachweislich ein Statussymbol für Adel und Klerus. Eine weitere Abweichung findet sich zum Ende. Während bei Grimm die bösen Schwestern mit einem Messer sich Zeh bzw. Ferse abhacken, um in den Schuh zu gelangen, fehlt hier dieser blutige Betrugsversuch. Bei Grimm werden den Schwestern am Ende auch noch die Augen ausgehackt, während hier beide an Adelige verheiratet werden.
  • Riquet mit dem Schopf. Diese Geschichte schaffte es weder zu den Gebrüder Grimm, noch zu irgend einer anderen deutschen Sammlung. Ein hässlicher aber intelligenter Prinz trifft eine schöne aber dumme Prinzessin. Beide lassen den anderen an ihren guten Eigenschaften teilhaben und sind danach schön und intelligent.
  • Der kleine Däumling . 
  • Eselshaut .
Zwei Märchen werden mir noch die nächsten Abende versüßen und entsprechend wird dieser Eintrag demnächst ergänzt.

Quellen:
Charles Perrault "Märchen aus alter Zeit", illustriert von Gustave Doré, übersetzt von Dorothee Walterhöfer. Abi Melzer Verlag, Buchschlag 1976.
Brüder Grimm "Kinder- und Haus-Märchen", Neuausgabe der Kleinen Ausgabe von 1825 durch den Haffmanns Verlag, Zürich 2001.

Samstag, 3. November 2012

OSS 117 ist unterhaltsamer als James Bond 007

OSS 117 - Der Spion, der sich liebte (Frankreich 2006, Regie Michel Hazanavicius, 99 Minuten)

Vor einigen Monaten sah ich durch Zufall im Spätprogramm eines unser Kultursender (ARTE / 3SAT) die Geheimagenten-Persiflage 0SS 117 : Rio ne répond plus - Er selbst ist sich genug (2009). Ich hatte von diesen Film schon gelesen, da Regisseur und Hauptdarsteller Jean Dujardin als nächste Produktion den Oscar prämierten Stummfilm "The Artist" vorlegten. Gestern sah ich nun auf 3SAT OSS 117: Le Caire nid d'espions – Der Spion, der sich liebte (2006).

Das OSS ist das Office of Strategic Services, einer der US-Geheimdienste während des 2. Weltkrieges, doch der Geheimagent Hubert Bonisseur de La Bath a.k.a. OSS 117 arbeitet für den französischer Auslands-Geheimdienst Service de Documentation Extérieure et de Contre-Espionnage (SDECE, 1944-1982).
Grundlage der Persiflage sind die mehr als 200 Romane, die von Jean Brochet, seiner Frau und deren beiden Kindern seit 1949 geschrieben wurden. Seit 1957 wurden einzelne Geschichten verfilmt und damit ist OSS 117 in beiden Fällen mehrere Jahre früher als Ian Flemings James Bond 007 als Roman und Verfilmung im Geschäft.

Doch geht es nicht um diese Massenproduktion (11 Filme), sondern um eine zum Teil liebevolle Persiflage von Gentleman-Agenten-Filmen der 1950-er und 1960-er Jahre. Es werden also die Serien OSS 117, James Bond und Jerry Cotton gewürdigt.

Es ist schreiend komisch. Dies liegt sicherlich daran, dass Oliver Kalkofe die Synchronfassung schrieb und Jean Dujardin als OSS 117 wunderbar seine Unwissenheit durch Lachen, ein breites Grinsen oder Schweigen überspielt. Denn OSS 117 ist nicht wirklich helle. Es sind die Zufälle, die ihn zu einen wichtigen Agenten der Franzosen machten.
Der Film wurde in den letzten Jahren gedreht und schafft es die Filmtechnik von vor 50 Jahren zu kopieren. Fahrszenen sind so offensichtlich vor einer Leinwand gespielt, Großansichten zeigen deutlich den Modellcharakter wenn ein Flug gezeigt wird oder sich OSS 117 den Pyramiden nähert. Das unterscheidet die Arbeit vom Regisseur Michel Hazanavicius und seinem Hauptdarsteller Dujardin zum Beispiel von den Bond-Persiflagen mit Rowan Atkinson in der Hauptrolle, der selbst als Johnny English stets nur seinen Mr. Bean variiert.

Der Originaltitel verweist bereits darauf, dass OSS 117 eine Aufgabe im Spionagenest Kairo erfüllen muss. Der Geheimagent Hubert Bonisseur de La Bath ist ein selbstverliebter, französischer Nationalist, der keine Ahnung von Weltpolitik hat. Er ist so offen und naiv in seinem kolonialen, paternalistischen Auftreten gegenüber Nicht-Europäern, dass mir manchmal zunächst das Lachen im Halse stecken blieb. Er ist chauvinistisch (in allen ! seinen Wortbedeutungen) und steht hier dem frühen James Bond in nichts nach. Wenn er seine Vorurteile über andere Nationalitäten, Religionen und Sexualität äußert, dann sieht man das Unverständnis in seinen Dialogpartner, die nicht glauben können und irgendwann peinlich bis ärgerlich reagieren, was für ein Unsinn geredet wird.
Apropos, die Frauen drehen sich nach ihn um und OSS 117 weiß dies und genießt es. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zu James Bond, seine Bettszenen (Vorspiel) sind viel unterhaltsamer und stilecht zu den 1960-er Jahren wird nichts gezeigt.

Alle anderen wesentlichen Motive der Agentenfilme (Verfolgungsjagden zu Fuß oder mit einem Auto, Tuxedo oder Smoking-Szenen mit der Oberschicht, Unterwasserabenteuer) werden genutzt. Die Unterwasserszene ohne Taucherausrüstung ist absurd lang und hat sogar einmal einen visuellen Hinweis auf Pirates of the Caribbean.
Trotz der Unwissenheit des Agenten in fast allen wesentlichen Momenten, hat er Spezialwissen . Er kann zwar zunächst kein Arabisch, aber sein "Hyroglyphisch" befreit aus einer Situation und im Verlauf des Films spricht er mehr und mehr Arabisch. Auch dies sehe ich als Referenz an andere Agentenfilme, welche unfassbares Spezialwissen bei den Agenten zeigen.
Der Erfolg des Films hängt nicht nur an Jean Dujardin, sondern auch an Bérénice Bejo als weibliche Partnerin bzw. Gegenerin Larmina El Akmar Betouche, die 2011 die weibliche Hauptrolle in "The Artist" spielte.

Tja, und warum hatte ich vor diesen beiden großartigen TV-Abenden noch nie eine Szene aus den Filmen gesehen? Oliver Kalkhofe hat einen großen Namen in Deutschland und mit seiner Persiflage der Edgar Wallace-Filme im Hintergrund, hätten die Filme doch ein Erfolg werden müssen.
Denkste, die Filme liefen niemals im deutschen Kinoprogramm.
Ich habe schon oft von Direct-to-DVD-Produktionen gehört, doch dies sind dann oftmals B und noch öfter C-Filme, die als Sequel oder Genre-Film ein Motiv wieder und wieder ausschlachten. Warum dieser in Frankreich mit mehr als 2 Millionen Zuschauern erfolgreiche Film vor dem deutschen Publikum versteckt wurde, bleibt mir ein Rätsel.

Offizielle deutsche Webseite zum Film "OSS 117 - Der Spion, der sich liebte"
Wikipedia-Artikel zur Serie OSS 117 und zum Film "OSS 117 - Der Spion, der sich liebte".

Donnerstag, 1. November 2012

Film Diva 1981 von Jean-Jacques Beineix

Diva
(Frankreich 1981, 113 Minuten)
Regie: Jean-Jacques Beineix

Eine Bühne, ein Orchester, ein Dirigent, eine Operndiva und dann die erwartungsvolle Stille im vollbesetzten Saal als die Musik einsetzt.
Der Regisseur Jean-Jacques Beineix verlässt sich auf die Musik und zeigt großartige Bilder. Der Film beginnt ohne Dialoge und die ersten Worte sind Italienisch und dramatisch, wenn Wilhelmenia Fernandez die Arie Ebben? Ne andrò lontana aus der (Geier-) Wally von Alfredo Catalani (1854-1893) singt.

Kultfilm ist ein arg strapazierter Begriff. Manche Filme werden bereits im Trailer als Kult bezeichnet, ohne das die grundlegende Definition von Kultfilm überhaupt erfüllt werden kann.

"Definiere Kultfilm?"
-
"Ein Kultfilm wird von seinen Fans wieder und wieder geschaut"

Diva war Anfang der 1980-er Jahre ein Kultfilm. Der Film gewann 1982 in Frankreich 4 Cesar u.a. für beste Musik und beste Kamera und startete im März 1983 in Westdeutschland.
Als ich im Oktober 1983 nach Hannover kam, lief der Film immer noch und ich habe ihn in den folgenden Jahren, wie viele Andere in der Stadt wieder und wieder gesehen. Der Film lief mehrere Jahre im Spätprogramm der Raschplatzkinos.
Der Film ist Kultur. Es wird eine Ausstellung von Bildern besucht und dazu gibt es außergewöhnliche Musik.

Es gibt eine spannende Handlung, aber wesentlich sind die Bilder, besonders wenn sie als Zitate an andere Filme und Gemälde erinnern (einmal wird deutlich Vincent van Gogh kopiert und immer wieder sind impressionistische Bilder zu sehen). Ein Opernfan macht eine sehr gute Aufnahme vom Auftritt der Diva und hinter dieser einzigartigen Aufnahme sind Musikproduzenten hinterher. Gleichzeitig gibt es eine Aufnahme einer Prostituierten, welche einen hohen Polizeibeamten des Drogen- und Menschenschmuggels bezichtigt und die auch bei dm Fan landet und mordende Verfolger (darunter Dominique Pinon in einer seiner ersten bösen Rollen) nach sich zieht.
Und dann gibt es noch den Zen-"Meister". Ob er nun in seinem Loft raucht, puzzelt oder ein Baguette mit Butter und Zwiebel zubereitet. Stets ist ungewöhnliche Meditations-Musik von Vladimir Cosma im Hintergrund und alles ist jeweils im Zentrum seiner Welt (das Primat der Praxis). Er strahlte eine ironische Gelassenheit aus, wenn er Probleme löst.
Der ironische Blick auf die Realität am Beginn der 1980-er, mit ihrem Drang alles zu Kommerzialisieren, ist immer wieder in einzelnen Szenen zu sehen.

Doch es bleiben die Bilder mit ihrem musikalischen Umfeld. Wenn der Fan und die Diva in den sehr frühen Morgenstunden an menschenleeren Postkartenmotiven vorbeigehen, dann gibt es Minutenlang wieder keinen Dialog. Etwas was Luc Besson 2005 in Angel-A wiederholte.

Am Ende ist wieder eine Bühne und die Diva, doch diesmal auch der Fan und die Tonaufnahme aus dem ersten Akt der Wally, die der Künstlerin, die keine Aufnahmen machen möchte, übergeben wird.

Ich gebe diesem Film 9 von 10 möglichen Punkten.

Mittwoch, 31. März 2010

Hold Your Horses ! 70 Million - Video, Lyrics & Links

Nachtrag Juni 2013: Die Band sammelt aktuell über die Crowdfunding-Seite KissKissBankBank Geld für die Produktion ihrer ersten LP. 64% der notwendigen Mittel wurden bereits eingezahlt.
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Seit dem 27. Februar 2010 kann auf vimeo.com und seitdem auch auf vielen anderen Plattformen das Musikvideo 70 Million der bisher nicht sehr bekannten französischen Band Hold Your Horses ! bewundert, genossen und enträtselt werden. Das Produktionsteam L’Ogre (=David Freymond, Bruno Mendes, Olivier Tixier and Catherine Villeminot) hat eine Idee für ein Video realisiert, was Staunen, Freude und die Frage „Warum ist noch niemand vorher auf diese Idee gekommen?“ hinterlässt. Und das erste Anschauen des Videos führt wahrscheinlich Menschen -so wie mich auch- dazu, am Ende das Video gleich noch einmal anzuschauen.


Hold Your Horses ! – 70 Millions (F 2010 – Regie: David Freymond)
Charles Van Den Boogaerde (Gitarre, Gesang) Florence Villeminot (Schlagzeug, Perkussion, Gesang), Robin Montmusson (Bass), Grégory Combet (Gitarre, Schlagzeug, Gesang), Gilles (Geige und Tasteninstrumente), Simon (Cello), Igor (Trompete und andere Blasinstrumente)

25 mehr oder minder bekannte Gemälde werden durch die Musiker der Pariser Band Hold Your Horses ! zum Leben erweckt. Es ist eine Tour de force fun durch die europäische Geschichte der Malerei vom Mittelalter bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Die Plattform Spreeblick hat bereits am 1. März auf das Video hingewiesen und die Schwarmintelligenz hat noch am selben Tag im Dialog fast alle Gemälde identifiziert und ein Mason hat Belegexemplare der möglichen Originale als eine Sammlung bei Flicker zusammengestellt. Markus Brendel hat schließlich in seinem Blog für 24 der 25 Bilder eine Verknüpfung zu einer englischen Webseite herausgesucht.
Catherine Villeminot von L’Ogre hat in einem Interview mit David Knight für dessen Music Video Journal Promo News (15. März) Fragen zur Idee, Produktion und den aktuellen Vor-Bildern beantwortet.

Für die Neugierigen folgt nun im Folgenden eine Kombination von Bildquellen (KünstlerIn, Titel (Jahr) Link zu einer deutschen Seite) und dem Text von 70 Million. Die Links weisen in der Regel auf eine Bildbeschreibung in der deutschen Wikipedia. Da das Copyright erst 60 Jahre nach dem Tod eines Künstler erlischt und entsprechend diese Bilder in der Wikipedia nicht dargestellt werden dürfen, gibt es in diesen Fällen nur ein Verweis auf den Künstler.

01 Leonardo da Vinci – L'Ultima cena / Das Abendmahl (1494-1498) Bildbeschreibung
02 Sandro Botticelli - La nascita di Venere / Die Geburt der Venus (ca. 1485/86) Bildbeschreibung
03 Rembrandt van Rijn - Anatomische les van Dr. Nicolaes Tulp / Die Anatomie des Dr. Tulp (1632) Bildbeschreibung
04a Hans Holbein der Jüngere - Portrait of Henry VIII of England / Porträt Heinrich VIII. von England (1539-40) Maler Bilddatei
And it hardly looked like a novel at all,
I hardly look like a hero at all
04b Jan Vermeer - Het meisje met de parel / Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge (ca. 1665-67) Bildbeschreibung
And I'm sorry, you didn't publish this
And you were white as snow; I was white as a sheet
05 Théodore Géricault - Le Radeau de la Méduse / Das Floß der Medusa (1818-19) Bildbeschreibung
When you came down in this black dress
In your mom's black maternity dress
And so,
06 Jacques-Louis David - La Mort de Marat / Der Tod des Marat (1793) Bildbeschreibung
Though it hardly looked like a novel at all,
And the city treats me, it treats me to you
07 Michelangelo Buonarroti – La creazione di Adamo / Die Erschaffung Adams (1508-1512) Bildbeschreibung
And a cup of coffee for you
I should learn it's language and speak it to you
( R E F R A I N )
08 René Magritte – Le fils de l'homme / Sohn des Mannes (1964) Maler
And 70 million should be in the know
09 Piet Mondrian - Compositie met rood, geel en Blauw / Komposition mit Rot, Gelb und Blau (verschiedene Varianten zwischen 1921 und 1929) Maler
And 70 million don't go out at all
10 Frida Kahlo – Autorretrato / Selbstportrait (diverse Varianten zwischen 1938 und 1954) Malerin
And 70 million wouldn't walk this street
11 Pablo Picasso – Portrait von Dora Maar (diverse Varianten zwischen 1937 und 1941) Maler
And 70 million would run to a hole
12 Edvard Munch – Skrik / Der Schrei (vier Varianten zwischen 1892 und 1910) Bildbeschreibung
And 70 million would be wrong wrong wrong
13 Vincent van Gogh – Met oorverband / Selbstportrait mit verbundenem Ohr (1889) Maler Bilddatei
And 70 million never see it at all
14 Andy Warhol – Marilyn (Diverse Varianten 1960-er) Maler
And 70 million haven't tasted snow
15 Unbekannter Maler / Schule von Fontainebleau - Gabrielle d'Estrées et une de ses soeurs / Porträt der Gabrielle d'Estrées und eine ihrer Schwestern (um 1594) Bildbeschreibung
16 Cenni di Peppo genannt Cimabue – Madonna con il Bambino / Madonna mit Kind (um 1270 oder 1280) Maler Bilddatei
17 Michelangelo Merisi da Caravaggio - Salomè con la testa del Battista / Salome mit dem Kopf Johannes` des Täufers (zwischen 1607/1610) Maler Bilddatei
And we dance dance dance like the children dance
Imply thought are we taking the chance?
18 Édouard Manet - Olympia (1863) Bildbeschreibung
With the light still on, and will we ever reach the tower
19 Eugène Delacroix - La Liberté guidant le peuple / Die Freiheit führt das Volk (1830) Bildbeschreibung
And after you came down in this black dress
I don't know what took so very long
And this,
20 Otto Dix - Bildnis der Journalistin Sylvia von Harden (1926) Maler
And this isn't a war, we don't have to ration
Now wave white flag, and you kept it at home
21 Gustav Klimt - Der Kuss (1908) Maler
And words I wrote from a foreign land
You're holding my no longer foreign hand
( R E F R A I N )
10 Frida Kahlo
And 70 million should be in the know
13 Vincent van Gogh
And 70 million don't go out at all
09 Piet Mondrian
And 70 million wouldn't walk this street
11 Pablo Picasso
And 70 million would run to a hole
08 René Magritte
And 70 million would be wrong wrong wrong
12 Edvard Munch
And 70 million never see it at all
14 Andy Warhol
And 70 million haven't tasted snow
22 Marc Chagall –La Mariée / Die Braut (1950) Maler Bilddatei
23 Diego Velázquez - Las Meninas / Die Hoffräulein (1656) Bildbeschreibung
24 Vinvent van Gogh – Zonnebloemen / Sonnenblumen (1888/89) Bildbeschreibung

Die sich selbst als Indie / Alternative / Pop einsortierende Band Hold Your Horses! bietet bei MySpace vier weitere Songs:
  • Cigarettes   Lies
  • Shoulder Blades
  • Patience while tantrums of waterfalls
  • Flo’s Folk
Im Internetmagazin von SFR Jeunes Talents finden sich Musikvideos vom Mai 2009. In einem Dachgarten mitten in Paris spielen Hold the Horses! die drei akustischen Stücke
  • Shoulder Blades
  • Every Moment We Spent Talking Is An Island That We Lost
  • To The South
Und bei YouTube fand sich eine schöne Aufnahme, wie die Band auf der Bühne klingt und vom März 2009 eine erfrischende Version von 70 Million in einem Café.

PS: Aufmerksam wurde ich auf das Video durch einen Artikel in der digitalen Ausgabe der taz vom 19. März 2010.

Als eine Reaktion auf dieses Video wurde ich von Dana auf das sehenswerte Musikvideo der Band OK Go zu ihrem Stück This Too Small Pass - Rube Goldberg Machine Version hingewiesen.

Dienstag, 20. Januar 2009

PIQUE-NIQUE - Picknick

Zunächst lachte ich über diese Schreibweise und machte deshalb dieses Foto in Villefranche-de-Conflent, doch ein Blick in die Etymologie belehrte mich eines Besseren. Beide Worthälften stammen aus dem Französischen des 17. Jahrhunderts:
Pique von piquer = aufpicken
Nique = Kleinigkeit




Siehe hierzu auch allgemein in der linken Spalte vom Blog die gesammelten Eintragungen zum Thema/Schlagwort Etyms.

Dienstag, 14. Oktober 2008

Naturbeobachtung in le Barcarés

Es fing am Abend mit herbei gewehten Tropfen an und mündete in einen leichten Nieselregen, der mich vom Strand vertrieb. Niesel wurde zu Regen und nun war auch ein Grollen im Hintergrund zu hören. Von den Pyrenäen her kam ein Wetterumschwung.
Der Wetterbericht hat für diesen Tag eine Zunahme der Windgeschwindigkeit auf 70 km/h (dies entspricht Windstärke 8 „stürmischer Wind“) prognostiziert und viel Wind kam in Wellen als Brausen durch die Nadelbäume, die den Campingplatz beschatten.
Das Grollen wurde zum Gewitter und ein Rückzug ins Zelt erfolgte. BLITZ, einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, DONNER. Die Gewitterzelle stand über le Barcarés, aber bereits die nächsten Blitze und erneutes Zählen zeigten, dass sich diese Zelle schnell entfernte.
Doch das war nur der Anfang. Der Wind nahm weiter zu und neue schwache Lichtblitze wurden heller und leuchteten länger, eine weitere Gewitterzelle zog von den Pyrenäen herab in diesen trocken gelegten Küstensumpf.
Diese und jede weitere Gewitterzelle brachte heftige Böen und den damit wechselnden Klang vom Wind und des Regens in den Bäumen und auf dem Überzelt.
Nach zwei Stunden Gewitterregen hatte sich erst eine kleine Schadstelle gezeigt, die aber keine Feuchtigkeit in das Zelt, in dem ich in meinem Schlafsack lag, brachte. Das Problem war anderer Natur. Der über Wochen ausgetrocknete Boden war hart wie Beton und Wasser bleibt auf der Oberfläche stehen und begann zu fließen. In meinem Vorzelt standen bereits verschiedene Dinge in einer größer und tiefer werdenden Pfütze.
Es war bereits Mitternacht und bei den Krach nicht an Schlaf zu denken. Die Gewitter hatten innerhalb der letzten drei Stunden gleich dreimal in unmittelbarer Nähe eingeschlagen. Das grelle Licht war gerade abgeflammt, als jeweils ein Donnerschlag dröhnte. Auf einer Luftmatratze liegend war dieser Donner zu spüren. Er war selten kurz. Das Licht blitzte für eine Sekunde, aber der Donner nach dem Knall rollte über mehrere Sekunden.

14. September 2008, Vollmond
Astronomie lehrt, dass Vollmond die Oppositionsstellung von Sonne und Mond ist, dass also bei Vollmond zeitgleich die Sonne verschwindet und der Mond erscheint.
Leider war der astronomische Vollmond bereits irgendwann im Verlauf des Tages gewesen und so hatte der Mond keinen spektakulären Auftritt. Zwanzig Minuten vor Sonnenuntergang war er blass über den Mittelmeer zu erkennen. Damit entfiel das erwartete Farbenspiel. Nachdem die Sonne hinter den nördlichen Ausläufern der Pyrenäen untergegangen war, schwächte sich der stürmische Wind der letzten zwei Tage zu einem starken Wind ab. Die Böen führten aber immer noch unangenehm viel Sand mit sich, der auf der Kleidung trommelte und auf der nackten Haut eine unangenehme Massage bot.

Der Wetterbericht für le Barcarés änderte sich täglich. So weit, so banal, doch hier ändern sich täglich die Aussichten für die nächsten Tage, es scheint keine verlässliche Prognose von der Wetterstation am Flughafen Perpignan möglich zu sein.
Es war EIN stürmischer Tag vorhergesagt und als ich diese Zeilen schrieb, war es bereits der dritte stürmische Tag in Folge. Für diesen Tag war bereits ein Ende des kalten Windes vorhergesagt und heute wurde das Ende dieser Wetterlage wieder einmal für den kommenden Tag angekündigt.
Ich kann nur qualifiziert spekulieren, aber es hängt vermutlich mit der großen Nähe von Meer und Hochgebirge zusammen. Ich sah riesige Wolkenberge, die zum Teil Anzeichen von Gewitterwolken hatten, über den nahen Bergen stehen, aber auf dem Weg zum Meer lösten sich die Wolken auf.

Die Temperaturen im September 2008 sind bereits im Beitrag Urlaub in le Barcarés 2 zu finden.

Donnerstag, 9. Oktober 2008

le Barcarés

Was ist eigentlich le Barcarés. Habe so einiges über französische, englische und deutsche Webseiten zusammengesucht.
Die Region hatte eine schriftliche Geschichte, die bis in die Zeit des Römischen Reiches zurückgeht. Doch bis zum Ende des 2. Weltkrieges gab es an der Küste eigentlich nur kleine Häfen und Fischerdörfer, die im 20. Jahrhundert Sommer bereits die Anfänge eines Fremdenverkehr erlebten. Le Barcarés war berüchtigt als ein Standort eines Centre de Rassemblement des Étrangers, eines Konzentrationslager während der Vichy-Regierung.
Unter Charles de Gaulle wurde 1963 die La mission interministérielle d'aménagement touristique du littoral du Languedoc-Roussillon gegründet. Es ging bei diesem Programm auch um die Ansiedlung von Pied-noir. Im Ergebnis bieten die verschiedenen Orte rund um le Barcarés heute jeweils für Zehntausende Unterkunft in Appartmentsiedlungen, Hotels und Campingplätzen. Im Ortsteil Le Village gibt es alleine 12 Campingplätze.
(Foto: GoogleEarth: Campingplatz direkt am Agly südlich von le Barcarés)

Die Flüsse, die aus den Pyrenäen im Mittelmeer mündeten führten im Jahresverlauf erheblich schwankende Wassermengen und die Hochwasser führten so große Sedimentmengen, dass das Küstengebiet sumpfiges Land war. Im Rahmen des Programms wurden Flüsse in sehr breiten Kanälen, die mit Felspaketen gesichert wurden, selbst während eines Hochwassers gebändigt.

25 Meter von meinem Zelt entfernt floss zum Beispiel der Agly, der nach weiteren 300 Metern ins Mittelmeer mündete. Anfang September stand der Fluss. Das Mittelmeer hatte eine Sandbarriere vor der Mündung abgelagert und die wenigen Zuflüsse schienen sich unterirdisch zum Meer zu bewegen, da die Schwankungen im Flusspegel nur die Schwankungen im Meeresspiegel widerspiegelten.
(Foto: GoogleEarth: Campingplatz L'Embouchure in le Barcarés)

Die oben genannte Ansiedlung und der Tourismus führten zu einer erheblichen Vergrößerung der örtlichen Bevölkerung. Le Barcarés hatte 1962 nur 775 und 2006 4.033 Einwohner. Das nördlich benachbarte Leucate verzeichnete zu seinen 3.200 Einwohnern im Sommer zusätzliche 60.000 Bewohner. Für Le Barcarés fanden sich keine Zahlen, aber ein Blick auf den Ortsplan und die Infrastruktur rund um den Marktplatz sowie der großflächige Luna Park zeigen, dass auch hier während der französischen Sommerferien eine temporäre Stadt existiert.

In der Off-Season ab dem 1. September ist dies ein merkwürdiger Ort. Die Mehrzahl der Geschäfte ist geschlossen und man fühlt sich in den Straßen verloren. Es waren mit uns bestimmt noch einige Tausend Touristen anwesend, aber füllten nicht mehr die Siedlung und die Kassen.

Urlaub in Le Barcarés 4

An der nächsten Tour nahm ich bewusst nicht teil. In den engen Täler, der von den Pyrenäen herabströmenden Flüssen, gibt es mehrere Angebote von Canyoning und Rafting. Diese blöden Wörter verweisen schon auf den Modecharakter dieser "Sport" (?) - Art, die tatsächlich einfach nur Rummelplatz in der Natur ist. Doch dies ist für Leute die Adrenalin-Schübe als Unterhalt verstehen. Ich habe genügend Adrenalin-Schübe in meinen Beruf und meiner Freizeit (habe bisher 25 Jahre Fahrradfahren in Hannover mit nur einen Unfall überlebt).

Zu dritt unternahmen wir in der zweiten Woche noch eine Tour entlang des Agly, der neben unseren Campingplatz in das Mittelmeer mündet. Diesmal ging auf kleineren Straßen durch die Landschaft. Bei Riversaltes passierten wir die großen Weinanbaugebiete für den Muskat de Rivesaltes und bei St-Paul-de-Fenouillet bogen wir Norden in einen Gebirgszug. Die Straße wand sich auf schmaler Spur aufwärts. Jedes entgegenkommende Fahrzeug führte zur vollständigen Ausnutzung der Breite der Straße. An der tiefen Schlucht des Gorges de Galamus hielten wir auf einen Parkplatz und gingen auf den schmalen Pfad zur Ermitage de St-Antoine.
Tief religiöse Menschen hatten hier in Spalten und Höhlen ihren religiösen Rückzug gefunden. Die Ermitage ist weiterhin auch eine religiöse Stätte, doch der Priester oder Mönch, der zu sehen war, verkaufte nun Postkarten und Kerzen. Doch es gab größere Bereiche, des in die Spalten gebauten Gebäudes, die für den Besucherzugang gesperrt waren. Wie an anderen katholischen Orten zeugten beschriebene Steine und Plaketten für den Dank gläubiger Menschen, die hier ihr Heil und Trost gefunden hatten.
Der Blick in den Canyon, den der Agly geschaffen hatte, war erschreckend. Es waren weit über 100 Meter, die es hinabging und so steil, dass der Fluss selbst nicht zu sehen waren.
Der Rückweg wurde bewusst so gewählt, dass sich ein möglichst großer Rundkurs ergab. Die Region war das französische Gebiet der Katharer (übrigens das Etym des Wortes Ketzer), die im 13. Jahrhundert durch den Papst in Kreuzzügen bekämpft und alle gefangenen Priester öffentlich verbrannt wurden. Aus dieser Zeit stammen die Ruinen vom Château de Peyrepertuse und dem Château de Quéribus. Für meine Begleiter hatte die erste Burg eine besondere Bedeutung, da sie auf der Abfahrt von der Burg mit ihren Motorrad von der steilen Straße gestürzt waren und nur mit der Hilfe anderen die Maschine wieder auf die Straße wuchteten. Wer diesen beiden Burgen gesehen hat, ahnt wie schwer diese Festungen zu erobern waren. Nur Belagerungen erlauben eine Einnahme nach Kapitulation.
Zwei Ruinen später mit einer bei Quéribus erworbenen TK100 in der Hand sollte es nun auf Nebenstraßen zurück an die Küste gehen. Die D39 schien laut Karte tendenziell in die Richtung zu führen. Die Straße war weiterhin sehr schmal und wurde schmaler. Sie blieb geteert, doch tauchten nun auch Abschnitte auf, die nur geschottert waren. 10 Minuten Fahrt bei 30-40 km/h führten uns links - rechts- links in engen Kurven um Hügel und nie kam uns ein Auto entgegen oder näherte sich von hinten. Als dann auch noch die Sonne links vorne von uns war, wir also in westlicher Richtung fuhren, war uns klar, dass wir auf der falschen Straße waren. Doch dort wo wir waren, gab es keine Schilder und die Straße ging weiter rechts - links - rechts durch einen unerwarteten Wald (!). Die nächste Kreuzung zeigte uns, dass uns die verworrene, französische Beschilderung auf den Abschnitt der D39 geführt hatte, der nach Nordosten führte. Natürlich fuhren wir nicht zurück, sondern vollendeten den Bogen bis Caves, wo wir auf die Küstenschnellstraße bogen. Bis dahin durchfuhren wir auf vielen Kilometern Weinanbaugebiete. Die roten Reben hing zahlreich und schwer an den Stöcken. Es waren diese und andere schöne Anblicke, die dazu führten, dass wir trotz der verlängerten Tour mit einem guten Gefühl in le Barcarés ankamen.