Dienstag, 10. Juli 2007

Geburtstagsradtour

Ich hatte dies bereits vor drei oder vier Jahren einmal gemacht. Statt mit Freunden in meiner Wohnung den Geburtstag zu feiern, hatte ich zu einer Radtour geladen. Damals ging es von Wunstorf um das Steinhuder Meer nach Neustadt am Rübenberge.
In diesem Jahr ging zum Gut Adolphshof am Hämelerwald. Wir waren zu viert um 15:00 Uhr vom Lister Turm aufgebrochen. Martin aus Helsinki / Mainz war am späten Vormittag bei mir angekommen und hatte mein B-Fahrrad bekommen. Hinzu kamen eine Freundin und ein Bekannter. Ein anderer Freund fuhr mit Familie zum vereinbarten Treffpunkt. Recht im Hintergrund des Bildes ist das Logo vom Masala-Festival zu sehen. Auf dem Gut Adolphshof spielte die Amsterdam Klezmer Band.
Wir hatten großes Glück mit den Wetter. Noch am Samstag zogen dichte Wolken über Hannover und mehrmals kam es zu heftigen Schauern. Am gestrigen Montag war das Sonnenzwischenspiel bereits wieder beendet und bei 101 Prozent Luftfeuchtigkeit nieselte es immer wieder.

Doch wir hatten die Sonne (und einer am Ende einen leichten Sonnenbrand), gute Räder und hohe Motivation. Die ersten 7-8 Kilometer ging es durch die verschiedenen Teile der Eilenriede, bis wir in Anderten erstmals durch die Siedlung fahren mussten.

Zur Orientierung hatte ich die offizielle Radwanderkarte Hannover und Umgebung und leider war die nicht unbedingt hilfreich. Wege für Radler sind in einer einheitlichen Farbe, aber in der Natur kann dies eine Asphaltstrecke, Rollsplit oder sogar ein Ackerweg auf Bauschutt.
In Evern verpassten wir leider eine Abzweigung und plötzlich waren wir bereits am Mittellandkanal und dann auf der falschen Seite. Bei Haimar ging es zurück auf die richtige Seite und dann standen wir schließlich auf den Äckern und ich versuchte das Kartenbild mit den zu sehenden Wegen und Pfaden in Übereinstimmung zu bringen. Wir fuhren einen großen Schlenker, aber ein Einheimischer brachte uns wieder auf den richtigen Weg. Nach zweieinhalb Stunden (inklusive Getränkepause) waren wir am Adolphshof. Habe mit GoogleEarth die exakte Strecke ausgemessen und wir sind 34 Kilometer vom Lister Turm bis zum Adolphshof gefahren.

Das Masala-Festival findet seit Jahren auch an verschiedenen Standorten in der Region statt. Für mich erstaunlich waren Hunderte von Menschen gekommen. Das Konzert sollte bereits um 18:00 Uhr stattfinden, was mir auch sehr verständlich erschien, da alle Hannoveranner noch einen langen Rückweg vor sich hatten und am nächsten Morgen der Wecker zur Arbeit klingelt.
Wir hatten uns als Gruppe auf einer Wiese niedergelassen.















Es gab Pinkus-Ökobier und auch Wurst, Kekse und andere Leckereien waren Öko.














Die Musik war für mich vor allem Hintergrund, denn ich genoß es mit einen von meinen Gästen zu plaudern. Die Amsterdam Klezmer Band spielt Klezmer und Gypsy mit Jiddischen und Niederländischen Texten. 12 / 15 Euro für Hintergrundmusik ist viel Geld, aber es hat sich zumindest öffentlich keiner beschwert.
Ich habe u.a. drei interessante Bücher und eine DVD geschenkt bekommen. die Rezensionen folgen nach dem Genuss.


- - - - - Weitere Beobachtungen vom MASALA-Festival 2007 - - - - -

Donnerstag, 5. Juli 2007

Mlimani Park Orchestra aus Dar es Salaam

Gestern eröffnete das Mlimani Park Orchestra aus Dar es Salaam das 13. Masala Welt-Beat Festival im Pavillon Hannover. Zehn Herren zwischen vielleicht 25 und deutlich über 50 Jahren standen auf der Bühne und spielten ostafrikanische Tanzmusik (Kiswahili: muzika wa dansi).
Das war keine anspruchsvolle Musik, einfach gute Tanzmusik, die noch viel besser angekommen wäre, wenn der Pavillon nicht wieder die gesamte Tanzfläche bestuhlt hätte. Wer immer dafür zuständig ist, zeugt von einer ausgesprochenen Ignoranz gegenüber den Künstlern des Abends und einem Großteil des Publikums.
Die Musik des Mlimani Park Orchestra ist ungewöhnlich. Ich kenne diese Musik ja von Konzerten in Dar es Salaam. Stücke sind in der Regel zweigeteilt mit einer ruhigen Passage im Stil einer Ballade und einen folgenden schnellen, treibenden Rhythmus. Wesentlich sind hierbei die kurzen Bläsersätze (eine Trompete und ein Alt-Saxophon) und zwei Gitarren. Letztere spielen diese hohen Töne in einem Rhythmus, der charakteristisch für Soukous aus dem Kongo ist. Remmy Ongala soll diesen Musikstil aus dem Kongo mitgebracht haben, als er sich in Dar es Salaam niederließ und sein Orchestre Super Matimila gründete.
Mlimani Park Orchestra ist eine von den Bands aus Dar es Salaam, die nach einem Club benannt ist. Viele dieser Musikclubs haben Hausbands, die regelmäßig in diesen Open Air Restaurant und Bars für zahlendes Publikum spielen. Diese Musik kann entsprechend auch vor diesen Bars ohne Bezahlung genossen werden.
In der Anfangszeit dieser Tanzkapellen waren die Musiker nur Angestellte, die auf Instrumenten der Musikclubs spielten. Diese Angestellten wechselten dann auch schon einmal die Bands. So standen nun im Pavillon Muhiddin Maalim und Hassani Bitchuka (beide Gesang), Kassim Rashid (Gitarre), Charles John Ngosha (Bass) auf der Bühne, die auch zwischenzeitlich für International Orchestra Safari Sound gespielt hatten.
Das Mlimani Park Orchestra (hier findet sich eine gute Bandgeschichte) und andere Bands singen auf Kiswahili über Alltagsprobleme und –freuden. Viele Lieder sind im bestens Sinne stadtbekannt und werden zum Teil mitgesungen. Der Gesang ist dabei oftmals zweigeteilt. Ein Leadsänger und die beiden anderen Sänger singen im Refrain mit.
Der Gesang wechselt bei den einzelnen Stücken zwischen den Sängern. Begeisterungstürme gab es für die Tanzeinlagen, wenn drei bis fünf Musiker synchron Mtingo mit seinen immer wieder abgestoppten Bewegungen tanzten. Auch wenn der alte Herr am Mikrophon (Hassani Bitchuka) aufreizend tanzte oder besonders gut mit seiner Stimme spielte, gab es Szenenapplaus. Einer der jüngeren Sänger übernahm die Aufgabe des Animateurs und tanzte eigentlich das ganze Konzert durch und dabei immer wieder an der Bühnenkante mit aufmunternden Armbewegungen für die Tanzenden links und rechts von der Bühne.
Der Bassist zeigte die größte Spielfreude und baute immer wieder neue Strukturen über das Schlagzeug und die Gitarren. Für solche Eskapaden bietet die Musik viel Platz, denn im treibenden zweiten Teil eines Stücks gibt es eine Grundlinie, die von Schlagzeug, Rhythmusgitarre und Congas gespielt wird und zu der die Bläser, Leadgitarre und Bass phrasieren.
Ungewöhnlich ist das Ende vieler Stücke. Nachdem eine Grundidee über viele Minuten in hoher Geschwindigkeit variiert wurde und Soli gespielt wurden, endet das Stück einfach so.

Es sind lange Stücke und so hat man als Tänzer, der ich nun einmal bin, einen Moment zum Verschnaufen und dann geht das nächste Lied langsam los. Ich war total durchgeschwitzt. Mit einem Grinsen sah ich nach meiner Rückkehr, dass vom Rücken so viel Wasser heruntergelaufen war, dass ein nasses Dreieck vom Hosenbund nach unten lief.

Die Konzerte mit Bands aus afrikanischen Staaten sind auch jeweils ein großes Hallo. „Du auch hier?“ wird rhetorisch gefragt: „Natürlich!“ Einige Personen vermisste ich dann doch, vielleicht hätte ich auch noch mal persönlich die Werbetrommel rühren sollen, wie es vor zehn Jahren noch selbstverständlich war.

- - - - - Weitere Beobachtungen vom MASALA-Festival 2007 - - - - -

Bahnhofsmanagement Braunschweig

Auf den kleineren Bahnhöfen, und ich würde Braunschweig hierzu zählen, findet sich zwischen den internen Hinweistafeln stets ein Farbfoto mit dem Team vom Bahnhofsmanagement. Dies ist ein verantwortlicher Job, aber hier kann ich zweimal in der Woche auf dem Hin- und Rückweg zur Arbeit erleben, dass einzelne Elemente in der Kundenbetreuung immer noch nicht verstanden wurden.

Beispiele gefällig?

Kurz bevor der Zug nach Hannover bereitgestellt wird, kommt auf dem gleichen Gleis ein Zug aus Hannover mit der Endstation Braunschweig an. Auf den Anzeigetafeln steht entsprechend zunächst „Ankunft 17:04 nicht einsteigen“, dann erlischt die Anzeige und dann wird die Abfahrt meines Zuges angezeigt. Die Anzeige für den Folgezug erscheint in der Regel, wenn der andere Zug noch im Gleis steht und ein Zugbegleiter durch den leeren Zug geht, um Fenster zu schließen, etc. Regelmäßig sehe ich Menschen auf das Gleis stürmen und bei den Versuch, den Zug, der nun auf ein Abstellgleis fahren soll, zu besteigen. Manchmal schaut der Lokführer aus seinem Fenster und informiert diese Irrläufer. Es gibt eine Bahnsteigüberwachung durch Kameras, also eigentlich sollte das Management wissen, wann eine Anzeige aktualisiert werden sollte.

… oder …

Während ein Zug einfährt und die kreischenden Bremsen jedes Gespräch auf dem Bahnsteig zum Verstummen bringen, beginnt bereits die Willkommensmeldung vom Bahnhof gefolgt von den Hinweisen auf Anschlussverbindungen. Ich kenne es selbst zur Genüge, im abbremsenden Zug ist kein verständlicher Satz von den Bahnsteigansagen zu hören. Erst wenn die Türen sich geöffnet haben, erreichen mich als Reisenden die für mich bestimmten Nachrichten, die dann aber bereits kurz vorm Ende sind. Und wieder gilt, die Kameras sollten dem Management zeigen, wann ein Zug steht und somit wann Informationen für die umsteigenden Reisenden sinnvoll wären.

(Nachtrag Dezember 2008):


. . . oder . . .

Fünf bis zehn Minuten vor der Bereitstellung eines Zuges kommt die Stimme vom Band, die darüber informiert, dass auf dem Gleis 5 der Zug (nach Hannover und weiter in den Westen) bereit steht. Die Bahnhofshalle wird verlassen und der Bahnsteig betreten. Es ist Dezember, es ist lausig kalt auf dem Bahnsteig und der Zug steht noch auf dem Abstellgleis und nur die drei Frontlichter sind in der Ferne zu sehen. In den nächsten Minuten passiert nichts und wenn dann endlich der Zug bestiegen werden kann, bin ich garantiert vollständig durchgefroren.
Und wieder gilt, die Kameras sollten dem Management zeigen, wann ein Zug tatsächlich zur Verfügung steht und somit wann Informationen für die Reisenden sinnvoll wären.

Diese Ignoranz lässt mich als planenden Menschen nur den Kopf schütteln.

Nachtrag vom 25. März 2009:
... und als ich heute dann darauf hinwies, dass die Zuganzeige für mein Gleis auf beiden Seiten bereits den Folgezug zeigte, wurde ich wie ein kleines Kind behandelt. Das Gleis ist oftmals zweigeteilt, da von dort nur kurze Regionalbahnen in zwei Richtungen abfahren. Ich wurde darauf hingewiesen, dass auf dem Gleis später auch ein Zug nach Gifhorn fährt.
Ich wiederholte, dass auf beiden Anzeigen dieser Zug nach Gifhorn angezeigt wird. In der folgenden Hektik der Korrektur wurden die Sprachschnipsel aus dem Computer zunächst unvollständig zusammengefügt. Es hallte die Nachricht, dass mein Zug im Abschnitt a abfährt. Hm, war die Nachricht nur für mich, denn es wurde kein Gleis genannt. Der Fehler wurde aber sofort korrigiert und danach wurde jede Minute angesagt, dass auf dem Gleis zwei Züge stehen.

In der Summe:
unfähig, unfreundlich und nicht lernfähig,
denn bei meiner nächsten Fahrt wenige Tage später war wieder nur der Zug nach Gifhorn angezeigt und ich erlebte gleich zweimal, dass Passagiere vorne beim Lokführer einstiegen und sich dort noch einmal bestätigen ließen, dass sie nun in den richtigen (nicht angezeigten) Zug gestiegen sind.

Montag, 2. Juli 2007

Silbernes Abitur

Auf dem Weg zum türkischen Restaurant Ali Baba ging ich auch am Lokal Wein-Krüger vorbei. Ich erinnerte mich noch gut daran, dass ich doirt einmal mit dem Geschichte Leistungskurs einen Abend verbracht.
Es war noch fünf Minuten vor der vereinbarten Zeit, als ich das Restaurant betrat. Vor mir fragte gerade ein gleichaltriger Mann nach dem Klassentreffen. Auf Treppe begrüßte ich ihn, ohne ihn zu erkennen. Er nannte seinen Namen, aber noch kam keine Erinnerung auf. Vielleicht hätte ich vor der Abfahrt noch einmal die Adressenliste und das Jahrgangsfoto anschauen sollen. Ich bezahlte den vereinbarten Betrag von €35,00, womit Essen und Trinken pauschal beglichen war. Ziemlich viel Geld für Büfett und einfache Getränke.

Acht Personen standen im Kreis und hatten dieselbe Idee: Früh erscheinen und sich an dem Spiel des Wiedererkennens beteiligen wollten. Einer der Organisatoren begrüßte uns individuell und als ich sah, dass zwei andere Personen auch Namensschilder aus einem Kontext hatten, nahm ich mein Schild vom Europa-Kolleg heraus.

Die anderen Teilnehmenden kamen nun im kurzen Takt und der Kreis der sich Begrüßenden wurde immer größer. Mit jeder Minute kamen mir viele Gesichter vertrauter vor, Namen wollten aber nicht aufkommen. Vor 25 Jahren hatte ich 33 Monate mit diesen Menschen abgeschlossen. Wir waren knapp über 100 im Jahrgang, aber in unserem Kurssystem waren vielleicht 30-40 von ihnen mit mir in einem der Fächer zusammen. Alle anderen waren mir schon zu Schulzeiten nur vom Gesicht bekannt.
Viele Namen wurden mir genannt, klangen bekannt, aber ich hätte nicht sagen, ob ich mit ihnen einen Kurs belegt hatte. Nur von den beiden anderen Hannoveranern, die beide nicht anwesend waren, wusste ich, dass sie mit mir Mathematik, Biologie und Geschichte hatten.
Es gab dann einige peinliche Momente, als zum Beispiel gleich zwei Personen mich daran erinnerten, dass sie mit mir im Geschichte Leistungskurs gewesen waren, ich mich aber überhaupt nicht daran erinnern konnte. Die einzige Frau mit Migrationshintergrund war gleichzeitig die einzige Frau im Kurs, aber selbst an sie konnte ich mich nicht erinnern. Viele konnten sich an Dativ erinnern, aber ich nicht umgekehrt!

Als vor fünf Jahren die Einladung zum zwanzigen Jubiläum kam, nahm ich diese nicht an, da ich wenige Jahre vorher nach zwanzig Jahren meine Mitabsolventen von der Realschule in Zeven getroffen hatte und dies in unangenehmer Erinnerung verblieben war. Nun war der zeitliche Abstand weit genug und ich war ehrlich interessiert, etwas über die Biographien zu hören.

Und dann sah ich endlich ein Gesicht, was ich nicht nur wieder erkannte, sondern auch einem Namen zuordnen konnte und Teile der Biographie kannte. Eine der Frauen aus Ganderkesee kam in den Saal. Ich habe mich wirklich gefreut, musste aber noch fünf Minuten warten, bis ich fast am Ende aller Anwesenden vor ihr mit einer Umarmung begrüßt wurde. Wir wechselten einige Worte und kommentierten und rätselten gemeinsam bei jeder neu Ankommenden. Sie (er)kannte viel mehr Menschen, aber sie lebt auch wieder in Ganderkesee und hatte Kontakte gepflegt. Ich hatte mit meiner Ausreise nach Tanzania im Jahre 1988 die letzten Kontakte zu den Ganderkeseern verloren und nach meiner Rückkehr auch nicht wieder aufgenommen. Ich stand damals vor meiner Abschlussarbeit und hatte andere elementare Probleme.

Ich saß mit einem vertrauten Ganderkeeser und zwei weniger vertrauten Delmenhorstern am Ende eines der Tische. Der eine erzählte von seinen Problemen, die er mit der Schule, einigen Lehrern und dem Direktor hatte. Er war stets von einem umfassenden Gerechtigkeitssinn geprägt und so war es auch nicht verwunderlich, dass er Anwalt geworden war. Das waren zum Teil sehr unterhaltsame Anekdoten, die in dieser kleinen Gruppe erzählt wurden. Nach dem Essen kam ich auch mit anderen ins Gespräch.
Es war sehr angenehm und keine Bundesleistungsshow. Also keine Fotos mit dem Spruch: meine Frau, mein Haus, mein Auto, sondern höfliche und oftmals interessierte kleine Gespräche.

Plötzlich bemerkte ich, dass in weniger als 15 Minuten der letzte Zug nach Hannover fahren würde und so erfolgte eine schnelle Verabschiedung. Als ich bereits meine Jacke anhatte und mich von der Frau aus Ganderkesee verabschieden wollte, fragte ein Mann aus Ganderkesee, wo ich denn jetzt hin will. Zum Bahnhof und das nun auch relativ eilig. Er sagte, dass er am nächsten Tag nach Hannover fahren würde und ich im Elternhaus ein Bett finden würde. Sehr kurze Überlegung und zog ich dankend die Jacke wieder aus. Ich wäre vermutlich der erste gewesen, der das Treffen verlassen hätte.

Es wurde dann doch noch spät. Es war schon gegen 3 Uhr in der früh, als wir uns zu dritt von einigen Verabschiedeten und zur Tür gingen. Das Personal hatte bereits seit einer halben Stunde verschiedene Signale gegeben, die als deren Wunsch, dass das Treffen doch bald zu einem Ende kommt, verstanden werden konnten. Jeder nicht mehr genutzte Tisch wurde abgeräumt, die langen Tischreihen wurden wieder in Einzeltische getrennt und für die nächsten Gäste eingedeckt.
Am nächsten Tag erfuhr ich, dass selbst nach Sonnenaufgang eine kleine Gruppe noch verblieb. Sie waren aus Hamburg angereist und warteten auf die erste Verbindung nach Hause. Wir fuhren mit einer Familienkutsche nach Ganderkesee und einige Straßen erschienen sogar vertraut. Mir wurde das fertig bezogene Gästebett, dass eigentlich für meinen Gastgeber vorgesehen war, gezeigt und wenige Minuten später schlief ich bereits.

Am nächsten Tag ging es noch einmal kurz durch Ganderkesee und zwei Haushalte wurden besucht. Alle haben es geschafft sich zu etablieren. Großes Haus, jugendliche Kinder und ein geregeltes Einkommen. Gradlinige Biographien mit einem schnellen Eintritt ins Berufsleben. Das war leider frustrierend, weil es zeigte, dass ich mit meinem Lebensweg, der in vollständiger Armut enden kann, alleine war.
Im Auto ging es dann zurück nach Hannover und ich verstand einmal mehr, wie hoch komplex die heutige industrielle Produktion in einem der großen Werke in Hannover ist. Ein Ingenieur, der nicht nur konstruiert, sondern Produkte testet, Fehlerquellen sucht und bei Schadensfällen eine Analyse der möglichen Ursachen vornimmt. Nicht wirklich kreativ, aber sehr vielseitig.

Wiedersehen in Delmenhorst

Im Mai 1982 erhielt ich vom Gymnasium in der Max-Planck-Str. in Delmenhorst – für uns war einfach die Maxe – meine Allgemeine Hochschulreife. Mein Notendurchschnitt war sehr bescheiden, aber ich hatte Abitur!
Zwei vom Abi’82 waren so rührig, dass sie mit einem Vorlauf von mehr als einem halben Jahr eine Wiedersehensfeier im türkischen Restaurant Ali Baba in Delmenhorst organisierten. Diejenigen von uns, die sich auf den Weg machten, waren bestimmt genauso dankbar für diesen Einsatz wie ich.

25 Jahre sind eine lange Zeit und ich war gespannt wer erscheinen würde und ob meine Erinnerungsbilder ein Wiedererkennen ermöglichten.
Ich war bewusst früher nach Delmenhorst gefahren, zum einen konnte ich nun mit einem direkten und leider total überfüllten RE fahren und damit erstmals das Niedersachsen-Single-Ticket nutzen und zum anderen hatte ich damit mehr als eine Stunde Zeit, durch Delmenhorst zu bummeln. Wann war ich zuletzt in dieser Stadt gewesen? Ob es nun 1984 oder 1985 war, ist dabei egal, denn es waren auf jeden Fall mindestens zwanzig Jahre vergangen.

Ich glaube es war eine von diesen Geschichten mit Herrn Keuner von Bert Brecht, die wir im Deutschunterricht kennen lernte: „Das Wiedersehen. Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert." „Oh!" sagte Herr Keuner und erbleichte." Für Delmenhorst kann ich sagen, dass ich mehr als einen Kilometer spazieren musste bis die Ahnung einer Erinnerung von etwas Vertrauten aufkam.

Ich ging durch die Fußgängerzone und mein Blick suchte das Steh-Café, in dem wir so viel Zeit in den Freistunden verbrachten. Das Café konnte es in dieser Form nicht mehr geben, da Eduscho nicht mehr existierte. Gegenüber von dem Café gab es einen der ersten McDoof, den ich auch an denselben Standort nur in einem neuen Gebäude wiederfand. Das Café war verschwunden, wie auch der Buchladen, wo ich erstmals dieses angenehme Kribbeln spürte, beim Blättern und Anlesen von Literatur. Ich meine mich zu erinnern, dass der Buchladen zwei Etagen hatte und die Literatur in der 2. Etage zu finden war mit Blick auf die Fußgängerzone.
Ich passierte das Ali Baba und ging schließlich nach rechts, wo ich auf vertraute Straßennamen und Häuser im Umfeld meiner Schule hoffte. Als ich den Straßennamen Cramerstr. las, klang dies bekannt.
Ich ging bereits einen Kilometer entlang dieser Straße und hatte das wachsende Gefühl, dass ich auf dem falschen Weg war. An der nächsten Ampelkreuzung bog ich in die Bismarckstr. ab und lächelte. Hier wies ein Schild auf das Theater „Kleines Haus“. Dies war der Name des Gebäudes, das auch als Aula der Maxe genutzt wurde.

Kolossale Villen säumen die Straße und dann sah ich einen vertrauten Zebrastreifen, der in diesen Fall die Nähe einer Schule signalisierte. Die vorher passierte Bushaltestelle hieß bereits Max-Planck-Str.
Direkt am Beginn der Straße war meine ehemalige Schule zu sehen. Ich fingerte einen neuen Film in die Kamera und machte ein erstes Bild. Ich war Tourist und hängte deshalb meinen Apparat um den Hals.
Vor der Schule standen drei Mädchen und warteten auf jemand. Sie baten mich, doch von ihnen ein Foto zu machen. Lächelnd sagte ich ab, da ich zwar die Schule kenne, sie aber nicht. Hier schien sich nicht viel verändert zu haben.
OK, die Maxe hatte ein Logo bekommen, das auf einem Metallschild vor der Schule zu finden ist und eine Kamera kontrollierte den Fahrradhof. Ich ging einmal um das Gebäude und machte einige Fotos











(Das ist der Schulhof für die Sek-II, wo damals auch geraucht werden durfte. Hier hat sich doch etwas verändert, denn in meiner Erinnerung waren hier auch hohe Büsche, die eine Beobachtung erschwerten und ich habe klare Erinnerung daran, dass es Mitschüler gab, die auf diesen Hof in der Pause einen Joint geraucht haben)
Diese Zeilen schrieb ich schließlich auf der Burginsel. Dies war für mich einer der Rückzugspunkte, wenn ich alleine in einer Freistunde sein wollte. Es ist immer noch ein ruhiger Ort. Eine junge Bäume mit hellem grün filen mir auf, da waren Mammutbäume oder eine ähnlich stark abholzende Baumart gepflanzt wurden.

Hier auf der Insel war etwas Vertrautes in einer Stadt, die sich stark verändert hat.

Montag, 18. Juni 2007

Poprad nach Budapest

Reisetagebuch Osteuropa 2007

31. Mai - 1. Juni

Poprad -
Kosice -
Budapest -
Bucuresti


(Mein Gepäckberg in Kosice)



(Wasserdruckbehälter im Norden von Ungarn)

Hohe Tatra





(Lukas und meine Gastgeberin Darina in den Wolken)

Es regnete nicht, wir befanden uns aber in der Hohen Tatra über der Wolkengrenze und dieser "Nebel" tropfte von allen Bäumen.

Kezmarok

Kezmarok, am 29. Mai

Am Ortsausgang von Poprad passierten wir ein warnendes Schild, das darauf verwies, dass auf dieser Straße im Jahre 2006 zehn Menschen gestorben sind. Es war eine Straße von der Breite einer deutschen Kreisstraße, die geschwungen von Ort zu Ort führte. Ich hatte bereits sehr erschreckende Überholmanöver gesehen, die nur mit einem Abbremsen der entgegenkommenden Fahrzeuge nicht zu einem Unfall führte. Ich unterhielt mich mit meiner Fahrerin über das Problem und sie konnte die Gefahr, die vor allem von jungen Fahrern (=männlich!) ausgeht bestätigen. Es waren auch weitere Beispiele von unnötigen Beschleunigungen, harten Abbremsen an Kreuzungen und Abbiegen ohne Blinkerbenutzung zu sehen. Doch eigentlich kann ich hierzu nichts Objektives äußern, da ich viel zu selten in einer von diesen Blechkisten sitze.

Kežmarok (=Käsmark) befindet sich nur etwa 15 Autominuten nordöstlich von Poprad. Wir fuhren zunächst durch industrielle Ausläufer von Spišská Sobota und passierten einmal mehr die große Autobahnbaustelle, die überall zwischen Liptovský Mikulaš und Prešov die Landschaft durchpflügt. Dies ist altes Kulturland. Zips hieß es bis in die Neuzeit, als hier deutsche Siedler lebten und nun heißt es Spiš. In den Ortschaften sind alte Kirchen markant vertreten und in der Stadt Kežmarok gleich mehrere davon für die beiden konkurrierenden christlichen Denominationen http://de.wikipedia.org/wiki/Denomination_%28Religion%29.
Unsere Suche nach einem Parkplatz führte uns zunächst an der Altstadt vorbei. Als wir den Fluss Poprad überquert hatten, war einer der Supermärkte einer deutschen Kette mit einem riesigen Parkplatz versehen und so hatten wir eine kostenlose Parkmöglichkeit. Ich hatte dies schon in Prag gesehen. Filialen von Discountermärkten, die aus Deutschland oder London bekannt waren, fanden sich hier, waren aber statt der bekannten Größe von um die 100 Quadratmeter hier mit einem Hypermarkt (Steigerungsform von Supermarkt) von vielen Hundert Quadratmetern vertreten.
Die eben noch befahrene Hauptstraße war nun zu einen Hindernis geworden. Rücksichtslosigkeit bedeutet auch, dass Zebrastreifen ignoriert werden und die Fahrzeuge mit sehr hoher Geschwindigkeit durch die Stadt fahren. Wie gejagtes Wild eilten wir über die Straße und bogen in die Altstadt. Hier kam schlagartig Ruhe auf. Die kommende Autobahn wird in Poprad und anderen Städten viel Durchgangsverkehr beseitigen, auch wenn der empirisch belegte Grundsatz gilt, dass gute Straßen Verkehr erzeugen. Städte wie Kežmarok oder Poprad können erst dann versuchen, die wilde Bestie Autofahrer zu zähmen.

Kežmarok hat eine große Altstadt. Wir gingen auf einen verkehrsberuhigten Bereich zu und mein Magen sagte mir laut und bestimmt, dass es Mittagszeit ist. Nach wenigen Worten hatte ich meine Gastgeberin auch überzeugt und im zweiten Anlauf fanden wir eine Pizzeria. Wir fanden einen Tisch und ich beobachtete andere Gäste. Da kamen zum Beispiel zwei Schülerinnen nach uns ins Restaurant und bestellten sich hier ein Mittag. Es waren dies zwei Exemplare der kleinsten Variante von sich als Erwachsene gebende Kinder. Die neue Mittel- und Oberschicht zeigt ihren Reichtum auch in den Kindern (Kleidung, Schmuck, Handy). Die beiden waren offensichtlich nicht das erste Mal alleine in einem Restaurant und waren vielleicht gerade einmal 10-12 Jahre alt.

Nach dieser angenehmen Pause gingen wir in die Altstadt und langsam entlang dieser Straße zur Hrad Kežmarku hinauf. Diese auch als Zipser Burg oder Thököly Schloss bekannte Gebäudekomplex soll im Spätalter eine der größten Burgen Mitteleuropas gewesen sein. Uns kamen Gruppen von Schulkindern entgegen und im großen Burghof standen weitere Klassen. Ich ignorierte all dies, denn meine Uhr sagte mir, dass die Kinder kurz vor dem Ende ihres Aufenthaltes sein mussten.
Dies war leider ein Irrtum. Das Schuljahr ging zu Ende und in dieser Zeit fanden die verschiedenen Klassenfahrten statt. Die Burg in Kežmarok war für normale Besucher gesperrt und es lief ein spezielles Programm für Schulkinder. Schade, denn ich konnte zumindest erahnen, dass dies ein so mächtiger Komplex war, wie ich ihn vor 17 Jahren in Polen in der Malbork (Marienburg), dem Hochschloss und Palast der Hochmeister des Deutschen Ordens, erlebt habe.
Also ging es in langsamen Schritt wieder zurück. Mir fiel an der Architektur auf, dass alle Häuser ineinander übergingen. Es gab immer wieder Hofeinfahrten oder kleine Tore, die zu Nebenstraßen führten, die aber dann durch Stützen an der Straßenseite und im Abstand von wenigen Metern auch noch mal zwischen den Häusern verbunden waren.

(Und wieder ein Blick auf die Hohe Tatra, diesmal von Kezmarok)

Ich hatte wenig von Kežmarok gesehen, aber genug, um mir sicher zu sein, dass ich noch einmal zurückkehren würde und dann mir auch die Burg anschauen würde.

Von Kežmarok ging es zurück nach Poprad, wo wir eine Verabredung mit einem weiteren Stipendiaten des Europa-Kollegs hatten. Das Auto wurde wieder am Bahnhof abgestellt, es ging in die Innenstadt und dann saßen wir auf diesen wunderbaren Ruhepol einen kleinen Grünanlage im Zentrum der Fußgängerzone.
Mit fröhlichem Hallo tauschten wir uns aus. Er hatte wie meine Gastgeberin auch gerade sein Abitur mit Bravour bestanden und bereits einen Studienplatz in Bratislava. Er wird ab dem Herbst Theaterdramaturgie und Theaterregie studieren. Dies ist ein sehr kleiner Studiengang mit nur acht Studienplätzen in einem Jahr. Er hat eine mehrtägige Prüfung in der Hauptstadt absolvieren müssen und obwohl er im Gegensatz zu vielen anderen Kandidaten keine Bühnenerfahrung hat, wurde er ausgewählt, da seine Kreativität erkannt wurde. Irgendwie war ich nicht wirklich erstaunt. Das er etwas Künstlerisches studieren würde, war mir klar.

Unser gemeinsamer Weg führte uns in einen Open Air Bar, die nach seinen Angaben von vielen Schülern nach Schulende besucht wurde. Er ist dort auch persönlich bekannt, da zum Beispiel seine Band dort öfters probte. Er ging mit einer CD zur Musikanlage und plötzlich wurden wir von Pink Floyd beschallt. Herzlichen Dank!
Ich fragte, ob einer der zwei Teilnehmer dieses Jahres sich bei einen gemeldet hatte. Ich hatte den beiden angeboten, dass wenn es ein Problem mit der Anreise geben sollte, dass wir das dann hier besprechen und lösen könnten. Er entgegnete, dass zumindest einer kommen würde. Wir plauderten angenehm und da kamen auch eine kleine Gruppe von Schülerinnen und Schüler in die Bar und einer war der mir bis dahin nur von einem Passfoto bekannte Teilnehmer. Eigentlich gab es keine grundsätzlichen Probleme. Er war wahrscheinlich einfach genauso neugierig wie ich auf alle Beteiligten des Europa-Kollegs. Die Gruppe verabschiedete sich wieder und nachdem ich ein leckeres Schwarzbier, dessen Namen ich nicht mitbekommen hatte, geleert hatte, brachen wir auf, um in ein Restaurant zu gehen.


Auf dem Weg dahin musste ich plötzlich lachen. An einem der Gebäude entlang der Hauptstraße fand sich ein sozialistisches Wandgemälde. Fröhliche Rotarmisten, die eine ländliche Bevölkerung beglücken.

Wir gingen ins Restaurant Stama, da dort traditionelle slowakische Küche serviert wurde. Auf anraten von beiden bestellte ich Bryndzové halušky. Das erste ist eine Zubereitung aus Schafskäse und das zweite ist vergleichbar mit den italienischen Gnocci aus Mehl und Kartoffeln. Als drittes Element gehört eigentlich Schweinespeck dazu. Da ich dies nicht esse, wurde es mir ohne Speck serviert. Damit fehlt ein wesentlicher Geschmacksträger und mein Urteil über diese Regionalspeise fiel nicht sehr positiv aus. Bei meiner diätischen Einschränkung kann ich einfach nicht jede Spezialität genießen.

Wir besprachen noch den nächsten Tag. Das Wetter war hier nicht sehr unbeständig und in der Hohen Tatra waren stets Wolkenmeere. Wir wollten dennoch am nächsten Tag gemeinsam dort einen Spaziergang machen. Ich vermeide das Wort Wanderung, denn es sollte tatsächlich nur ein Gang mit festen Schuhen und ohne Karten und Verpflegung sein.

In Svit beteiligte sich der Vater meiner Gastgeberin an unseren Planungen. Er hat viele Karten und Bilder und an den Wänden hängen viele Photographien, die die Schönheit der Hohen Tatra besingen.

Poprad

Svit und Poprad am 29. Mai

Nach einem guten Frühstück ging es mit dem Auto nach Poprad. Darina hat Führerschein und für meinen Aufenthalt freien Zugriff auf den älteren Zweitwagen der Familie oder war dies sogar ihr Wagen? Als ich mich hinsetzte und anschnallte, musste ich an den Käfer meiner Mutter denken. Die Gurte sahen nicht so aus, als wenn sie noch eine tatsächliche Funktion haben. Natürlich schnallte ich mich dennoch an.
Svit ist die kleinste Stadt in der Slowakei und erst im Rahmen der Industrialisierung entstanden. Dies zeigt sich bereits im Ortsnamen, der aus der Abkürzung für einen lokalen Chemiebetrieb entstand. Slovenské vizkózové továrne (Slowakische Viskosefabrik). Im Rahmen der Privatisierung wurden die einzelnen Wohnungen in den Reihenhäusern, den Mietern angeboten. Ihre Familie war glückliche Besitzerin der Wohnung, die mich für drei Nächte aufgenommen hatte.Die auf der Zugfahrt zu sehende Autobahnbaustelle war auch schon hier angekommen. Überall große planierte Flächen und an einer Brückenbaustelle waren auch viele Menschen aktiv. Poprad grüßt mit großen Wohnhochhäusern.
Wir fuhren zunächst zum Bahnhof, damit ein fester Fixpunkt mit meinem Weitereiseticket geschaffen wurde. Nach den Erfahrungen bis hierher, wollte ich nun einen Zug wählen, der lange Umsteigzeiten nach Bukarest hat. Es war klar, dass ich zweimal umsteigen musste. Košice würde das erste Ziel sein und von dort ging es nach Budapest und dann schließlich nach Bucuresti. Ich hatte eine Verbindung ausgewählt, in der ich jeweils eine Stunde Zeit zum Umsteigen hatte. Der Preis von knapp über €100,00 für die Fahrkarte plus Sitzplatzreservierungen hat mich dann doch erschreckt und zwang mit dazu, dass ich in der Stadt erst einmal weiteres Geld tauschte

Manche lernen es nie! Während ich in Hannover 31,05 SKK für einen Euro bei der Reisebank erhalten hatte, waren es in Poprad 33,70 SKK für einen Euro. Ich hätte 398 SKK mehr in meiner Geldbörse, wenn ich nur in der Slowakei gewechselt hätte.

Auf dem Weg vom Bahnhof, wo wir das Auto stehen ließen, in die kleine Innenstadt unterhielten wir uns über Denkmale und die Kunst sich zu erinnern. Am Bahnhof gibt es einen kleinen Park, in dem Arbeiter ein Denkmal pflegten. Ich erinnerte an die Idioten in Tallinn, die Geschichte in einer Nacht-und-Nebel-Aktion entsorgen wollten und ein umstrittenes Denkmal für die Befreiung der Stadt von den Nazis durch die Rote Armee abbauten. Estland und die anderen baltischen Staaten erleben um Jahrzehnte verzögert die geisteskranke Variante des Nationalismus, der vor allem mit dem Hass auf Nachbarländer und ihre Bewohner operiert.

Poprad hat bereits eine Fußgängerzone. Dies ist für mich ein wichtiges Zeichen der Moderne. Hier besteht Sie aus der sogenannten Ober- und Unterstraße und zieht sich über etwa einen Kilometer durch die Stadt. Dies ist auch gleich der historische Kern mit Stadtmuseum und den konkurrierenden katholischen und protestantischen Kirchen. Die Geschichte dieser früher von Deutschen besiedelten Landschaft ist geprägt von dem Kampf der Religionen. In einer Phase gab es gleichzeitig Katholiken und Protestanten in vielen Orten und so gibt es das ungewöhnliche Bild, dass in der Innenstadt beide Kirche hintereinander stehen.
Unser erstes Ziel war das Podtatranské Múzeum v Poprade am westlichen Ende der Fußgängerzone. In einer herrschaftlich wirkenden Villa, residierte seit 1886 das Museum. Wir kamen in einen düsteren Flur und durch ein Pförtnerfenster wurde der Eintrittspreis kassiert, zusammen kostete es gerade einmal 2 Euro, da für Darina als Schülerin nur die Hälfte zu bezahlen war.
Darina hatte das Museum vorgeschlagen, weil dort eine Sonderausstellung zum Attentat auf Reinhard Heydrich im Jahre 1942 zu sehen war. Dies waren einige Schautafeln mit schlecht kopierten Fotos und Dokumenten (oftmals unvollständig oder nur schwer zu lesen). Einer beiden erfolgreichen Attentäter Jozef Gabčík stammt aus Poluvsie bei Zilina in der Slowakei (der andere war Jan Kubiš).

Wir waren die einzigen Besucher im Museum und für uns wurde extra das Licht in den einzelnen Räumen angestellt. Eine besondere Stellung nimmt die Darstellung der Steinzeit ein. In der Region wurde ein Lager der Neandertaler mit vielen Knochen entdeckt und viele Funde werden hier gezeigt.


Poprad war eine deutsche Siedlung und führte früher den Namen Deutschendorf. In der Darstellung des 19. und 20. Jahrhunderts finden sich entsprechend viele Objekte mit deutschen Beschriftungen. Von diesen heimatkundlichen Exponaten ist mir aber nichts Besonders in Erinnerung geblieben.

Nach diesem Museumsbesuch wandelten wir langsam einmal die Fußgängerzone rauf und wieder runter und fuhren mit dem Auto an den Stadtrand.

Unser nächstes Ziel war das Gymnasium UDT Poprad. 11 Schülerinnen und Schüler wurden bisher zum Europa-Kolleg eingeladen. Damit ist diese Schule der absolute Spitzenreiter in der Zahl der Teilnehmenden.
Die Schule ist jung. Der amtierende Direktor war verantwortlich dafür, dass 1991 eine bilinguale Sektion mit einer deutschsprachigen Abteilung gegründet wurde. In der Slowakei ist diese Schule in Poprad die einzige, die vom DASAN im Bundesverwaltungsamt unterstützt wird. In jeweils drei parallelen Klassen ist Deutsch die Unterrichtssprache und nach 13 Schuljahren kann die Slowakische Hochschulreife und das Deutsche Abitur erworben werden.
(Wappen der Schule in Poprad)

Die Schule befindet sich heute in ehemaligen Kasernen der russischen Armee. Wenn ich Darina richtig verstanden habe, hat sie den Umzug vom vorherigen Standort in diese Gebäude selbst erlebt.

Die eigentliche deutsche Sektion befindet sich einem unscheinbaren Betongebäude. Wenn man vor das Gebäude tritt, hat man diesen phänomenalen Blick auf die Hohe Tatra.

Im Gebäude gab es nicht nur das improvisierte Wappen, das auf einem Stoff gemalt über den Ausgang hängt, sondern auch die Jahresabschlussposter.

Jede Abiturklasse gestaltet ein Poster mit den Fotos der SchülerInnen sowie der beiden VertrauenslehrerInnen.
Es sind dies nicht einfache Sammlungen von Passfotos, sondern jede Klasse sucht ein Thema, in dem sie ihre Bilder einfügen können. Ich suchte das Abschlussposter von einer Klasse des Jahrgangs 2005. Drei der dort Abgebildeten kannte ich, zwei hatte ich in Praha getroffen und die dritte würde ich noch in Bratislava treffen.
Sie hatten ein makaberes Motiv gewählt. Ihr Abschluss und damit auch ihr Weggang in eine Universitätsstadt haben sie als „Flucht vor der Polizei“ dargestellt und hatten dafür ein Fahndungsplakat aus der RAF-Zeit variiert.

Das Plakat der Klasse von Darina hing noch nicht. Sie vermutete, dass daran noch gearbeitet wird. In Poprad werden diese Poster in Schaufenstern ausgewählter Geschäfte ausgehängt.

Prag nach Svit

Reisetagebuch Osteuropa 2007

Am Morgen vom Pfingstmontag, dem 28. Mai verabschiedete sich zunächst der Freund, der einen Termin außerhalb von Prag hatte. 
Nach einem weiteren guten Frühstück ging es mit meinen vier Gepäckstücken zügig zur Bushaltestelle. 



(Ein letzer Blick aus Zuzanas Zimmer)
(und so sehen die Gebäude der Matematicko-fyzikalní fakulta UK von oben bei GoogleEarth aus)

64 Stunden Prag waren sehr schnell vergangen und mir war klar, dass ich unbedingt wieder in die Stadt zurückkehren werde. Nicht nur um weitere architektonische Schönheiten zu entdecken, sondern auch, um weitere Gespräche zu führen. In einem Reiseführer meiner Mutter werden viele Orte genannt, die ich nicht oder nur am Rande gesehen hatte. Hatte ich den berühmten Wenzelsplatz gesehen? Wie sieht der Veitsdom von innen aus? Welche Museen sollte ich noch besuchen?
Der Massentourismus ist abschreckend, aber nach dieser wunderbaren Einführung von Zuzana sollte es mir bei meinem zweiten Besuch gelingen a) eine einfache Herberge zu finden und b) dem Menschenstrom zum Teil aus dem Weg zu gehen. Das kenne ich schon von anderen Destinationen, wie es so verquer im Tourismus heißt. Touristen schlafen lange und frühstücken ausgiebig. Die Schönheiten der Altstadt werde ich also beim nächsten Mal früh am Morgen vorm Frühstück besichtigen. Für die Museen werde ich bestimmt ähnliche Leerzeiten finden.


Vor der Abfahrt gab Zuzana noch Empfehlungen für die Freizeit in Poprad. Einen Spaziergang in der Hohen Tatra hatte ich mir bereits fest vorgenommen. Sie sagte, dass ich unbedingt in das benachbarte Kežmarok fahren sollte. Die dortige Burg sei sehenswert. Sie kenne die Burg genau, da sie dort im Sommer Reisegruppen führt. In Poprad selber gibt es eine ehemalige Fabrik, in der heute Moderne Kunst ausgestellt wird.

Mit einer herzlichen Umarmung verabschiedete ich mich von Zuzana und bestieg meinen Zug.
In Prag wird übrigens eine Ansage auf dem Bahnsteig mit einem Glockenspiel eingeleitet. Es ist die Melodie von Smetanas Moldau.

Hinter Kolín fuhren wir wieder entlang der Elbe. Der Fluss hat hier eine Breite von etwa 10 Metern. Die Ufer sind befestigt, also ist es eher ein Elbe-Kanal, und die Elbe ist offensichtlich noch ein industriell genutzter Wasserweg. Bei Recany war dann auch ein Hafen zu sehen. Der Fluss weitete sich im weiteren Verlauf zu einem See, ob dies durch ein Sperrwerk oder natürliche Gründe hat, habe ich nicht gesehen.
Die Modernisierung der Bahn schreitet voran. Sah die ersten Beton-Lärmschutzwände entlang der Bahnstrecke.
Die Elbe wurde schließlich zu einem Fluss wie ich ihn aus meiner Region kenne. Totarme mit Weiden zeigten die Überschwemmungsaue.
Bei Česká Třebová (Böhmisch Trübau) passierten wir so etwas wie ein Abstellgleis, genauer Abstellgleise. Wenn ein Filmproduzent rollendes Material für einen historischen Film benötigt, dann sollte er einmal hierher fahren. Alte Lokomotiven der Post-Dampfzeit und wenige verfallene Viehanhänger standen auf einer längere von mehreren hundert Metern auf einer Vielzahl von Abstellgleisen.
Die Natur ist wahrlich genauso wenig existent wie bei uns, aber hier tauchen Tiere auf, die bei uns bereits als Einzeltiere eine Erwähnung wert sind. Auf einem feuchten Teil eines Ackers bei Moravičany zählte ich gleich 12 Weißstörche.
Bei Třinec passierte der Zug ein großes Stahlwerk mit rauchenden Schloten, die deutlich auch graue, blaue und schwarze Elemente im Rauch zeigten. Hier gibt es noch viel Potential zur Verbesserung der Produktion.
An den Gleisen war stets eine vielfältige Vegetation zu sehen. Mal war es über eine lange Strecke roter Mohn, dann blauer Fingerhut und eine gelb-weiß blühende Pflanze. Die Vernichtungsstrategie der Deutschen Bahn mit ihren extremen Giften zur Beseitigung von Pflanzen im und am Bahnkörper lassen kein vergleichbares Bild aus Deutschland aufkommen.
An der Grenze zwischen Tschechien und der Slowakei nahm der Grenzer meinen Pass gar nicht erst zur Hand. Ein Blick auf die weinrote Hülle aus einem Meter Entfernung und eine Handbewegung, dass ich das Dokument wieder einstecken kann. Da erkennt man dann die Kostbarkeit unseres EU-Passes.
Immer wieder waren Baustellen für Schnellstraßen und auch an der Bahnstrecke zu sehen. Es mag idealistisch klingen, aber jede Baustelle setzt ein doppeltes Zeichen. Zum einen wird auf die Reparatur- und Ausbaunotwendigkeit verweisen und zum anderen und wesentlichen ist dies auch ein Zeichen für eine erwartete Steigerung des Verkehrsaufkommens, die diese umfangreichen Investitionen rechtfertig. Da mag zu optimistisch klingen, da in Deutschland jede Gemeinde voll erschlossene Gewerbegebiete mit staatlicher Förderung aufgebaut hat und in vielen Orten sich nur wenige Investoren fanden. Ich möchte auch nicht missverstanden werden, dass ich grundsätzlich für einen Ausbau der Verkehrsinfrastruktur bin. Wir haben hier in Norddeutschland viele schlechte Beispiele, wo Autobahnen Landschaften zerschneiden, aber Kommunikationswege und das sind Verkehrswege auch sind zwingend in einem zusammenwachsenden Europa.
War wäre eine Reise ohne die kleinen Abweichungen vom Reiseplan, die zu Improvisationen zwingen und weitere Folgen zeitigen und offenbaren. Peter hatte in Prag bereits gewarnt, dass wegen der umfangreichen Bauarbeiten auf der Strecke nach Poprad die Fahrt wohl bis zu eine Stunde länger dauern würde. Am Ende waren es sogar zwei Stunden mehr.
Bis zur Zugtrennung in Ostrava (Ostrau), ein Teil des Zuges blieb hier und mein Teil nach Zilina (Sillein) waren wir bereits 15 Minuten hinter dem Fahrplan und für Zilina gab es nur eine Umsteigezeit von acht Minuten. Auf der slowakischen Seite machte der Zug wieder einige Minuten gut und als wir in Zilina auf dem Bahnsteig einfuhren, auf dem auch der IC aus Bratislava nach Poprad und Košice fahren sollte, waren wir nur vier Minuten über der offiziellen Abfahrtzeit. Leider war die slowakische Bahn pünktlich abgefahren.
Ich wuchtete mein Gepäck auf den Bahnsteig und suchte wie wahrscheinlich mehrere andere nun nach einer Alternative in den Osten. Der nächste IC würde erst in vier Stunden fahren und so war es eine leichte Entscheidung stattdessen in einen Regionalzug zu steigen. Der Os 7863 von Zilina nach Poprad-Tatry hält an jeder Milchkanne und statt einer Fahrzeit von 98 Minuten im IC mit nur einem Zwischenstopp benötigt der Os mit 29 Zwischenstopps 178 Minuten. Ich wollte viel sehen auf meiner Bahnfahrt und hatte nun die Ruhe dafür.
War ja auch alles kein Problem. Ich stieg in den bereits auf dem Gleis stehenden Zug ein, platzierte mein Gepäck in einem 6-er und griff mein Handy, um Darina über meine verspätete Ankunft zu informieren.
Die 6-er sind in Deutschland vielleicht noch aus den 70-er und 80-er Jahren bekannt. In einem Waggon befinden sich auf beiden Seiten vom Mittelgang jeweils drei sich gegenübersitzende Plätze, die sich zu 6-ern gruppieren und damit auch sechs Sitzplätze über die Breite des Wagons ermöglichen. Heute sind vier Sitze über die Breite eines Waggons Standard und in der 1. Klasse sind es sogar nur drei Sitze. Der Zug war alt und ein wenig schmuddelig.

Und dann gab es doch ein Problem. Ich realisierte erst jetzt, dass beide Kontaktpersonen in Svit und Poprad keine Nummer in der Spalte Mobiltelefonnummer hatten, beide Nummern standen in der Spalte Festnetznummern. Dann wählte ich eben diese Nummer, doch dann kam eine Fehlermeldung. Es wurde eine Anrufsperre angezeigt.
Das war nun wirklich ärgerlich, da ich am Donnerstag vor der Abreise extra zum Laden meines Netzbetreibers Debitel gegangen war und dort zwanzig Minuten in einer Schlange gewartet hatte. Ich hatte den Mitarbeiter klar gemacht, dass er alle bestehenden Sperren bitte aufheben soll. Er nahm mein Handy und drückte in rasender Geschwindigkeit viele Tasten, verschwand kurz in den nicht einsehbaren Hinterraum und sagte, dass nun SMS und Telefon auch international funktionieren. Hinter mir war natürlich auch eine Schlange und alleine aus Höflichkeit, habe ich mich nur bedankt und keine Funktionen überprüft. In der Wohnung hatte ich einen Testanruf Richtung Zuzana gemacht und hörte auf der anderen Seite auch ein Klingeln. Es schien also zu funktionieren.
Toll, jetzt war ich einem fremden Land mit Verabredungen und ich kann nicht kommunizieren. Viel später realisierte ich, dass ich mich zu schnell entmutigen ließ. Die SMS-Funktion habe ich gar nicht ausprobiert, da es sich ja in meiner Liste um Festnetznummern handelte. In Svit und Poprad erfuhr ich dann, dass die angegebenen Telefonnummern doch Mobiltelefonnummern waren. Ich hätte also eine SMS versenden können. Wie heißt es so wahr, am Ende ist man schlauer …

Ich bemerkte nun erstmals einen wesentlichen Unterschied zwischen den Bahnbediensteten in Deutschland und in der Slowakei (später auch in Ungarn und Rumänien). Dass Bahnbedienstete eine Uniform tragen ist normal, da die Eisenbahnen in der Regel Staatsbetriebe sind und somit ihre Stellung betont wird und nicht nur auf eine moderne Corporate Identity verwiesen wird. Hier tragen diese Männer und Frauen aber deutlich Insignien ihrer Stellung und Bedeutung und nehmen diese Ernst. Wer außer einem Schwarzfahrer nimmt einen Bahnbediensteten denn noch ernst. Er ist ein Dienstleister für uns Kunden. Hier kommt jeweils der Bahnvorsteher aus seinem Haus und gibt dem Zug ein Abfahrsignal. Dunkel meine ich mich zu erinnern, dass dies auch früher in Deutschland geschah.

Kurz vor Ružomberok (Rosenberg) gab es endlich einmal Regen. Große Tropfen fielen durch die heiße Luft. Dies war aber dann nur ein Schauer und die Erfrischung war wieder weg. Dies ist einer der unbestreitbaren Vorteile einer Regionalbahn. Ob nun in einem alten RB von Wolfenbüttel nach Braunschweig oder eben hier, in beiden Fällen lassen sich die Fenster noch öffnen. Alle modernen Züge sind versiegelt und die Klimaanlagen können einen nicht dieses Gefühl von Erfrischung geben, wenn die Luft drückend warm ist.

Bewusst sah ich hier die lokale Form zum Trocknen von Heu. Es waren dies kleine Stiegen, die zu mannshohen Holzkonstruktionen zusammengestellt wurden und an denen das Gras trocknete. Diese Konstruktionen sahen aus wie kleine Höhlen.
Liptovský Mikulaš (St. Nikolaus) war erstmals das kleinste Hochgebirge Europas (?) deutlich zu sehen.

(Der erste Blick auf die Hohe Tatra aus einem Zugfenster)
Wie schon in Tschechien habe ich auch hier in der Slowakei kein nennenswertes Vorwissen. Geologie, Genese, Geographie, Geschichte der Besiedlung und heutige Realität sind mir nicht wirklich bekannt. War gespannt, ob ich ähnlich vielseitige Informationen, wie in Praha erhalten würde.
Etwa eine halbe Stunde vor der geplanten Ankunft in Poprad-Tatry hatte ich den Schaffner irgendwie klar gemacht, dass ich eigentlich nach Svit möchte. Er holte sein elektronisches Display heraus und zeigte mir, dass es zu diesem Zeitpunkt noch vier Stationen bis Svit waren.
Große graue Wolken kündigten Regen an, der dann als Gewitter und fast schon Unwetter niederging. Hoffentlich passierten wir dieses Gewitter. Die Blitze gingen in schneller Folge in Sichtweite der Bahnstrecke in den Boden und der Regen wurde so dicht, dass vom Bahnfenster eine geschlossene Regenwand zu sehen war.

In Svit nieselte es. Mir war immer Vorsicht eingeschärft wurden und so wuchtete ich mein Gepäck alleine aus den Zug, ging über die Gleise zu einer Unterführung, die auf das Straßenniveau führte. Die Hauptstraße und der Ort waren etwa dreihundert Meter vom Bahnhof entfernt. In diesem Tunnel standen etwa fünfzehn Personen und ich fragte auf Englisch pauschal nach dem Weg in dem ich versuchte die Adresse korrekt auszusprechen. Mir wurde gesagt, dass ich nachdem ich die Hauptstraße gequert habe, die zweite Straße links nehmen müsste und dieser einige Hundert Meter folgen müsste, um schließlich nach rechts in die gesuchte Straße abzubiegen. Ich bedankte mich und stand etwa ein zwei Minuten mit den anderen Menschen in diesem Tunnel und entschied dann, dass ich nicht auf besseres Wetter warten würde, sondern nun zu Fuß den angekündigt kurzen Weg nehmen würde. Ein Abschiedswort und ich war im Nieselregen unterwegs. Das war natürlich ein Risiko, denn weder mein Sack mit meinem Bett, noch mein Rollkoffer waren wasserdicht, aber ich befürchtete, dass der Wolkenbruch auch hierher kommen würde, da Blitz Donner klar zu sehen und Hören waren.


Ich war bereits kurz vor der angekündigten Straße nach links als ich von hinten auf Deutsch angesprochen wurde. Es war eine Frau aus dem Tunnel, die anbot, mich zur gewünschten Adresse zu führen. Resolut nahm sie mir meinen Rollkoffer ab und ging nun neben mir. Ich machte mir ernsthaft Sorgen. War dies nun eine Betrügerin -sie trug ziemlich abgenutzte Kleidung, die eine Gelegenheit wahrnehmen wollte, um mit dem Rollkoffer zu verschwinden oder was? Sie führte einen Monolog über die schwierige wirtschaftliche Lage in der Slowakei seit der Unabhängigkeit und speziell über ihre Situation. Sie erzählte, dass ein betrügerischer deutscher Investor eine kleine Fabrikation betrieb. Sie hatte dort eine Stelle, arbeitete Überstunden wurde aber stets sehr spät bezahlt. Eines Tages war der Mann weg und die wenigen Angestellten hatten geraume Zeit ohne Lohn gearbeitet und wurden auch nicht entschädigt. War das eine erfundene Erzählung, um Mitleid zu erregen? Während wir die Straße entlang gingen, wurde aus dem Nieselregen ein echter Regen. An jeder passierten Straße ging es durch große Pfützen und ich wurde langsam richtig nass. Wir erreichten schließlich die gewünschte Straße und hier verabschiedete sich die Frau mit der Bitte ihr doch etwas Geld zu geben. Das fand ich OK. Darina hatte mir gesagt, dass ein Taxi von Poprad nach Svit weniger als 200 Slowakische Kronen kosten würde und so bot holte ich aus meiner Geldbörse 100 Slowakische Kronen. Sie fragte, ob ich nicht 100 weitere Kronen drauflegen könnte. Ich verneinte und sie ging ohne böse Worte. Ich erfuhr später von Darina, dass ich viel Geld für diese kleine Dienstleistung bezahlt hatte.
Ich stand am Beginn einer Straße mit Reihenhäusern. Nach zwei Häusern meinte ich das System der Hausnummern zu durchschauen. Dennoch fragte ich eine Frau, die vor einem Haus stand, wo denn die gewünschte Hausnummer wäre. Das funktionierte mit Händen und Füßen. Ich zeigte auf ihre Hausnummer und signalisierte diese Zahl mit den Fingern und fragte nach meiner gesuchten Nummer wieder mit der Zahl meiner Finger. Sie verstand und sagte auf Slowakisch einige Zahlen, zeigte auf ihre Hausnummer und die nächste Tür in diesem Reihenhaus und machte ein Zeichen, dass ich hier einbiegen müsste und hinter diesem Haus, das gewünschte Haus finden würde. So war es auch. Pudelnass stand ich am Eingang eines viergeschossigen Reihenhauses und suchte die Namen der Klingelschilder ab. Wie würde wohl der Namen ihres Vaters aussehen, da ihr Nachname diesen weiblichen Zusatz hatte. Es fand sich ein Name mit gleich 3-4 Buchstaben weniger, der es sein könnte und so drückte ich die Klingel. Zunächst passierte nichts, dann ging das Hausflurlicht an und es passierte weiter nichts. Nach einer Minute klingelte ich ein zweites Mal, aber nun sah ich Aktivität im Treppenhaus und dann stand Darina vor mir. Man war ich froh!

Nach einer kurzen Begrüßung und Erläuterung, warum ich mich nicht gemeldet hatte, ging es treppauf. Sie war mit ihrer Schwester zum Bahnhof in Poprad gefahren und musste sehen, dass ich nicht aus dem angekündigten Zug ausstieg. Die Familie wohnt in der obersten Etage und meine Arme wurden immer länger, da mein Gepäck durch den Regen mir deutlich schwerer vorkam.
In der Wohnung wurde ich dem Vater, der Mutter und der Schwester vorgestellt. Keiner spricht Deutsch und außer der Tochter alle nur wenige Brocken Englisch. Mit Russisch hätte ich einige Worte wechseln können. Wir gingen ins Wohnzimmer, wo die Couch zu einem Bett umgebaut war. Ich stellte mein Gepäck hin und kramte nach den Gastgeschenken. Der Wodkaflasche war nicht passiert. Die Schokoladenkekse waren in einer glänzenden Verpackung, die aber deutliche Spuren von Feuchtigkeit aufwies. Meine Essenstasche war zum Auswringen nass. Ich übergab die Geschenke und bedankte mich im Voraus für die Gastfreundschaft und die Möglichkeit hier für einige Nächte zu bleiben. Darina war stets eine schnelle Übersetzerin.

Nachdem ich unter der Dusche mich erholt und gereinigt hatte, ging es in frischer Kleidung in die Küche. Wahrscheinlich hatten wir etwas gegessen. Ich kann mich daran erinnern, dass es zur Begrüßung einen Schnaps gab, der wunderbar die Kehle runter lief. Ich kann mich nicht an die Speise erinnern, da meine gesamte Aufmerksamkeit dem Gespräch mit Darina galt. Die Eltern öffneten eine Flasche mit Rotwein aus dem Südwesten der Slowakei und zu viert tranken wir ein Glas. Die Eltern verabschiedeten sich von diesem Gespräch und ich erzählte Darina von meiner bisherigen Reise und was mir als Empfehlung für Poprad bereits gesagt wurde. Daraus entwickelte sich sofort ein Plan für die beiden Tage. Vor Mitternacht verzog ich mich ins Wohnzimmer und legte mich schlafen. Bei offener Balkontür bin ich schnell eingeschlafen.