Montag, 2. Juli 2007

Silbernes Abitur

Auf dem Weg zum türkischen Restaurant Ali Baba ging ich auch am Lokal Wein-Krüger vorbei. Ich erinnerte mich noch gut daran, dass ich doirt einmal mit dem Geschichte Leistungskurs einen Abend verbracht.
Es war noch fünf Minuten vor der vereinbarten Zeit, als ich das Restaurant betrat. Vor mir fragte gerade ein gleichaltriger Mann nach dem Klassentreffen. Auf Treppe begrüßte ich ihn, ohne ihn zu erkennen. Er nannte seinen Namen, aber noch kam keine Erinnerung auf. Vielleicht hätte ich vor der Abfahrt noch einmal die Adressenliste und das Jahrgangsfoto anschauen sollen. Ich bezahlte den vereinbarten Betrag von €35,00, womit Essen und Trinken pauschal beglichen war. Ziemlich viel Geld für Büfett und einfache Getränke.

Acht Personen standen im Kreis und hatten dieselbe Idee: Früh erscheinen und sich an dem Spiel des Wiedererkennens beteiligen wollten. Einer der Organisatoren begrüßte uns individuell und als ich sah, dass zwei andere Personen auch Namensschilder aus einem Kontext hatten, nahm ich mein Schild vom Europa-Kolleg heraus.

Die anderen Teilnehmenden kamen nun im kurzen Takt und der Kreis der sich Begrüßenden wurde immer größer. Mit jeder Minute kamen mir viele Gesichter vertrauter vor, Namen wollten aber nicht aufkommen. Vor 25 Jahren hatte ich 33 Monate mit diesen Menschen abgeschlossen. Wir waren knapp über 100 im Jahrgang, aber in unserem Kurssystem waren vielleicht 30-40 von ihnen mit mir in einem der Fächer zusammen. Alle anderen waren mir schon zu Schulzeiten nur vom Gesicht bekannt.
Viele Namen wurden mir genannt, klangen bekannt, aber ich hätte nicht sagen, ob ich mit ihnen einen Kurs belegt hatte. Nur von den beiden anderen Hannoveranern, die beide nicht anwesend waren, wusste ich, dass sie mit mir Mathematik, Biologie und Geschichte hatten.
Es gab dann einige peinliche Momente, als zum Beispiel gleich zwei Personen mich daran erinnerten, dass sie mit mir im Geschichte Leistungskurs gewesen waren, ich mich aber überhaupt nicht daran erinnern konnte. Die einzige Frau mit Migrationshintergrund war gleichzeitig die einzige Frau im Kurs, aber selbst an sie konnte ich mich nicht erinnern. Viele konnten sich an Dativ erinnern, aber ich nicht umgekehrt!

Als vor fünf Jahren die Einladung zum zwanzigen Jubiläum kam, nahm ich diese nicht an, da ich wenige Jahre vorher nach zwanzig Jahren meine Mitabsolventen von der Realschule in Zeven getroffen hatte und dies in unangenehmer Erinnerung verblieben war. Nun war der zeitliche Abstand weit genug und ich war ehrlich interessiert, etwas über die Biographien zu hören.

Und dann sah ich endlich ein Gesicht, was ich nicht nur wieder erkannte, sondern auch einem Namen zuordnen konnte und Teile der Biographie kannte. Eine der Frauen aus Ganderkesee kam in den Saal. Ich habe mich wirklich gefreut, musste aber noch fünf Minuten warten, bis ich fast am Ende aller Anwesenden vor ihr mit einer Umarmung begrüßt wurde. Wir wechselten einige Worte und kommentierten und rätselten gemeinsam bei jeder neu Ankommenden. Sie (er)kannte viel mehr Menschen, aber sie lebt auch wieder in Ganderkesee und hatte Kontakte gepflegt. Ich hatte mit meiner Ausreise nach Tanzania im Jahre 1988 die letzten Kontakte zu den Ganderkeseern verloren und nach meiner Rückkehr auch nicht wieder aufgenommen. Ich stand damals vor meiner Abschlussarbeit und hatte andere elementare Probleme.

Ich saß mit einem vertrauten Ganderkeeser und zwei weniger vertrauten Delmenhorstern am Ende eines der Tische. Der eine erzählte von seinen Problemen, die er mit der Schule, einigen Lehrern und dem Direktor hatte. Er war stets von einem umfassenden Gerechtigkeitssinn geprägt und so war es auch nicht verwunderlich, dass er Anwalt geworden war. Das waren zum Teil sehr unterhaltsame Anekdoten, die in dieser kleinen Gruppe erzählt wurden. Nach dem Essen kam ich auch mit anderen ins Gespräch.
Es war sehr angenehm und keine Bundesleistungsshow. Also keine Fotos mit dem Spruch: meine Frau, mein Haus, mein Auto, sondern höfliche und oftmals interessierte kleine Gespräche.

Plötzlich bemerkte ich, dass in weniger als 15 Minuten der letzte Zug nach Hannover fahren würde und so erfolgte eine schnelle Verabschiedung. Als ich bereits meine Jacke anhatte und mich von der Frau aus Ganderkesee verabschieden wollte, fragte ein Mann aus Ganderkesee, wo ich denn jetzt hin will. Zum Bahnhof und das nun auch relativ eilig. Er sagte, dass er am nächsten Tag nach Hannover fahren würde und ich im Elternhaus ein Bett finden würde. Sehr kurze Überlegung und zog ich dankend die Jacke wieder aus. Ich wäre vermutlich der erste gewesen, der das Treffen verlassen hätte.

Es wurde dann doch noch spät. Es war schon gegen 3 Uhr in der früh, als wir uns zu dritt von einigen Verabschiedeten und zur Tür gingen. Das Personal hatte bereits seit einer halben Stunde verschiedene Signale gegeben, die als deren Wunsch, dass das Treffen doch bald zu einem Ende kommt, verstanden werden konnten. Jeder nicht mehr genutzte Tisch wurde abgeräumt, die langen Tischreihen wurden wieder in Einzeltische getrennt und für die nächsten Gäste eingedeckt.
Am nächsten Tag erfuhr ich, dass selbst nach Sonnenaufgang eine kleine Gruppe noch verblieb. Sie waren aus Hamburg angereist und warteten auf die erste Verbindung nach Hause. Wir fuhren mit einer Familienkutsche nach Ganderkesee und einige Straßen erschienen sogar vertraut. Mir wurde das fertig bezogene Gästebett, dass eigentlich für meinen Gastgeber vorgesehen war, gezeigt und wenige Minuten später schlief ich bereits.

Am nächsten Tag ging es noch einmal kurz durch Ganderkesee und zwei Haushalte wurden besucht. Alle haben es geschafft sich zu etablieren. Großes Haus, jugendliche Kinder und ein geregeltes Einkommen. Gradlinige Biographien mit einem schnellen Eintritt ins Berufsleben. Das war leider frustrierend, weil es zeigte, dass ich mit meinem Lebensweg, der in vollständiger Armut enden kann, alleine war.
Im Auto ging es dann zurück nach Hannover und ich verstand einmal mehr, wie hoch komplex die heutige industrielle Produktion in einem der großen Werke in Hannover ist. Ein Ingenieur, der nicht nur konstruiert, sondern Produkte testet, Fehlerquellen sucht und bei Schadensfällen eine Analyse der möglichen Ursachen vornimmt. Nicht wirklich kreativ, aber sehr vielseitig.

1 Kommentar:

Nicole hat gesagt…

Hallo mal wieder...

wenn ich denn durchgehalten hätte, hätte ich diese jahr 10jähriges Abitur gehabt, ich war zwar eingeladen, aber 35 Euro ohne Getränke, erschienen mir etwas zu teuer.Schade, interessiert hääte es mich schon, was mein Jahrgang alles so geschafft hat, vor fünf Jahren war die Hälfte studiert und einige arbeitslos, jetzt haben wie sogar einen Landtagspolitiker unter uns. naja ich wurde sowieso immer nur beäugt, da ich ja aufgrund meines sozialen Abstiegs nicht mehr gleichwertig war oder bin, wie auch immer. Die oberflächliche Denkweise, die mich damals schon gestört hat, wurde mir durch Erzählungen wieder bestätigt.. vielleicht gehe ich zum 15jährigen hin... wer weiss das schon. Das mal so am Rande.
Lieben Gruss
die kleine Schwester