Sonntag, 17. Juni 2007

Prag, 25. Mai - Teil 1

Reisetagebuch Osteuropa 2007

Praha-Holešovice war für viele Reisende die Endstation, dieser Zug nach Wien lehrte sich merklich. Ich beeilte mich nicht und ließ alle Drängenden vorbei und als ich in der Tür des Zuges stand blickte ich einmal mehr auf einen verwirrend, unbekannten Bahnhof. Fremde Städte sind ein spezieller Kick.
 

Ich stand mit meinen vier Gepäckstücken (Kleiderschrank – Bett – Nahrung – Schreibtisch) an einer Blende einer Treppe und wir sahen uns vermutlich gleichzeitig. Ein leuchtendes Lächeln war auf der anderen Bahnsteigseite zu sehen. Es waren zwei junge Frauen, darunter Zuzana, die mit ihrer strengen Frisur sofort wieder zu erkennen war. Die andere Frau an ihrer Seite erschien mir unbekannt.Nach Begrüßungsküsschen links und rechts wurde mir die zweite Frau als die ältere Schwester von Maja, die ich am Ende dieser Reise in Bratislava besuchen würde, vorgestellt. Sie war auch eine Absolventin des bilingualen Gymnasiums in Poprad und die Mitbewohnerin im Studentenwohnheim.

Auf Nachfrage übergab ich meine beiden leichten Gepäckstücke (Bett = Schlafsack, Handtuch, Kulturtasche; Nahrung = Kekse) an die beiden Frauen und wir machten uns auf den Weg zu angekündigten kurzen Weg zum Studentenwohnheim.

Doch zunächst ging es zum Fahrkartenschalter. Ich gab ihr Geld und sie kaufte für 220,00 Kč (=Korun českých; dies entspricht etwa €9,00) mir ein 72-Stunden-Fahrschein für Praha. Damit war ich für meinen ganzen Aufenthalt in der Stadt mobil. Angenehm sich keine weiteren Gedanken über Fahrscheine zu machen.


Mit einem Bus ging es etwa einen Kilometer nach Norden. Auf einer Stadtautobahn querten wir die Vitava und fuhren bis zu zwei Hochhäusern mit 15 bzw. 20 Etagen. Dies waren neben weiteren Gebäuden die Matematicko-fyzikalní fakulta der UK mit angeschlossenem Wohnheim. In den beiden Hochhäusern leben 1.500 Studierende und ich würde für drei Tage ein Gast sein.

Zuzana studiert in einer anderen Fakultät Germanistik, wohnt aber hier. Habe vergessen zu fragen, warum sie hier eine Unterkunft erhalten hatte. Ihre Mitbewohner gehörte zur Fakultät (Studienfach Logik).

(GoogleEarth-Aufnahme)
Wir fuhren in die 14. Etage und im Fahrstuhl erfuhr ich, dass ich nun doch nicht im Gästebereich unterkommen würde, sondern direkt mit den beiden Frauen zusammen wohnen würde. Ich würde eines der Betten bekommen und ging davon aus, dass eine der beiden bei einem Nachbarn nächtigen würde. Zwei Personen teilen sich ein Zimmer von etwa 16 Quadratmetern mit einem Vorraum mit abschließbaren Schränken. Mit einem Nachbarzimmer teilen sie sich durch zwei abschließbare Türen getrennt Dusche, WC, Kühlschrank, Kochnische mit zwei Platten, Spüle und Vorratsschränke.
Mir wurde „mein“ Bett für die nächsten drei Nächte gezeigt. Ich deponierte mein Gepäck und wir begannen zu klönen. Zuzana hatte ein Programm für meine zwei Tage Prag zusammengestellt. Statt in die ausverkaufte Mozart-Oper sollte es nun zusammen mit Peter, der am EK03 teilgenommen hatte und nun hier Physik studierte, und einer weiteren Poprad-Absolventin ins Theater gehen.

Nach kurzer Erfrischung und einen ersten beängstigenden Blick aus dem Fenster ging es zu zweit nach unten, wo vor dem anderen Hochhauseingang unsere beiden Begleiter warteten. Ich musste zweimal hingucken, doch es war Peter. Aus dem stillen Schüler, der während des Europa-Kollegs optisch eine graue Maus gab, war ein junger Mann mit langen Haaren, die zu einem Pferdeschwanz gebändigt waren, geworden. Vertraut war der wohl bekannte feste Blick.

Sein Physikstudium ging bereits auf den ersten akademischen Grad zu und seine Erzählung führte bei mir zu den Eindruck einer intellektuellen Unterforderung mit der daraus resultierenden Frustration. Es waren immer wieder sarkastische Untertöne zu hören. Solche Menschen sollten schnell lernen, ihre überschüssige Kapazität an anderen Stellen abzulassen. Fremdsprachen sind hierfür ein gutes Feld. Er hatte wahrscheinlich bereits eine ähnliche Überlegung hinter sich, denn er sagte, er denke zur Zeit daran, nach seinen Abschluss ein Jahr in Warschau zu studieren und er hat keine Kenntnisse des Polnischen. Das ist dann doch einmal eine Herausforderung.

An diesen angenehmen Abend machten wir uns nach wenigen Sätzen bereits auf den Weg in die Stadt, das Theater würde nicht auf uns warten. Ich war beständig im Gespräch und wir fuhren zunächst mit dem Bus und dann ab Holešovice mit der U-Bahn in die Innenstadt, aber meine Konzentration gehörte den drei mich begleitenden Personen. Ich kann mich nur an wenig erinnern und das auch nur, weil ich ironisch im Bus sagte „so und nun beschreibt mir mal, was ich draußen sehe. Das Studentenwohnheim liegt im Stadtteil Troja und auf dem Weg nach Holešovice fuhren wir an leichte Prachtbauten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts vorbei. Mir kamen Bilder vom Weltausstellungsgelände in London ins Kopfkino. Es war dies das Messegelände.
Von der Innenstadt habe ich keinerlei konkrete Erinnerung, außer das eine Prachtstraße der anderen folgte. Wir haben in Hannover manchmal eine ganze Straße im Wilhelminischen Stil (=Gründerzeit), in Prag folgte Straße auf Straße.


Dann standen wir bereits vor dem Disk-Theater. Es war wirklich auf den letzten Drücker. Ich lud alle drei zum Theater ein, nach Einladung blieb ich der einzige, der mit einem Kaffee (Turecká Káva) in den Saal ging.

Dresden nach Prag

Reisetagebuch Osteuropa 2007

Ich fand meinen reservierten Platz in einem Abteil, dass ich mit vier britischen Senioren und einer deutschen Studentin teilte. Ich hatte den Sahneplatz reserviert, also Fenster in Zugrichtung, denn ich machte schließlich die ganze Fahrt, um so viel wie möglich zu sehen.

Das Elbsandsteingebirge war beeindruckend. Diese steilen Abbrüche zum Fluss hin. Hier war die Erosionskraft der Elbe zu sehen. Der Fluss selber führte nur wenig Wasser. Am Ufer war meterbreit der Kies zu sehen.
Die Grenzer gingen nur symbolisch durch. Der rote EU-Pass reichte um mich durchzuwinken. Wir verließen Schengenland, aber Reisen in diese Richtung wurde nicht beachtet.
Und dann sah ich auf dem anderen Ufer ein bekanntes Gebäude. Eine Grenzstation für den Autoverkehr. Meine Reise hat nun wirklich begonnen, die deutsche Einladung war beendet.
Das Tal wurde noch enger und die Wände steiler. Die Fahrt ging nun durch die Děčínské stěny (immer wenn es auch einen alten deutschen Namen gibt, füge ich ihn bei: Tetschener Wände). Ich suchte nach Veränderungen, die optisch einen Unterschied zur ehemaligen DDR bieten. Hinter der Namen gebenden Stadt Děčín (Tetschen) wechselte die Bedachung. Es gab neben Schindeln auch Ziegeln und Wellblech. Industrielle Gebäude entlang der Strecke zeigten erhebliche Spuren von Verfall. Farbe und Putz waren zum Teil großflächig abgeplatzt; einzelne Bedachungen zeigten deutliche Schäden, doch Lieferwagen zeigten auch, dass in diese Betriebe noch aktiv waren.
Auf dem anderen Ufer waren manchmal herrschaftliche Häuser und Villen zu sehen, die 10 und mehr Meter über der Elbe gebaut waren und bestimmt eine prächtige Aussicht boten. Eines dieser Häuser war fast entkernt. Fenster waren mit Rahmen entfernt.

Ich kann Tschechisch: Autodyla las ich eben auf einem Werbeschild. OK es ist International und nicht Tschechisch, ich musste dennoch über diese Schreibweise für Autohändler schmunzeln.

Die Bahnstrecke wird an vielen Stellen renoviert. In Ústí nad Labem (Außig an der Elbe) waren zehn Meter lange Schienen mit den Betonbohlen über einander gestapelt. Pakete von vier Lagen Schienen und Bohlen waren jeweils auf einem Trailer auf den Schienen zu sehen. Das war sicherlich ein EU-Projekt zur Sanierung der internationalen Verbindungen.

Mit Beschämung musste ich bei der vergleichenden Reise mit dem Finger auf der Landkarte feststellen, dass wir hinter Ústí nad Labem an Terezín (Theresienstadt) vorbei fuhren. Dieses Lager der Nazis wurde für Propagandazwecke genutzt, obwohl es wie viele Lager im Westen nur ein Durchgangslager zu den Vernichtungsstätten im Osten war. 33.000 Menschen starben hier und 85.000 wurden von hier in die Mordmaschinerie deportiert.
Ich stellte leider fest, dass mir nicht bewusst war, dass dieser Schreckensort so nah. Das große Grauen des Nationalsozialismus ist mehr als sechzig Jahre her und auf meiner „mental map“ waren viele der Verbrechen, weit weg im Osten geschehen.
Bei Roudnice (Raudnitz) war zuletzt die Labe (Elbe) zu sehen und ab Nová Ves fuhren wir entlang der Vitava (Moldau).

Meine Beobachtungen endeten hier, da nun Smalltalk mit den anderen Reisenden einsetzte. Und dann war zu merken, dass wir uns Praha näherten. Einige Menschen gingen mit Gepäck am Zug vorbei und auch in unserm Abteil wurde es unruhig, da wir alle sechs in Praha-Holešovice den Zug verlassen wollten.
Ich hatte bereits via SMS meiner Gastgeberin mitgeteilt, wie viel Verspätung wir hatten. Nun war ich gespannt, ob Zuzana auf dem Gleis sein würde und vor allem ob wir uns problemlos wiedererkennen würden. Drei Jahre sind eine lange Zeit.
Ich bin nur ein wenig grauer am Kopf und ein wenig runder am Bauch geworden. Sie war eine stille Frau, deren Schönheit erst am Aufblühen war.

Start: Von Hannover nach Dresden

Reisetagebuch Osteuropa 2007

Frühstück in Balkonien und ich hatte diesmal auch keine Alternative. Auf dem Küchentisch standen bereits meine gesammelten Pflanzen. Meine Palme ist zwischenzeitlich raumgreifend und hoch und stand dort, wo ich normalerweise sitze. Es war sehr viel Wärme in der Luft und mehrmals war bereits zu dieser frühen Stunde ein Grollen und Rumpeln aus den sich im Nordwesten auftürmenden Wolken zu hören.
Seit Tagen war ich am Beobachten und gestern war es dann so weit, die erste Erdbeere war groß, fast reif und wurde nun gepflückt. Leicht sauer im Geschmack war sie ein Genuss. Die nächsten Erdbeeren wird die Freundin ernten, die meine Pflanzen wässert.
Nach einem letzten Sicherheitsgang – waren die Steckdosenleisten ausgeschaltet, waren Antennenstecker und Stecker von elektrischen Küchengeräten gezogen? – ging es mit vier Gepäckstücken los.

Am Donnerstagnachmittag hatte es noch einmal einen heftigen Adrenalinschub gegeben, der so ging, dass ich den Gedanken wälzte, ob ich die Reise absagen muss (die Gründe sind ehrrührig für den institutionellen Verursacher und werden deshalb hier nur doch diese Anspielung beschrieben), hatte ich nun fast alles für die Reise.
Ich brach deutlich früher als für mich üblich zum Bahnhof auf. Mir fehlten noch Slowakische Kronen und Rumänische Lei.
Tschechische Kronen ich bereits. In der Reisebank gab es dann nur ein Problem, sie hatten nur wenige Scheine dieser „exotischen“ Währungen. Ich kaufte alle vorrätigen SKK und RON auf und dies war nicht viel. Ich muss also in Poprad und Bukarest noch einmal zur Bank.
In der fruchtbaren, ausgeräumten Landschaft zwischen Helmstedt und Magdeburg sind die Windräder zwischenzeitlich prägend. Hunderte Räder der vorletzten und letzten Generation – konnte Vestas und Nordex lesen – drehten sich.
Vorher blickte ich immer nur kurz von der F.A.Z. auf, da ich auf den regelmäßigen Fahrten zur Arbeit mich bereits satt gesehen hatte und nur auf die kleinen Veränderungen achte. Für mich war es erstaunlich, wie wenig von den Narben des Braunkohletagebuchgebietes Helmstedt, dass wir im letzten Jahr besichtigt hatten, aus der Bahn zu sehen war. Mit dem Vorwissen sah ich die Kante der Grube, die auch so tief ist, dass aus der peripheren Position nichts weiter zu sehen war.

Als wir in Magdeburg einfuhren, fielen mir zugewachsene und eingefallene Gemäuer auf. Daneben moderne Allzweckhallen, die zum Teil mit Rollen von NATO-Stacheldraht umgeben waren. Bahnhof und Innenstadt zeigten dann die anonyme Moderne mit Hotels und Werbung, wie sie in jeder Stadt dieser Größe in Deutschland zu finden sind. Ansonsten waren wie im Westen zum Beispiel in Braunschweig und Hannover Industriebrachen, Reste von Altindustrie und die zwischenzeitlich unverständlich großen Flächen der Bahn mit ihren demontierten Schienen und der nunmehr bereits mehr als zehnjährigen Primärvegetation von Brombeere, Birken und anderen Pflanzen zu sehen.
EX-DDR im Jahre 17: Der Verfall alter Strukturen zeigte sich außerhalb der Orte. Auf Brachen und auch Ackerraine wiesen die Bäume auf mehr als zehnjähriges ungehindertes Wachstum. Hinter Köthen waren Obstbäume entlang offensichtlich unbedeutender Straßen zu sehen. Diese Nutzbäume waren seit Jahren nicht mehr beschnitten. Ein Extrem der Nachwendezeit war nicht mehr zu sehen. Die in den LPGs zusammengefassten landwirtschaftlichen Flächen existieren heute als Privatflächen. Früher (1990f.) und wahrscheinlich auch in der DDR wurde hier ohne Rücksicht auf die lokale Varianz in Bodengüte und der Mikrolandschaft von Hügeln und ehemaligen Gräben geackert. Diese Differenzen waren deutlich in den Quadratkilometer großen Feldern zu sehen bis hin zu Erosionsschäden durch Wind und Wasser.
Zwischen Leipzig und Dresden kam es zu ärgerlichen Verzögerungen. Es war dies der zweite Zug und der einzige ICE auf der ersten Etappe. Wie schon viel zu oft erlebt, ist der Prestigezug ein fahrender Widerspruch zum ehrgeizigen Fahrplan. Acht Minuten waren in Dresden für den Wechsel zum EC Berlin – Prag – Wien vorgesehen und als der Zug zwischen Dresden Neustadt und Dresden Hauptbahnhof zum Stillstand kam, war die Abfahrtzeit des Anschlusszuges bereits verstrichen.

Dann kam eine dieser kuriosen Durchsagen der Bahn. Da alle Gleise im Hauptbahnhof Dresden belegt waren, konnte der Zug nicht einfahren. Wir müssten weitere 5-10 Minuten warten. Mal wieder musste die Bahn beweisen, dass Zeit-Management für die Bahn immer noch ein unbekanntes Konzept ist.
Ich war nicht alleine. Ich hörte Stöhnen und Lamento von mehreren Personen, die eine Reservierung für den Zug nach Prag hatten.
Der Zug wartete und im Zug mussten wir Zuspätzugestiegenen dann die Durchsage und Frechheit anhören, dass wegen Anschlussreisender der Zug verzögert sei. Aha, die Reisenden sind schuld, dass der Zug zu spät ist und nicht das Bahnmanagement.

Donnerstag, 14. Juni 2007

Heidenalarm

Heute fand ich mal wieder eine bemerkenswerte Zahl in der Zeitung. Der evangelische Pressedienst (epd) meldet, dass die Zahl der Taufen in Bremerhaven dramatisch abgenommen hat. Von den Einjährigen sind 109 getauft und 476 nicht getauft (Taufquote 19 Prozent). Unter den 18-Jährigen beträgt die Taufquote fast 90 Prozent.

Ist dies ein radikales Zeichen für das Ende einer christlich geprägten Gesellschaft?

Montag, 11. Juni 2007

Schnarchkonzert

Reisetagebuch Osteuropa 2007

2:20 Uhr am Montag irgendwo im Nirgendwo zwischen Berlin und Hannover. 
Der EN aus Warschau hatte zwanzig Minuten Verspätung und ich kämpfte mich übermüdet durch die schmalen Gänge der Schlaf- und Liegewagen zu den Liegesesseln. Leider waren alle 45 Plätze besetzt. So fuhr ich also in der 3. Klasse. 
In einer Ecke des Waggons im Freiraum des letzten Sessels, der eigentlich für das Gepäck bestimmt ist, hockte ich mich auf meinen Koffer. Ich machte es mir unbequem. Das hatte zumindest den Vorteil, dass ich nicht aus Versehen, den Stopp in Hannover verschlafe.

Und dann begann das Konzert. Ein Reisender schreckt mit lautem Schnarchen etwa alle zwei Minuten hoch und weckt seine Umgebung auf. Da hat jemand ernsthafte Atemprobleme. Eine weitere Männerstimme gibt unregelmäßig einen kurzen Laut von sich und als der Zug auch einmal langsamer und damit ruhiger fuhr, waren auch noch verschiedene andere Stimmen von Schnarchenden zu hören.

3:45 Uhr zu Hause in der Wohnung. Es ist warm und nach zwei Wochen Osteuropa sind einige meiner Pflanzen vertrocknet.

Montag, 4. Juni 2007

Die Strassen von Bukarest

Reisetagebuch Osteuropa 2007

Bukarest war anstrengend!
Nachdem ich 28 Stunden in der Stadt war, kann ich gleich mehrere Gründe für diesen dramatischen Einstieg nennen. Bucuresti ist groß (2 Millionen Einwohner) und entsprechend verwirrend. Alleine die Innenstadt hat mehrere zentrale Plätze, die alle mehrmals gequert wurden, ohne das sich eine “mental map” aufbaute. Alles ist auf das Auto ausgerichtet, aber im Gegensatz etwa zu den USA mit seiner car-only-Fortbewegung ist es in Bukarest chaotisch und aggressiv. Für uns Fußgänger gibt es oftmals selbst an wichtigen Straßen mit Läden nur einen Weg von einen Meter Breite, der durch Metallstangen im Abstand von einem Meter dieses Refugium von der Straße trennt. Da die Stangen weit auf dem Fußweg eingelassen sind, reduziert sich diese Schutzzone auf eine Breite von 60-80 Zentimeter. Und dieser “Weg” fordert die gesamte Aufmerksamkeit. Der Untergrund von Beton oder Asphalt hat sich seit seiner Fertigstellung in grauen Vorzeit verändert. Zerbrochen, abgesenkt und mit Schlamm gefüllt oder durch Wurzeln von Bäumen angehoben. Wer seinen Blick vom Weg nimmt, kann vielleicht interessante, angegraute Häuser aus einer Vielzahl von Epochen sehen und manchmal bewundern, aber gefährdet dann seine Knöchel.
Und dann kreuzt eine Straße den Weg. Fußgängerampeln und Zebrastreifen sind nur diskrete Hinweise für die sich nicht im Blech bewegenden Zeitgenossen, dass hier eine Überquerung versucht werden kann. PS-starke Autos halten nicht und hupen sich ihr Recht auf freie Fahrt des Stärkeren und Geschützten. Ältere, Behinderte und Mütter mit Kindern haben nur wenig Chancen n den wenigen Sekunden der Grünphase (die ja außerdem von vielen Autos missachtet wird) eine vier- bis achtspurige oftmals unübersichtliche Kreuzung zu queren. Erst nach mehreren Sekunden Grünphase für Fußgänger sind auch die letzten Automobilisten, die bei dunkelorange (=rot!) ihre Fahrt fortgesetzt haben, auf ihren Weg und kurz drauf gibt es bereits wieder Grün für die Fahrer. Ich beobachtete einmal eine Mutter mit einem Kind von 4-6 Jahren, die zwei Versuche startete, aber beide abbrach und dann hatten die Autos auch wieder offiziell GRÜN und es wäre Selbstgefährdung auf die Straße zu treten.
Habe es selbst bereits mehrmals erlebt, dass Fahrer (männlich, zumeist relativ jung) in großer Geschwindigkeit auf einen zugeschossen kommen und wenn sie nicht wild hupend ihren Weg erzwingen, dann mit quietschenden Reifen unmittelbar vor dem Zebrastreifen stoppen. Adrenalin pur aus der Sicht eines Gehenden. Das ist nicht Rumänien, das ist Bucuresti. Ich sitze hier in Sibiu und hier sind die Blechbesitzer zivilisiert und halten so offensichtlich am Zebrastreifen, dass ich zunächst irritiert war.
Die Stahlstangen, welche die Straße von den Fußgängern trennen sind zwingend. Nur die wichtigsten Straßen haben diesen Schutz und in den Nebenstraßen parken immer wieder Autos auf dem Fußweg von Hauswand bis Bordsteinkante, so dass auf die mörderische Straße ausgewichen werden muss, um diese 
Hindernisse zu umgehen.

Der öffentliche Verkehr in Form von Bussen und Straßenbahnen ist sicherer, aber hat keine eigenen Fahrspuren und entsprechend stehen die Fahrzeuge an den Kreuzungen im chaotischen Stau. Apropos Bus, da hatte ich ein schlechtes Erlebnis. Meine Gastgeberin hatte mir beschrieben, wo ich welchen Bus besteigen soll, um schnell in die mehrere Kilometer entfernte Innenstadt zu gelangen. Sie sagte mir auch wie viel dies kosten würde. Tja, da war nur ein Problem. An der angegebenen Bushaltestelle war der Kiosk, in dem Fahrscheine verkauft werden, geschlossen und es gab keine Automaten. Am Wochenende gibt es sehr eingeschränkte Verkaufszeiten und viele Kioske haben gleich ganz geschlossen. Das sah ich zunächst nicht als ein Problem an, der ich hatte meine Gastgeberin so verstanden (wie sich später herausstellte missverstanden), dass ich im Bus beim Fahrer meinen Fahrschein kaufen könnte. Der Bus kam und ich stieg und stellte fest, dass der Fahrer vollständig von den Passagieren getrennt ist und auch keine Kommunikation möglich war. Einer der Gründe hierfür war, dass aus der Fahrerkabine sehr laute Musik schalte und der Fahrer relaxt ein längeres Telefongespräch führte. Im überfüllten Bus sah ich nur Automaten zum Abstempeln bereits gekaufter Fahrscheine. Ich stand mit meinen zwei 1 RON-Scheinen verloren im vorderen Bereich und überlegte, wie ich das Problem lösen könnte, als der Bus los fuhr.
Unter dem Stress einer ungewollten Schwarzfahrt fuhr ich den langen Weg in die Innenstadt, wo der Freund meiner Gastgeberin mich treffen wollte und mir die Stadt zeigen wollte. Die Innenstadt war bereits erreicht, als drei Kontrolleurinnen den Bus betraten und allen Passagieren ihre Dienstmarke zeigten. Ich war einer von zwei Passagieren ohne gültigen Fahrschein und musste zunächst meinen Personalausweis abgeben. An der nächsten Haltestelle verließen wir fünf den Bus und ich erklärte einer Kontrolleurin mein Problem. Die mich befragende Frau sprach ein sehr rudimentäres Englisch sagte aber das was auch Kontrolleure in Hannover sagen würden. Die Begründung für eine Fahrt ohne Fahrschein ist unerheblich und so musste ich 40 neue Lei für eine Fahrt ohne Fahrschein bezahlen. Glücklicherweise nicht mehr, denn ich hatte nur noch etwas mehr als 60 Lei dabei.
Um das Kapitel Verkehr in der Millionenstadt Bucuresti abzuschließen möchte ich noch meine Beobachtungen während einer U-Bahnfahrt hinzufügen. Vom Hauptbahnhof war ich mit ein Mal umsteigen zur Universität gefahren. Es war dies für mich eine beständige aggressive Situation. Überall laufende und schubsende Menschen, die durch schmale Gänge drängten, um ihre Verbindungen zu erreichen. Die U-Bahnen waren voll und auf der großen Fläche zwischen den beidseitigen Türen gab es nur wenig Möglichkeiten, sich irgendwo festzuhalten.

Das war jetzt sehr viel Negatives über Bucuresti. Vielleicht ist die Stadt einfach zu groß für mich. Ich mag auch nicht Berlin aber im Widerspruch hierzu liebe ich London!

Die Schönheit der Stadt Bukarest zeigt sich in den Menschen, den Parks, einzelnen Gebäuden und Häuserzeilen.

Sonntag, 27. Mai 2007

Prag und Poprad

Reisetagebuch Osteuropa 2007
 
Wie zu sehen, gibt es nichts zu lesen. Prag ist zu erleben und keine Zeit zum Schreiben..

. . . und das gleiche gilt auch für Poprad. 

Ich habe keine Zeit zum Bloggen, da die Städte und Menschen und heute die Hohe Tatra natürlich viel interessanter sind. 
Sorry, no News today. Ich bin glücklich und mein Notizbuch füllt sich jeden Tag mit Beobachtungen und Erlebnissen ...

Samstag, 19. Mai 2007

Letzte Fragen in der taz

Im Wochendmagazin der taz (dem tazmag) gibt es vom Anbeginn auf der letzten Seite mit einer kurzen Unterbrechung die Rubrik "Letzte Fragen". Hier können die Lesenden anderen Lesenden Fragen aus dem Alltag und aus Absurdistan stellen. Die Redaktion fragte anläßlich der 500. Ausgabe des tazmag "Welche letzten Fragen kann man mit 500 noch haben?".
Ich habe in einem Leserbrief/einer Antwort zurückgefragt, ob sich diese Rubrik nicht überlebt hat. Beim Frühstück mit Zeitung konnte ich mich heute freuen, dass diese Zeilen auch veröffentlicht wurden.
Es wurden in dieser Rubrik wirklich bedeutsame Fragen gestellt, die für einige regelmäßig Antwortende eine Herausforderung waren. Eine Herausforderung entweder eine reale oder eine absurde Antwort zu geben.
Immer wieder gerne wurden Sprichworte und Redensarten hinterfragt:
  • Wo genau liegt der Hund begraben - und woher weiß man das überhaupt?
  • Warum ist der Gesangverein ein lieber Herr, und wie heißt er mit Vornamen?
Oder es wurden merkwürdige Details erfragt:
  • Warum bekommt ein Specht keine Gehirnerschütterung?
  • Warum haben Männer Brustwarzen?
  • Was wiegt Hamburg?
  • Was bedeutet eigentlich das Y im Nummernschild der Bundeswehr?
Ich habe auch etwa zehn Mal eine Antwort eingeschickt, die auch feast immer veröffentlicht wurde. Besonders freute ich mich, als nach einigen Jahren eine Sammlung von Fragen und Antworten von der verantwortlichen Redakteurin Barbara Häusler als Buch veröffentlicht wurde und da eine meine Antworten (Gewicht Hamburgs) dort veröffentlicht wurde, erhielt ich ein Freiexemplar.
Wikipedia beantwortet heute fast alles und viele Fragen sind höflich bezeichnet nur noch als schräg zu bezeichnen. Die Rubrik hat sich überlebt!

Donnerstag, 17. Mai 2007

Imagination Afrika

Der reisende Schriftsteller Ilija Trojanow hat derzeit die Heiner-Müller-Gastprofessur für deutsche Poetik an der FU Berlin inne und schreibt etwa einmal im Monat ein so genanntes Schlagloch in der taz. Im aktuellen Essay schreibt er über die Metapher Afrika, die in der Werbung, der Politik und selbst in der Kunst immer noch als Symbol für jenseits der Zivilisation missbraucht wird.
Er weiß, wovon er schreibt, da er von 1972-77 und 1981-84 in Nairobi, Kenya lebte und Absolvent der Deutschen Schule Nairobi ist. Die von ihn gewählten Beispiele , in denen Afrika oder ein afrikanischen Land als Symbol für irgend etwas Exotisches, Fremdes herhalten muss, umfassen eine Werbekampagne von McDoof und die neue Produktion Volta
von Björk.

Diese von mir sehr geschätzte Avantgarde-Künstlerin hat sich die Dreistigkeit erlaubt den Kora-Musiker Toumani Diabaté, der musikalisch in der gleicher Klasse spielt wie Sie, mal eben für 24 Stunden in Mali zu besuchen und nach einer Aufnahme ohne Verabschiedung wieder zu entschwinden. Das ist Ausbeutung der Kunst eines Kollegen! Doch die Frau aus Island hat Narrenfreiheit (auch bei mir), denn wer Englisch kann, wird herzlich lachen über manchen Unsinn, den sie bisher in ihrem Island-Englisch gesungen hat. Auf ihrer Website zum neuen Album Volta beweisst Sie leider, dass Sie noch nicht einmal richtig recherchieren kann. Der Volta ist eben nicht "a river in Africa which had been built by men and a lagoon built by men called Lake Volta" (BJÖRK in eigenen Worten auf der genannten Homepage). Der Volta ist einer der größten Flüsse Westafrikas. Dabei entspringen der Schwarze, der Weiße und der Rote Volta in Burkina Faso und vereinigen sich in Ghana zum Volta River. Lake Volta ist einer der größten Stauseen weltweit und die bedeutendste Stromquelle des Landes. Es gibt keine Lagunen in Ghana auch nicht im Mündungsbereich des Volta.
Dies ist kein Buchwissen, sondern Volta und Lake Volta sind mir von Reisen bekannt.
- - - - -
Nachtrag nach dem Kommentar: Es ist immer subjektiv, wann man einer Einschätzung von geschätzten Musikern über noch mehr geschätzte Kollegen folgt. Von Toumani Diabaté habe ich nur die CD, die er zusammen mit Ali Farka Toure aufgenommen hat (In the Heart of the Moon). In einem ARTE-Feature über Toure wurde auch auf diesen Ausnahmemusiker verwiesen und wer dann einmal sein Spiel gesehen und gehört hat, der erkennt den Virtuosen, dessen gesammtes Leben der Griot Tradition gewidmet ist.

Donnerstag, 10. Mai 2007

Phasen der Kriminalisierung

In einem Monat wird der G8-Gipfel in Heiligendamm schon wieder Geschichte sein. Es wird durch die versammelten Regierungschefs wohlfeile Absichtserklärungen zu Problemen Afrikas geben, die wie schon die vielen Erklärungen der vorherigen Treffen an der Lebenswirklichkeit der Menschen dort nichts ändern werden.

Viel wichtiger als das G8-Treffen sind seit Jahren die Gegenveranstaltungen, die in ihrer Vielstimmigkeit ein realistischeres Abbild von den internationalen Problemen zeigen.
Leider meint unser Bundesinnenminister (und Staatsfeind Nr. 1, siehe Fußnote) Schäuble unterstützt von staatlichen und konservativen Medien diesen Protest zu kriminalisieren. „Eine andere Welt ist möglich“ (attac) und davor hat ein Großteil der wirtschaft-politischen Elite eine Höllenangst.
Natürlich gibt es auch innerhalb der globalisierungskritischen Gruppen einige Personen die konkrete Aktionen gegen den von ihnen definierten Feind organisieren und mit Sachbeschädigungen die Organisation und Durchführung des G8-Gipfels stören wollen. Die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens wird dann deutlich, wenn eine Verzögerung von einer Stunde in einem Programmpunkt zum Erfolg erklärt wird. Hinzu kommen die Jungmänner, die ihren Frust (auf Politik, ihr Leben und die Realität) in der anonymisierenden Uniform so genannter Autonomer durch Gewalt gegen Sicherheitskräfte austoben. Doch dies sind Minderheiten, radikale Minderheiten.

Der Staat schafft seit letztem Jahr eine Atmosphäre des Misstrauens und der Angst, die in der Öffentlichkeit jeden Protest als kriminelle Handlung erscheinen lässt:
  • Auf so genannten Informationsveranstaltungen der Polizei im Großraum Rostock-Heiligendamm werden Geschäftsleute speziell und die Allgemeinheit über die erwarteten Störer der öffentlichen Ordnung informiert. Einige Journalisten haben Teilnehmenden an so einer Veranstaltung danach ein Mikrophon unter die Nase gehalten und mussten nun hören, dass eine Angst vor plündernden, brandschatzenden Horden besteht.
  • Landwirte und andere Grundbesitzer die ein Geschäft mit dem Protest machen wollten in dem Sie große Flächen als temporäre Campingplätze verpachten, wurden massiv von der Polizei bedrängt und vor den Schäden gewarnt.
  • Innenminister und polizeiliche Führungskräfte geben in immer kleineren Abständen Presseerklärungen über das erwartete Gewaltpotential ab und schaffen damit systematisch ein Angstszenario in der Region.
  • Treffen von globalisierungskritischen Gruppen, in denen auch das Verhalten bei einem Polizeieinsatz thematisiert und trainiert wird, wie auch hier in Hannover, werden in den Medien als Trainingscamps für Radikale diffamiert. Es ist bestimmt kein Zufall das wie bei den Taliban die Wortkombination von Trainingscamp und Radikale benutzt. Wer schon einmal einen Polizeieinsatz erlebt hat, der weiß wie elementar erschreckend es ist, wenn eine Hundertschaft von bewaffneten Polizisten in Kampfuniform auf einen zustürmt. Es ist wichtig Neulinge auf diesen Schock vorzubereiten.
  • Die nächste Eskalationsstufe wurde gestern erklommen. 900 Polizisten stürmten Zentren und Wohnprojekte, in denen sich Gegner des G8-Gipfels regelmäßig treffen und ihre öffentlichen Aktionen organisieren. Der Tatvorwurf für die Hausdurchsuchungen wurde mit DEM Gummiparagraphen §129a Bildung und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung begründet. Und die staatlichen Medien spielten mit und bettelten den ganzen Tag um Krawalle, damit es „Action News“ gibt. Gestern Abend erlebte ich einen NDR-Fernsehreporter live aus einer Straße vor einem der durchsuchten Gebäude. Es war menschenleer, doch der Reporter und die Kamera verwiesen auf Altpapier, brennbares Holz in Müllcontainern und Bänken vor einem Café und es wurde von möglichen brennenden Barrikaden geträumt. Ist dies schon ein Aufruf oder eine Anstiftung zur Gewalt? Wurde der NDR danach durchsucht und der Reporter nach §129a angeklagt? Natürlich nicht!
Es geht doch nur um eins bei solchen Polizeiaktionen: Einschüchterung!
Denn die erstürmten und durchwühlten Häuser sind stadtbekannt. Wenn wirklich irgendjemand etwas Ungesetzliches plant, dann bestimmt nicht in diesen öffentlichen Räumen.

Eine Spaltung zwischen den Teilnehmenden, die sich ausschließlich an den Großkundgebungen mit internationalen Popkonzerten (Grönemeyer, Wir sind Helden, Chumbawamba, etc.) und den Protestlern, die zum Schutzzaun, der die gefährlichen G8-Menschen einsperrt, ist von der Politik erwünscht (divide et impera).

Einschüchterung funktioniert, wie ich selbst erleben musste. Nachdem ich in Gorleben über Stunden festgehalten wurde, habe ich für fast zehn Jahre nicht mehr an aktiven Protesten teilgenommen.

- - - - -
Fußnote. Der Schutz der Verfassung ist eine der ursprünglichen und bis heute wesentlichen Aufgaben des Innenministers. Schäuble und sein unseliger Vorgänger Schily tun alles um Freiheiten der Verfassung einzuschränken und aufzuheben. Dies hat nur am Rande mit 9/11 zu tun. Beide verfolgen die Vision einer umfassenden Kontrolle, die alle Einwohner zu potentiell Verdächtigen macht. Deshalb ist die Bezeichnung Staatsfeind Nr. 1 keine Übertreibung.