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Sonntag, 6. Mai 2018

Marx and Tanzania

Eine biographische Notiz.

1988-1989 I was one of three German exchange students at the University of Dar es Salaam, Tanzania. I studies African History on B.A. level and some Urban Geography.

The Tanzanian government believed in socialism, at least in public.
At the university each and everyone had to attend for one term a lecture on marxism. It was strange to listen to quotations of Karl Marx. Since then I have a Russian print of one volume of the collected works of Karl Marx and Friedrich Engels.

I read the theses on Feuerbach with the famous quotation:
(11.
Die Philosophen haben die Welt nur verschiedene interpretiert, es kommt darauf an sie zu verändern.)
The philosophers have only interpreted the world in various ways; the point is to change it.

I remember that on a few occasions we students from the USA, Tanzania and I had some discussions about the lecture and some quotations from the book.
The lecture was dogmatic. After insulting all idealistic thoughts I stopped to go there.

I learned a lot at the University of Dar es Salaam but I did not became a marxist.


Sonntag, 29. Mai 2016

Fela Kuti und Masala Hannover

Was für ein schöner Nachmittag und Abend. Es war kurz nach vier Uhr, die Sonne schien, es war angenehm warm und von der Hauptbühne des Masala Weltmarktes  hier in Hannover erklangen die hypnotischen Klänge von "Gentleman" von Fela Kuti. Eine der markanten Eigenschaften seiner Kompositionen ist, dass sie zum Improvisieren einladen und jedes Stück sich sehr lang entwickeln kann. Das Original braucht eine Viertelstunde.
Und der Abend endete ähnlich. Kurz vor zehn Uhr endete das Konzert mit "Zombie" ebenfalls von Fela Kuti.
Dieses wunderbare Klangerlebnis kam vom Voodoo Sound Club aus Bologna, die am Nachmittag spielten und zusammen mit der hannöverschen Brazzo Brazzone  den Abend als Bigband beendeten.
Die Musik von Fela kann von einer kleinen Band wie de Voodoo Sound System mit Rhythmus-Gitarre, Lead-Gitarre, Schlagzeug, Bass, Percussion und dem zentralen Saxophon interpretiert werden, aber wirklich großartig wird es, wenn wie im Original weitere Musiker dazukommen. In der Kombination mit Brazzo Brazzone kamen ein weiteres Saxophon, Trompete, Posaune, Sousaphon und weitere Perkussion hinzu.
Diese Doppelkonzert erinnerte einmal mehr daran, dass die Komponisten überleben und nicht die Interpreten. Als Prince verstarb, starb eine großer Künstler, doch seine Kompositionen werden bleiben und immer wieder interpretiert werden. So wie die Songs von Fela Kuti.
(Hinweisschild in Teshi, Ghana; Fela Kuti stammt aus Nigeria. Foto: J.D. Müller)

Sonntag, 6. März 2016

Schulbücher und die Realität

In der taz am wochenende thematisiert Ralf Pauli  das Problem von Schulbüchern, die nicht mehr die Realität widerspiegeln. In vielen Lehrbüchern gibt es weiterhin die Deutschen und die Anderen, auch wenn heute mehr als ein Drittel der Schülerinnen und Schüler einen sogenannten Migrationshintergrund haben.
Schulbücher sind eine Ware. Ihr Angebot basiert auf den Lehrplänen der Bundesländer und der Nachfrage durch die Schulen. Lehrpläne werden regelmäßig angepasst und wenige Jahre später finden sich diese Veränderungen in den Publikationen der Schulbuchverlage.

Doch gibt es eine Persistenz in Themen, Beispielen und Wortwahl.
In den 1990-er Jahren habe ich dies als Mitglied einer Arbeitsgruppe am Historischen Seminar  erlebt. Damals gab es einen neuen Lehrplan "Geschichte in der SEK II". Außereuropäische Geschichte war als ein Thema vorgesehen.
Unsere Gruppe erarbeitete Beispiele aus der Geschichte Mexikos, Chinas und mehrerer afrikanischer Territorien für die Schule. Selbst leitete ich die Afrika-Gruppe. Wir wollten weg von der bis dahin in den Schulbüchern gelehrten Kolonialgeschichte.
Kontakte mit Schulbuchverlagen führten zumindest zu einem Seminar am Braunschweiger Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung. Dort stellten wir den Wissenschaftlern vom Institut und anderen Universitäten unsere Zwischenergebnisse vor. Wir fanden keinen Verlag, gewannen aber einen Buchpreis der UNI Hannover für unser Projekt.
Unser 148-Seiten-Schulbuch wurde 2002 als kostenfreier Download veröffentlicht. Selbst habe ich das Kapitel "Afrika gibt es nicht" verfasst. Die vier Afrika-Beispiele sind einzeln über die Seiten des Historischen Seminars zu erreichen:
Pierre-Marie Courdouen "Zwischen zwei Kolonialreichen - Algerien im 19. Jahrhundert"
Gunnar Meyer "Transatlantischer Sklavenhandel - Das Beispiel Dahomey" (heutige Benin)
Birgit Niemeyer "Der Maji-Maji-Krieg" (heutige Tanzania)
Mark Holthoff "Mfecane" (heutige Südafrika)

Doch zurück zum taz-Artikel. Die aktuellen Schulbücher reproduzieren Stereotype. Migration wird als ein Problem für Deutschland und für die Zuwandernden dargestellt. Dieses Bild hat etwas mit den bereits erwähnten langen Vorlauf einer Publikation zu tun.
Die Gesellschaft verändert sich, Jahre später wird als Reaktion darauf im Kultusministerium eine Anpassung der Lehrpläne initiiert. Bis diese erstellt sind und die Schulbuchverlage ihre Publikationen anpassen vergehen wieder einige Jahre. Am Ende hinken Schulbücher der Realität mehr als ein Jahrzehnt hinterher.
Im Fall der Kolonialgeschichte, die sich seit den 1960-er Jahren in der Forschung über eine kritische Kolonialgeschichte zur außereuropäischen Geschichte (1980-er Jahre) entwickelte, war dieser Prozess Anfang des 21. Jahrhunderts noch nicht in den Lehrmaterialien für Schulen angekommen. Texte in Schulbüchern begannen, Kolonialgeschichte kritisch zu beleuchten und waren etwa 30 Jahre hinter der wissenschaftlichen Diskussion.

Mittwoch, 24. Februar 2016

Fehlende Andenken und diffuse Erinnerungen

Manche Erinnerungen brauchen eine materielle Unterstützung.
Es gab Tage und sogar Wochen, in denen Erlebnisse, Beobachtungen und interessante Gespräche, in so dichter Reihenfolge auf mich einstürzten, dass nicht genügend Zeit zur Reflektion blieb.
Das sind Zeiten gewesen, die heute durch Tagebucheinträge, Briefe und Postkarten, die ich damals geschrieben habe, wieder aufleben könnten. Fotos oder andere Andenken in der Form von Eintrittskarten, Fahrkarten, Rechnungen und anderen konkreten Materialien könnten mir dabei helfen.
Ich habe Lücken in meiner Erinnerung, zum Beispiel der Sommer 1981. Meine letzten Sommerschulferien und ich fuhr alleine von Ganderkesee aus mit einem Interrail-Ticket in das südliche Europa, ich hatte kein wirkliches Ziel, keine Stadt, die ich unbedingt besuchen wollte. Die deutsche Bahn führte mich zur niederländischen Grenze und dann reiste ich auf der Route NL - BE - FR - ES - PT - ES - FR - CH - DE - CH - FR - LUX - BE - NL um nach weniger als drei Wochen wieder an meinem Ausgangspunkt zu sein.
(Habe vor Jahren mal versucht, einige Orte meiner Tour zu benennen)
Die deutsche Bahn gab eine Prämie (waren es 10, 20 oder mehr DM?) für das ausgefüllte kleine Interrail-Heftchen, wenn es zum Abschluss bei der Bahn abgegeben wurde. Ich war Schüler, hatte sehr viel Geld für diesen Urlaub ausgegeben, knapp bei Kasse und nahm das Angebot an. Dieses einzigartige Dokument verschwand hinter einem Schalter. Ich war ohne Fotoapparat unterwegs und so bleiben mir als Andenken wenige Stempel in meinem ersten Reisepass, eine schwer zu lesende Rechnung aus Portugal und verblassende Erinnerungen.
(Junger Mann mit Ostafrika-Karte und tropischer Raupe an einer Straße in den nördlichen Pare-Bergen, Tanzania)

Eine ähnliche Lücke gibt es im Sommer 1987 als ich nach meiner Landung in Nairobi, nachts mit einem Überlandbus nach Mombasa fuhr und von dort mit einem kleineren Bus weiter nach Malindi, wo ich einige Tage blieb. Von hier ging es über Tanga (wieder mehrere Tage) und Moshi in die nördlichen Pare-Berge, wo ich für vier Wochen in einem Dorf mit anderen Deutschen an einem kleinem Projekt teilnahm. Die rauschhaften Eindrücke meiner ersten Reise zu unseren Nachbarkontinent und durch Teile von Kenya und Tanzania schrieb ich detailliert in mein Tagebuch. Dieses wurde mir auf der Hinreise nach Shigatini zusammen mit einem kleinen Rucksack in Moshi gestohlen.
Das war so frustrierend, dass es dauerte bis ich ein neues Tagebuch begann und ich schreib nur wenig über die Tage vor dem Neubeginn. Unsere vier Wochen im Dorf und eine folgende Rundreise durch Tanzania hatten nur wenige Ruhezeiten. Viele Erinnerungen gingen verloren oder überlagern sich. Wenn mir meine Mutter nicht meinen ersten Brief aus Kenya wieder gegeben hätte (hier ist er wiedergegeben), dann könnte ich die Begeisterung nur schwer rekonstruieren.

Montag, 9. November 2015

Fremd in Warschau


(Bischof Marianos, 1005-1036)
Nach wenigen Tagen entfaltete sich eine mental map der Innenstadt. Markante Gebäude wurden erkannt und beim wiederholten Gang entlang einiger Straßen konnte nun in Muße Details entdeckt werden.
Das große Kino des Lebens spielte für mich. Doch etwas war befremdlich.

Seit meinen Kindheitstagen in Norddeutschland heißt städtisch hier ist der Fremde zu sehen. Das waren die dunkelhaarigen, angeworbenen Arbeitskräfte ("Gastarbeiter") und ihre Familien oder Menschen mit dunkler Hautfarbe unter den Besatzungssoldaten.

Das fehlte in Warschau! Es waren Unterschiede in der Kleidung zu sehen, die auf die wirtschaftliche Situation verwiesen, aber keine Differenz in Haut- und Haarfarbe. Letzteres gilt auch für junge Frauen in Warschau (selbst im Bereich der Universität), die nicht über ungewöhnliche Haarfarbe ihre Individualität betonen.
An beworbenen Orten waren natürlich Touristen wie ich, doch in vielen Straßen waren keine Fremden zu sehen.
(Bischof Petros I., 975-999)


Und dann kam sie. Eine Frau von etwa 25-35 Jahren, teuer gekleidet, groß, schlank mit einer langhaarigen Flechtfrisur, wie sie mir von Westafrikanerinnen vertraut ist. Die Frau wusste, wo sie hin will, kam mir zügig entgegen und Sekunden später verschwand sie hinter mir. Was für ein schöner Anblick.
Ich hatte den Eindruck, dass sich alle Männer nach dieser Frau aus einem afrikanischen Land umdrehten. Einige glotzten sekundenlang, als wenn sie so etwas noch nie gesehen hatten. Einer glotzte und ich sah in seinem Gesicht Abscheu.

Es wird noch lange dauern, bis auch in Polen in den Städten ein Querschnitt der Weltbevölkerung leben wird.
Nach der aktuellen Statistik von EUROSTAT für 2014 sind weniger als 0,3% der Menschen in Polen Ausländer und nur 0,01% stammen aus einem Land in Afrika.

Zu den beiden Bildern: Seit den 1960-er Jahren gibt es im Polnischen Nationalmuseum eine Dauerausstellung zu einer Kathedrale in Faras, Sudan. Bevor die Stadt durch den Assuan-Staudamm in den Nilfluten versank, wurden Wandmalereien und architektonische Besonderheiten gerettet, die heute in Khartoum und in Warschau zu bewundern sind.

Samstag, 14. Februar 2015

LE MONDE diplomatique - Januar 2015


Der Januar ist vorbei, die monatliche deutsche Ausgabe der diplo ausgelesen und mit der neuen Februar-Ausgabe die vorherigen Texte auch kostenlos im Netz zu lesen.
Hier sind meine Leseempfehlungen und Zusammenfassungen, der Name des jeweiligen Journalisten führt direkt zum Artikel im Archiv der LE MONDE diplomatique:
  • Der Wissenschaftler Quentin Ravelli recherchierte über den französischen Pharmakonzern Sanofi. Er hat dafür dort auch ein Praktikum in der PR-Abteilung absolviert und in der Produktion in Rouen gearbeitet. Die Produktionsbedingungen widersprechen den öffentlich erklärten Ziel, etwas für die Gesundheit der Menschen zu tun. Wichtiger als, die Arbeiter, die die Pillen herstellen, sind die gut bezahlten Personen, die Mediziner manipulieren, mehr Präparate zu verschreiben. Er beschreibt, wie dieses Ziel erreicht wird und damit Sanofi zum viert-größten Pharmakonzern wurde.
  • Urbino mag eine Kleinstadt in Italien sein, aber der Soziologe Peter Kammerer von de dortigen Universität sieht die Stadt als ein Beispiel für gescheiterte Entwicklungsprozesse und wir die Gier nach neuen Projekten zur Modernisierung die Lebensqualität reduziert, wenn weder das Neue fertig gestellt noch das Alte in Stand gehalten wird.
  • Desmond King von der University of Oxford begründet die These, dass die Abgrenzung zwischen Schwarzen und Weißen in den USA seit der Zeit der Bürgerrechtsbewegung verschärft hat.
  • Aus Nigeria berichtet der Schriftsteller Elnathan John wie ein queerer Nigerianer zu einem Sündenbock für ein Bombenattentat wurde. Nigeria ist von Terror verschiedener Prägungen geplagt und die Regierung, die Polizei und Armee reagieren darauf hilflos oder mit Terror. Der Wunsch nach schneller Identifizierung der Täter führt dazu, dass Unschuldige getötet werden in Gegenschlägen oder eben unter Folter im Gefängnis. Das bei diesen staatlichen Aktionen besonders Menschen, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, gefährdet sind, erklärt er mit der auch staatlich unterstützten Homophobie.
  • Der Politologe Rodrigue Nana Ngassam analysiert den Kampf gegen die Terrororganisation Boko Haram und warum diese erfolgreich große Territorien im Nordosten von Nigeria erobern konnten und Rückzuggebiete im Kamerun haben.
  • Baumwolle ist seit mehr als einem Jahrzehnt kein Naturprodukt mehr. Die Journalistin Annette Jensen beschreibt, dass weit mehr als Zweidrittel der weltweiten Produktion mit genmanipulierten Pflanzen erfolgt und etwa ein Zehntel aller Agrochemikalien für diese Pflanze verwendet werden. Da Baumwolle sehr viel Wasser braucht, werden auch noch 6% des jährlichen Wasserverbrauch auf dieses Konto. Die gesamten Produktion von Baumwollprodukten ist von Produktion, der Garnherstellung und der Textilherstellung von unmenschlichen Arbeitsbedingungen geprägt. Öko-Baumwolle ist möglich, aber der beschleunigte Wechsel der Mode, führt zu immer kürzerer Nutzzeiten des weit überwiegenden Teils aller Textilien, die nur mit Gen-Baumwolle zu niedrigen Preisen und hohen Gewinnmargen möglich ist.
  • Der VWL-Professor Marc Humbert von der UNI Rennes I berichtet über die Situation von Zuwanderern nach Japan. Wenn man die Koreaner nicht mit zählt sind weniger als 1% der Menschen in Japan Ausländer. Einbürgerung ist selten und selbst dann ist. man auch für die Verwaltung weiterhin ein Fremder. Japan erlebt radikal wie ein zunehmender Teil der Bevölkerung nicht mehr berufstätig ist und die Gesamtbevölkerungszahl bereits abnimmt. Die Regierungspolitik will keine Einwanderung.
  • Japanische Firmen haben in Indien Produktionsstätten für den indischen Markt errichtet. Eine Lohnspreizung zwischen monatlich umgerechnet 58 Euro und 350 Euro zwischen Grundlohn und Festangestellten hat bei Maruti-Suzuki zu Arbeitskämpfen geführt, berichtet die Journalistin Naike Desquesnes. Freie Gewerkschaften und Tarifverhandlungen waren nicht vorgesehen. Die Konsequenz des Streiks ist eine Lohnerhöhung auf monatlich 140 Euro und das die Arbeitskräfte nicht mehr aus dem Umland der Fabrik stammen und nach sieben Monaten durch neue Arbeitskräfte ausgetauscht werden. Das japanische Management versucht damit jede Solidarisierung unter den Arbeitern zu verhindern, da es genügend arbeitslose Bewerber gibt.
  • Die Aufnahme und Versorgung von Flüchtlingen ist ein großes Geschäft. Der Journalist Stefano Liberti erfuhr, dass Italiens Regierung in einem Jahr 700-800 Millionen Euro hierfür ausgibt. Keiner kontrolliert, ob die Tagessätze für einen Flüchtling, die an die jeweiligen Betreiber einer Unterkunft ausgezahlt werden, überhaupt für Flüchtlinge verwendet werden. Kriminelle Banden und hohen Beamten wird aktuell nachgewiesen, dass sie soviel Geld abzweigen, so dass Flüchtlingsbetreuung bereits ein attraktiveres Geschäft als der Drogenhandel sind.
  • Die falschen oder amüsanten Sätze, die der Google Übersetzer anbietet, sind Thema des Beitrags von Frederic Kaplan und Dana Kianfar. Referenzsprache für das Programm ist Englisch, d.h. wenn die Ausgangs- und Zielsprache nicht Englisch sind, erfolgt eine Doppelübersetzung über das Englische. Wenn es "aus Eimern schüttet", heißt es im Englischen "it rains cats and dogs" und daraus wird im Italienischen "Piove cani e gatti", was aber nicht Italienisch ist. Junge Menschen akzeptieren diesen Sprachimperialismus und es ist zu erwarten, dass dieses Pseudo-Italienisch in deren Sprache integriert wird, so wie das falsche "Sinn machen" (statt "Sinn ergeben") ins Deutsche übernommen wurde.

Montag, 13. Oktober 2014

Kassandra ruft Ebola

Die WHO warnt vor der raschen Ausbreitung des Ebola-Virus in den offiziell betroffenen westafrikanischen Ländern Liberia, Sierra Leone und Guinea, um die notwendigen finanziellen Mittel für die Eindämmung dieser Pandemie (!) einzuwerben. Bestätigte Fälle wurden bereits aus dem Senegal und Nigeria gemeldet. In beiden Fällen lässt sich die Infektion auf Rückkehrer aus den vorher genannten Ländern zurückführen.
Guinea, Liberia, Sierra Leone, Senegal, Nigeria, Westafrika

Die Virusausbreitung ist in keiner Weise bisher gestoppt und die Angaben über Erkrankte und Tote werden mit erheblicher Verzögerung publiziert. Es ist erfreulich, dass es eine zunehmende Zahl Immunisierter gibt, die nach dem Ende ihrer Erkrankung als geheilt aus den Ebola-Stationen entlassen wurden.

Wenn ich die Karten der WHO zur aktuellen Ausbreitung sehe, dann fühle ich mich an den Unsinn erinnert, der bei anderen internationalen Krisen publiziert wird.
Nach Tschernobyl erhielten die radioaktiven Wolken keine Einreisegenehmigung nach Frankreich, dort gab es keine Verstrahlung. So ein Quatsch.
Oder die mexikanisch-kalifornische Influenza-Pandemie des Jahres 2009, die einige Länder scheinbar nie erreichte.
Ebola, Morbidität, Morbiditätsquote, Erkrankungsquote, Guinea, Liberia, Sierra Leone, Senegal, Nigeria, Westafrika Dargestellt sind die Schwerpunkte der Pandemie nach einem logarithmischen Maßstab. Die WHO veröffentlicht Karten basierend auf absoluten Zahlen.

Jetzt schauen alle auf die Katastrophe in Guinea-Liberia-Sierra Leone. Die WHO markiert zumindest in ihren Karten die Nachbarländer, doch mir kann keiner erzählen, dass bisher der Virus nicht die Grenze zu Cote d'Ivoire überschritten hat. Es gibt neue Fälle in Guinea im Grenzbereich sowohl zu Mali und Cote d'Ivoire. In Liberias Grenz-Provinz Nimba wurden bisher offiziell 223 Fälle registriert. Die dort lebenden Dan und Mandinka lebten auf beiden Seiten der Grenze, die hier durch den Cestos River markiert wird. In vielen afrikanischen Ländern existieren diese Grenzen nur auf Karten und an den offiziellen Grenzübergängen.
Der Ebola-Virus breitet sich aus und die große Gefahr ist, dass Erkrankungen und Todesfälle verschwiegen werden. Nur wenn das Schweigen durchbrochen wird, kann eine Infektionskette durchbrochen werden.

Hierzu zum Abschluss ein positives Beispiel. Die WHO berichtet von einer Epidemie in der Region Kankan in Guinea. Im Mai kam eine Frau aus der Hauptstadt Conakry zurück, erkrankte und verstarb im Krankenhaus. Nach weiteren tödlichen Erkrankungen wurde Ebola bestätigt. Medécins Sans Frontières (MSF) schuf ein Notfallkrankenhaus und im ständigen Kontakt mit lokal respektierten Personen und Krankenpflegern wurden 250 Kontaktpersonen identifiziert und beobachtet. Es kam zu 26 Erkrankungen mit 10 Toten und seit Juli gibt es keine neuen Fälle. Die niedrige Mortalität von 38% ist ein Ergebnis der frühen Krankenpflege.
Der Virus kann wieder kommen, aber nach diesem Erfolg kann die Ausbreitung in dieser Region auch wieder gestoppt werden.

Montag, 19. Mai 2014

Schnorcheln vor Zanzibar 1989

Ein scharfer Schmerz wie von einer Schnittverletzung war am Oberarm zu spüren. Mein lauter Schrei beendete für mich die Idylle an der Ostküste von Unguja (=Zanzibar Hauptinsel).
Der Schmerz vervielfachte sich als ich panisch in einer rudernden Bewegung meinen Arm von der unsichtbaren Quelle weg riss. Ich sah es noch nicht, aber ich hatte die Nesseln einer Tentakel einer Qualle berührt und mit der drehenden Bewegung die Nessel um meinen Oberarm gewickelt.
Der Schnorchel wurde ausgespuckt und ich rief um Hilfe. einer meiner amerikanischen Freunde kam angeschwommen, sah die Ursache und entfernte die Ursache der Schmerzen. Ich bewegte mich zu dem kleinen Ruderboot, und kam mit der Hilfe des lokalen Fischers ins Trockene. Ein roter Streifen lief um meinen Arm herum und schmerzte so sehr, dass ich mich jetzt wunderte, wie ich trotzdem damit zum Boot geschwommen und ins Boot gekommen war. Die Nerven waren so überreizt, dass der Arm nicht zu gebrauchen war.
(Blick vom Wasser auf unsere Unterkunft)
Wir waren eine kleine Gruppe von ausländischen Studierenden der University of Dar es Salaam, die im März 1989 einen Kurzurlaub auf der Insel machten. Wir waren zunächst in Stone Town gewesen und hatten von dort eine Bootstour nach Changuu gemacht und dort die Aldabra-Riesenschildkröten bewundert.
(Stone Town, Zanzibar, Unguja, März 1989)
In der Stadt hatten wir den Busbahnhof mit seinem Dala Dala-Fahrzeugen gesehen und da kam die Idee auf, die Stadt zu verlassen und einige Nächte an der Ostküste zu verbringen. Ein Dala Dala war damals ein sehr robuster kleiner LKW mit deutlich sichtbaren Blattfedern, auf dessen Ladefläche vier Bankreihen befestigt waren. Eine Abdeckung schützte vor der Sonne und auf der Ladefläche wurden neben den Menschen auch Waren transportiert. Es gab nur einen Dala Dala am Tag, der in einem Bogen über den Süden der Insel zur Ostküste fuhr.
Bereits kurz hinter der Stadt endete der befestigte Weg und der LKW schaukelte und sprang vollbesetzt über sandige Pisten. Der Weg war so schlecht, dass das Fahrzeug nie wirklich schnell fahren konnte. Dagegen wurden die Holzbänke schnell unbequem.
Unser Ziel war irgendwo bei Bwejuu. Wir wollten an der Ostküste Baden und die Schönheiten eines Korallenriffs erleben. Jemand hatte den Tipp bekommen, dass an unserm Ziel einige Fischer ein Gasthaus anbieten. 1989 gab es noch keinen nennenswerten Tourismus weder auf Zanzibar noch in Tanzania. Wazungu (=weiße Menschen) waren in der Regel Entwicklungshelfer, Missionare, Entwicklungsexperten, Diplomaten, Händler oder eben wie wir im akademischen Austausch (als Dozenten oder Studierende).
(Unguja, Zanzibar Ostküste kurz nach Sonnenaufgang, März 1989)
Der Dala Dala hielt und wir verließen mit unserm Gepäck Richtung Küste die Sandpiste. Heute klingt es wie eine Idylle. Das Geräusch vom LKW entschwand nach Norden und gingen unter Palmen auf die wenigen weißen Häuser zu. Der Indische Ozean im Hintergrund leuchtete im Sonnenschein. Einer der US-Freunde konnte leidlich Kiswahili und fragte nach einer Unterkunft. Eine Reservierung oder Buchung war undenkbar, wir waren an einem Ort, wo es kein Telefon gab und der tägliche Dala Dala auf seiner Hinfahrt und Rückfahrt das einzige Motorfahrzeug war.
Wir fanden eine Unterkunft und verteilten uns auf die drei oder vier Zimmer der einfachen gekalkten Unterkunft. Der Fischer kassierte vorab und fragte gleich, was wir denn Essen und Trinken wollten. Natürlich Fisch und Reis statt des immer wieder in der UNI-Mensa servierten Ugali na Maharage (rote Bohnen mit fester Maispampe und ein-zwei Stücken Fleisch).
(Kokospalme an der Ostküste von Unguja, Zanzibar, März 1989
Wir waren glücklich in dieser absoluten Ruhe und vor dem Abend auch das erste Mal am Strand und im Wasser. Auch dort ein einziges Postkartenbild. Weißer Sandstrand, kleinen Wellen (wegen des vorgelagerten Riffs) und große Kokos-Palmen, die sich zum Strand neigten.

Der Fischer fragte uns am nächsten Morgen, was wir denn an diesen Tag essen wollten und wir fragten nach Hummer. Er sagte dazu, dass er den wirklich im Wasser suchen muss und so dieses Speise teurer sein würde. Doch was war teuer im Jahre 1989 in Ostafrika. Für uns nichts und wir waren arme Studierende mit kleinen Stipendien und wenig Taschengeld. Doch wir hatten Geld und waren alleine schon deshalb relativ reich. Der Fischer bot auch an, dass wir bei ihm Schnorchel und Taucherbrillen leihen könnten und er mit uns am Nachmittag, wenn die Sonne nicht mehr gefährlich ist, mit uns zum Riff raus fahren könnte.

Es war bis zu dem Vorfall mit dem Nesseln einer Qualle ein wunderbares Erlebnis. Wir wurden vor den scharfen Kanten des Riffs gewarnt. Die Kraft der Wellen brach sich hier und so war wirklich manchmal das Riff zu spüren. Was jeder von uns mit den Taucherbrillen gesehen hat, kann nicht in Worte gefasst werden. Es gibt unbeschreibliche Schönheit.
Am Ende unserer Tour hatten alle rote Stellen. Ich am Arm von der Qualle und wir alle am Oberkörper und den Beinen von der Sonne.

Donnerstag, 17. April 2014

2000 Afrikanische Hochschullandschaft

Baobab in NO-Tanzania (1987)
Im Wintersemester 1999-2000 arbeitete ich in einer Studiengruppe am Historischen Seminar der Universität Hannover. Wir erstellten ein Schulbuch für die Oberstufe zur außereuropäischen Geschichte.
In diesem Kontext erhielt ich eine Einladung, meine Studienerfahrung von der University of Dar es Salaam als persönliche Anmerkung zu einem Text über die afrikanische Hochschullandschaft zu verwenden.
Zum Sommersemester 2000 erschien die Hochschulzeitzeitschrift Nachlese mit dem Schwerpunkt "Afrika im 21. Jahrhundert". Auf vier Seiten beschrieb ich die Geschichte und Entwicklung der Universitäten in Afrika.
Da diese Publikation nur sehr schwierig zu erreichen ist, habe ich meinen Text nunmehr als pdf auf der Unterseite Wissenschaft verlinkt und das Dokument dort hinterlegt.

Der Text ist 13 Jahre alt und sollte auch so gelesen werden. Doch meine Aussagen zur Entwicklung der Hochschullandschaft ist immer noch gültig.


Hier kann das pdf-Dokument geöffnet und gelesen werden.

Freitag, 4. April 2014

Qualitätstest für einen Einkaufskorb

Der Qualitätstest für einen Einkaufskorb, einen Beutel aus Plastik, Baumwolle oder Jute oder einer großen Einkaufstasche mit Rollen (Trolley, "Hackenporsche") ist die Realität. Hält das Behältnis für den regelmäßigen Einkauf in Supermärkten auch mal größere Gewichte aus und wie lange kann es genutzt werden, bis es nur noch Müll ist.
Ein geflochtenen Einkorbskorb aus Malawi kann 20 Jahre halten!
Der abgebildete Einkaufskorb hat heute sein Ende erreicht und dies ist sein Nachruf.

Gekauft habe ich den Korb am Straßenrand irgendwo zwischen Mzuzu und Nkhata Bay im nördlichen Malawi im April 1994. Vermutlich ist er aus dem Schilf geflochten, das in den Feuchtgebieten am Malawi-See wächst.
Ich habe es noch in guter Erinnerung. Ich war mit einem englischen Kollegen auf dem Weg zu einer der Wähler-Registrierungsstellen. Malawi stand damals vor dem politischen Umbruch. Kamuzu Banda, der Diktator (offizieller Titel "Präsident") auf Lebenszeit war nur noch eine Scheintote Marionette einer Gruppe von Politikern. Mit dem Drohmittel der Einstellung der Entwicklungshilfe war eine Demokratisierung erzwungen wurden. Die erste demokratische Wahl seit der Unabhängigkeit des Landes 30 Jahre zuvor stand bevor und wir waren offizielle Langzeit-Wahlbeobachter der EU. Von uns wurde der gesamte Prozess von der Registrierung der Wähler, der Wahlkampf und natürlich die Wahlen begleitet und regelmäßig gingen Berichte an die UN-Wahlsekretariat in der Hauptstadt Lilongwe. Wir fuhren auf einer dieser durch Entwicklungshilfe gebauten Straßen, die viel zu groß und breit für den damals existierenden Verkehr war. Nach einer der weiten Kurven, die uns im Slalom langsam runter zum See führte, war die improvisierte Verkaufsstelle zu sehen. Solche Verkaufsstände, an denen Gemüse oder Handwerk verkauft wurde, gab es immer wieder am Straßenrand.
Es waren mehrere Frauen, die dort am Straßenrand saßen und Körbe und Matten in verschiedenen Formen und Größen flochten. Ich wählte lange und zahlte schließlich umgerechnet 1-2 DM für den Korb. Eine gute Investition.

Samstag, 18. Januar 2014

Arno Schmidt zum Vorlesen - KAFF auch MARE CRISIUM

(Logo auf dem Einband von Imre Reiner)
Von den Romanen von Arno Schmidt empfehle ich stets KAFF auch MARE CRISIUM (1960). Es ist ein Buch, das mit großem Vergnügen mehrmals zu lesen ist.
Es ist Arno Schmidts erstes Werk, dass zwei Erzählebenen klar vom Drucksatz voneinander trennt. Eine Handlung in einem kleinen Dorf Norddeutschlands und eine Handlung auf dem Mond in Raumstationen der USA und der Sowjetunion im Mare Crisium. Die zweite Handlung ist eine Erzählung, die der Protagonist für seine Freundin im Dorf erfindet. Gespräche, Erlebnisse, Beobachtungen und Fragen im Dorf fließen in die Handlung auf dem Mond ein.
(Die Erzählebenen auf jeder Seite: links KAFF | rechts MARE CRISIUM)
Es ist eine Geschichte mit dunklem Humor über das Leben im Dorf und in Deutschland allgemein und eine Farce mit satirischen Elementen auf dem Mond.
Die Geschichte ist schwer zu lesen! Arno Schmidt nutzt verschiedene Mundarten (platt auf der Erde, schlesischer Dialekt) und einige US-Namen werden konsequent in deutscher Aussprache geschrieben (Dschordsch, Schar=lieh). Der phonetische Stil aller nicht hochdeutschen Begriffe in den Dialogen ließ mich beim ersten Lesen immer wieder stocken. Erst als ich begriff, dass Dialoge auch vom Leser gesprochen werden sollen, wurde der Inhalt deutlich.
Das war kurios. Ich las einen Roman, wo ich von Zeit zu Zeit mir selbst Passagen vorlas.
Das macht eine besondere Qualität von diesem Buch aus.

Arno Schmidt hatte eine lange Erfahrung mit dem Verfassen von literarischen "Hörspielen" und nun wurde der Leser zum Akteur. Es ist übrigens ein Buch, das als Ganzes vorgelesen werden kann.

Für mich ist das Buch auch ein Teil meiner Biographie. Im Frühjahr 1988 packte ich meine Sachen für ein Studienjahr an der University of Dar es Salaam in Tanzania. Ich bin wirklich nur mit wenig mehr als 20kg Gepäck losgeflogen. Nur ein deutsches Buch sollte mich begleiten und es war KAFF auch MARE CRISIUM. Im Goethe-Institut konnte ich zwar auch am freien Mittwochnachmittag deutsche Zeitungen und Zeitschriften lesen, aber an der UNI waren da nur Gespräche mit den zwei deutschen Studentinnen, Tagebucheinträge, Briefe aus und nach Deutschland und eben Arno Schmidts Roman, die mich mit meiner Sprache verbanden. Und dort in Tanzania habe ich meiner großen Liebe bei ihrem Besuch fast das ganze Buch vorgelesen.
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Zitate von Arno Schmidt (aus verschiedenen Werken):
Und schließlich meine Empfehlung für die Erzählung "Tina oder über die Unsterblichkeit" für all die Menschen, die Arno Schmidt erst entdecken wollen.

Samstag, 4. Januar 2014

Facebook - Karten und Statistiken

Alle meine Beiträge zur Entwicklung der Zahl der Mitglieder von Facebook in Europa und Afrika (mit einem speziellen Beitrag zu Libyen) zwischen 2008 und 2012 sind umgezogen in mein Archiv mit dem Namen BRAUEL (genaue Verknüpfungen unter den folgenden beiden Karten!).

Damit sind auch die Graphiken und die Karten dort zu finden. Als letzte Referenz an diese statistische Betrachtung die allerletzten Karten für Afrika und Europa von 2013. Eine signifikante Zunahme der Facebookkonten war eigentlich nur noch in den Ländern zu beobachten, in denen es eine niedrige Quote gab. Facebook hat in vielen Ländern seine Sättigungsgrenze erreicht:

1. Facebook in Afrika 2013
facebook Afrique 2013, facebook Africa 2013, facebook Afrika 2013, Facebook, Gesichterbuch, Kunden, Mitglieder, Mitgliederzahl, Afrika, Afrique, Africa
Frühere Karten zur Ausbreitung von Facebook in Afrika finden sich hier für 2010-2011, hier für 2011, hier für 2012 und hier eine Abbildung zu Libyen 2010-2012.
 
2. Facebook in Europa 2013
Facebook Europa 2013, Facebook Europe 2013, Gesichterbuch Europa 2013, Europe, Europa, Facebook, 2013
Weitere Karten zur Ausbreitung von Facebook in Europa finden sich hier für 2008, hier für 2010, hier für 2011 und hier für 2012.

Freitag, 3. Januar 2014

Buch: Alex Capus - 2007 - Eine Frage der Zeit

Lake Tanganyika, Colonial Borders, Tanganyikasee, Deutsch-Ostafrika, Kigoma, Albertville Es ist die Geschichte zweier Männer und ihrer Schiffe. Einmal sahen sie sich aus 100 Meter Entfernung jeweils durch ein Fernglas, ansonsten wussten sie nichts von den anderen. Die beiden Geschichten beginnen in Papenburg und auf dem Gambia.
Die Kolonialzeit und schließlich der 1. Weltkrieg bringen beide zum Tanganyikasee. Der eine als deutscher Schiffsbaumeister, der mit einem kleinen Team das zerlegte Dampfschiff Götzen von Papenburg durch Deutsch-Ostafrika nach Kigoma zum See bringt. Es wurde dort wieder zusammengebaut und erst see- und schließlich kriegstüchtig gemacht. Der andere reist als britischer Marineoffizier mit zwei kleinen Dampfbooten über Südafrika und Rhodesien durch den belgischen Kongo zum Tanganyikasee, um deutsche Schiffe zu zerstören.
Es ist ein angenehmer Plauderton und mit großer Freude wurde bemerkt, dass viele Aspekte der späten deutschen Kolonialzeit und die Orte der Handlung gut recherchiert sind. Selbst die Regenzeit, die jede Arbeit in eine Pause zwingt, ist realistisch geschildert.
Es ist kein kolonialkritisches Werk, es wird aus den Perspektiven der weißen Akteure erzählt und die afrikanische Bevölkerung erscheint nur dort, wo sie außerhalb der Scheuklappen der Akteure erscheint. Doch es geht in diesen Roman schließlich auch um diese Scheuklappen.

Alex Capus
Eine Frage der Zeit
btb-Verlag, München 2010, 350 Seiten

Samstag, 28. Dezember 2013

Jahresabrechnung 2013

Soeben habe ich meinen Jahresbrief 2013 fertig gestellt und an die Familie und Freunde versandt. Wer den Text lesen möchte, braucht nur eine Notiz via Elektropost oder Gesichterbuch zu schicken.
Hier gibt es nur einen Rückblick auf Blogbeiträge des Jahres. die öffentliche Person ist schließlich eine andere, als der reale Mensch.

Politik regt mich weiterhin auf und an. Da lag natürlich auch an der Landtagswahl in Niedersachsen, den damit verbundenen Outen von Nazis, der Bundestagswahl mit unserer Bundeskanzlerinverwalterin und hier in Hannover der zusätzlichen Wahl des Oberbürgermeisters. Die Dummheit der SPD und das Geblubber und Schweigen vom Bundespr.(ediger) Gauck ließen mich den Kopf schütteln. Dabei gab es interessante Ansätze wie die 1. EU-Bürgerinitiative oder die Offenlegung der NSA-Spitzeleien  oder das Fiskalverbrecher im Netz recherchiert werden können.

Der Tod meines Vaters führte zu Erinnerungen und Trauerarbeit.
Doch es gab auch schöne Momente auf dem Spielplatz, in der Turnhalle und mehrmals im Zoo.

Meine Reisen führten mich in diesem Jahr gleich zweimal nach Berlin, nach London, Königswinter, Budapest zum Europäischen Traum, Stade und Deventer.

Die monatlichen Wetterberichte, der nicht enden wollende Winter 2012/2013 aber auch einen Beitrag über den regionalen Klimawandel am Beispiel des Monats April und den generellen Temperaturanstieg sind auch als Kommentare auf dümmliche Bemerkungen von Klimaskeptikern zu lesen.

Ich kramte ein wenig in meinen Erinnerungen und fand meinen allerersten Brief von meiner ersten Reise nach Ostafrika (1987) und als eine Alumna über ihre Probleme mit einem Studentenvisum berichtete fiel mir mein Erlebnis aus Dar es Salaam (1988/89) ein. Eine Wiedergängerin erinnerte mich an den Beißkrampf der 1980-er Jahre pflegte. Ich musste auch an die Grußkultur in Tanzania denken und ein unangenehmes Erlebnis in Johannesburg vor 18 Jahren.

Kino war nur dreimal Thema, einmal The Hobbit und dann der Nachzug nach Lissabon und Star Trek. Filme gab es vor allem auf DVD, wie zum Beispiel Spielbergs Terminal. Ich fand einen Hinweis auf eine Screwball-Komödie im Netz, die vollständig, im Original und vor allem ohne Werbepausen genossen werde kann.  

Musik war öfters das Thema: Die hannöversche Formation fint stellte ihre 1. EP vor. Das Duo SEA+AIR gab eine wunderschöne Show. Beim digitalen Aufräumen stolperte ich über meinen Konzertbericht Roger Water 2002 und während meiner Arbeit auf der Fête de la Musique Hannover über einen Achim Reichel Song meiner Jugend. Musik gefiel auch im Netz, doch Hand gemachte Live-Musik wie vom französischen Yalta Club oder von MINE sind etwas Besonderes.

Ich habe viel gelesen, aber nicht so viel darüber geschrieben. Im Winter wurden eine Märchensammlung von Charles Perrault gelesen und im Herbst ein Sachbuch über "normale" US-Amerikaner. Literatur hinterließ Spuren in meiner Zitatesammlung, wie zum Beispiel Bemerkenswertes von Arno Schmidt (hier  und hier), Pascal Mercier, William Shakespeare, Gisbert Haefs, Douglas Adams oder Doris Lessing.

Mal sehen was 2014 bringt.

Dienstag, 17. Dezember 2013

Studentenvisum Tanzania 1988

Aus aktuellem Anlass eine Erinnerung an eine befremdliche Verwaltung:

Im Juni 1988 landete ich mit einem normalen Visum auf dem Flughafen Dar es Salaam, obwohl ich vor hatte, für ein Jahr zu bleiben. Mir wurde in Hannover empfohlen, die notwendigen Aufenthaltspapiere für ein Studienjahr in Tanzania vor Ort zu besorgen.
Studentenausweis University of Dar es SalaamEs dauerte Tage bis ich einen Studentenausweis der University of Dar es Salaam hatte und mit diesem und weiteren Papieren der UNI ging es zum Immigration Office. Wir ausländischen Studierenden füllten dort Formulare aus und sollten einen Monat später wieder kommen.
Als Ausländer mit einem normalen Visum musste ich sowieso jeden Monat einmal bei einem Immigration Office vorsprechen und dort nach Zahlung einer Gebühr einen frische Stempeleindruck in meinen Reisepass zu bekommen.
Ende August war immer noch nicht entschieden, ob wir im Land bleiben dürfen. Ich meine mich zu erinnern, dass der Beamte hinter den Schalter ein kleines Geschenk erbat, damit er sich für mich engagiert. Ich bat darum meine Unterlagen zu sehen, um zu prüfen, ob alles notwendige in meiner Akte war. Der Officer verschwand in ein Hinterzimmer, wo Mitarbeiter hinter Stapeln von Mappen saßen. Er fand meine und ich sah sofort, dass außer meinen Eintragungen bisher niemand irgend etwas mit den Papieren gemacht hatte. Verärgert ging es zurück zur Universität.
Korruption braucht zwei. Den Beamter, der "Etwas" möchte und den Bürger, der bereeit ist dieses "Etwas" zu geben. In Tanzania hieß das magische Wort "Chai". Das meint eigentlich Tee und muss auch nicht immer ein Synonym für Geld sein. Es konnte auch wirklich der Wunsch nach einer bezahlten Pause mit einer Einladung zu Tee und Backwaren (Maandazi oder Chapati) sein, aber eben auch die Aufforderung zu einem stillen (Tee-) Gespräch über die Summe, der zu zahlenden Bestechung. Da ich aus Prinzip nicht zahle, hatte ein korrupter Beamter ein Problem (und ich zunächst auch).
Ich weiß nicht mehr, ob ich mich nur in der UNI-Verwaltung oder auch in der Deutschen Botschaft beschwerte, aber es dauerte nicht lange und ich sollte wieder im Immigration Office vorsprechen.
Nach fast drei Monaten Aufenthalt erhielt ich schließlich meine Resident Permit C für das gesamte Studienjahr.
Das wurde gefeiert!
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Und nur ein Jahr zuvor, war ich erstmals in Kenya. und in Tanzania. Die Geschichte, wie ich das Stipendium für die Universität bekam, lässt sich nicht in wenigen Worten erzählen, doch wird sicher irgendwann hier erscheinen.

Donnerstag, 3. Oktober 2013

Bildinterpretation - für Marta

(Eine Bildinterpretation, wie ich sie leider in der 11. Klasse lernen musste. Der Text ist nicht ernst gemeint)

Beschreibung
Die Fotografie diese Inszenierung einer unbekannten Künstlerin zeigt zentral das Porzellanbecken eines Wasserklosetts, das auf hellen Kies steht. Umgeben ist dieses Objekt von hellen Brocken, welche aus Kalk oder Beton bestehen. Dies ist wiederum umgeben von hell furnierten, glänzend lackierten Platten. Im Hintergrund hängt die Europafahne, an die wiederum zwei Taschen befestigt sind. Die Fahne besteht aus zwei Stoffbahnen, der Naht zu sehen ist. Die obere Tasche ist eine im Ethnolook gehaltene grob geflochtene Einkaufstasche mit Ledergriffen, die zur Tasche mit Kauri-"Muscheln" abgesetzt wurden. Darunter hängt eine schwarze samtartige, kleine Frauenhandtasche mit einer nicht lesbaren Markenbeschriftung. Von links fallen offensichtlich künstliche Efeuranken von der oberen Tasche bis zu den Gesteinsbrocken ins Bild.
Es ist bekannt, dass dieses Foto in London aufgenommen wurde.
(Foto: Marta G.A. "East London")

Interpretation
Es handelt sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine Inszenierung einer Künstlerin. Pflanzen als Idylle, die Frauenhandtasche und die Einkaufstasche mit ihren Ethno-Elementen lassen mich dies vermuten. Die folgende Interpretation und Gesamtaussage, hätte ein Mann vermutlich mit anderen Objekten dargestellt.

Die Europafahne bedeckt den Hintergrund macht aber mehr als die Hälfte der Bildfläche aus. Die Fahne ist noch deutlich größer. In der Inszenierung sind nur neun der zwölf Sterne zu sehen. Gleichzeitig verweist die Naht auf eine Zweiteilung.
Dies scheint eine politische Anspielung zu sein. In Großbritannien gibt es eine große, lautstarke Mehrheit, welche die Kontakte zu Europa reduzieren will. In Großbritannien war die Integration von Millionen Menschen aus den ehemaligen Kolonien bereits eine große Leistung. Der Commonwealth steht für Großbritannien im Vordergrund, so wie die Ethnotasche mit Elementen aus Westafrika (Kauri-"Muscheln") und Ostafrika (Flechtwerk der Tasche). Die zweite Samttasche, passt in dieses Bild, denn sie steht für edlen Luxus und so wird mit der Fahnennaht und den Gegensatz der Taschen die Zweiteilung der Gesellschaft in Europa und zwischen den europäischen Staaten angedeutet. Wenn nun noch bedacht wird, dass die so genannten Kauri-"Muscheln" bis in das frühe 20. Jahrhundert eine Währung in Westafrika war, so wird auch noch ein Gegensatz zwischen Symbolen des Reichtums in verschiedenen Zeiten dargestellt. 
Das Porzellanbecken ist schwierig zu deuten. Zum einen ist es offensichtlich unbenutzbar, da es nicht angeschlossen ist und kein Toilettensitz befestigt ist. Letzteres könnte aber wieder eine Anspielung auf einige Länder des Commonwealth sein, denn Toilettensitze sind bei öffentlichen Toiletten in afrikanischen Ländern die Ausnahme und die Toiletten werden auch benutzt, wenn die Kanalisation nicht mehr funktioniert. Letzteres ist vielleicht eine falsche Assoziation, die von meinen Erfahrungen in sechs anglophonen Ländern herrührt. Die Sauberkeit und die Anordnung des Objekts verweisen auf andere Interpretationsmöglichkeiten.
Das Klobecken steht auf Kies, wie er auch in bestimmten Regionen der Sahara zu finden ist. Ein WC ohne Wasser in der Sahara verweist auf Desertifikation, welche im Sahel seit Jahrzehnten Ursache für eine Migration nach Norden und Süden ist. Nach Süden in die fruchtbaren Regionen Afrikas und nach Norden, um mit Cayucos und anderen Booten nach Europa zu gelangen. Die Verelendung führt die Menschen nach Europa, nach einen Europa in dem alles zu kaufen ist (Einkaufstasche) und Luxus (Handtasche) möglich ist.
Eine andere Interpretation sieht die Gesteinsbrocken als das Wesentliche. Diese verhindern, dass die Toilette benutzt werden kann. Die Steine liegen im Weg. Wenn es sich um Gesteinsbrocken aus Bauschutt handelt, dann könnte dies auf den Abriss des alten industrialisierten Englands verweisen. Die Deindustrialisierung führte zu einer Verelendung in einigen Regionen, so dass selbst die einfachsten Elemente des modernen Lebens symbolisiert durch das WC nicht mehr funktionieren. Wenn es Kalk- oder anderen natürlicher weißen Stein ist, könnte dies auf den Stolz der Briten verweisen. Die weißen Klippen von Dover sind vom Kontinent aus zu sehen, aber wurden seit Jahrhunderten nicht mehr überwunden.
Das dies von glänzenden Holzimitaten umgeben ist, kann eine Kritik an der Moderne sein, in welcher der Anschein das wichtigste war. Oder dies kann auch gerade ein Verweis darauf sein, dass Großbritannien moderner scheint als das (kontinentale) Europa.
Der die oberen und unteren Teile des Kunstwerks verbindende künstliche Efeu heißt im englischen ivy, von dort ist es nicht weit bis zu envy (=Eifersucht). Viele Briten glauben, dass der Rest von Europa auf sie eifersüchtig ist. Die Briten sehen sich als eine relevante Mittelmacht mit wichtigen Partnern außerhalb Europas.
Die Gesamtaussage wäre dann, ein stolzes und modernes Großbritannien muss nicht Mitglied in der EU sein
Es ist ein gelungenes Kunstwerk, da es viele anregende Assoziationen erlaubt.

Doch vielleicht ist es gar keine Kunst, sondern nur ein amüsanter Blickfänger, um Menschen zu einem Verweilen vor der Inszenierung zu motivieren, die dann zu einen Besuch des dazu gehörigen Möbelladens führen.

Sonntag, 7. Juli 2013

Ein Geburtstagserlebnis aus Südafrika

Wenn Einer eine Reise tut ...

Meine bisher schlimmste Erfahrung an meinem Geburtstag ist nicht, dass ich wieder ein Jahr älter bin sondern ein bewaffneter Überfall.

Wir schrieben das Jahr 1995 und ich war auf einer halbjährigen Forschungsreise zu Archiven und Bibliotheken in Nairobi, Harare, Pretoria, Johannesburg und Kapstadt. Von Montags bis Freitags war ich jede mögliche Arbeitsstunde entweder in der Bibliothek für Medizinforschung, auf dem Gelände der Witwatersrand-Universität oder im Nationalarchiv in Pretoria. Auf den Touren hatte ich in Johannesburg bereits Buchläden und ein Antiquariat entdeckt.
Mein Geburtstag fiel 1995 auf einen Samstag und mein Vermieter in Midrand gab mir eine Mitfahrgelegenheit zum Taxi Stand Halfway House an der Autobahn Pretoria-Johannsburg. Ich wollte mir selbst etwas zum Geburtstag schenken (Bücher, Kleidung, CDs) und hatte entsprechend etwa umgerechnet 200 DM dabei. Für den Nachmittag vereinbarten wir ein Treffen in einem Einkaufszentrum um gemeinsam zurück zu fahren.

Sie sagen Taxi in Südafrika, doch es sind die hier bekannten Transporter, in die vier Sitzbänke eingebaut wurden. Gedrängt wie Sardinen in der Dose werden 14-18 Passagiere mitgenommen. Die Federung der Fahrzeuge verwies stets darauf, dass wir überladen waren. Es war oft schmutzig und die Taxis fuhren viel zu schnell. In jeder schnell gefahrenen Kurve neigte sich das Fahrzeug zur Seite.
Ich hatte damals schon Erfahrungen aus fünf anderen subsaharischen Ländern und mir war bekannt, warum Verkehrsunfälle stets gleich mehrere Tote und viele Schwerverletzte forderten. Nicht nur auf den langen Strecken zwischen den Städten mahnten ausgebrannte Karosserien von Kleinbussen, dass hohe Geschwindigkeit lebensgefährlich sein kann.

Meine Endstation war der Wanderers Taxi Rank in der Nähe vom Bahnhof Johannesburg. Mit meinen gewachsenen Ortskenntnissen hatte ich mir einen Weg Richtung Universität gemerkt, wo ich Straßenhändler mit Büchern gesehen hatte. Ich ging auf fast leeren Straßen auf der Smit Street bis zum YMCA, wo ich hügelaufwärts in die Rissik Street bog, um oben über die De Korte Street zum Ziel zu gelangen. Rissik Street ist eine von den Ausfallstraßen aus der Innenstadt und passiert auf dem Hügel das brutalistische Civic Centre.
Es war verwunderlich, es war etwa 9:30 Uhr und in diesem Moment fuhr kein Auto die vierspurige Straße hinauf oder die zweispurige Straße hinab.
Ich war relaxed und bummelte. Erstmals hörte ich Stimmen hinter mir und von links überholte mich einer und von rechts zwei schwarze Jugendliche. Einer sprach mich an, aber ich ignorierte ihn. Und dann ging alles sehr schnell und ich kann nur feststellen, dass mir einige Sekunden abhanden gekommen sind. Also habe ich nur einige Schnappschüsse:
  • Einer der Jugendlichen war vor mir und ich blickte in eine 20-25cm Klinge eines Messers, das nicht sehr sauber war. Es war eine breite Klinge, breiter als mein Bowie-Knife.
  • Ich ging halbwegs zu Boden und fühlte eine Hand in meiner rechten Hosentasche, die nach meinem Portemonnaie langte.
  • Ich stand auf und blickte mich um. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich im Zeitlupentempo bewegte. Die ersten drei bewegten sich hügelaufwärts und als ich mich umdrehte sah ich weitere 6-7, die sich in drei Gruppen aufspalten; 2-3 bogen um die Ecke des CVJM und die anderen entschwanden auch schnell.
Ich war perplex, die Aktion dauerte nur wenige Sekunden und mein Portemonnaie war fort. Der locker über meine Schulter geworfene Rucksack war noch vorhanden und nichts anderes war gestohlen. Ich hatte noch nie eine Bedrohung wie diese erlebt.
Viel später stellte ich fest, dass ich offensichtlich als Tourist zu erkennen war. Birkenstock mit weißen Socken, Wollpullover locker über die Schultern und in einem Tempo gehend, das anzeigt, dass ich Zeit habe.
Es war früh am Morgen und sie konnten erwarten, dass ich zu diesem Zeitpunkt noch viel Geld mit mir führte. Sie hatten recht, aber mein Geld war natürlich nicht nur in der Börse. Ich hatte es verteilt auf Börse (40-70 Rand), rechte Hosentasche, Hemdtasche und Innentasche des Rucksacks (400 Rand). Das hatte ich während meines Studienjahres in Dar es Salaam gelernt. Geld verteilen, so dass stets Reserven für ein Taxi vorhanden bleiben.
Der materielle Verlust war gering, aber der Vertrauensverlust nicht zu messen. Später in der Innenstadt und auch im "Boulders" Einkaufszentrum in Midrand/Halfway House wurde ich unruhig, wenn ich in meinem Augenwinkeln einen überholenden Schwarzer sah.
Ich ging nach dem Überfall meinen geplanten Weg weiter und besorgte mir in einer Post Briefmarken. Hier schrieb ich auch eine erste Notiz über den Überfall. Die Straßenhändler, die ich in der Woche gesehen hatte, waren am Samstag nicht da. Mein Geschenk war im Universitätsviertel nicht zu finden.
Ich ging in die Innenstadt. Mein nervöser Blick suchte stets nach Straßen, wo andere Menschen gingen und ich meinte, dass an Straßenkreuzungen einige Männer mich genau taxierten. Ich war auf der Suche nach zwei Antiquariate an der Market Street, von denen ich gehört hatte.
Die Bürgersteige waren belebt, aber ich sah zuerst keine weiße Gesichter. Während der ganzen Zeit in der Innenstadt sah ich höchstens vier oder fünf Weiße, die bis auf eine Ausnahme (Polizistin) alle offensichtlich von ihrer Bekleidung Touristen waren.
Ich fand ein Antiquariat doch es war verriegelt und verrammelt wie auch viele andere Geschäfte. Nur einmal ging ich in ein Geschäftszentrum und hoffte dort einen Pullover zu finden. Es war Winter in Johannesburg und ich hatte nur wenig warme Kleidung dabei. Natürliche Fasern und Erdfarben fanden sich, aber es war sehr modisch geschnitten. Ich bevorzuge ewige Muster, Farben und Designs.
Zwei Männer die mit mir in das Geschäftszentrum kamen, hatten entweder das gleiche Ziel oder verfolgten mich. Ich war immer noch vom Überfall geprägt und verließ die Innenstadt bereits gegen 11 Uhr. Ein "Taxi" brachte mich zurück nach Midrand und damit zurück zum beschützten Umfeld der Boulder Mall.
Ich bummelte durch die Geschäfte, fand aber immer noch nichts. Mit einem Stapel von Zeitungen und zwei Postkarten ging es in ein chinesisches Schnell-Restaurant. Ich hoffte auf was Leckeres, die Mahlzeit war nicht mau, aber auch nicht berühmt. Der Hauptgang wurde in einer essbaren Schale serviert. Eine gute Idee, die ich bis dahin noch nicht kannte.
Als ich das Restaurant verließ, war immer noch viel Zeit bis zur verabredeten Rückfahrt. Auf die Schnelle wurden noch zwei Postkarten gefüllt, wo ich versuchte meinen Schock zu formulieren.
Und dann ging es ins Kino: Batman Forever. Ein Comic mit lebenden Schauspielern. Hier war nichts zu analysieren, sondern nur etwas zum Gucken. Der Ton war viel zu laut, aber ich wollte im Film verschwinden und vergessen und dass gelang.
Danach ging es mit meinen Vermietern zurück. Sie hatten noch etwas vor und so leerte ich am Abend alleine eine Flasche Sekt. Ein merkwürdiger Geburtstag.

Samstag, 30. März 2013

Habari Garni oder typisch Deutsch

Bin nun seit mehr als drei Jahrzehnten mit dem Konzept der so genannten interkulturellen Kommunikation vertraut. Nicht auf einer akademischen Ebene, sondern als Realität der Kommunikation (Worte, Gesten, Mimik) mit Menschen, die in anderen Kulturen aufgewachsen sind.
Dies förderte zum einen die Herausbildung einer Identität, da diese sich fast immer in Abgrenzung zu Anderen herausbildet. Oder wie ich im Europa-Kolleg gelernt habe (nun doch akademisch): die Identität aus der Alterität.
Das Andere zeigt dann, was diese (und ich als kritischer Selbstbeobachter) als typisch Deutsch bezeichnen und fördert eine Auseinandersetzung mit den Stereotypen.
Dies fängt bereits beim begrüßenden small talk an.

Es war zu Beginn meines zweiten Tanzania-Aufenthalts als ich zur Einführung in ein Studienjahr an der Universität Dar es Salaam Kiswahili lernte. In diesem Intensivkurs erfuhr ich dass Begegnungen und Begrüßung viel freundlicher beginnen können, als ich es aus dem Deutschen gewohnt war.
Es war befremdlich. Egal, was gefragt wurde, stets wurde eine positive Antwort erwartet und gegeben. Es brauchte einige Monate bis ich das Begrüßungsritual verstand, es kam mir wie ein Abtasten vor. Doch es wurde stets ein Eis (merkwürdiges Bild für die feuchten Tropen!) gebrochen und danach konnte ein Gespräch oder gleich das Verabschiedungsritual beginnen.

Studierende haben ihre eigenen Grüße. Das gilt für Deutschland, wo ich bereits des öfteren in der Etymologie den Hinweis fand, dass ein Wort, eine Konnotation oder eine Phrase vor ein, zwei oder mehr Jahrhunderten im studentischen Milieu entstanden ist. An der Chuo Kikuu cha Dar es Salaam war es u. a. der Gruß "Habari kuku" (hast du Nachrichten von den Hühnern?). Ich habe es in meiner damaligen Naivität nur als ein Scherz verstanden, doch erfuhr ich aktuell von einer damaligen Mitstudentin den Hintergrund. Hühnerfleisch war in vielen Familien etwas Besonderes und entsprechend war die Frage nach den Hühnern, ob es wirtschaftlich so gut geht, dass man Fleisch essen kann.
Das Jahr zuvor war ich mehr als einem Monat in einem Dorf in den nördlichen Pare-Bergen und dort hatte ich diesen Gruß nie gehört und auch erlebt, wie selten Fleisch gegessen wurde.

Nach Monaten hörte ich endlich auch einen Gruß, der mir vertrauter klang, als die ständige positive Bestätigung. Es nervte manchmal schon, dass egal, wie es einen ging, stets nur positive Antworten "erlaubt" waren. An der Universität wurde die höfliche Frage nach Nachrichten - zu welchem Thema auch immer - manchmal mit "hivi hivi" und einer schaukelnden Drehung aus dem Handgelenk beantwortet. Die Antwort kannte ich bisher nur aus dem Französischen - "comme ci, comme ça", das mit dem Englischen "so-so" und unserm "geht so" zu übersetzen wäre.

Ich wurde schließlich wahrscheinlich als ein unhöflicher Mensch angesehen, da ich von da an viel zu oft mit "hivi hivi" antwortete. Doch das war mir irgendwann egal, denn ich wollte entweder ein Gespräch führen oder meine Ruhe haben und meinen Gedanken nachhängen.
Die begrüßenden Worten im Deutschen wie ich es kenne, sind viel direkter und akzeptiert viele Antworten, die zu einer Nachfrage einladen. Diesem wurde ich mir erst während meinem Auslandsjahr voll bewusst.
Thanx to Karen and Charlie for there Feedback and comments on some of my memories about our year at the UDSM. "Vipi mambo?"
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Da ich auch schon früher über Grüße geschrieben habe, verweise ich auf den Beitrag zu zwei Beispielen von poetischen Grüßen und den Beitrag über missverständliche Gesten.

Montag, 14. Mai 2012

Straßennamen-Benennung als Ehrung für Jahrhunderte

(14. Mai 2012)
Straßennamen erinnern mich stets daran, dass die wohl größtmögliche Ehrung bzw. Demütigung, die einem Menschen widerfahren kann, die Benennung eines Ortes, Objektes, Preises, einer Krankheit oder Eigenschaft ist.
Um mit einem negativen Beispiel anzufangen, sei auf den österreichischen Schriftsteller Leopold von Sacher Masoch (1836-1895) verwiesen, der sich bestimmt nicht gewünscht hat, dass der Psychiater Richard von Krafft-Ebing ihn 1896 als Namenspaten für den Masochismus einführte. Aktuell kämpft die Stadt Schmallenberg, dass ein sich ausbreitender Virus bei Schafen, Rindern und Ziegen nach ihr benannt ist, weil dort die ersten Fälle beobachtet wurden. Und das die Spanische Influenza (1918-1920) nicht von Spanien ausging, sollte auch schon lange bekannt sein. Das John Montagu, der vierte Earl of Sandwich (1718-1792) bis heute im Sandwich weiterlebt, ist dagegen eher amüsant. Doch auch eine Inselkette im Südatlantik wurde 1775 von James Cook nach dem Marineminister Sandwich benannt.

Straßennamen in jedem Ort erzählen etwas über seine Geschichte und die Namen auf den Schildern verweisen auf die Personen, die vom Stadtrat als wichtig erachtet wurden. Viele Orte haben aber auch Personennamen auf den Schildern, die keinen Bezug zu diesem Ort haben, aber aus politisch opportunen Gründen, verewigt wurden.
Während der Nazi-Zeit wurden viele Plätze und Straßen umbenannt, um die "neue" Zeit anzuzeigen. In neu bebauten Straßen und Plätzen wurden lebende und tote Götter und Götzen der Nazis geehrt. In Hannover wurden zum Beispiel die zentrale Bahnhofstr. in Adolf-Hitler-Straße und der Corvinusplatz vor der Stadthalle in Hermann-Göring-Platz umbenannt.
1945 bestand die Entnazifizierung u.a. auch darin, dass die alten Straßennamen wieder eingeführt wurden. In den neuen Straßen wurde offensichtlich nicht so genau hingeschaut und so verblieben Personen, die von den Nazis geehrt wurden, auf einigen Straßenschildern. Es fehlte damals auch die Entschlussfreude, die Ehrung von Militaristen und Kolonialisten zu beenden. Die britische Militärverwaltung kannte wohl nicht die unrühmliche Vergangenheit einiger Geehrter.

Sie jetzt wieder von diesen Straßenschildern zu entfernen ist mühsam und oftmals mit erheblichen Protest der Bewohner der Adressen verbunden.
Hier in Hannover war es zum Beispiel der Carl-Peters-Platz in der Südstadt, der seit 1916 diesen Rassisten und Mörder ehrte, der für das Deutsche Kaiserreich die Grundlagen der Kolonie in Ostafrika schuf. Das auf dem Platz von den Nazis errichtete Denkmal wurde schließlich 1988 um einen Text ergänzt und der Platz 1991 nach der Pazifistin, Schriftstellerin und Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner (1843-1914) benannt.

Hannover hat etwa 4.000 Straßen- und Platznamen und aus seiner Tradition als preußischer Garnisonsstandort finden sich noch Krieger und Nazis den Straßenschildern, die nicht geehrt werden sollten:
  • Alfred von Waldersee, verantwortliche General bei der Niederschlagung des so genannten Boxeraufstandes und Ehrenbürger (Walderseestr., Hannover-List, seit 1904)
  • Die dichtende Hitler-Verehrerin und Nazi Agnes Miegel (Miegelweg, Hannover-Badenstedt, seit 1965)
Die Lettow-Vorbeck-Alle (Hannover-Badenstedt, seit 1937), benannt nach Paul von Lettow-Vorbeck, Kommandant in Ostafrika im 1. Weltkrieg, der mit seiner Politik der verbrannten Erde mehr als 100.000 Menschen tötete, ist schon fast Geschichte. Ein wesentlicher Teil wurde bereits 1983 umbenannt und der Rest wird hoffentlich demnächst in Namibia-Allee umbenannt.

Hinzu kommen, all die Namen, die an die koloniale Vergangenheit erinnern sollen. In Hannover ist dies vermutlich auf Erich Obst, dem Autor des 13-bändigen Kolonialhandbuchs (1941-43), der bis 1938 und wieder ab 1945 Professor für Geographie war, zurückzuführen.
Die Erinnerung an die Kolonien in Afrika wurde im sogenannten Afrikaviertel in Hannover-Badenstedt durch die Ostafrikastraße, den Kamerunweg (früher Kamerunstraße, beide seit 1937), den Togoweg und die Windhukstraße (beide seit 1959) und allgemeiner durch den Savannenweg und den Safariweg (beide seit 1965) gepflegt. Früher wurden bereits die Afrikaforscher und Kolonialpolitiker Gustav Nachtigal (N-straße in Hannover-Südstadt, seit 1928) und Hermann Wissmann (W-straße in Hannover-Südstadt, seit 1928 - siehe auch meinen Beitrag zu Wissmann in Bad Lauterberg) mit einem Straßenschild geehrt. Hinzu kamen der Afrikaforscher Gerhard Rohlfs (R-straße in Hannover-Südstadt, seit 1939) und der einflussreiche Hamburger Kolonialhändler und -politiker Adolph Woermann (W-straße in Hannover-Badenstedt, seit 1939)

Nicht jedes Straßenschild muss neu beschriftet werden, manchmal reicht eine Erläuterung um aus einer Ehrung ein Denk-Mal zu machen und die Menschen daran zu erinnern, dass es schon immer Beispiele dafür gab, dass die Falschen geehrt werden.
Doch in Hannover hat man auch noch eine andere Lösung für die falschen Namen auf einem Straßenschild gefunden. Im Fall von Nachtigal und Wissmann gibt es noch andere Personen mit diesem Familiennamen, denen mit einem Straßenschild ein Denkmal gesetzt werden konnte. Jetzt hängen an den Straßenschildern Erläuterungen, die keinen Hinweis auf den ursprünglichen Namensgeber zeigen.
Das letzte kritisiere ich an der Umwidmung, Ohne den Halbsatz (Zunächst nach Gustav Nachtigal benannt, jetzt nach Johann Carl Christoph Nachtigal...) haben Menschen der Gegenwart und der Zukunft keine Möglichkeit die Entwicklung der Erinnerungskultur nachzuvollziehen und sich mit der Geschichte des Ortes und der dort geehrten Personen zu beschäftigen.
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Die Verknüpfungen führen in der Regel zu den biographischen Einträgen in der Wikipedia.
Außerdem sei auf Helmut Zimmermann (1992) "Die Straßennamen der Landeshauptstadt Hannover", Verlag Hahnsche Buchhandlung verwiesen.
Der Streit um die Umbennung der Lettow-Vorbeck-Allee ist in einem Artikel der HAZ (abgerufen am 14.05.2012) zusammengefasst. Bemerkenswert ist dort auch die Inhaltsleere von einigen der trollenden Kommentare.
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Update 2015: Nun werden wieder Straßennamen in Hannover diskutiert. Hinrich Wilhelm Kopf verlor schon die Ehrung, dass der Platz vor dem Landtag nach ihn benannt war. Fritz Beindorff (Pelikan) wird auch die Ehrung verlieren, dass eine Straße zwischen Vier-Grenzen und Eilenriede nach ihn benannt ist. (siehe Blog 9. November 2015)

Mittwoch, 23. November 2011

Nigeria Connection

Es gibt eine Art von SPAM, die einen Unterhaltungswert hat. Es handelt sich um die betrügerischen Briefe (=E-Mails), welche ein Vermögen versprechen, wenn ein Kontakt hergestellt wird und eine Provision auf die zu erwartende Summe (Erbschaft, Lotteriegewinn, Unterschlagung, Gewinn aus Korruption und Bestechung, etc.) gezahlt wird.
Ich habe in den 15 Jahren, in denen ich über E-Mail kommuniziere, nur 3-4 Mal so ein Schreiben der Nigeria Connection erhalten. Der Name verweist auf die ursprünglichen Ideengeber. Schlecht gefälschte Schreiben in einem grauenhaften Englisch, welche auf Geld verstorbener nigerianischer Betrüger (=Politiker/Militärs) anspielten, das auf Konten lagert und nun gewaschen werden soll

Aktuell erreichte mich eine Variante der Nigeria Connection angeblich aus den USA:

# # # # # Zitat # # # # #
From: Eric Eberhart eberharte@monhealthsys.org
An: undisclosed-recipients:;
Datum/Uhrzeit: 08.11.2011 / 22:50(Empfang)
Nachrichtenart: E-Mail
Betreff: UN-HABITAT05/011

FYI
This is to inform you that I am a delegate from the United Nations Compensation Commission and to notify you finally about your outstanding Compensation Cheque payment of $2,811,041.00 USD.
Please Send your Name, Address, City, State, Zip Code, Country and Telephone Number to upsexp2011@dgoh.org for your cheque delivery.
Thanks for your attention.

Eric Eberhart
Deputy Special Representative
United Nation Compensation (UNCC)
# # # # # Zitatende # # # # #

Auf den blödsinnigen Inhalt der an Gier und Naivität appelliert, gehe ich nicht ein.
Die E-Mail stammt angeblich vom Mailserver des Monongalia General Hospital in Morgantown, West Virginia. Die Antwort-E-Mail soll wiederum an einen Mailserver eines britischen Krankenhauses gesandt werden.
Ich habe so meine Zweifel zur genannten United Nations Compensation Commission. Es gibt dies zwar als Konsequenz des 2. Golfkrieges, doch der Eintrag in der englischen Ausgabe der Wikipedia ist arg kurz und die Referenzadresse ist als gefährlich markiert.
Die beiden genannten Mailserver sind offensichtlich erfolgreich attackiert wurden.