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Donnerstag, 8. Dezember 2011

Wintersturm

Es ist immer wieder ein Ereignis, wenn der Wind eine Stärke erreicht, dass er deutlich zu hören ist. Die Böen führten zu pfeifenden Geräuschen, die mich an meine Jugend in Brauel erinnerten.
30 Jahre später in Hannover sind die Häuser isoliert, so dass der heftige Wind nicht durch die Ritzen im Rahmen drückt und Gardinen bewegt.
So ein Wetter kann hier in den Schluchten der viergeschossigen Aktbauwohnungen nicht draußen gespürt werden. In Brauel gab es nur die Weite der Weiden und der Wind gegen den man sich lehnen konnte. Hier gemahnen Erinnerungen an zerschmetterte Dachziegel und andere vom Sturm bewegte Objekte von den Balkonen daran, dass es gefährlich ist, bei so einem Wetter spazieren zu gehen.

Ich mag es, die Energie der Natur zu spüren!

Der Deutsche Wetterdienst verzeichnete gestern am späten Abend für die Wetterstation Hannover-Flughafen Windstärke 5 bis 6 und in Böen 68-76 km/h (= Windstärke 8 bis 9). Es wurde also Sturmstärke erreicht.

Mittwoch, 10. Februar 2010

Romantische Erinnerung an die frühen 1980-er Jahren

Es brauchte nicht viel, um eine romantische Stimmung oder Gespräche über romantische Gefühle zu beginnen. Tolkien war populär und wurde von allen im Freundeskreis gelesen. Sally Oldfield hatte hierzu passende Musik; weite Kleidung aus Naturfasern war damals mal wieder in und viele Stunden wurde geklönt: Im Zimmer bei Kerzenlicht und heute unvorstellbaren Mengen von Tee, auf einem Spaziergang im Urwald des Hasbruch oder in der Abgeschiedenheit des Heidenwall bei Dehlthun.
Es war ein besonderes Glück, diese Zeit in Ganderkesee, Immer und Bookholzberg. Freunde um sich zu wissen, noch naiv fröhlich alles aber auch wirklich alles zu erzählen. Dabei nur wenig Sorge oder Angst um die Zukunft spüren und die letzten Punks mit ihrer No-Future-Attitude in der Delmenhorster "City" blieben stets fremd.
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Natürlich war das damals auch die Zeit meiner Politisierung (Friedensdemonstrationen, BI Umweltschutz), doch die zuvor geäußerten Gedanken kamen, als ich nach langer Zeit die Musik von Sally Oldfield hörte. Siehe auch in der linken Spalte das Thema/Schlagwort: "Biographie"

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…
Du sprichst mir aus dem Herzen Auch Zeven...Brauel gehört dazu....die schönsten Wochenenden meiner Jugend waren dort. Mit Dir und unseren Freunden......und Fee...erinnerst Du Dich an Fee?
13. Februar 2010 12:32

Ulaya hat gesagt…
Fee war das nicht ein kleiner, weißer Hund? Oder kommt nun langsam die Altersschwäche im Kopf?
Und ansonsten, ach ja: Brauel.
Frühstück an großer Tafel im Garten, der lange Spaziergang mit euch durch "meine" Landschaft, die Spiele draußen wie drinnen und die Küche, in der Marion und Biggie und ??? Zwiebelkuchen und Pizza zauberten. Rockpalast war der Anlass, aber stets nur im Hintergrund.
Meine Mutter wurde richtig sentimental, als wir vor Jahren mal über diese Wochenenden redeten. Die haben auch ihr Spaß gemacht.
14. Februar 2010 00:16

Sonntag, 26. April 2009

Brauel – Ein Besuch nach 20 Jahren

Über Ostern haben meine Mutter, meine Schwester und ich einen Spaziergang in Brauel gemacht.
Brauel war auch damals in den 1970-er Jahren bereits nur noch ein Stadtteil von Zeven und über mehrere Jahre rückte die Stadt durch die Ausweisung von Baugrundstücken immer näher an das Dorf heran.
Wenn man auf dem Braueler Weg sich den Ort nähert, sieht man die derzeitigen Grenzen als klare Linien. Doch dieses Brauel mit dem alten Ortskern war nicht mein Brauel.
Mein Brauel war nur über den schmalen Weg hinter Buhrfeinds Hof zu erreichen. Es ging hinunter in das Tal der Oste, das jährlich geflutet war und zu großen Umwegen für uns führte, und dann über eine kleine Holzbrücke.
Hier war bereits eine Änderung zu sehen. Die Brücke war auf beiden Seiten durch Polder vor der Benutzung durch Autos geschützt. Es gab auch zu unserer Zeit schon Idioten, aber offensichtlich werden diese nun vor sich selbst geschützt, dass sie nicht mit ihrem Auto die Brücke zum Einsturz bringen.
Rechts der Oste lag der Friedhof, eine Siedlung für Flüchtlinge und Vertriebene sowie die Ziegelei Siedlung mit ihren aufgelassenen Tongruben und den Mehrfamilienhäusern für die Arbeiter.
Hier hatte sich viel verändert, denn die Kinder von damals waren nun Erwachsen wie wir und hatten zum Teil hinter den Elternhäusern ihre eigenen Häuser gebaut. Auch war ein ehemaliger Acker als Bauland erschlossen und von protzigen Bauten bedeckt.
Vorbei! Denn wir lebten „Auf der Ziegelei“, also in der Peripherie der anderen Seite des Dorfes. Wir hatten Kontakte zum und in das Dorf, aber wir blieben Außenseiter
Die beiden Häuser waren die Heimat von uns, einem Fahrer des Folgebetriebs der Ziegelei und seiner Frau, einem uralten Ehepaar und einem alten Paar, die als Flüchtlinge nach Brauel gekommen waren. Von 1974-79 lebten wir im grauen Haus.
Hier und in den Bücherwelten verlebte ich meine Jugend. Der Blick aus dem Küchenfenster zeigte Weiden und einen moorigen kleinen Wald.
Bäume, die ich gepflanzt hatte, waren nun auf eine Größe von 5 bis 8 Meter hochgewachsen. Und meine Kastanie vor dem grauen Haus zeugt davon, dass diese Siedlung seit Jahren unbewohnt war. Der mit Ziegelsteinen ausgelegte Weg vor der Küche war dicht mit Efeu bedeckt und Büsche und Bäume verdeckten die Fenster. Wir gingen nicht den einen Schritt weiter und verzichteten darauf, Zugang in das leere Gebäude zu erlangen.
Auf die Frage, wenn du sehr viel Geld hast, würdest du dann eines der Häuser kaufen, kam sofort ein klares NEIN.

Die Häuser sind nicht nur jetzt in einem erbärmlichen Zustand, sondern auch damals war es schwer, die einzelnen Zimmer mit den Öfen zu heizen. Im Winter waren nicht nur Eisblumen von außen an den Scheiben, sondern die Scheiben waren von beiden Seiten vereist. Die Rahmen waren verrottet und in einem kalten Winter war morgens vor dem Anfeuern der Öfen mit Zeitung und Holzscheiten sogar Eis an den Wänden.
Diese kleine Siedlung ist nicht an die Kanalisation angeschlossen und Wasser stammt von einer eigenen Pumpe. Elektrizität war vorhanden, aber es gab nur einen Telefonanschluss für alle fünf Wohnungen. Die Nebengebäude waren so baufällig, dass offiziell das Betreten verboten war. Es gab Löcher in den Zwischendecken und die sehr lauten Geräusche in der Wand und auf den Dachboden konnten nicht von Mäusen stammen. Das waren größere Tiere.
Wir hatten Katzen, wovon vor allem die große Landkatze verschiedene Tierarten (Ratten, junge Kaninchen, Marder) als Beute vor der Küchentür ablegte.
Unsere beiden Hunde wollten Auslauf haben und so machte ich täglich lange Spaziergänge über die Wiesen. Das Beobachten und Interesse für die Natur (inkl. Wetter) hat hier ihren Ursprung.

Es war eine bitterarme, harte Zeit, dennoch habe ich viele schöne Erinnerungen an unser Leben "An der Ziegelei" in Brauel.

Samstag, 27. Oktober 2007

puzzeln

Ich hatte für fast eine Woche meine Mutter zu Besuch. Sie kommt jedes Jahr 2-3 Mal für mehrere Tage und wir frischen dann unser Familienleben auf. Entsprechend gibt es hierfür schon lange kein spezielles Kulturprogramm mehr, sondern die Besuchstermine werden von ihr (und auch meiner Schwester) so gelegt, dass währenddessen ein Table-Quiz, eine großes Konzert oder ein interessanter Film stattfinden.
Diesmal war es "nur" ein TQ. Wir hatten unseren Spaß und am Montag machten wir einen Einkaufsbummel durch die Stadt. Meine Mutter war fasziniert von einem Puzzle und erinnerte daran, dass wir früher an vielen Nachmittagen gemeinsam gepuzzelt haben.

Wenn wundert 's, dass einen Tag später das Puzzle in meinem Wohnzimmer ausgepackt wurde. Es hatte "nur" Tausend Teile, aber an zwei Nachmittagen kam diese Sucht wieder auf. Ich würde es als "Zen oder die Kunst des Puzzelns" (na, wer kennt das Original?) bezeichnen.
Hunderte von Teile liegen vor einen, einige sind bereits zusammengefügt und nun sucht das Auge ein Teil, dass es anfügen kann. Der größte Spaß ist es dabei, sich zu konzentrieren und so lange zu suchen, bis ein Teil identifiziert und richtig platziert wird.

Damals in Brauel (ich war so zwischen 12 und 17 Jahren) begann unsere Mutter unregelmäßig ein Puzzle eines großen Gemäldes zu kaufen. Die Puzzle wurden immer schwieriger und hatten eine immer größere Zahl von Teilen. Schnell waren es 1.500, dann 2.000 und schließlich einige wenige Male sogar 3.000 Teile, die zu einen Bild zusammengefügt werden sollten. Ich kann mich an viele Nachmittage erinnern, an denen meine Mutter und ich (meine Geschwister waren nicht so interessiert oder einfach zu jung) uns über den Esszimmertisch beugten und uns zum Beispiel versuchten an "Die niederländischen Sprichwörter" (1559) von Pieter Brueghel den Ältere. Meine Mutter erinnerte mich auch daran, dass wir sehr lange an einer Seeschlacht gesessen haben und mehrmals das Puzzle für einige Tage links liegen ließen, da die Teile mit Wolken und der wilden See nur wenig Unterschiede aufwiesen.

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2014 widmete ich mich erneut der Freude ein komplizierten Puzzle zu lösen.

Mittwoch, 7. März 2007

Das Dorf Brauel

Im Dorf Brauel habe ich einen wesentlichen Teil meiner Jugend verbracht. Es ist ein Ausschnitt aus einer von mir digitalisierten topographischen Karte der späten 70-er Jahre zu sehen. Ein Klick auf die Karte wird alle Details deutlich zeigen.
Direkt im Süden befindet sich die Stadt Zeven, die im Rahmen der Kommunal- und Gebietsreform von 1976 Brauel eingemeindete. Wenn man der zentralen Bundesstraße nach Norden und schließlich nach der Überquerung nach Nordwesten folgt, beginnt direkt außerhalb des gewählten Bildausschnitts das Gelände der damaligen niederländischen Kaserne Seedorf (Legerplaats Seedorf). Wir lebten im äußersten Nordosten von Brauel auf dem Gelände einer ehemaligen Ziegelei im Haus, das für den Vorarbeiter errichtet wurde. Der Blick aus dem Bad oder Küche zeigte Weiden und schließlich den Wald auf den Überresten eines Hochmoores, vor dem fast jeden Abend Rehe zu sehen waren.

Was ist alles zu sehen? Landwirtschaftliche Nutzflächen sind in gelb. Ich habe nicht zwischen Feldern und Weiden unterschieden. Zunächst waren viele der Flächen reine Weiden, da auf diesen oftmals anmoorigen Boden keine hohe Erträge möglich waren. Doch mit zunehmender Drainage und anderer Maßnahmen der Melioration wurden vermehrt Wiesen und Weiden umgebrochen. Siedlungsflächen mit den umgebenden Gärten und Rasen sind in Grasgrün mit roten Gebäuden zu sehen. Brauel entstand am Ufer der Oste, die von Ost nach West fließt. Die Teilsiedlung nördlich des Flusses entstand erst nach dem 2. Weltkrieg. Wälder und Forsten sind in Umbra gehalten. Wald- und Feldwege wurden ihrer Umgebung angepasst. Nur ausgebaute Straßen sind ohne Farbe dargestellt.

Montag, 15. Januar 2007

Die Bedeutung von Ulaya

Ulaya war bei meiner Biographie die erste Wahl. Der Name verknüpft meine jahrelangen Studien zur afrikanischen Geschichte mit meinen späteren Arbeitsschwerpunkt Europa.
Ich habe nur den mehrwöchigen Crash-Kurs Kiswahili für Ausländer an der Universität Dar es Salaam belegt, doch täglich zwei Stunden Unterricht und dann der einjährige Aufenthalt haben rudimentäre Kenntnisse der Sprache zurückgelassen.

. . . und Brauel?

Da dies auch ein virtuelles, öffentlicher Tagebuch ist, benannte ich den Blog nach dem Dorf bei Zeven, wo ich meine Jugend erlebte und über dessen Besuch im Frühjahr 2009 ein eigener Beitrag vorliegt.

Samstag, 30. Dezember 2006

Budel-Seedorf-Akkoord von 1963

[Dies ist ein Text aus dem Jahre 2006; einige Angaben sind überholt]

Die niederländische Brigade in Seedorf bei Brauel ist ein Kind des Kalten Krieges.

Zwischen 1956 und 1959 baute die Bundeswehr zwischen den beiden Dörfern Seedorf und Brauel eine neue Kaserne für 1.500 Soldaten. Seit dem Beginn des Berliner Mauerbaus am 13. August 1961 gab es Aktivitäten der NATO, die als Abschreckung unter anderen eine niederländische Panzerbrigade mit 3.500 Soldaten östlich der Weser in Hohne und Fallingbostel stationierten. Bis zum Ende des Jahres wurde dieser Alarmzustand aufgehoben und 1962 begannen Gespräche, ob und wo niederländische Einheiten einer Panzerbrigade permanent stationiert werden können.

Mit der westdeutschen Regierung wurde vereinbart, dass es einen Tausch von Kasernen geben würde. Der Standort Budel in Brabant südlich von Eindhoven wurde der deutschen Armee im Tausch gegen eine Kaserne ähnlicher Größe mit zusätzlichen Wohnungen außerhalb der Kaserne angeboten.
Für Seedorf sprach, dass es sich östlich der Weser befindet und von hier leichter Zugang zu den drei großen Truppenübungsplätzen in der Lüneburger Heide besteht.
Am 17. Januar 1963 wurde das Budel-Seedorf-Abkommen / Budel-Seedorf-Akkoord über die Stationierung von Streitkräften zwischen den beiden Verteidigungsministerien abgeschlossen. Im August 1963 erreichte das 103. Verkenningsbataljon (Aufklärungsbataillion) als erste Einheit die Kaserne Seedorf. Bereits seit Mai bezog die Bundeswehr mit drei Batallionen den Legerplaats Budel und am 1. Juli 1963 trafen dort die ersten deutschen Rekruten ein.

In Seedorf waren ständig zwischen 2.000 und 3.000 niederländische Soldaten stationiert. Dies waren vor allem Soldaten der 41. Panzerbrigade, die später zur 41. Leichten Brigade wurde. Die Niederländer bezogen eine Kaserne mit Massenunterkünften, die erheblich erweitert werden mussten. Das kleine Städtchen Zeven hatte damals nur 7.000 Einwohner. Zeven war alleiniger Standort der Unterkünfte außerhalb der Kaserne für Berufssoldaten, Zeitsoldaten, zivile Angestellte und deren Familienangehörige. Die Bundeswehr übergab neben der Kaserne Seedorf 54 Wohnungen in einer Reihensiedlung in Zeven an die niederländische Armee. Alleine 1964 wurden weitere 130 neue Wohneinheiten gebaut. Für die Kinder wurde 1965 die Prins Willem Alexanderschool eröffnet.
Es entstanden schließlich vier Siedlungen mit Reihenhäusern in Zeven und in den 70-er Jahren begannen einzelne Niederländer in dem großen Neubaugebiet zwischen Zeven und Brauel neben deutschen Bauherren ihre Träume von einem Einfamilienhaus zu realisieren. 

Doch zurück zur Geschichte der Niederländer in Zeven und Seedorf. Seit 1990 haben sich die Militärverhältnisse in Westeuropa umfassend geändert. Die Niederlande hat wie fast alle Staaten die Wehrpflicht abgeschafft und als eine Konsequenz die Zahl ihrer Soldaten reduziert. Die deutsche Verteidigungspolitik hält immer noch an der ungerechten Wehrpflicht -zur Erinnerung: jeder Kriegsdienstverweigerer muss Zivildienst leisten, aber nur jeder dritte Nicht-Verweigerer muss zum Militär- fest, dennoch hat sich die Zahl der Soldaten erheblich reduziert. Die offensichtlichste Konsequenz ist die Reduzierung der militärischen Standorte. Erst Abzug und Auflösung einer Kaserne machen deutlich, dass diese oftmals der wichtigste lokale Arbeitgeber war.
Am 15. September 2004 wurde ein Gerücht durch ein Abkommen offiziell. Deutschland und die Niederlande hatten entschieden, dass Seedorf-Budel-Abkommen zu kündigen. Die deutschen Einheiten verließen bis Mitte 2005 den niederländischen Standort Budel und die letzten niederländischen Soldaten verließen Seedorf bis Mitte 2006.


Es gebe noch viel zu sagen zu den Niederländern in Zeven und den umliegenden Gemeinden.
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Eine Notiz zu Brauel und Seedorf findet sich hier.

Donnerstag, 28. Dezember 2006

Filmkritik Populärmusik aus Vitulla

Populärmusik aus Vittula (Schweden 2004)
Regie: Reza Bagher

Ohne großes Vorwissen ging es ins Kino. Hatte gelesen, dass dies die Verfilmung eines in Schweden sehr erfolgreichen Romans von Mikael Niemi ist, der sich bisher auch mehr als 100.000 Mal in der deutscher Übersetzung verkauft hat.

Eine Geschichte aus der Peripherie, aus der ländlichen Peripherie um genauer zu sein oder wie es bei uns so schön heißt, vom Arsch der Welt. Eine weit gestreute Ortschaft nördlich des Polarkreises, wo es im Dorf die richtigen und die falschen Straßen, mit den sozial verachteten Familien gibt. Zwei Jungen werden von ihrem Einschulungsalter bis zur Volljährigkeit begleitet.

Es ist eine Welt, in der bereits die nächste Stadt in einer unfassbaren Ferne liegt und wo der Vater in der Familie die letzte Instanz ist. Mit Gewalt wird die Macht in der Familie immer wieder bestätigt. Die Außenwelt ist fremd und die Eigenwelt wird in der Schule als Fremdkörper in Schweden dargestellt. Eine Region, in der Schwedisch mit Akzent gesprochen wird. Die Kenntnis von Finnisch oder der Sprache der Samen ist wichtiger und bekannter als Englisch, Französisch oder Esperanto, wie sich beim Besuch eines Priesters aus dem Kongo zeigt.

Die Geschichte wird als Rückblende von einem Erwachsenen erzählt. Wie für eine Erinnerung typisch, sind die Szenen exemplarisch und es gibt große inhaltliche und zeitliche Sprünge. Der Film ist entsetzlich realistisch.

Es sind eigentlich zwei Geschichten; zum einen der Entwicklungsroman der beiden Protagonisten und die Geschichte des Einzugs der Moderne in Vittula. Moderne beinhaltet verbesserte Verkehrsanbindung ("... die Straße führt bis nach China ...") und die namensgebende Ankunft von internationaler Popmusik in Form der Beatles Single Rock’n Roll Music. Dies führt zu den bekannten Ablehnungen von jeglichen Veränderungen durch die Eltern.

Popmusik ist nicht nur eine Kulturrevolution für die Eltern, die ihre Autorität fundamental angegriffen sahen, sondern auch eine schwindelerregende Erfahrung für die Zuhörenden. An diesem Ort, an dem die strenge Kirchenzucht noch existiert, auch wenn dies nur als alt-testamentarisches Patriarchat gelebt wird, kommt ein junger Musiklehrer aus der Stadt, der völlig neue Erfahrungen vermittelt.

Hand gemachte Musik, Gründung einer Band und schließlich der erste Auftritt in der Schule verändern alles. Die beiden Jungen werden begleitet bei ihren ersten Erfahrungen mit Alkohol, sexuellen Reizen, dem ersten Kuss und schließlich dem ersten Mal. Das kollektive Saufen ist zunächst noch amüsant, wird durch die Wiederholungen aber immer drastischer. Bewusstseinserweiternde Drogen werden als Medizin genommen und führen zu wirren Träumen.

Die erste echte Liebe sprengt die Band, die Freundschaft und mit dem seit der Kindheit angekündigten doch nun sehr plötzlichem Verlassen von Vittula von einem der Protagonisten endet die eigentliche Geschichte.

Die Musik im Film und zum Film ist wunderbar. So viel Energie wie dort übertragen wird, wünsche ich mir in jedem Konzert. Born To Be Wild als Instrumentalversion ist herausragend.

Noch eine letzte Anmerkung zum Film (hier geht es zur offiziellen deutschen Website). Die Gewalt eines Vaters ist ein wiederkehrendes Thema und im Gespräch danach kam mein Ekel vor diesem neuen Realismus hoch. Es ist kein filmischer Fortschritt, wenn nun schon seit mehreren Jahren gezeigt wird, wie Kugeln eintreffen, Messer schneiden, Fäuste auftreffen. Der Regisseur zeigt nur wenig unmittelbare Gewalt, aber die Permanenz und Wiederholung zeugt mehr vom Zwang einer psychologischen Aufarbeitung von Kindheitstraumata als von einer Weiterentwicklung der Geschichte.

Es ist egal, ob man in Vittula (die Bedeutung des Ortsnamen wird unten erklärt), Brauel (diesem Dorf nördlich von Zeven, dass meiner Seite den Namen gegeben hat), Wehldorf oder einem anderen Dorf einen wesentlichen Teil seiner Kindheit und Jugend verlebt hat. Diese abgeschlossenen Welten mit ihren jährlichen Höhepunkten in ritualisierten Treffen (Schützenverein, Freiwillige Feuerwehr, Sportverein) und familiären Jubiläen, die für viele nur als ein guter Grund zum Besaufen angesehen werden, sind ein Synonym für Stillstand, der von den Beteiligten als Tradition bezeichnet wird.

Mannbarkeitsrituale und vor allem immer wieder Saufen bis zum Umfallen finden sich sowohl im Film (besonders lustig das finnische Prosit „kippis“ mit anschließenden synchronem Kippen von großen Schnapsgläsern; Martin hatte diesen Spruch in Wolfenbüttel eingeführt) als auch in der ländlichen Realität Niedersachsens in den späten 1970er Jahren. Die seit den 60er Jahren zugezogenen Vorstädter sind davon ausgenommen, die leben in ihrer Welt. Es ist dieser Kreis von Menschen gemeint, die sich in Pfeifenraucher-, Gemütlichkeits-, Kegel- und anderen Vereinen treffen und gleichzeitig in Boßel-Gruppen oder als Zirkel von Grillenden, Kranzbindenden und anderen Aktivitäten jedes Wochenende treffen und sich ritualisiert betrinken. Der Film zeigt in einer Szene eindringlich die Gier vor dem ersten Schluck und das Bedürfnis so schnell wie möglich, einen Pegel zu erreichen. Was da auf der Leinwand zu sehen ist, kann mit eigener Erfahrungen (Jugendgruppe der Freiwilligen Feuerwehr) aus dem ländlichen Raum wenn auch nicht so extrem nacherzählt werden.

Der Film motivierte mich im Netz nach der Auftritt von Brauel zu suchen und ihn zu finden. Die Moderne ist auch dort angekommen, aber Freizeit ist weiterhin eng mit Alkohol verbunden. In einer „Fun“-Seite der Freiwilligen Feuerwehr findet sich ein Quiz und es ist symptomatisch, dass zwei von zehn Fragen beliebte Alkoholmarken im Dorf abfragen. Das Gästebuch zeugt auch von trunkenen Einträgen oder Saufkumpanen.

Populärmusik aus Vittula bekommt von mir sechs von zehn möglichen Punkten meiner Filmbewertungsskala.

- - - - - - Nachtrag aus Espoo, Finnland - - - -
Vittula ist ein Ortsteil von Pajala im Norden von Schweden. Da hier die finnische Minderheit lebt, hat der Ort auch einen finnischen Namen. Vittula heißt übersetzt "Ort der weiblichen Geschlechtsteile" in Referenz zur deutlich höheren Geburtenrate gegenüber den schwedischen Ortsteilen. Der Ausdruck ist noch viel obszöner, im Sinne von pussy (englisch) oder Möse, Fotze (deutsch).
- - - - - - Nachtrag vom März 2013 - - - - -
Nun gibt es auch einen Beitrag zu meiner Einführung in harte Getränke.